INHALT
Krisenmanagement in China
Was sind „Glückseligkeitspartikel mit chinesischen Charakteristika“?
Wie wird Life of Pi zu Life of Pig? Solche Auswüchse aktueller Krisen in
China werden in einem Kurs an der Tsinghua besprochen. Doch zuvor wird
noch Meditationsmusik gespielt…
Restaurantkritik: Hot Pot House
Bereits Ende letzten Jahres feierte das
einzige Hot Pot Restaurant in Heidelberg Neueröffnung. Grund genug für
unser PR-Team, es einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.
Drei Verhaftungen im Jahre 1933: Hu Lanqi, Egon Erwin Kisch und K. A. Wittfogel
Dr. Thomas Kampen berichtet über die Inhaftierungen der chinesischen
Studentin, des tschechischen Journalisten und des deutschen Sinologen
infolge der Reichstagsbrandverordnung von 1933.
Sprachkolumne einmal anders
Begeben sie sich mit Fabian Lübke auf die Suche nach Schriftzeichen in den Bildern der Shanghaier Studentin Zhu Rencen.
Rezension: The Hermit of Beijing
„The Hermit of Beijing“ ist die Biographie eines geheimnisumwobenen,
gewieften Fälschers – eines englischen Barons, der sich während und nach
des Boxeraufstandes in China umtrieb.
Seminar: „China – Chance oder Risiko für den europäischen Markt“ – SHAN in Berlin
SHAN berichtet von dem durch die Europäische Akademie Berlin
veranstalteten Seminar: „China-Chance oder Risiko für den europäischen
Markt“. Fachleute aus den Bereichen Wirtschaft und Politik haben dort
über aktuelle Themen rund um die VR China und ihre Beziehungen zu
Deutschland und der EU informiert.
Krisenmanagement in China
Professor Peng Zongchao (彭宗超) legt vor Unterrichtsbeginn immer gerne
nochmal ein paar Minuten meditative Musik auf. Er bereitet seine nach
und nach eintrudelnden Stundenten mit Klangschalen und Sitarklängen auf
die nächsten zwei Stunden spirituell vor, in denen er absolute
Konzentration von ihnen verlangen wird. Und tatsächlich scheint während
der nächsten zwei Stunden niemand auf seinem Notebook nebenbei Leute auf
Renren zu stalken oder Sachen in irgendwelchen Onlineshops einzukaufen –
dafür bleibt keine Zeit. Unaufmerksamkeit kann in diesem Unterricht ein
Menschenleben kosten. Aber das liegt nicht etwa daran, dass Peng
Zongchao bei der Disziplinierung seiner Studenten manchmal das
Temperament durchgehen würde. Ganz im Gegenteil. Auch ohne medititative
Musik ist er die Ruhe selbst. Er unterrichtet mit sanfter Stimme und
geht dabei gemessenen Schrittes durch den Raum. Er verliert keine Worte.
Ein Chengyu jagt das Nächste – die vorwiegend aus vier Zeichen
bestehenden Redewendungen erweisen sich hier oft als extrem dichte
Komplexe von Bedeutungen. Ich komme nur deshalb mit, weil sie die
zusammenfassenden Stichworte auf den PowerPoint-Folien sind. Kurz und
bündig. Peng spricht leise, aber deutlich. Manchmal mehr zu sich selbst.
Man könnte den Eindruck gewinnen, dass er gleichzeitig neben uns im
Klassenraum sitzt und sich sehr genau nochmal selber zuhört, vielleicht
genauer als wir. Und vielleicht geht es ihm dabei manchmal wie mir und
er ist selber milde erstaunt, was und besonders wie er uns was
gerade so seelenruhig lehrt. Aber Seelenruhe zu bewahren ist
Grundvoraussetzung für unser Thema. Peng Zongchao unterrichtet
Krisenmanagement an der Tsinghua-Universität in Peking.
Zufällig ist in Peking gerade Krise. Man kriegt sie, wenn man nach Atem
ringt. An manchen Tagen kommt es einem vor, als ob man die kleinen
Partikel spüren könnte, die man gerade inhaliert – im digitalen
Volksmund auch als die „fröhlichen Partikel mit den chinesischen
Charakteristika“ (中国特色幸福颗粒) bekannt, um nur eine der humorvollen
Wendungen zu nennen, die gerade auf den Microblogs kursieren.
Klassfiziert als PM2.5 (auch bekannt als
„Senkt-die-Lebenserwartung-um-25%“-Index, BIP-Index oder
„ich-steh-direkt-vor-dir-aber-du-kannst-mich-nicht-sehen-Index“) haben
die Teilchen einen Durchmesser von weniger als 2.5 Mikrometern.
Peng macht PM2.5, bzw. den allgemein
vorherrschenden „Dunstnebel“ (雾霾), gleich zu einem der Fallbeispiele der
ersten Sitzung. Er beginnt damit, einen Teil der umfassenden
Berichterstattung an die Wand zu werfen, die seit Mitte Januar durch
alle wichtigen Medien gerollt ist (einschließlich People’s Daily und
CCTV). Anders als die Bodenbelastung kann die Luftverschmutzung kein
„Staatsgeheimnis“ bleiben. Dann lenkt Peng den Blick in die
ausländischen Medien. Ein US-Fernsehmoderator mimt einen hustenden
Pekinger Politiker und erntet beifälliges Gelächter. Es folgen
sarkasmenreiche Ausschnitte aus Microblog-Treads und entrüstete Bürger.
