{"id":259,"date":"2009-12-01T12:00:00","date_gmt":"2009-12-01T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/shan-hd.de\/index.php\/2009\/12\/01\/newsletter-dezember-2009-nr-38\/"},"modified":"2026-05-20T18:36:41","modified_gmt":"2026-05-20T17:36:41","slug":"newsletter-dezember-2009-nr-38","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/shan-hd.de\/index.php\/2009\/12\/01\/newsletter-dezember-2009-nr-38\/","title":{"rendered":"Newsletter Dezember 2009 Nr. 38"},"content":{"rendered":"<h2 style=\"text-align: justify;\">\n\t<a id=\"Inhalt\" name=\"Inhalt\">INHALT<\/a><\/h2>\n<h3 style=\"text-align: justify;\" id=\"anker_Mostwanted:NachfolgefrPr\">\n\tMost wanted: Nachfolge f\u00fcr Professor Wagner<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \tWer wird es werden? Und wer hat sich \u00fcberhaupt beworben? F\u00fcr alle, die die Vortr\u00e4ge im Rahmen der Neubesetzung von Prof. Wagners Stelle verpasst haben, hat SHAN die f\u00fcnf Kandidaten interviewt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t<strong><a href=\"#1\">&gt;&gt; zu den Interviews<\/a><\/strong><\/p>\n<hr>\n<h3 style=\"text-align: justify;\" id=\"anker_ChinasBraveNewWorld:Nach\">\n\tChina&#8217;s Brave New World: Nach der Buchmesse ist vor der Expo<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \tEr ist einer der renommiertesten Sinologen weltweit und schafft etwas, was nicht immer selbstverst\u00e4ndlich ist. Ihm gelingen B\u00fccher, die ein breites Publikum fesseln, und Vortr\u00e4ge, die lebendig Chinas Entwicklung zum Ausdruck bringen. Er ist Herausgeber des Blogs China Beat und unterrichtet an der UC Irvine: Professor Jeffrey N. Wasserstrom. In Heidelberg hielt er die Vortragsreihe &#8222;China Beat &#8211; Mega-events and Recent Trends in transcultural China&#8220; und gab interessante Einblicke in seine Forschung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t<strong><a href=\"#2\">&gt;&gt; zum vollst\u00e4ndigen Bericht<\/a><\/strong><\/p>\n<hr>\n<h3 style=\"text-align: justify;\" id=\"anker_DieSowjetunionunddieGrnd\">\n\tDie Sowjetunion und die Gr\u00fcndung der Volksrepublik China (1949)<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \tLange herrschte gro\u00dfe Unklarheit \u00fcber die konkreten Vorbereitungen zur Gr\u00fcndung der Volksrepublik, \u00fcber die Festlegung des 1. Oktobers als Gr\u00fcndungstag und Maos Moskaureise. Neuere chinesische und russischen Publikationen &#8211; vor allem in Memoiren von fr\u00fcheren Diplomaten und Dolmetschern &#8211; geben jetzt Aufschluss \u00fcber diese wichtigen Ereignisse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t<a href=\"#3\"><strong>&gt;&gt; zum vollst\u00e4ndigen Artikel<\/strong><\/a><\/p>\n<hr>\n<h3 style=\"text-align: justify;\" id=\"anker_ErzhlenSiemal...FrauLabi\">\n\tErz\u00e4hlen Sie mal, &#8230; Frau Labitzky-Wagner!<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \tJeder kennt sie, sie ist das Herz der Institutsbibliothek: Frau Labitzky-Wagner. SHAN hat mit ihr \u00fcber ihr Sinologie-Studium, ihre Zeit in China und ihren beruflichen Werdegang gesprochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t<a href=\"#4\"><strong>&gt;&gt; zum vollst\u00e4ndigen Interview<\/strong><\/a><\/p>\n<hr>\n<h3 style=\"text-align: justify;\" id=\"anker_IchmagdasAbseitige-Inter\">\n\t&#8222;Ich mag das Abseitige&#8220; &#8211; Interview mit der Autorin Zhang Yueran<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \tZhang Yueran wurde 1982 in der Provinz Shandong geboren und studierte Informatik in Singapur. Schon mit 14 ver\u00f6ffentlichte sie erste Erz\u00e4hlungen. Im September gab sie zusammen mit Jing Yongming eine von SHAN organisierte Lesung im Karl-Jaspers Center. Im Interview erz\u00e4hlt sie von ihren Umwegen zur Literatur, ihrem Werk und ihren Kollegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t<a href=\"#5\"><strong>&gt;&gt; zum vollst\u00e4ndigen Interview<\/strong><\/a><\/p>\n<hr>\n<h2 class=\"documentFirstHeading\" style=\"text-align: justify;\">\n\t<a id=\"1\" name=\"1\"><span id=\"parent-fieldname-title\">Most wanted: Nachfolge f\u00fcr Prof. Wagner <\/span><\/a><\/h2>\n<div id=\"parent-fieldname-text\">\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<em>Wer wird es werden? Diese Frage schwebt \u00fcber dem Zentrum f\u00fcr Ostasienwissenschaften, seitdem am 24. November der Startschuss f\u00fcr die Neubesetzung der W3-Professur f\u00fcr Sinologie fiel. In einer von der Fachschaft organisierten Fragerunde mit den einzelnen Kandidaten hatten alle Studenten die M\u00f6glichkeit, die f\u00fcnf Bewerber kennen zu lernen. Am 25. November hielten sie ihre Bewerbungsvortr\u00e4ge \u2013 auch hier konnten Studenten und Dozenten, die nicht dem offiziellen Ausschuss angeh\u00f6ren, teilnehmen. F\u00fcr alle, die nicht die M\u00f6glichkeit hatten, sich einen pers\u00f6nlichen Eindruck zu machen, hat SHAN die f\u00fcnf Kandidaten interviewt.