{"id":214,"date":"2007-08-01T12:00:00","date_gmt":"2007-08-01T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/shan-hd.de\/index.php\/2007\/08\/01\/newsletter-august-2007-nr-14\/"},"modified":"2026-05-20T18:37:29","modified_gmt":"2026-05-20T17:37:29","slug":"newsletter-august-2007-nr-14","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/shan-hd.de\/index.php\/2007\/08\/01\/newsletter-august-2007-nr-14\/","title":{"rendered":"Newsletter August 2007 Nr. 14"},"content":{"rendered":"<h2 style=\"text-align: justify;\">\n\t<a id=\"Inhalt\" name=\"Inhalt\">INHALT<\/a><\/h2>\n<h3 style=\"text-align: justify;\" id=\"anker_WasderParteifehltistnich\">\n\t&#8222;Was der Partei fehlt ist nicht Lob, sondern Kritik.&#8220;<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \tBis 2004 war Jiao Guobiao Professor f\u00fcr Journalismus an der Peking Universit\u00e4t. Dann wurde er vom Unterricht suspendiert &#8211; vermutlich aufgrund eines Artikels, in dem er die Abschaffung der chinesischen Propagandaabteilung forderte. SHAN traf den momentan in Berlin lebenden Professor einen Tag nach seinem Vortrag am Heidelberger Institut f\u00fcr Sinologie zum Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t<a href=\"#1\"><strong>&gt;&gt; zum vollst\u00e4ndigen Interview<\/strong><\/a><\/p>\n<hr>\n<h3 style=\"text-align: justify;\" id=\"anker_FamulaturinWuhan:Wiezwei\">\n\tFamulatur in Wuhan: Wie zwei Heidelberger Medizinstudentinnen den Alltag in einem chinesischen Krankenhaus erlebt haben<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \tNicht nur Sinologen verschl\u00e4gt es nach China. Karin Scholz und Anna-Sophia Schlicker haben ihre im Rahmen des Medizinstudiums vorgeschriebene Famulatur in Wuhan absolviert. Sie wussten, dass der Krankenhausalltag in China anders aussieht als in Deutschland, aber von der Realit\u00e4t waren sie dann doch \u00fcberrascht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t<a href=\"#2\"><strong>&gt;&gt; zum vollst\u00e4ndigen Bericht<\/strong><\/a><\/p>\n<hr>\n<h3 style=\"text-align: justify;\" id=\"anker_DerersteSinologiestudent\">\n\tDer erste Sinologiestudent: Philipp Schaeffer<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \tIn der vergangenen Ausgabe des Newsletters konnten Sie etwas \u00fcber F. E. A. Krause lesen, den ersten Dozenten der Heidelberger Sinologie. Der erste Student, der nachweislich bei ihm Sinologie studierte, war Philip Schaeffer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t<a href=\"#3\"><strong>&gt;&gt; zum vollst\u00e4ndigen Artikel<\/strong><\/a><\/p>\n<hr>\n<h3 style=\"text-align: justify;\" id=\"anker_Ankndigung\">\n\tAnk\u00fcndigung<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \tDie Nacht der Wissenschaft 2007<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \tIn anderen St\u00e4dten seit Jahren eine feste Institution, in der Rhein-Neckar-Region noch Neuland: Am 10. November 2007 wird in Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen die erste Nacht der Wissenschaft stattfinden, w\u00e4hrend der Institute, Unternehmen und Forschungseinrichtungen ihre Arbeit und aktuelle Projekte der \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \tAuch das Heidelberger Institut f\u00fcr Sinologie und SHAN beteiligen sich an der Veranstaltung und werden in den R\u00e4umen des Instituts ein interessantes Programm rund um das Fach Sinologie pr\u00e4sentieren. N\u00e4heres erfahren Sie in den kommenden Ausgaben des Newsletters.