Fotos von Leuten, die die Nebeldichte mit ihren Iphones fotografieren.
Wir hören einen neuen Popsong über das Leben und Leiden in der Pekinger
Smogosphäre. Schon im April 2012 war PM2.5 das Motto
des unweit der Universität im Haidian-Distrikt stattfindenden Midi
Music Festivals gewesen, doch die damalige Verschmutzung verblasst im
Vergleich mit den jüngsten Rekordleveln im Januar. Zusammen mit der
miserablen Wasserqualität und den vergifteten Nahrungsmitteln, die
momentan in aller Munde sind, sorgt der Smog für eine kontinuierliche
Dreifach-Chance auf Krebs. Und was die Luft betrifft, könne man sich dem
Krebsrisiko auch mit allem Geld nicht entziehen, wie der Milliardär und
Alibaba-Chef Ma Yun (马云) jüngst auf seinem Blog
zu Bedenken gab. Ma prognostizierte, dass es in spätestens zehn Jahren
in jeder chinesischen Familie Fälle von Krebs geben würde, aber das
erscheint vielen noch zu optimistisch. In einem Artikel vom 31. März wurde auf Yicaiwang (一财网) sogar die horrende Zahl von 1.23 Millionen PM2.5–
Toten für das Jahr 2010 behauptet. Tja, hie und da schnappt man durchaus
ein sarkastisches 离开北京 oder 逃离北京 auf – aus Beijing flüchten. The people
are not amused, wie es scheint. „Was tun?“ fragt also Peng Zongchao in
die Runde. Wie könnte die Regierung diese Krise schnell und erfolgreich
handhaben? Umweltvorschriften zu verschärfen und durchzusetzen ist ein
guter Plan, aber das dauert viel zu lange, Krisen dulden keinen Verzug –
„alle Autos in Peking verbieten!“, schlägt eine Kommilitonin vor; „Alle
Fabriken anhalten!“ wirft ein anderer ein. Peng nickt belustigt.
Während dieser Sitzung vertrug sich das zwar noch schlecht mit der von
der Regierung kontinuierlich proklamierten No.1-Priorität auf
Wirtschaftswachstum, aber das sollte sich ja schon ein paar Tage später
laut Wen Jiabao’s letzter Ansprache vor dem nationalen Volkskongress am
5. März ändern. „Aber wie bringt man den Leuten eine Krise bei?“ fragt
Peng. „Und auf welche Weise sollte über eine Krise gesproch werden?“
„Auf Ehrliche!“ kommt es von allen Seiten. Wie wir im Verlauf der
nächsten Stunden anhand zahlreicher Fallbeispiele sehen werden, ist
dieser Punkt in China, wie auch in den meisten anderen Ländern, von
jeher mit Schwierigkeiten verbunden. Die chinesische Regierung ließ über
die korrekten Werte der Luftverschmutzung so viel verlauten, wie die
demokratisch gewählte Regierung Japans über die korrekten Werte der
radioaktiven Verseuchung während des Fukushima-Desasters.
Hiobsbotschaften färben ihren Verkünder und sind überall gleichermaßen
unbeliebt. „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“, heißt es im Deutschen, und 有备无患
im Chinesischen (gleichwohl „Erkennen“ in der Krisenmanagementtheorie
natürlich nur die erste von mehreren Stufen darstellt), doch was
passiert, wenn die Gefahr unter Verschluss gehalten und niemand
vorgewarnt wird? Dann kommt es zu Tragödien wie im Januar in Handan,
Hebei Provinz, wo in Unwissenheit gelassene Bewohner fünf Tage lang
vergiftetes Wasser tranken. Oder Ungewissheit macht sich breit und
brütet Gerüchte (谣言) und Verschwörungstheorien (阴谋论) aus, die es
manchmal sogar schaffen, die wirkliche Katastrophe noch zu überbieten –
so zum Beispiel 2005, als nach der Explosion einer Chemie-Fabrik in
Jilin Giftstoffe in den Songhua-Fluss gerieten. Die Provinzregierung
hielt den Zwischenfall unter Verschluss und begünstigte dadurch das
Ausbrechen einer Massenpanik unter den Einwohnern der Provinzhauptstadt
Harbin, die ein nahendes Erdbeben befürchteten. Nebenbei ließen die
ersten Verantwortlichen die Gifte stillschweigend in die Nachbarprovinz
Heilongjiang hinüberfließen. War dann deren Problem, und danach das von
Russland.
Aber es scheint auch Situationen zu geben, in denen man vielleicht
wirklich besser mal den Mund hält, bevor man die Krise mit
dreist-provokanten Äußerungen noch weiter anheizt. Unter den zahlreichen
Negativbeispielen, die Peng in seiner Sitzung über die sprachlichen
Feinheiten und No-Gos von offiziellen Krisenstatements anführt, begegnen
wir unter anderem dem Ex-Sprecher des Eisenbahnministeriums Wang Yongping (王勇平)
und dem Sprössling von Li Gang (李刚), der mit einem eigens nach
ihm benannten „Zwischenfall“ geadelt wurde (der sogenannte “我爸是李刚”事件). John J. Mearsheimer, einer der Stars unter den US-Theoretikern der internationalen Beziehungen, geht in seinem neusten Buch sogar noch einen Schritt weiter und propagiert am Beispiel der Kuba-Krise die Existenz von „edlen Lügen“ (noble lies) als adäquate Mittel des Krisenmanagements, sei es auch in den abgeschwächten Formen der Zurückhaltens von Informationen (concealment) oder des Hoch-/herunterspielens bestimmter Aspekte (spinning).