<\/em><\/p>\n<p> \t\t<strong>Herr Prof. Dr. Hans van Ess, Universit\u00e4t M\u00fcnchen<\/strong><br \/> \t\tThema des Vortrags: \u201eChina, die Mittellande und das Reich der Mitte: Bemerkungen zu einem einflussreichen Staatskonzept\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<em>1.) Warum haben Sie sich beworben?<\/em><br \/> \t\tWeil es nur sehr wenige sinologische Institute in Deutschland gibt, die so gut ausgestattet sind, wie das Heidelberger Institut. Weil die Stelle meines Erachtens genau zu dem passt, was ich gerne tun w\u00fcrde, n\u00e4mlich klassische Sinologie unterrichten mit einer Verbindung zu interessanten Kollegen, die sich um die neueren Phasen der chinesischen Geschichte k\u00fcmmern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<em>2.) Ihre Lieblingsdynastie?<\/em><br \/> \t\tDie Han-Dynastie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<em>3.) Warum?<\/em><br \/> \t\tIch finde die Texte dieser Periode am frischesten. Sie strotzen von Lebendigkeit. In sp\u00e4terer Zeit habe ich manchmal den Eindruck, dass chinesische Autoren zu gelehrt daf\u00fcr waren.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Frau PD Dr. Dagmar Sch\u00e4fer, MPIWG Berlin<\/strong><br \/> \t\tThema des Vortrags: \u201eWissen zwischen Objekt und Text: Inschriften im Vormodernen China\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<em>1.) Warum haben Sie sich beworben?<\/em><br \/> \t\tHeidelberg hat in Deutschland eine einzigartige Kombination an Kompetenzen im Bereich Ostasien, aber im Bezug auf das Spannungsfeld philologische Tradition und Kunstgeschichte. Das ist f\u00fcr meinen Bereich der Technikgeschichte vormodernes China sehr gut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<em>2.) Ihre Lieblingsdynastie?<\/em><br \/> \t\tNaja, ist ja keine Farbe, und eigentlich eine wirklich schwere Frage, daher hoffe ich Sie verzeihen, wenn ich die Frage unbeantwortet lasse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<em>3.) Weshalb?<\/em><br \/> \t\tWeil mich weniger als eine Dynastie der Kontrast zwischen Ver\u00e4nderung und scheinbarer Kontinuit\u00e4t interessiert, und welche Rolle das Konzept der Dynastie darin spielt, als rhetorische Figur, als politisches Instrument, oder soziales Paradigma. Unter dieser Pr\u00e4misse die Song\/Liao\/Jin bis Yuan Dynastie und das 17. Jhd.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Herr Prof. Dr. Yuri Pines, The Hebrew University, Jerusalem<\/strong><br \/> \t\tThema des Vortrags: \u201eThe First Emperor as a Historical Junction: The Messianic Interpretation\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<em>1.) Why did you apply for the job?<\/em><br \/> \t\tSeveral reasons prompted my application. First, and most important, I admire the Institute of Sinology at Heidelberg University as one of the best Sinological Department in Europe: an excellent place with brilliant colleagues and an enviable research atmosphere. Second, the job description appeared as particularly fitting my field of research: similarly to Prof. Wagner I try to combine my interest in China\u2019s past with that in China\u2019s present; and from the job description I knew that the Institute does not follow the erroneous practice of artificially breaking Chinese history into the supposedly unrelated \u201cpre-modern\u201d and \u201cmodern\u201d entities. Third, Heidelberg is also one of the nicest towns in Europe, staying in which is a great pleasure. Finally, while I am greatly satisfied with my position at my home university, I am not at all happy with staying in the state Israel. Thus, although generally I am not seeking relocation, the job opening at Heidelberg was so attractive as to entice me to try my chance.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<em>2.) What\u2019s your favourite dynasty?<\/em><br \/> \t\tWarring States period and the Qin dynasty.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<em>3.) Why?<\/em><br \/> \t\tThe Warring States period was exceptionally vibrant and dynamic. It was an age of an \u201copen-end\u201d situation without solid orthodoxy and without fixed rules of the game. Ideas and values were freely aired, debated and rejected, and the position of the intellectuals was particularly high. It was also a formative age of the Chinese imperial polity \u2013 the most durable political entity in human history. Hence, this period is both attractive intellectually and exceptionally important in terms of its lasting historical impact. In addition, the field of studies of early China itself is very vibrant due to \u201carcheological revolution\u201d which introduced a great variety of new data and allowed reconsidering many established research truths. In addition, since many aspects of the Warring States and Qin history remain highly controversial, this period is exceptionally intellectually engaging: hence my love of it.