<\/p>\n<hr>\n<h3 style=\"text-align: justify;\" id=\"anker_Veranstaltungskalender\">\n\tVeranstaltungskalender<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \tAusstellung, Musik und Tee: &#8222;Chinesische Kl\u00e4nge und Teezeremonie&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t26.08.2007, 17 Uhr: Textilmuseum Max Berk\/Kurpf\u00e4lzisches Museum, Heidelberg-Ziegelhausen. Im Rahmen der Kunstausstellung &#8222;Chinesisches Kunsthandwerk aus Wuxi&#8220; im Kurpf\u00e4lzischen Museum (noch bis zum 16.09.2007) findet eine traditionelle Teezeremonie statt. Vor und nach der Zeremonie spielt Ye Huo auf der chinesischen Zither. Eintritt: 10\u20ac mit Voranmeldung unter 06221-5834000 oder 06221-800317 oder per E-Mail an: kmh-textilsammlung-max-berk@heidelberg.de.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \tWorkshop: &#8222;Kalligraphie-Workshop mit Zhenran Zhang&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t02.09.2007, 14-17 Uhr: Ebenfalls im Rahmen der Ausstellung in der Textilsammung Max Berk. Anmeldung siehe oben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \tAusstellung: &#8222;Pflanzen und Menschen in S\u00fcdwest-China&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t19.07. &#8211; 21.10.2007: Palmengarten, Frankfurt. Die Ausstellung bietet Einblick in das traditionelle Wissen und die Verwendung von Pflanzen im t\u00e4glichen Leben der Menschen S\u00fcdwest-Chinas, beispielsweise in der Ern\u00e4hrung, als Heilmittel, zu rituellen Zwecken oder auch bei der Papierherstellung. Mehr dazu hier.<\/p>\n<hr>\n<h2 class=\"documentFirstHeading\" style=\"text-align: justify;\">\n\t<a id=\"1\" name=\"1\"><span id=\"parent-fieldname-title\">\u201eWas der Partei fehlt ist nicht Lob, sondern Kritik\u201c <\/span><\/a><\/h2>\n<div id=\"parent-fieldname-text\">\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tBis 2004 war Jiao Guobiao Professor f\u00fcr Journalismus an der Peking Universit\u00e4t. Dann wurde er vom Unterricht suspendiert &#8211; vermutlich aufgrund eines Artikels, in dem er die Abschaffung der chinesischen Propagandaabteilung forderte. SHAN traf den momentan in Berlin lebenden Professor einen Tag nach seinem Vortrag am Heidelberger Institut f\u00fcr Sinologie zum Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p> \t\t<strong>SHAN: Professor Jiao, wie ist es dazu gekommen, dass Sie Ihren Artikel \u201eTaofa Zhongxuanbu\u201c (\u201eFeldzug gegen die Propagandaabteilung\u201c) ver\u00f6ffentlicht haben?<\/strong><\/p>\n<p> \t\tJiao Guobiao: Das habe ich gar nicht selbst getan. Ich hatte ihn einigen Freunden und Bekannten zum Lesen gegeben, um von ihnen Verbesserungsvorschl\u00e4ge zu bekommen und Anregungen, auf welchem Weg ich ihn am besten zur Diskussion in Akademikerkreisen verbreiten k\u00f6nnte. Ich wollte, dass die Propagandaabteilung ihre Arbeit durch meinen Artikel von sich aus ver\u00e4ndert. Ich war v\u00f6llig \u00fcberrascht, als der Rektor der Pekinger Universit\u00e4t mich zu sich gebeten hat. Ich wusste damals nicht, dass der Artikel bereits im Internet kursierte.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Wie waren denn die Reaktionen in China nach der Ver\u00f6ffentlichung?