Peng fasst das alles unter “瞒天过海“ zusammen, zieht jedoch ein galanteres
„statt Worten Taten sprechen lassen“ vor (行胜于言). Und sind
Operationen nicht einfacher, wenn sie ohne Bewusstsein und Partizipation
der Patienten geschehen? Dem Krisenmanagement in der Volksrepublik
stehen auch ohne Partizipationsrechte genügend Hindernisse im Weg –
jeder effektive Schritt ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein
potentieller Tritt auf eingeschlafene Füße.
Peng zeigt auf, wie der bürokratische Sumpf (繁文缛节) überbrückt werden
kann, indem Krisengremien einberufen (召开危机会议) und die verschiedenen
Institutionen kurzfristig in eine gemeinsame Zwangsjacke gesteckt
werden. Es geht um Sekunden – wieviel Zeit bleibt da noch für die
wissenschaftliche Konsolidierung der Maßnahmen durch Experten? Peng
überlässt uns fröhlich dem Ausnahmezustand und der Debatte darüber, ob
die Dezision des Krisenmanagers so einschneidend sein muss (当机立断), wie
es die lateinische Wurzel des Begriffs nahelegt. Um Inspirationsquellen
ist der Professor jedenfalls nicht verlegen –erst neulich diskutierten
wir den Abschuss einer von Terroristen gekaperten Boeing 747, die mit
Massenvernichtungswaffen und Hunderten von Passagieren an Board Kurs auf
Washington nahm. Pate dafür stand ein Ausschnitt aus dem Actionfilm Executive Decision
mit Kurt Russell von 1996. Szenarien wie diese bezeichnet Peng gelassen
als „Dilemmata“ (矛盾关系), aber in diesem Fall konnten wir mit einer guten
(und vermutlich ähnlich realistischen) Lösung kontern, die wir aus
einer Szene des neusten Batman-Films entnahmen. In Situationen wie
diesen stellt Peng die Frage, die er halb im Scherz gerne als die
Primäre des chinesischen Krisenmanagements bezeichnet: Wie das Problem lösen? 怎么办?
Doch Peng Zongchao versteht es auch, alles komplizierter zu machen und
mit der Frage des „schweizerischen Krisenmanagements“ die
ontologisch-epistemologische Büchse der Pandora aufzumachen – Was
ist das Problem? (什么问题?) Dann streut er die verschiedensten Theorien in
unseren Krisen-Sandkasten, nur um sie später wieder alle ad absurdum zu
führen – denn wer weiß schon, ob sich bei der Ankunft eines „schwarzen Schwans“,
foucaultsche Biopolitik und Risk Governance nach Ortwin Renn in der
heutigen (Beckschen…) Risikogesellschaft zusammenbringen ließen. 什么?
Deutsche Risikoforscher wie der Stuttgarter Professor Ortwin Renn
scheinen jedenfalls hoch im Kurs zu stehen. Die gewisse Ironie, die sich
damit verknüpft, wird mir gewöhnlich dann bewusst, wenn Peng mich nach
der Diskussion eines verheerenden Ausschnitts aus der von Erdbeben und
Überschwemmungen geprägten chinesischen Geschichte sehr höflich dazu
einläd, einmal von der Lage in Deutschland zu erzählen, und mir nichts
Schlimmeres als Elbhochwasser einfällt.
Aber was ist an der Sache denn so schrecklich „minggan“? In der
chinesischen Geschichte hatten Naturkatastrophen oft politische
Katastrophen im Schlepptau. Das ist auch heute nicht vergessen, denn dem
ist durchaus noch immer so. Katastrophen publik zu machen bleibt eine
heikle Angelegenheit. Wie an allen Orten, werden sie von denjenigen, die
aus ihnen unangenehme Konsequenzen ziehen müssten, solange wie möglich
heruntergespült, bis dann irgendwann Tausende von toten Schweinen
auf der Wasseroberfläche auftauchen und Millionen wütender Blogeinträge
auf Sina Weibo erscheinen. Der Sinologe und Politikwissenschaftler
Sebastian Heilmann bezeichnete die die KPCh in einem kürzlich
veröffentlichten Artikel
als „fragiles Nervensystem“ mit „eigenständig agierenden Organen“, dem
eine höhere Reaktionsschnelligkeit als jeder hierarchischen Organisation
einzuräumen sei. Der Haken sei dabei nur, so Heilmann, dass das
„Zentralhirn“ nur noch über eine „grobe Impulssteuerung“ verfüge, jedoch
nicht über die „Feinkontrolle gegenüber der Aktivität der
Gliedmaßen“. Wie ist es im Krisenzustand bestellt? Peng Zongchao weiß an
zahlreichen Beispielen aufzuzeigen, dass die betroffene Bevölkerung
sich im Ernstfall oft nicht zu Helfen weiß und wie gelähmt ist. Das
liegt unter anderem an den zu spät kommenden Warnungen, sicherlich aber
auch nicht zuletzt an der weitgehenden Blockierung einer
Zivilgesellschaft, die sich selbstständig organisiert. Während
betroffene lokale Gemeinden in China meist passiv auf eine Regierung
angewiesen sind, die vorerst selbst noch den Überblick über die
Situation gewinnen muss, macht man sich in anderen Ländern mit immer
größerem Erfolg die Potentiale des Crowdsourcings zu Nutze. Während
jüngerer Krisen in Kenia und Haiti konnten sich Freiwillige mit open
source-Software wie Ushahidi digital als Standby Task Forces
(SBTF) organisieren, und den Einwohnern der betroffenen Gebiete
Kommunikationsplattformen und Kartenmaterial zur Verfügung stellen.