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Herr Prof. Dr. Martin Kern, Princeton University, USA<\/strong><br \/> \t\tThema des Vortrags: \u201eVon Qu Yuan zu Sima Qian: Der inszenierte Autor in der Westlichen Han-Zeit\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<em>1.) Warum haben Sie sich beworben?<\/em><br \/> \t\tMit dem Cluster \u201cAsia and Europe\u201d, den starken Ostasienstudien (Sinologie, aber auch Japanologie und Ostasiatische Kunstgeschichte) und der geballten Kraft in den Geisteswissenschaften allgemein bietet Heidelberg die bei weitem besten Perspektiven in Europa. Dazu kommt die Attraktivit\u00e4t der Stadt, and so w\u00e4re Heidelberg eine echte Chance f\u00fcr mich und meine Familie, nach Deutschland zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<em>2.) Ihre Lieblingsdynastie?<\/em><br \/> \t\tDa kann ich mich nie entscheiden \u2013 besonders interessieren mich die fr\u00fchen Dynastien (Zhou bis Song), doch jede aus anderen Gr\u00fcnden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<em>3.) Weshalb?<\/em><br \/> \t\tGanz knapp und holzschnittartig: Die Zhou als die pr\u00e4gende Periode in der fr\u00fchen Entwicklung der chinesischen Geistesgeschichte; die Han f\u00fcr die vielschichtige weitere Entwicklung von der performativen Ritual- zur Schriftkultur; die Sechs Dynastien, Tang und Song f\u00fcr Dichtung und Kalligraphie. Die stetig anwachsenden Manuskriptfunde aus dem 4. bis 1. Jh. v.Chr. er\u00f6ffnen faszinierende neue Pespektiven auf das fr\u00fche China, aber ebenso inspirierend ist Du Fus unendlich auslegbare Lyrik im 8. Jh.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Herr PD Dr. Thomas Zimmer, Universit\u00e4t Bonn<\/strong><br \/> \t\tThema des Vortrags: \u201eDie Kulturrevolution als literarischer Stoff in der chinesischen Gegenwartsliteratur des&nbsp; vergangenen Jahrzehnts\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<em>1.) Warum haben Sie sich beworben?<\/em><br \/> \t\tIch habe mich beworben, weil die Sinologie in Heidelberg eine der besten und wichtigsten in Deutschland ist und dort hervorragende Lehr- und Forschungsm\u00f6glichkeiten bestehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<em>2.) Ihre Lieblingsdynastie?<\/em><br \/> \t\tMeine \u201cLieblingsdynastie\u201d ist die sp\u00e4te Ming-Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<em>3.) Weshalb?<\/em><br \/> \t\tDer Grund: Man sp\u00fcrt einen Aufbruch, Ver\u00e4nderungen in Geist und Gesellschaft, die Tradition wird hinterfragt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tDie Interviews f\u00fchrte Viktoria D\u00fcmer.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t<a href=\"#Inhalt\"><strong>&lt;&lt; Zur\u00fcck zum Inhaltsverzeichnis<\/strong><\/a><\/p>\n<hr>\n<h2 class=\"documentFirstHeading\" style=\"text-align: justify;\">\n\t<a id=\"2\" name=\"2\"><span id=\"parent-fieldname-title\">China&#8217;s Brave New World: Nach der Buchmesse ist vor der Expo <\/span><\/a><\/h2>\n<div id=\"parent-fieldname-text\">\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tJeffrey Wasserstrom in Heidelberg<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tOlympia 2008, die Frankfurter Buchmesse 2009 und bald die Expo 2010 \u2013 ein Gro\u00dfereignis nach dem anderen gibt der sinologischen Gemeinschaft neuen Gespr\u00e4chsstoff. Auch der amerikanische Sinologe Jeffrey Wasserstrom besch\u00e4ftigt sich seit einiger Zeit mit solchen Gro\u00dfereignissen und aktuellen transkulturellen Trends in China. Mitte Oktober kam er nach Heidelberg und gab mit drei Vortr\u00e4gen pers\u00f6nlich Einblick in seine \u00dcberlegungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tAus aktuellem Anlass fand der erste Vortrag im Rahmen einer Diskussion mit dem Dichter Bei Ling statt. Bei Ling ist Gr\u00fcnder des chinesische PEN-Clubs sowie des Verlags \u201cQing Xiang\u201d auf Taiwan und lebt im Exil in den USA. Kurz zuvor war er bei einer Vorveranstaltung zur Frankfurter Buchmesse ins Licht der \u00d6ffentlichkeit ger\u00fcckt. Bei dem von der Buchmesseleitung abgehaltenen Diskussionsforum kam es zum Eklat, als Bei Ling und die ebenfalls geladene Schriftstellerin Dai Qing eine Stellungnahme abgeben wollten und die chinesische Delegation daraufhin den Saal