<\/strong><\/p>\n<p> \t\tDas Aufsehen war ziemlich gro\u00df. Insgesamt kann man aber sagen, dass die Reaktionen recht positiv waren. Meine Studenten zum Beispiel haben mir unterst\u00fctzende SMS geschrieben. Von Seiten meiner Kollegen gab es zwei Arten von Reaktionen. Die einen haben \u00fcberhaupt nicht \u00fcber den Artikel gesprochen, die anderen haben mich ebenfalls ermutigt. Niemand hat mir offen Vorhaltungen gemacht.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Gab es auch negative Reaktionen?<\/strong><\/p>\n<p> \t\tDoch, aber nur von offizieller Seite. Ich wurde zum Beispiel den ganzen Tag auf meinem Handy angerufen, besonders zur Essenszeit. Die Schulleitung hat mir gesagt, dass die Uni unter Druck gesetzt w\u00fcrde, aber auch sie haben mich nicht kritisiert. Keiner hat gesagt: \u201eSo etwas darf man nicht schreiben. Die Propagandaabteilung darf man nicht kritisieren.\u201c<\/p>\n<p> \t\t<strong>Aber die Ver\u00f6ffentlichung hatte negative Konsequenzen f\u00fcr Sie.<\/strong><\/p>\n<p> \t\tJa. Der Artikel wurde im Fr\u00fchjahr 2004 ver\u00f6ffentlicht. Als dann das neue Semester im Herbst begann, wurde ich f\u00fcr ein Semester vom Unterricht suspendiert. Im Fr\u00fchjahr 2005 wollte die Universit\u00e4tsleitung mich dann von der Abteilung f\u00fcr Journalismus in das Forschungszentrum f\u00fcr altert\u00fcmliche Texte versetzen. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits eine Einladung von einer amerikanischen Universit\u00e4t und bin dorthin gegangen. Drei Tage nachdem ich in die USA gegangen war, erfuhr ich von meiner Familie, sie h\u00e4tten eine schriftliche Mitteilung bekommen, ich h\u00e4tte \u201efreiwillig meine Arbeit gek\u00fcndigt.\u201c Die Uni hat aufgrund von Druck von oben so reagiert.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Wissen Sie etwas \u00fcber die Reaktion der Regierung auf Ihren Artikel?<\/strong><\/p>\n<p> \t\tNachdem ich in die USA gegangen bin, las ich an der Georgetown University einen Aufsatz eines ber\u00fchmten Chinaexperten. Darin stand, Hu Jintao h\u00e4tte der Abteilung f\u00fcr Propaganda und dem B\u00fcro f\u00fcr Geistige Zivilisation die Anweisung gegeben: \u201eBehaltet Jiao Guobiao im Auge, aber bestraft ihn nicht.\u201c Das war allerdings ganz am Anfang, kurz nach der Ver\u00f6ffentlichung meines Aufsatzes.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Sie ahnten sicherlich schon im Voraus, dass Sie gewisse Konsequenzen tragen m\u00fcssten. Warum haben Sie den Artikel trotzdem geschrieben?<\/strong><\/p>\n<p> \t\tWeil ich die Arbeit der Propagandaabteilung hasse. Ich habe den Artikel damals geschrieben, weil ich meinte, dass es das wert ist. Mein Aufsatz schadet der Propagandaabteilung und bringt der chinesischen Gesellschaft etwas Positives. Die Folgen f\u00fcr mich, dachte ich, seien zweitrangig. Aber wenn man mich heute bitten w\u00fcrde, den Aufsatz noch einmal zu schreiben, w\u00fcrde ich es wahrscheinlich nicht tun.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Was meinen Sie ist der Grund, weshalb die Mehrheit der Chinesen die Gedankenkontrolle der Regierung akzeptiert?<\/strong><\/p>\n<p> \t\tIch denke, die meisten Menschen besch\u00e4ftigen sich \u00fcberhaupt nicht damit. Nehmen wir einen einfachen Arbeiter. Er geht jeden Tag zur Arbeit und kommt dort \u00fcberhaupt nicht mit solchen Fragen in Ber\u00fchrung. Ich denke, die meisten Leute interessieren sich nicht daf\u00fcr, weil sie nicht damit in Kontakt kommen.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Wie gef\u00e4llt Ihnen das Leben in Deutschland?