Dadurch wurde es möglich, Informationen und Geodaten unter Hilfsbereiten
und Hilfsbedürftigen in kürzester Zeit zu aggregieren und
auszutauschen, und dem Hilfsmob ein „geteiltes Bewusstsein“ (shared awareness) einzuimpfen. Trotz des subversiven Potentials dieser Plattformen, ließ man eine solche SBTF auch während der Pekinger Überschwemmungen im Juli 2012
gewähren, die auf dem sozialen Netzwerk Guokr.com Karten mit
Gefahrenzonen und Überlebensratschläge verbreitete. Die Aktion hatte
großen Erfolg und wurde von Xinhua mit einem lobenden Artikel bedacht.
Auch Peng Zongchao bekundet seine Wertschätzung für den Eifer und den
„Heroismus“ (豪气) der spontanen Aktivisten, doch hält er weitere
Schritte, die Bevölkerung zu informieren und mit Krisensituationen
vertraut zu machen, für dringend notwendig. Während der Überschwemmungen
in Beijing gefährdeten übereifrige Aktivisten Fußgänger und
Fahrradfahrer, indem sie beispielsweise, um das Wasser abfließen zu
lassen, Kanaldeckel entfernten. So viel Selbstvertrauen, so viel
Tatendrang. In unserem Krisengremium hagelt es Vorschläge und heiß
werden die Fälle debattiert und politisiert.
Peng begreift Krisenmanagement in zwei unterschiedlichen Modellen – das
eine ist öffentlich (公共参与), das andere arkan (单项告知). Beide haben ihre
Schwächen und er lässt uns mit keiner einfachen Lösung davonkommen.
Egal, wie viele vorgefertigte Problemlösungen wir der Geschichte
entnehmen und wie schnell wir unsere Entscheidungen treffen – Peng
trifft munter alle Vorbeugungen für eine fortdauernde Krise der
Unentschiedenheit im Angesicht der Katastrophe.
Jason Franz
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Restaurantkritik: Hot Pot House
Das im Oktober letzten Jahres eröffnete Hot Pot House Shanghai ist das
einzige Restaurant in Heidelberg, das den beliebten chinesischen
Feuertopf Huoguo fest in seiner Speisekarte anbietet. Selbstverständlich
ließ es sich das PR-Team von SHAN nicht nehmen, das Restaurant einmal
auf Herz und Nieren zu prüfen.
In der Nähe des Adenauer Platzes, in der Rohrbacher Straße 16 gelegen,
ist das Hot Pot House gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu
erreichen. Im Gastraum erwartet den Besucher ein schönes Ambiente und
definitiv kein hektischer China-Imbiss-Flair. Cremefarbene Stuhlhussen
und Tischdecken, klassische Musik, eine beachtliche Deckenhöhe und
Säulen im Kolonialstil tragen zu einer ansprechenden Atmosphäre bei.
Die chinesische Bedienung war bei unserem Besuch sehr freundlich und
freute sich darüber, uns Sinologen die regional unterschiedlichen
Bezeichnungen einer Gemüseart zu erläutern.
Nun aber zum Kernpunkt einer Restaurantkritik: Das Essen. Auf seiner
Internetseite wirbt das Restaurant mit „Original Shanghai-Küche“. Sollte
einmal keine Zeit für ein gemütliches Hot-Pot-Essen sein, so findet man
auf der Karte daher auch allerlei andere chinesische Gerichte. Diese
konnten von uns leider nicht getestet werden, allerdings entschied sich
eine Gruppe Chinesen am Nachbartisch für einige der Spezialitäten. Dies
dürfte als Gütesiegel für die Authentizität der Speisen gelten.
Das PR-Team entschied sich natürlich für den Hot Pot. Zunächst kann
man zwischen einer Handvoll verschiedener Saucen für den Hot Pot
auswählen, die preislich zwischen 2 bis 3 Euro liegen. Wir entschieden
uns für die „Currysauce scharf“, die es für zartere Gemüter auch „ohne
scharf“ gibt. Anschließend hat man die Qual der Wahl bei der Bestellung
der Einlagen, die zwischen 3 (für Gemüse und Tofu) und 7 Euro (für
Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte) kosten. Wir bestellten Tofu, Pak Choi,
Scampi und Danjiao. Es gibt auch noch eine große Auswahl an Fleisch-
und Fischsorten, sowie weitere Gemüse und Meeresfrüchte. Wir erhielten
zu dritt einen Topf mit Flamme, der nach Bestellung auf den Tisch
gestellt wird. Die Menge der Sauce und der Einlagen war mehr als
ausreichend. Auch am Geschmack ließ sich nichts meckern, alles schmeckte
ausgezeichnet und für einen kleinen Moment fühlte man sich, als esse
man gerade in China. Der Sud war so lecker, dass wir ihn zum Schluss als
Suppe löffelten. Das Tüpfelchen aus dem i sind allerdings die
verschiedenen Dips, die man sich für 1,50 Euro an einem Büffet nehmen
darf. Dort findet man auch eingelegten Sesam, Frühlingszwiebeln und
Knoblauch zum verfeinern der eigenen Dip-Kreationen.