verlie\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tDie Veranstaltung in Heidelberg am 15. Oktober beleuchtete das chinesische Verlagswesen und die Situation der Intellektuellen, kam dabei aber immer wieder auf Ereignisse der noch laufenden Buchmesse zur\u00fcck. Jeffrey Wasserstrom begann mit pers\u00f6nlichen Eindr\u00fccken vom chinesischen Buchmarkt: Es werde so viel und so frei publiziert wie nie zuvor. In Anlehnung an sein 2001 erschienenes Buch \u201cChina\u2019s Brave New World\u201d ging er daher der Frage nach, wie die chinesische Regierung in Zukunft die Kontrolle \u00fcber Land und Bev\u00f6lkerung sichern werde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tIst ein Szenario wie in Orwell\u2019s \u201c1984\u2033 zu bef\u00fcrchten? Oder wird der chinesische Staat in Zukunft Huxley\u2019s \u201cBrave New World\u201d \u00e4hneln? Wasserstrom ist der Auffassung, dass sich in China bisher Momente beider Utopien abwechseln. Im Hinblick auf die gegenw\u00e4rtige Situation unterstrich er, wie unterschiedlich die Zug\u00e4nglichkeit von Publikationen f\u00fcr verschiedene Personengruppen in China sein kann: Zensurkonventionen \u00e4ndern sich mit der Publikationssprache; Auslands- oder Hong-Kong-Reisen, Literaturschmuggel und der Schwarzmarkt erm\u00f6glichen sogar, die Zensur zu umgehen \u2013 allerdings nur Wohlhabenden und Eingeweihten. Die durch das Internet neu entstandene \u00f6ffentliche Sph\u00e4re in China sei zwar vielen zug\u00e4nglich, werde aber nur von relativ wenigen genutzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tIm Anschluss erl\u00e4uterte Bei Ling aus der Perspektive des Herausgebers und Autors die Funktionsweise des chinesischen Verlagswesens im Detail. Er berichtete au\u00dferdem, wie ihm die Publikationsbeschr\u00e4nkungen bei der Herausgabe seiner Literaturzeitschrift \u201cTendenz\u201d zum Verh\u00e4ngnis wurden. Sein Konflikt mit den Beh\u00f6rden endete mit seiner Inhaftierung und Abschiebung ins Exil. Zuletzt kam Bei Ling auf die chinesische Autorenwelt zur\u00fcck, wie sie sich auf der Buchmesse gezeigt hatte. Er warnte in diesem Zusammenhang davor, die chinesischen Intellektuellen einseitig in \u201cgute Dissidenten\u201d und \u201cb\u00f6se Kollaborateure\u201d einzuteilen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tDer Vortrag \u201cMega-Events and the Rise of Global Cities: The Shanghai World Expo in Historical and Comparative Perspective\u201d fand am 16. Oktober statt. Auch hier ging es darum, wie einzelne Gro\u00dfereignisse unseren Blick auf China und seine soziale und politische Entwicklung dominieren k\u00f6nnen. Wasserstrom wies auf die Fehlbarkeit von Zukunftsprognosen hin, die in diesem Kontext entstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tBei der Expo und anderen Gro\u00dfereignissen zeige sich nicht nur China der Welt, sondern es offenbare sich auch, wie die Welt China begegne, so Wasserstrom. W\u00e4hrend Gro\u00dfereignisse eine tempor\u00e4re Plattform f\u00fcr die gegenseitige Wahrnehmung bieten, stellen St\u00e4dte wie Shanghai dauerhafte Begegnungsst\u00e4tten zwischen den Kulturen dar. Die Bilder, die in diesem Zusammenhang entstehen, seien oft einseitig und vereinfacht. So zeigte Wasserstrom in einem historischen R\u00fcckblick, dass Gro\u00dfereignisse wie Weltausstellungen seit jeher von den Gastgeberl\u00e4ndern gern zur Selbstinszenierung genutzt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tIn seinem dritten Vortrag am 19. Oktober weitete Wasserstrom die Perspektive auf l\u00e4ngerfristige Meinungstrends unter der \u00dcberschrift \u201cChatter about China in the Global Public Sphere\u201d. Dabei gab er einen umfassenden \u00dcberblick zum Wechsel der China-Bilder vom Boxeraufstand bis zu den Olympischen Spielen. Diese zeigten ein periodisches Auf und Ab der Chinafurcht und \u2013begeisterung; komplement\u00e4r dazu schilderte Wasserstrom die wechselnde Haltung der chinesischen Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber dem Westen. Zugleich hob er hervor, wie ambivalent sich Ablehnung westlicher Politik und Annahme westlicher kultureller Trends vermischen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tAus dem Publikum erfolgte der Hinweis, dass es Widerspr\u00fcche auch auf westlicher Seite gebe, Trends und Gegentrends parallel existierten. Abschlie\u00dfend wurde damit nochmals unterstrichen, was bei allen drei Veranstaltungen anklang: Die Chinabilder entziehen sich ebenso einer einheitlichen Einordnung wie die Verh\u00e4ltnisse in China selbst.