<\/strong><\/p>\n<p> \t\tIch komme insgesamt ganz gut zurecht. Ich war vorher ja schon mal ein halbes Jahr in den USA. Hier in Deutschland gibt es weniger Chinesen als in den USA. Oder vielleicht habe ich auch einfach nur mit weniger Chinesen zu tun. Das ist mir eigentlich ganz recht. Denn egal, ob man nun \u201af\u00fcr\u2019 oder \u201agegen\u2019 die Regierung ist, das Thema ist immer und \u00fcberall pr\u00e4sent Da f\u00fchlt man sich nicht wohl. Jetzt, wo ich weniger mit Chinesen im Kontakt bin, habe ich auch weniger mit diesem Thema zu tun. Ich f\u00fchle mich dadurch gelassener und kann in Ruhe einige Dinge schreiben.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Sie wurden gestern nach Ihrem Vortrag am Institut f\u00fcr Sinologie von einigen chinesischen Kommilitonen heftig kritisiert. Was halten Sie von der Reaktion?<\/strong><\/p>\n<p> \t\tMir wurde vorgeworfen, ich solle auch etwas Positives \u00fcber die Propagandaabteilung sagen, man d\u00fcrfe nicht nur kritisieren. Nur dann sei mein Vortrag ausgeglichen. Aber es sagen so viele Menschen in China Positives, da gibt es l\u00e4ngst kein Gleichgewicht mehr. Und wenn ich noch zehn Mal Schlechtes sagen w\u00fcrde, g\u00e4be es trotzdem immer noch kein Gleichgewicht, so viel Gutes wird st\u00e4ndig gesagt. Nette Worte gibt es schon zuviel. Was der Partei fehlt ist nicht Lob, sondern Kritik.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Haben Sie mit einer so heftigen Reaktion gerechnet?<\/strong><\/p>\n<p> \t\tIch habe \u00e4hnliche Vortr\u00e4ge bereits an anderen Universit\u00e4ten in den USA gehalten, unter anderem in Harvard, Yale und Berkeley. Ich muss sagen, dass ich bisher noch nie zuvor so heftig angegriffen wurde. Ich h\u00e4tte allerdings auch nicht gedacht, dass ich haupts\u00e4chlich vor Studenten sprechen w\u00fcrde. Ich denke, es gab gestern zwei Arten von Studenten. Einmal die, die das, was ich erz\u00e4hlt habe, tats\u00e4chlich f\u00fcr absurd gehalten haben, weil sie selber keine solchen Erfahrungen gemacht haben. Die andere Gruppe von Studenten stand meiner Meinung nach unter dem Einfluss der chinesischen Botschaft.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Wieviele in Deutschland lebende chinesische Studierende werden Ihrer Meinung nach von der chinesischen Regierung kontrolliert?<\/strong><\/p>\n<p> \t\tIch denke, alle werden mehr oder weniger beeinflusst. Ich glaube, die Studenten in China selbst sind von ihrer Denkweise fast noch freier, als die Studenten, die ins Ausland gehen. Studenten im Ausland werden viel st\u00e4rker kontrolliert. Vielleicht ist es auch nur einfacher, Menschen im Ausland zu kontrollieren. Sie haben dort erst mal keine Verwandten und keine Freunde. Dann wird die Botschaft zu einer St\u00fctze und die chinesische Studentenvereinigung zur Ersatzfamilie.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Wie glauben Sie, wird sich die Gedankenkontrolle in China in den n\u00e4chsten Jahren entwickeln, insbesondere angesichts der Olympischen Spiele?<\/strong><\/p>\n<p> \t\tDie Regierung wird alles daf\u00fcr tun, dass die Olympischen Spiele glatt verlaufen. Am Ausma\u00df der Gedankenkontrolle wird sich dadurch nicht viel \u00e4ndern.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Professor Jiao, vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n<p> \t\tDas Interview f\u00fchrten Wan Li und Mareike Ohlberg.