Ein kleiner Tipp für größere Gruppen: Ab sechs Personen kann man ein
ganzes Hot-Pot-Menü bestellen, das 15 Euro pro Person kostet. In diesem
Preis inbegriffen sind die Hot-Pot-Saucen und große gemischte Platten
mit verschiedenen Einlagen, die an den Tisch gebracht werden.
Für unser leckeres Abendessen mit drei Personen bezahlten wir
insgesamt 33,20 Euro inklusive zweier kleiner Getränke und einem Glas
Wein. Das Hot Pot House Shanghai liegt damit zwar eventuell über dem
normalen studentischen Budget, allerdings ist es auch kein Essen für
alle Tage. Sucht man ein schönes Ambiente und hervorragenden Huoguo für
einen besonderen Anlass, ist man hier genau richtig.
Anna Schiller
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Drei Verhaftungen im Jahre 1933: Hu Lanqi, Egon Erwin Kisch und K. A. Wittfogel
Der bekannte tschechische Journalist Egon Erwin Kisch (1885-1948) war
im Frühjahr 1932 nach China gereist, kehrte im Sommer nach Europa zurück
und schrieb dann sein Buch China geheim, das am Jahresende erschien
(vgl. SHAN Newsletter Mai 2008).
Der Autor wurde nach dem Reichtagsbrand am 28. Februar 1933 in Berlin –
auf Anordnung des Polizeipräsidenten vom gleichen Tag „im Interesse der
öffentlichen Sicherheit“ – verhaftet. Nach Intervention durch
tschechoslowakische Behörden wurde er am 11. März freigelassen und
ausgewiesen; er ließ sich zunächst in Prag nieder und ging später nach
Frankreich und schließlich nach Mexiko. Schon im März 1933 hatte er
einen Bericht über den Gefängnisaufenthalt in Berlin-Spandau
veröffentlicht.
Karl August Wittfogel (1896-1988) gehörte zu den bekanntesten deutschen
Kommunisten und Sinologen der dreißiger Jahre und sollte am gleichen
Tag wie Kisch verhaftet werden. Er konnte aber, weil er rechtzeitig
gewarnt wurde, Berlin verlassen und versuchte in die Schweiz zu fliehen.
Mitte März wurde er jedoch an der Grenze festgenommen und verbrachte
die nächsten Monate in mehr als zehn verschiedenen Gefängnissen und
Lagern. Im folgenden Winter kam er frei und floh zunächst nach England,
reiste aber dann 1935 mit seiner Frau über Amerika nach Japan und China.
Im folgenden Jahr erschien sein Bericht „Staatliches
Konzentrationslager VII“.
Hu Lanqi (1901-1994) studierte Anfang der dreißiger Jahre in Berlin (vgl. SHAN Newsletter März 2010) und war wie Kisch KPD-Mitglied, beide waren mit Anna Seghers befreundet (vgl. SHAN Newsletter Sept. 2007).
Hu wurde im Sommer 1933 festgenommen und veröffentlichte später ein
Buch über ihren Gefängnisaufenthalt – Zai Deguo Nülaozhong. Diese
Verhaftung wurde auch von Liang Hsi-huey, dem Sohn eines chinesischen
Diplomaten bestätigt: „Liang added that the Legation knew the identity
of thirteen Chinese Communists in Berlin. […] The German Foreign
Ministry and the Prussian Ministry of Interior immediately set to work.
Two weeks later, the Gestapo had taken a girl student, Hu Lan-she, into
‘protective custody.’ “ (S. 79)
Hier wird deutlich, daß die Verhaftung rein politisch motiviert war und
auf chinesische Initiative zurückging. Allerdings erhielt Hu aus China
auch Unterstützung. Einige Prominente – zu denen die Witwe von Sun
Yatsen Song Qingling und der Schriftsteller Lu Xun gehörten –
protestierten bei der deutschen Botschaft gegen die Festnahme. Nach etwa
drei Monaten wurde Hu Lanqi freigelassen und ausgewiesen. Sie
verbrachte die nächsten Jahre in Paris, wo sie auch Anna Seghers
wiedersah.
Literatur:
Wittfogel, Karl August: Das erwachende China: ein Abriß der Geschichte und der gegenwärtigen Probleme Chinas, Wien, 1926.
Wittfogel, Karl August: Wirtschaft und Gesellschaft Chinas.
Produktivkräfte, Produktions- und Zirkulationsprozess, Leipzig, 1931.
Wittfogel, Karl August: Staatliches Konzentrationslager VII : eine Erziehungsanstalt im Dritten Reich, London, 1936.
Kisch, Egon Erwin: China geheim, Berlin, 1933.