<\/p>\n<p> \t\tLena Hessel<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t<a href=\"#Inhalt\"><strong>&lt;&lt; Zur\u00fcck zum Inhaltsverzeichnis<\/strong><\/a><\/p>\n<hr>\n<h2 class=\"documentFirstHeading\" style=\"text-align: justify;\">\n\t<a id=\"3\" name=\"3\"><span id=\"parent-fieldname-title\">Die Sowjetunion und die Gr\u00fcndung der Volksrepublik China (1949) <\/span><\/a><\/h2>\n<div id=\"parent-fieldname-text\">\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<em>Die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und der Volksrepublik China sind insgesamt ganz gut erforscht, allerdings herrschte lange Zeit ausgerechnet \u00fcber die konkreten Vorbereitungen der Gr\u00fcndung der Volksrepublik in den ersten Monaten des Jahres 1949, die Festlegung des 1. Oktobers als Gr\u00fcndungstag, sowie \u00fcber Mao Zedongs Moskaureise am Ende des Jahres gro\u00dfe Unklarheit. Wichtige Ereignisse wie die Reise eines sowjetischen Politb\u00fcromitglieds nach China und die Verhandlungen einer hochrangigen chinesischen Delegation in Moskau sind in beiden Staaten jahrzehntelang geheim gehalten und in der westlichen Literatur kaum behandelt worden. Erst in neueren chinesischen und russischen Publikationen \u2013 vor allem in Memoiren von fr\u00fcheren Diplomaten und Dolmetschern \u2013 wurden diese wichtigen Ereignisse beschrieben.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<strong>Ein sowjetischer Gast in China<\/strong><br \/> \t\tIm Fr\u00fchjahr 1947 wurde die KP-F\u00fchrung durch die Armee der Kuomintang (KMT) \u2013 nach zehn Jahren \u2013 aus ihrer Hauptstadt Yan\u2019an vertrieben. Nach getrennten M\u00e4rschen durch Nordchina erreichten die Mitglieder des ZK-Sekretariats im Fr\u00fchjahr 1948 die Provinz Hebei. F\u00fcr ein Jahr lie\u00dfen sie sich in dem knapp 300 km s\u00fcdwestlich von Peking gelegenen Ort Xibaipo nieder. Zu dieser Zeit plante Mao Zedong eine Reise in die Sowjetunion, um mit Stalin das k\u00fcnftige politische und milit\u00e4rische Vorgehen zu beraten. Die Reaktion Stalins auf eine telegraphische Anfrage war jedoch negativ. Nach einer Wiederholung dieses Vorschlags im Herbst schickte Stalin schlie\u00dflich im Januar 1949 Anastas Mikojan \u2013 damals Politb\u00fcromitglied und Au\u00dfenhandelsminister \u2013 nach China. Kurz zuvor hatte die Kuomintang-Regierung \u2013 in der Hoffnung auf eine Abwendung der endg\u00fcltigen Niederlage \u2013 Gro\u00dfbritannien, Frankreich, die USA und die Sowjetunion um Unterst\u00fctzung gebeten. Zur Vermeidung einer eventuellen amerikanischen Intervention zugunsten der Kuomintang war auch Stalin daran interessiert, den kommunistischen Vormarsch zu bremsen. Die Volksbefreiungsarmee (VBA) hatte zu diesem Zeitpunkt schon gro\u00dfe Teile Nordchinas erobert und plante die \u00dcberquerung des Yangzi, um weiter nach S\u00fcden vorzudringen. Die chinesische KP-F\u00fchrung hatte bereits Anfang Januar die Eroberung Gesamtchinas in den beiden Jahren 1949 und 1950 beschlossen. Noch im gleichen Monat wurden Tianjin und die alte Hauptstadt Peking besetzt. Mikojan traf am 31. Januar mit dem Flugzeug in Shijiazhuang ein und wurde nach Xibaipo gefahren. Er diskutierte eine Woche lang mit den Mitgliedern des ZK-Sekretariats. Hierbei ging es um die Lage im B\u00fcrgerkrieg, die Bildung einer neuen Regierung, den Wirtschaftsaufbau, sowie um Handel und Verkehr. Die chinesischen Kommunisten waren aufgrund ihrer milit\u00e4rischen Erfolge siegessicher und lie\u00dfen sich von ihren Eroberungspl\u00e4nen nicht abbringen. Der Besuch Mikojans diente somit haupts\u00e4chlich der Information Stalins \u00fcber die Lage in China und die Strategie der KP-Spitze. Ein besonderer sowjetischer Einflu\u00df auf das Verhalten der chinesischen Kommunisten ist zu dieser Zeit schwer nachweisbar. Aus chinesischen Quellen ist auch nicht ersichtlich, ob Stalin eher eine Konfrontation der Kommunisten mit den Amerikanern oder einen zu triumphalen Sieg der chinesischen KP bef\u00fcrchtete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<strong>China im Fr\u00fchling<\/strong><br \/> \t\tKurz nach Mikojans Besuch fand vom 5. bis 13. M\u00e4rz in Xibaipo die Zweite Plenartagung des Siebten Zentralkomitees statt. Dies war die erste gro\u00dfe Tagung seit dem Siebten Parteitag und der japanischen Kapitulation von 1945 und gleichzeitig die letzte bedeutende Versammlung vor der Eroberung des S\u00fcdens und der Proklamation der Volksrepublik China. Zu den konkret anstehenden Fragen geh\u00f6rte die Verlegung der Parteizentrale nach Peking, die \u00dcberquerung des Yangzi und die Eroberung Ost- und S\u00fcdchinas. Neben zahlreichen anderen politischen, milit\u00e4rischen und wirtschaftlichen Problemen wurde auch der Aufbau des Regierungsapparats diskutiert. In diesem Zusammenhang wurde Zhou Enlai als Ministerpr\u00e4sident