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t<a href=\"#Inhalt\"><strong>&lt;&lt; Zur\u00fcck zum Inhaltsverzeichnis<\/strong><\/a><\/p>\n<hr>\n<h2 class=\"documentFirstHeading\" style=\"text-align: justify;\">\n\t<a id=\"2\" name=\"2\"><span id=\"parent-fieldname-title\">Famulatur in Wuhan <\/span><\/a><\/h2>\n<div id=\"parent-fieldname-text\">\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tWir haben uns f\u00fcr das Austauschprogramm mit Wuhan haupts\u00e4chlich deshalb beworben, weil wir einmal etwas v\u00f6llig anderes machen wollten. Nat\u00fcrlich hatten wir auch ein spezielles Interesse an China. Wir wollten erfahren, wie eine uns v\u00f6llig fremde Kultur und Gesellschaft funktioniert und wie man sich dort einbringen kann.<\/p>\n<p> \t\t<em>Krankenhaus<\/em><br \/> \t\tDas Tongji-Krankenhaus ist riesig und erinnert an einen Bahnhof. Pro Tag werden ca. 3000 Patienten durchgeschleust. Der Komplex besteht aus mehreren H\u00e4usern, einige davon \u00fcber 20 Stockwerke hoch. Ein paar Eigenheiten sind uns besonders am Anfang aufgefallen. Dazu geh\u00f6rt beispielsweise, dass \u00c4rzte und Patienten im Kranken- und Behandlungszimmer telefonieren. Es ist v\u00f6llig normal, dass ein Patient mitten in der Anamnese das Handy abnimmt und f\u00fcnf Minuten lang telefoniert. Der Arzt k\u00fcmmert sich solange um andere Patienten. Privatsph\u00e4re gibt es kaum. Im Ambulanzzimmer sind meistens mehrere Patienten anwesend, fast jeder bringt Angeh\u00f6rige mit. Alle dr\u00e4ngeln ins Zimmer, fragen und rufen sogar dazwischen, wenn der Arzt gerade mit anderen Patienten besch\u00e4ftigt ist. Es war beeindruckend, mit wie wenig Mitteln Diagnose und Behandlung manchmal m\u00f6glich ist. Andererseits gehen die Leute auch wegen Pickeln zum Arzt, vor allem besorgte M\u00fctter mit ihren &#8211; einzigen &#8211; Kindern, die die anstrengenste Patientengruppe darstellen \u2013 das hei\u00dft, die M\u00fctter sind anstrengend.<\/p>\n<p> \t\t<em>Dermatologie<\/em><br \/> \t\tUnsere erste Station war die Dermatologie. Dort lernten wir erst einmal das Krankenhaus kennen. F\u00fcr uns zust\u00e4ndig waren zwei Professoren, die beide genug Deutsch konnten, um uns zu erkl\u00e4ren, was die Patienten hatten, wie man es erkennt und behandelt. Au\u00dferdem lernten wir Blickdiagnosen zu stellen. Besonders einfach war das bei den wenigen M\u00e4nnern, die ohne Begleitung ins Ambulanzzimmer kamen, warteten, bis alle anderen Patienten mit Angeh\u00f6rigen den Raum verlassen hatten, um erst dann leise mit dem Arzt zu sprechen. In diesem Fall lag entweder Syphilis, Condyloma acuminata, Urethritis non gonorrhoica (alles sexuell \u00fcbertragbare Krankheiten) \u2013 oder nicht selten m\u00e4nnliche Paranoia bez\u00fcglich gewisser K\u00f6rperteile vor. Eines Tages stand ein Mann in der T\u00fcr des Ambulanzzimmers, dem man auf den ersten Blick ansah, wer er war: ein Pharmavertreter. Genau der gleiche Typ Mensch wie bei uns.<\/p>\n<p> \t\t<em>Operationssaal<\/em><br \/> \t\tNur nach mehrmaligem Nachfragen ist es uns gelungen, in den meist sehr vollen OP zu kommen. Operationen sind ein ganz besonderes Vergn\u00fcgen in China \u2013 aber nicht f\u00fcr den Patienten. Im OP geht es zu wie auf dem Jahrmarkt. Leute kommen und gehen, unterhalten sich laut, Handys klingeln, man telefoniert \u2013 was besonders w\u00e4hrend des Operierens eine Herausforderung darstellt. An den Ger\u00e4tetischen dr\u00fcckt sich vorbei, wer will, und um richtig sehen zu k\u00f6nnen, legt man sich den Operateuren \u00fcber die