Liang Hsi-huey, The Sino-German Connection, Assen, 1978.
Hu Lanqi: Hu Lanqi huiyilu, Chengdu, 1985.
Kampen, Thomas: Chinesen in Europa – Europäer in China: Journalisten, Spione, Studenten, Gossenberg, 2010.
Dr. Thomas Kampen
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Sprachkolumne einmal anders
Die Sprachkolumne kommt heute nahezu ohne Worte aus: Studentin Zhu
Rencen aus Shanghai haucht chinesischen Schriftzeichen auf sehr kreative
Art und Weise Leben ein. Einige ihrer Bilder werde ich hier in loser
Reihenfolge vorstellen. Viel Spaß beim Schriftzeichen suchen!

©Zhu Renzhen
Fabian Lübke
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Catch me if you can – E.T. Backhouse
„Hermit of Beijing“ ist zwar keineswegs ein neues Buch, doch es
verspricht schnelle, unterhaltsame, gar spannende Lektüre. Es
illustriert das Leben eines ungewöhnlichen Englishman im China der
späten Qing und Republikzeit in abstrusen Facetten und hat
trotz seines Erscheinungsdatums eine gewisse Aktualität. „Hermit of
Beijing“ rekonstruiert das Leben des vielleicht gewieftesten,
geheimnisvollsten und skandalträchtigsten Individuums, das die
„Sinologie“ je gesehen hat. Es ist die Biographie eines
erfolgreichen, konsequenten Schwindlers. Die Geschichte eines Fälschers.
Aber auch die Geschichte eines einsamen Mannes.
Der Biograph Hugh Trevor-Roper ist nun bekannt durch seine zeitweise
Autorisierung der Hitler-Tagebücher, er war Journalist und Professor für
Moderne Geschichte und Master von Peterhouse College Cambridge. Schon
sein Bericht über den detektivischen Prozess der Quellensammlung ist
beeindruckend – und verleitet zu leichtfertigem Glauben.
Sir Edmund Trelawny Backhouse wurde 1873 in Darlington geboren. Er
kam nach einigen Wirrungen 1899 in China an und verblieb dort – seine
häufigen Reisen ins Heimatland ausgenommen – bis zu seinem Tod 1944. Als
„Sinologe“ bekannt wurde er durch seine Mitautorenschaft am
einflussreichen und nicht weniger umstrittenen Werk „ China under the Empress Dowanger“
(1910). Gemeinsam mit dem Journalisten J.O.P. Bland veröffentlichte er
im Anschluss außerdem „Annals and Memoirs of the Court of Peking“
(1914). Die beiden Bücher waren, wenn auch umstritten, die Referenzwerke
über die Wirrungen im Kaiserpalast um die Zeit des Boxeraufstandes. Vor
allem das Ersterschienene. Es enthält eine für Sinologen scheinbar
wertvolle Quelle: Die Übersetzung des Tagebuches von Jing Shan, eines
hohen Offiziellen am Kaiserhof unter Cixi, der über die intimste Politik
des Hofes um 1900 Auskunft gibt. Das Tagebuch war angeblich von
Backhouse kurz nach dem Aufstand im ehemaligen Haus Jing Shans gefunden
worden. Backhouse war nach den Unruhen tatsächlich das Haus zugesprochen
worden und er berichtete später – sehr viel später – detailliert von
den Umständen seiner Entdeckung. Das Tagebuch enthält intimste
Schilderungen der Vorgänge zu Hofe. Vor allem bestimmt und rehabilitiert
es die politische Position eines engen Beraters von Cixi, Runglu, dem
Backhouse offensichtlich zugeneigt war.
Doch die Echtheit des Tagebuches sowie anderer Texte, die als Quellen
für „China under the Empress Dowanger“ gedient hatten, wurden schon
sehr bald angezweifelt. Unter anderem von Dr. George Ernest Morisson,
einem Times-Korrespondenten, mit und für den Backhouse seit seiner
Ankunft in China 1899 gearbeitet hatte. Morisson konnte jedoch kein
Chinesisch und hätte so, selbst wenn die originale, chinesische Version
des Jing Shan Tagebuches jemals aufgetaucht wäre, seine Echtheit nicht
überprüfen können. Jeder, der sich mit diesbezüglichen Anfragen an
Backhouse wendete, wurde konsequent vertröstet. Genau wie Backhouse
widersprüchliche Aussagen über seine Erkenntnis des Wertes des
Tagebuches machte, um die späte Veröffentlichung zu begründen, so
schaffte er es auch Jahre lang das Original unter Verschluss zu halten
und letztlich herausgefordert den Verlust durch Verkauf in Geldnot
„zuzugeben“. Die Spekulationen über eine mögliche Fälschung zogen sich
auf diese Weise über Jahrzehnte hin. Höchstwahrscheinlich hat ein
solches Tagebuch nie existiert, genauso wenig, wie es im Besitz
Backhouses gelandet war. Trevor-Roper sucht das Leben von Backhouse als
das eines notorischen Fälschers zu „entlarven“ und so reiht sich auch
die Geschichte des Tagebuches in die der Fälschungen ein.
Höchstwahrscheinlich hat Backhouse das Tagebuch des Jing Shan, das
Herzstück seiner Geschichte des Boxeraufstandes, selber verfasst.