vorgeschlagen und trug die Hauptverantwortung f\u00fcr die weiteren Vorbereitungen. Der \u201cAu\u00dfenminister\u201d der ehemaligen \u201cChinesischen Sowjetrepublik\u201d (1931-34) und fr\u00fchere chinesische Vertreter bei der Komintern, Wang Jiaxiang, sollte erster Botschafter in Moskau werden und war von nun an f\u00fcr die Beziehungen zur Sowjetunion zust\u00e4ndig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tEnde M\u00e4rz traf die Parteif\u00fchrung in Peking ein. Am 21. April begann schlie\u00dflich die \u00dcberquerung des Yangzi. Schon am \u00fcbern\u00e4chsten Tag wurde die Kuomintang-Hauptstadt Nanjing und im Mai dann Shanghai erobert. Am 15. Juni er\u00f6ffnete die KP in Peking die erste Sitzung des Vorbereitungskomitees f\u00fcr die Neue Politische Konsultativkonferenz zu der 134 Vertreter kleinerer Parteien und anderer Organisationen eingeladen wurden. Der hierbei zum Vorsitzenden des St\u00e4ndigen Ausschusses gew\u00e4hlte Mao Zedong ver\u00f6ffentlichte kurz darauf&nbsp; den Artikel \u201c\u00dcber die demokratische Diktatur des Volkes\u201d, in dem die Anlehnung an die Sowjetunion propagiert wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<strong>Eine Sommerreise<\/strong><br \/> \t\tZur gleichen Zeit verabschiedete Mao eine Parteidelegation, die sich auf den Weg nach Moskau machte. Interessant sind hierbei vor allem Zeitpunkt und Teilnehmer dieser jahrzehntelang geheimgehaltenen Reise. Im Fr\u00fchjahr 1949 hatten Mao Zedong und Zhou Enlai, die einer engen Anlehnung an die Sowjetunion eher skeptisch gegen\u00fcberstanden, zur St\u00e4rkung der politischen und wirtschaftlichen Unabh\u00e4ngigkeit versucht, \u00fcber den Botschafter John Leighton Stuart Kontakt mit der amerikanischen Regierung aufzunehmen. Im Juni zeigte sich dann, da\u00df die USA daran kein Interesse hatten, Stuart ging auf die Einladung zu einem Besuch in Peking nicht ein. Damit wurde nicht nur die letzte Gelegenheit zur Verbesserung der Beziehungen verpa\u00dft und die Abh\u00e4ngigkeit von der Sowjetunion verst\u00e4rkt, sondern auch die Position Zhou Enlais geschw\u00e4cht. Erst nach diesen Bem\u00fchungen reiste die Delegation nach Moskau, um sowjetische Unterst\u00fctzung zu erbitten. Delegationsleiter war Liu Shaoqi, der klar f\u00fcr eine Anlehnung an die Sowjetunion eintrat. Er wurde vom zuk\u00fcnftigen Botschafter Wang Jiaxiang, dem Vorsitzenden der Nordostchinesischen Regierung Gao Gang und anderen begleitet. Schon damals war zur Begr\u00fcndung der Ankunft einer chinesischen Delegation in Moskau offiziell die Unterzeichnung eines Handelsabkommens mit Gao Gang als Vertreter Nordostchinas bekannt gegeben worden. Dies wurde im Westen oft als eine von der Pekinger Zentrale unabh\u00e4ngige Einzelaktion bewertet, die dann im Zusammenhang mit Gao Gangs Selbstmord kurz nach Stalins Tod gro\u00dfe Bedeutung gewann. Erst vor wenigen Jahren wurde bekannt, da\u00df Gao nur Mitglied einer gr\u00f6\u00dferen Delegation war, die von Liu geleitet wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tDer chinesischen Delegation wurde von der sowjetischen F\u00fchrung gro\u00dfe Bedeutung beigemessen. Liu Shaoqi f\u00fchrte w\u00e4hrend des mehr als einmonatigen Aufenthalts f\u00fcnf l\u00e4ngere Gespr\u00e4che mit Stalin. Teilweise nahmen die anderen Delegationsmitglieder und die Politb\u00fcromitglieder der KPdSU daran teil. Die Gespr\u00e4che werden in chinesischen Quellen als konstruktiv und freundschaftlich beschrieben. Als Liu Shaoqi auf die Frage Stalins zum geplanten Zeitpunkt der offiziellen Macht\u00fcbernahme den Januar 1950 nannte, soll Stalin den 1. Oktober 1949 vorgeschlagen haben, um eine fr\u00fchzeitige Stabilisierung der Verh\u00e4ltnisse zu erreichen. Dies wurde sofort nach Peking telegraphiert und fand dort Zustimmung. Stalin empfahl zur Vermeidung amerikanischer Einmischung au\u00dferdem eine schnelle Macht\u00fcbernahme in Nordwestchina, die die Chinesen erst f\u00fcr 1950 vorgesehen hatten. Von Moskau wurde dann sofort eine chinesische Arbeitsgruppe nach Xinjiang entsandt. Als Liu Shaoqi Mitte August die R\u00fcckreise antrat, begleitete ihn schon eine erste Gruppe von etwa hundert sowjetische Experten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<strong>China im Herbst<\/strong><br \/> \t\tBei Liu Shaoqis R\u00fcckkehr nach Peking waren die Vorbereitungen f\u00fcr die Gr\u00fcndung der Volksrepublik voll im Gange. Die Armee hatte bereits gro\u00dfe Teile S\u00fcdchinas besetzt und eroberte bis Jahresende fast das ganze Festland. Vom 21. bis 30. September fand in Peking nach mehrmonatigen Vorbereitungen die erste offizielle Sitzung der Politischen Konsultativkonferenz mit 662 Teilnehmern statt. Am 