Schulter, nat\u00fcrlich nur so weit, wie man sie nicht bei ihrer Arbeit behindert. Man darf sich bei alldem nicht wundern, dass die meisten Antibiotika-resistenten Bakterienst\u00e4mme aus Asien kommen, denn irgendwie muss die mangelnde Hygiene im OP ausgeglichen werden. Was die Gelassenheit angeht, haben uns die Chinesen einiges voraus: Auf den Monitoren der An\u00e4sthesie werden bei weitem nicht so viele Parameter angezeigt wie in Deutschland, und die Angezeigten werden auch nicht immer sofort ernstgenommen. Ein Kammerflimmern kann auch mal einen Ger\u00e4tefehler als Ursache haben und wozu in Panik verfallen, wenn nach drei Minuten wieder alles vorbei ist? Wenn der Patient mit den Beinen wackelt ist das ein gutes Zeichen daf\u00fcr, die Sauerstoff-Versorgung vom Tubus zu nehmen, um ungeachtet der sinkenden Sauerstoff-S\u00e4ttigung ein paar Minuten sp\u00e4ter den Tubus zu entfernen und eine Sauerstoff-Maske locker auf das Gesicht zu legen. Trotz allem scheint uns der \u201edeutsche Weg\u201c \u00fcbertrieben. Ein bisschen China w\u00fcrde uns in der Hinsicht gut tun.<\/p>\n<p> \t\t<em>Notambulanz<\/em><br \/> \t\tEine besondere Erfahrung war die Nacht in der Notambulanz. Der Arzt hatte gesagt, ich solle abends wiederkommen, da dann mehr los sei, unter anderem, weil die meisten Zweir\u00e4der auf der Stra\u00dfe ohne Licht unterwegs sind. Gelernt habe ich in dieser Nacht vor allem eines: ein Pokerface zu bewahren, egal, was kommt. Als ich kam, lag ein Patient mit Sch\u00e4del-Hirn-Trauma da, der wohl schon vor einer Weile eingeliefert worden war, denn es gab schon CT-Aufnahmen und die sahen gar nicht gut aus. Vorerst lag er da, hat gezittert und nicht mehr viel mitbekommen. Ab und zu wurde ihm mit einer Taschenlampe ins Auge geleuchtet: Pupillen noch klein? \u2013 Alles in Ordnung. Nach 45 Minuten erkl\u00e4rte der Arzt den Angeh\u00f6rigen, dass es nicht gut um den Patienten stehe. Trotz der massiven, weit innen gelegenen Hirnblutung und des sp\u00e4ten Zeitpunkts, wurde noch operiert. Ich habe mich sp\u00e4ter kurz mit dem Arzt unterhalten, der operiert hat. Er meinte, dem Patient ginge es ganz gut. Was \u201eganz gut\u201c genau hie\u00df, daf\u00fcr reichte sein Englisch leider nicht mehr aus. Ein interessantes Ph\u00e4nomen, das bei Chinesen dann auftritt, wenn man bestimmte Fragen stellt, offenbar die falschen Fragen. In der Notambulanz f\u00e4llt am deutlichsten auf, wie das chinesische Gesundheitssystem funktioniert: Wer zahlt, bekommt das, was er sich leisten kann. Wer bewusstlos eingeliefert wird, bekommt zwar eine Grundversorgung, behandelt wird er aber erst nach Barzahlung. Genauso bei der erforderlichen Sch\u00e4del-OP, die 20 000 Yuan kostet. Operiert wird erst, wenn Geld da ist. Und bis das Geld da ist, braucht man das Pokerface. Kommt kein Geld, dann passiert auch nichts. Der Patient darf wieder gehen, ob er kann oder nicht. Die meisten Patienten an diesem Abend konnten sich ihre Behandlung leisten, auch wenn nicht immer so ganz klar war, wovon die Familie die n\u00e4chste Zeit leben sollte.