Gestärkt wird Trevor-Ropers Argument durch Backhouse weitere Scoops:
Trevor-Roper erzählt Backhouse Leben wie das „Catch me if You Can“ eines
abtrünnigen Englischen Barons. Dieser Erzählmodus, der Trevor-Roper als
Investigativ-Journalist auszeichnet, ist einer der Eigenschaften, die
dieses Buch so spannend machen. Obwohl man die teleologische Schreibart
des Biographen bald durchschaut, bleibt das Buch aufregend. Man kann
sich einer gewissen Schadenfreude ob des Erfolges Backhouse nicht
erwehren: So war Backhouse während des ersten Weltkrieges für den
englischen Geheimdienst mit Waffenhandel beauftragt. Doch die für viel
Geld erworbenen Waffen wurden nie zugestellt. Weniger erfreulich ließt
sich der vermutliche Betrug der Bodleian Bibliothek in Oxford, die noch
heute die Manuskripte hält, die Backhouse spendete, unter anderem in der
Absicht einen Ruf auf einen Lehrstuhl für Sinologie zu erhalten. Einige
der Manuskripte wurden als minderwertige Fälschungen bestimmt. Die
Biographie strotzt nur so vor ähnlichen Geschichten. Jedem, der Spaß an
Kriminalromanen hat und beim Lesen eines solchen immer mal über den
Namen eines aus dem Geschichtskurs bekannten Chinesen stolpern will, sei
die Lektüre anempfohlen!
Doch warum fälschte Backhouse? Und wie konnte seine Arbeit im
Geheimen geschehen? Trevor-Roper beschreibt Backhouse als Exzentriker,
einen Menschen, der sich zwar den Gepflogenheiten eines English
Gentleman anpassen konnte, der jedoch gerne alleine lebte. Motiviert
wurde Backhouses Fälschen jedoch vermutlich durch Geldnot. Backhouse
floss das von seiner Adelsfamilie zur Verfügung gestellte Geld nur so
durch die Finger. Schon aus Oxford musste er vor Gläubigern fliehen.
Dabei scheint Backhouse eine ungeheure Gabe gehabt zu haben, nicht nur
neue Vertraute zu finden, die bereit waren ihm Geld zu spenden, sondern
diese durch rhetorisches Geschick sehr lange zu vertrösten und sich im
äußersten Notfall in Luft aufzulösen. Oftmals verschwand er für Monate
von der Bildfläche – häufig auch legitimiert durch sein kränkelndes
Wesen. Durch diese spontanen Fluchten kam Backhouse jedoch weit herum:
Er besuchte Frankreich, Griechenland, Russland, Japan, womöglich sogar
die USA, bevor er in China landete. Auf seinen Reisen lernte er meist
die jeweiligen Landessprachen. Damit war er anderen Westlern in China in
Fremdsprachen weit überlegen. Trevor-Ropers Beschreibungen seines
Charakters ist detailliert, aber vorsichtig formuliert. Sodass man zu
dieser in Lebzeiten oftmals unerreichbaren Persönlichkeit eine gewisse
Nähe entwickelt.
Backhouse und Blands Buch „China under the Empress Dowanger“ war
zwar schon bald als verlässliche Quelle ausgeschlossen, doch
„sinologisch nachgewiesen“ wurde die Fälschung erst 1995 durch Lo Hui-Min, der überzeugendere, da dem Dokument inhärente Argumente findet.
Doch Backhouse größter Scoop wären seine Memoiren geworden – hätten
sie vor 2011 einen Verleger gefunden. Backhouse begann auf Anraten
seines Vertrauten und Arztes – dem Schweizer Konsul Dr. Richard Hoeppli –
seine Memoiren zu schreiben. Wären diese kurz nach seinem Tod 1944
tatsächlich veröffentlicht worden, wären sie vermutlich tatsächlich
skandalträchtig gewesen: Sie enthalten Details über Backhouse
Liebesleben, unter anderem lebhafte Beschreibungen seiner wenig
platonischen Beziehungen mit einer Sammlung an illustren
Persönlichkeiten seiner Zeit. Dass Backhouse schon während seiner
Studienzeit in Oxford zu einem Kreis an Studenten zählte, die sich der
„griechischen Liebe“ hingaben, war wohl bekannt. Doch in seinen Memoiren
beschreibt er Treffen mit Oscar Wilde, Paul Verlaine und Tolstoy. Doch
am spannendsten sind die geheimen Treffen mit Cixi.
Trevor-Roper tut die Memoiren als „pornographische Schriften“ ab,
als die späte Blüte eines lang im Verborgenen lebenden alternden
Homosexuellen. Manche haben Trevor-Ropers negatives Portrait seiner
angeblichen Intoleranz Homsexuellen gegenüber zugeschrieben und versucht
Backhouse zu rehabilitieren. Doch Trevor-Ropers Bruder Patrick war
einer der frühen offen homosexuellen Intellektuellen in England. Die
Beziehung zwischen den Brüdern wird auch von Trevor-Ropers Biograph
Sisman im Dunkeln gelassen. Fragen die Hughs Sexualität angehen, würden
schnell versacken. Nicht ausgeschlossen werden kann solch eine
persönliche Motivation, sei sie negativ oder positiv. Der Enttarnung
eines Fälschers sollte jedoch ein Reinfall folgen. Nur sechs Jahre
später wurde Trevor-Roper durch einen weiteren Tagebuch-Fälscher –
Konrad Kujau – zum Narren gemacht. Die Geschichte der Fälscherei
wird weiter geschrieben – auch und gerade in China.