1. Oktober wurde die Gr\u00fcndung der Volksrepublik proklamiert, Mao Zedong zum Staatsoberhaupt und Zhou Enlai zum Regierungschef ernannt. In den folgenden Tagen erfolgte die Anerkennung durch die Sowjetunion und die meisten sozialistischen Staaten, darunter auch die im gleichen Monat gegr\u00fcndete DDR. Am 6. Oktober wurde Wang Jiaxiang zum Botschafter in der Sowjetunion ernannt und in einem Brief Maos an Stalin als Repr\u00e4sentant der KP Chinas f\u00fcr alle sozialistischen Staaten bezeichnet. Nachdem Wang am Ende des Monats in Moskau angekommen war, erreichte ihn die Aufforderung aus Peking mit Stalin den Termin f\u00fcr einen Besuch Mao Zedongs in der Sowjetunion festzulegen. Am 6. Dezember verlie\u00df Mao die chinesische Hauptstadt und kam&nbsp; nach einer langen Zugfahrt durch Nordostchina und Sibirien am 16. in Moskau an. Am 21. Dezember nahm Mao mit anderen Staats- und Parteichefs an den Feierlichkeiten zu Stalins 70. Geburtstag teil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<strong>Staatsbesuch im Winter<\/strong><br \/> \t\tMaos Reise nach Moskau war in vieler Hinsicht \u00e4u\u00dferst ungew\u00f6hnlich. Es war Maos erste Auslandsreise \u00fcberhaupt und die erste Begegnung mit Stalin, den Liu Shaoqi, Wang Jiaxiang, Zhou Enlai und Zhu De schon seit den zwanziger Jahren kannten. Gleichzeitig handelte es sich um den ersten Auslandsaufenthalt des Staatsoberhaupts der neuen Volksrepublik, der mit zwei Monaten auch au\u00dfergew\u00f6hnlich lang war. Der offizielle Anla\u00df dieser Reise war Stalins Geburtstag und damit war auch der ung\u00fcnstige Termin im Dezember vorgegeben. Der S\u00fcdchinese Mao Zedong war schon w\u00e4hrend der Zugfahrt durch Sibirien stark erk\u00e4ltet und hatte M\u00fche, sich an das frostige Moskauer Klima zu gew\u00f6hnen. Auch in anderer Hinsicht war Mao in einer schwierigen Lage. Einerseits hatte die chinesische KP im bev\u00f6lkerungsreichsten Land der Welt praktisch ohne \u00e4u\u00dfere Hilfe die Herrschaft errungen, andererseits repr\u00e4sentierte Mao ein armes und nach jahrzehntelangen Kriegen und B\u00fcrgerkriegen weitgehend zerst\u00f6rtes Land, das von der Unterst\u00fctzung durch die Sowjetunion vollkommen abh\u00e4ngig war. Dem diplomatisch unerfahrenen Staatspr\u00e4sidenten ohne Fremdsprachenkenntnisse fiel die neue Rolle wohl auch wegen seiner hohen Erwartungen an Stalin sehr schwer. Stalin hatte wenig Vertrauen zu Mao, der im Gegensatz zu den meisten osteurop\u00e4ischen Parteichefs aus eigener Kraft an die Macht gekommen war und als ebenso selbstst\u00e4ndig wie der jugoslawische Tito galt. Wegen der gro\u00dfen Interessensgegens\u00e4tze wie zum Beispiel dem riesigen chinesischen Bedarf an Wirtschaftshilfe und dem Wunsch nach der Wiedereingliederung der 1911 abgespaltenen Mongolei, sowie sowjetischen Forderungen nach langfristigen Privilegien in Nordostchina und Xinjiang kamen die Verhandlungen nicht voran. Erst nachdem Zhou Enlai im Januar auch noch in Moskau eintraf und die Verhandlungen \u00fcbernahm, gab es Fortschritte, die schlie\u00dflich zur Unterzeichnung des sino-sowjetischen Freundschaftsvertrags am 14. Februar 1950 f\u00fchrten. Zwischen Maos Abreise von Peking und seiner R\u00fcckkehr in die chinesische Hauptstadt vergingen fast drei \u2013 f\u00fcr ihn gr\u00f6\u00dftenteils unerfreuliche \u2013 Monate.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<strong>Probleme und Konflikte<\/strong><br \/> \t\tDie Ereignisse und Entscheidungen des Jahres 1949 hatten langfristige und weitreichende Folgen f\u00fcr die Entwicklung der Volksrepublik China. Vor allem Stalins Verhandlungen mit Liu Shaoqi und dessen R\u00fcckreise mit den ersten sowjetischen Beratern haben die politische und wirtschaftliche Entwicklung Chinas stark gepr\u00e4gt. Vieles wurde zwar erst im Freundschaftsvertrag von 1950 oder in den sp\u00e4teren Kooperationsabkommen festgeschrieben und konkretisiert, die Richtung wurde aber schon bei dem Treffen im Juli und August 1949 festgelegt. Noch wichtiger war jedoch die Herausbildung der neuen Parteispitze, der nun Mao Zedong, Zhou Enlai und Liu Shaoqi angeh\u00f6rten, und ihr Verh\u00e4ltnis zueinander. W\u00e4hrend der Kriege und B\u00fcrgerkriege hatte der Zivilist Liu eine eher untergeordnete Rolle, w\u00e4hrend Mao, Zhou und die Milit\u00e4rs die meisten Entscheidungen f\u00e4llten. Mit dem Ende der K\u00e4mpfe trat Liu als Chef des Parteiapparats und \u00fcberzeugter Anh\u00e4nger der Sowjetunion in den Vordergrund. Zhou hatte als Ministerpr\u00e4sident und Au\u00dfenminister zu einer Zeit, in der die diplomatischen Beziehungen fast ausschlie\u00dflich auf die sozialistischen Staaten begrenzt waren, weniger Einflu\u00df. Dies gilt zum Teil auch f\u00fcr Mao, dessen milit\u00e4risches Talent kaum noch gebraucht wurde, der zur Wirtschaftspolitik wenig beitragen konnte und dessen politischer und ideologischer Spielraum gerade zu Stalins Lebzeiten stark eingeschr\u00e4nkt war. In der Auseinandersetzung zwischen dem Moskau-orientierten Liu Shaoqi und dem weltoffenen \u2013 oft von Mao unterst\u00fctzten \u2013 Zhou Enlai war Liu in den f\u00fcnfziger Jahren meist der st\u00e4rkere. Erst der sino-sowjetische Konflikt und der Ausbruch der Kulturrevolution f\u00fchrten in den sechziger Jahren zum Sturz Liu Shaoqis.