<\/p>\n<p> \t\t<em>Traditionelle chinesische Medizin<\/em><br \/> \t\tDer Grund f\u00fcr mich, Akupunktur zu machen, war zu erfahren, wie das System dort funktioniert, wo es hingeh\u00f6rt, im Vergleich zu unserer Teilimportation an chinesischer Medizin. In Europa beruht \u201echinesische Medizin\u201c oftmals haupts\u00e4chlich auf sch\u00f6nen ruhigen R\u00e4umen, netten \u00c4rzten und einer harmonischen Umgebung inklusive bequemer Liege \u2013 in China findet man das Gegenteil: Die R\u00e4ume sind schmuddelig. Die Decken sind rissig und schimmeln, die drei Liegen pro Raum sind mit fleckigen Laken bezogen. Einer der \u00c4rzte raucht, im Raum wird laut geredet, manchmal wird direkt \u00fcber den Patienten die Decke repariert. Und trotzdem wirkt es! TCM und Schulmedizin f\u00fchren eine sich erg\u00e4nzende Koexistenz. Medizinstudenten sind ein Semester in der TCM, TCM -\u00c4rzte (eine eigene sechsj\u00e4hrige Ausbildung) machen Konsile in anderen Stationen, wenn Akupunktur gew\u00fcnscht ist. Bei der TCM spielt Ausgeglichenheit im Sinne von sich gegenseitig erg\u00e4nzenden und begrenzenden Gegensatzpaaren eine gro\u00dfe Rolle. Wichtig ist, dass etwas funktioniert, weniger, warum. Diese Haltung hat die Konsequenz, dass man nicht nur sieht, was nicht geht, sondern aus dem, was man hat, das beste macht und den Rest als unbeeinflussbar akzeptiert. Auf das chinesische Krankheitsverst\u00e4ndnis hat es die Auswirkung, dass Gesundheit nicht als Abwesenheit von jeglicher Krankheit (also einem utopischen Idealzustand, den wir hier wie selbstverst\u00e4ndlich fordern) gesehen wird, sondern eher sokratisch, n\u00e4mlich als Zurechtkommen mit seinen Gebrechen auf dem bestm\u00f6glichen Niveau. Daraus leitet sich auch eine ganz andere Compliance der Patienten ab, denn wer nicht den passiven \u201emach mich gesund\u201c-Anspruch an den Arzt hat, sondern eine aktive Haltung und die Einsicht, dass er zumindest f\u00fcr den Umgang mit seiner Krankheit oder vielleicht sogar f\u00fcr Teile seiner Krankheit selbst verantwortlich ist, der arbeitet viel aktiver und \u00e4nderungsbereiter an seiner Heilung mit. F\u00fcr die traditionelle chinesische Medizin bedeutet das, dass sie wirklich ganzheitlich praktiziert wird. Einer der \u00c4rzte, die westliche Medizin praktizieren, erz\u00e4hlte mir, er f\u00e4nde es h\u00f6chst interessant, wie europ\u00e4ische \u00c4rzte nach einem halben bis einem Jahr Ausbildung \u201echinesische Medizin\u201c anwenden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p> \t\tWir lieben China und glauben auch, das Land gut kennen gelernt zu haben, nicht zuletzt wegen der vielen Kontakte, die wir zu Chinesen hatten und zum Teil noch immer haben.<\/p>\n<p> \t\t<em>Karin Scholz und Anna-Sophia Schlicker<\/em><\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t<a href=\"#Inhalt\"><strong>&lt;&lt; Zur\u00fcck zum Inhaltsverzeichnis<\/strong><\/a><\/p>\n<hr>\n<h2 class=\"documentFirstHeading\" style=\"text-align: justify;\">\n\t<a id=\"3\" name=\"3\"><span id=\"parent-fieldname-title\">Der erste Sinologiestudent: Philipp Schaeffer <\/span><\/a><\/h2>\n<div id=\"parent-fieldname-text\">\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tDer erste Student, der nachweisbar bei Major Dr. <a href=\"http:\/\/www.sino.uni-heidelberg.de\/alumni\/newsletter\/07-07\/krause.htm\" target=\"_blank\">Friedrich Ernst August Krause<\/a> (1879-1942) in Heidelberg Sinologie studierte, war Philipp Schaeffer. Schaeffer wurde am 16. November 1894 in K\u00f6nigsberg geboren und zog bald darauf mit seinen Eltern nach St. Petersburg. Dort begann er 1913 das Studium der Sinologie, das er jedoch wegen des Kriegsausbruchs bald abbrechen musste.<\/p>\n<p> \t\t1918 zog Philipp Schaeffer mit seiner Frau Antonina und zwei Kindern nach Heidelberg, wo offenbar Verwandte von ihm lebten. 