Odila Schroeder
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Seminar: „China – Chance oder Risiko für den europäischen Markt“ – SHAN in Berlin
Vom 7.-10. April 2013 fand in der Europäischen Akademie Berlin (EAB)
in Zusammenarbeit mit dem Verband Ökonomische Bildung an allgemein
bildenden Schulen (VÖBAS e.V.) ein Seminar mit dem Titel „China – Chance
oder Risiko für den europäischen Markt“ statt. In direkter
Nachbarschaft zum chinesischen Botschafter in Deutschland Shi Mingde 史明德
wurde hier im Berliner Stadtteil Grunewald drei Tage lang intensiv über
die deutsch-chinesischen Beziehungen, sowie die aktuelle politische und
wirtschaftliche Lage Europas und der VR China im Vergleich, diskutiert.
Die Teilnehmer des Seminars setzten sich zum Großteil aus im Verband
VÖBAS e.V. tätigen Lehrkräften und Studenten verschiedener
Fachrichtungen zusammen, darunter Jura, Politik und Sinologie. Auch die
Sinologie Heidelberg war mit drei Studentinnen vertreten (Ren Yijun,
Rebecca Göhner und Fabienne Wallenwein).
Das Seminar war so strukturiert, dass Vortragende verschiedener
Institutionen in Blöcken zu jeweils 90 Minuten Informationen zu einem
mit China oder der Ökonomie in Verbindung stehenden Themen übermittelten
und im Anschluss frei mit den Vortragenden diskutiert werden konnte. Zu
den Vortragenden zählten unter anderen der Leiter des Referats Asien
und Pazifik der Friedrich-Ebert-Stiftung Jürgen Stetten, der
Geschäftsführer des Asien-Pazifik-Instituts für Management GmbH und
Stellvertretende Vorsitzende der Deutsch-Chinesischen
Wirtschaftsvereinigung e.V. der Region Berlin-Brandenburg Jochen Noth
und zwei Professoren der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Die
Themen umfassten eine sehr große Bandbreite an allem, was mit China und
der EU in Verbindung steht, wie Entwicklungen und Herausforderungen im
europäischen und chinesischen Wirtschaftsraum, Urbanisierung und
Veränderungen in der Landwirtschaft, aber auch Menschenrechte und
Umweltprobleme in China.
Ein Höhepunkt des Seminars war zweifellos der Besuch in der
chinesischen Botschaft, wo die Teilnehmer des Seminars erstmals durch
einen Vertreter des Botschafters empfangen wurden. Der Leiter der
Wirtschafts- und Handelsabteilung der Botschaft der VR China in
Deutschland, Meng Fanzhuang 孟繁壮, hielt zunächst einen Vortrag über China
und Deutschland als Handelspartner und stellte sich dann den Fragen der
Seminarteilnehmer. In seinem Vortrag sprach er ganz gezielt
grundlegende Ängste von deutscher Seite an, wie beispielsweise die eines
unkontrollierten Technologietransfers und eines Abflusses von Know-how
durch Spionagetätigkeiten. Gleichzeitig betonte er, dass China auch
starke Partner im europäischen Raum benötige, sodass beide Seiten von
der Zusammenarbeit profitieren können.
In der nachfolgenden Diskussion kristallisierten sich ganz
unterschiedliche Reaktionen auf den Besuch in der Botschaft heraus.
Während einige sich in ihren Erwartungen bestätigt sahen, zeigte sich
ein Großteil der Besucher positiv überrascht über die Offenheit des
Gesandten. So beantwortete er beispielsweise die Frage nach der in der
VR China immer noch praktizierten Todesstrafe ganz direkt und ohne
Umschweife. Er wies darauf hin, dass 80-90% der Bevölkerung diese
unterstützen würden. Die Offenheit des Gesprächs wurde weiterhin von
einer Teilnehmerin bestätigt, welche bereits an mehreren
Botschaftsbesuchen teilgenommen hatte und dort ganz andere Erfahrungen
machen musste.
Insgesamt profitierte das Seminar sowohl von der großen Altersspanne
der Teilnehmer, als auch den sehr lebhaften Diskussionen. Besonders im
Abschlussgespräch wurde deutlich, dass das Chinabild der älteren
Generationen und das der Studenten, besonders auch der
Sinologiestudenten, erhebliche Unterschiede aufweist. Es bestand ein
Konsens darüber, dass die Berichterstattung in den deutschen Medien oft
sehr negativ behaftet ist. Dennoch wurde immer wieder betont, dass eine
kritische Betrachtungsweise der Beziehungen und einzelner Prozesse
angebracht und notwendig ist.
Die intensive Beschäftigung mit China und den deutsch-chinesischen
Beziehungen auf diesem Seminar führte bei vielen Teilnehmern zu neuen
Denkanstößen und ist durchaus weiter zu empfehlen. Die EAB informiert
auf ihrer Website über solche Veranstaltungen, sodass diese bei Interesse jederzeit wahrgenommen werden können.
Fabienne Wallenwein


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