1920 setzte er sein Sinologiestudium bei dem 1919 in Heidelberg eingetroffenen Dr. Krause fort. Schaeffer lernte Chinesisch, Tibetanisch und Sanskrit und befasste sich vor allem mit chinesischer und indischer Philosophie. Er interessierte sich jedoch \u2013 wie Krause \u2013 auch f\u00fcr aktuelle Politik. Schaeffer war \u2013 aufgrund seiner Vorkenntnisse \u2013 vermutlich der erste Doktorand des Sinologischen Instituts der Universit\u00e4t Heidelberg und promovierte 1923. Der Titel seiner Dissertation war: Yukti-sastik\u00e2: Die 60 S\u00e4tze des Negativismus.<\/p>\n<p> \t\tDie Schaeffers sollen in Heidelberg Kontakt mit chinesischen Studenten gehabt haben, Antonina Schaeffer soll privat Russisch unterrichtet haben. Mit Schaeffer studierte auch die aus Mainz stammende Netty Reiling bei Dr. Krause, die sp\u00e4ter unter dem Namen Anna Seghers (1900-1983) eine ber\u00fchmte Schriftstellerin wurde. Sie promovierte 1924, allerdings in Kunstgeschichte.<\/p>\n<p> \t\tKurz darauf verlie\u00dfen Philipp Schaeffer, Netty Reiling und ihr ungarischer Mann Heidelberg, sie zogen nach Berlin. Schaeffers Frau ging nach einiger Zeit zur\u00fcck nach Heidelberg, die Ehe wurde geschieden.<\/p>\n<p> \t\tSchaeffer arbeitete in Berlin als Bibliothekar, heiratete eine Bildhauerin und wurde 1928 Mitglied der KPD. Er soll sich um einen Arbeitsplatz in China bem\u00fcht haben, allerdings ohne Erfolg. In diesen Jahren arbeitete er auch an einem chinesischen W\u00f6rterbuch, das jedoch nie fertig wurde. 1935 wurde er verhaftet und verbrachte zun\u00e4chst f\u00fcnf Jahre im Zuchthaus. Nach seiner Entlassung kn\u00fcpfte er Kontakte mit verschiedenen Widerstandsk\u00e4mpfern. 1942 wurden Schaeffer und seine Frau erneut verhaftet, Schaeffer wurde am 13. Mai 1943 in Berlin-Pl\u00f6tzensee hingerichtet.<\/p>\n<p> \t\tAnna Seghers, die sich damals im Exil befand, ver\u00f6ffentlichte drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter kurze \u00bbErinnerungen an Philipp Schaeffer\u00ab.<\/p>\n<p> \t\tLiteratur:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tWashington: Verlauf und Ergebnisse der Konferenz; Der Bolschewismus in Asien \/ F. E. A. Krause; Philipp Schaeffer. M\u00fcnchen, 1922.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tYukti-sastik\u00e2: Die 60 S\u00e4tze des Negativismus \/ [Nagarjuna]. Nach der chinesischen Version \u00fcbers. von Phil. Sch\u00e4ffer. Leipzig, 1923 (Materialien zur Kunde des Buddhismus; H. 3).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tDie Weltanschauung des modernen Buddhismus im fernen Osten \/ Otto Rosenberg. Aus d. Russ. \u00fcbers. von Ph. Schaeffer. Leipzig, 1924.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tAnna Seghers: Erinnerungen an Philipp Schaeffer, Berlin, 1975.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tThomas Kampen: Der erste Sinologe: Friedrich Ernst August Krause, Heidelberg, 2007 (http:\/\/www.sino.uni-heidelberg.de\/alumni\/newsletter\/07-07\/krause.htm).<\/p>\n<p> \t\tDr. Thomas Kampen<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t<a href=\"#Inhalt\"><strong>&lt;&lt; Zur\u00fcck zum Inhaltsverzeichnis<\/strong><\/a><\/p>\n<hr>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>INHALT &#8222;Was der Partei fehlt ist nicht Lob, sondern Kritik.&#8220; Bis 2004 war Jiao Guobiao Professor f\u00fcr Journalismus an der Peking Universit\u00e4t. 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