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Literatur:<\/strong><br \/> \t\tDieter Heinzig: Die Sowjetunion und das kommunistische China 1945-1950, Baden-Baden, 1998.<br \/> \t\tThomas Kampen: Wang Jiaxiang und der Aufstieg Mao Zedongs, Asien Nr.25, Oktober 1987.<br \/> \t\tPang Xianzhi, Mao Zedong zhuan, Beijing, 1996, 2003.<br \/> \t\tShi Zhe: Wo de yi sheng, Beijing, 2001.<\/p>\n<p> \t\tDr. Thomas Kampen<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t<a href=\"#Inhalt\"><strong>&lt;&lt; Zur\u00fcck zum Inhaltsverzeichnis<\/strong><\/a><\/p>\n<hr>\n<h2 class=\"documentFirstHeading\" style=\"text-align: justify;\">\n\t<a id=\"4\" name=\"4\">Erz\u00e4hlen Sie mal, &#8230; Frau Labitzky-Wagner <\/a><\/h2>\n<p class=\"documentDescription\" style=\"text-align: justify;\"> \t&nbsp;<\/p>\n<div id=\"parent-fieldname-text\">\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<em>In unserem zweiten Interview aus der SHAN-Reihe \u201eErz\u00e4hlen Sie mal\u2026\u201c stellen wir die Bibliothekarin Anne Labitzky-Wagner vor, die seit 2003 unerl\u00e4sslich f\u00fcr unsere Bibliothek geworden ist. SHAN hat mit ihr \u00fcber ihren Werdegang und \u00fcber ihre Zeit in China gesprochen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<strong>SHAN: Frau Labitzky-Wagner, wie sind Sie zur Sinologie gekommen und wo haben Sie studiert?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tLabitzky-Wagner: Ich war damals im sprachlichen Zweig meiner Schule, zu der Zeit gab es noch kein Kurssystem. Man konnte sich nur f\u00fcr einen mathematischen, sprachlichen, oder sozialwissenschaftlichen Zweig entscheiden. Ich selbst hatte Englisch, Franz\u00f6sisch und Latein in der Schule bis zum Abitur. Bei der Suche nach einem passenden Studienfach bin ich dann schlie\u00dflich bei Chinesisch gelandet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tStudiert habe ich hier in Heidelberg, angefangen im Wintersemester 1973. Meinen Magister habe ich im November 1981 gemacht.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Wann hatten Sie Ihren ersten China-Aufenthalt, und was war Ihre Motivation dazu?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tZum ersten Mal war ich 1974 mit einer Reisegruppe der Gesellschaft f\u00fcr deutsch-chinesische Freundschaft (GDCF) in China, ich war eines ihrer Gr\u00fcndungsmitglieder. Wir haben eine Gruppenreise gemacht und sind dann von Peking nach Xi\u2019an, Wuhan, Shanghai, Hangzhou und wieder nach Peking gereist. Studiert habe ich sp\u00e4ter in Peking von September 1977 bis M\u00e4rz 1979.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tDamals gab es noch nicht die M\u00f6glichkeit, sich seinen Studienort auszusuchen, und da ich aus der Wenyan wen kam, beziehungsweise mit klassischem Chinesisch angefangen hatte, gab es nur die Wahl zwischen Shenyang und dem Bejing Yuyan Xueyuan. Gerne h\u00e4tte ich an der Beida Kurse zur Wenyan wen gemacht, aber sehr ungern in Shenyang, weil es dort im Winter leicht unter minus 30 Grad kalt wird, das war mir viel zu viel. (lacht)<\/p>\n<p> \t\t<strong>Gab es bestimmte Erlebnisse, die Sie gepr\u00e4gt haben, bestimmte Umst\u00e4nde oder Begegnungen, an die Sie sich jetzt noch konkret erinnern k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tEs war ja praktisch noch w\u00e4hrend der Kulturrevolution. F\u00fcr Ausl\u00e4nder gab es damals noch Zuteilungsmarken, also \u201cpiao\u201d \u2013 nicht mehr f\u00fcr alles, aber zum Beispiel f\u00fcr Baumwollstoffe oder Lebensmittel. Alles war ziemlich rationiert, auch Papier. Ich denke schon, dass mich unter anderem der sparsame Umgang mit Ressourcen sehr gepr\u00e4gt hat. Ich habe auch sehr viele Leute kennengelernt, die heute nicht mehr leben, unter anderem Gladys Yang, oder den Sohn eines Mitglieds der Viererbande. Desweiteren habe ich mit Ying Ruocheng auch eine Tourneebegleitung gemacht. Ich fand es unheimlich spannend, mit diesen Leuten zu sprechen. Es war ein wunderbares Erlebnis, weil sie alle sehr bescheidene Menschen waren, die nicht gro\u00df herausgestellt haben, dass sie eigentlich Ber\u00fchmtheiten sind. Das hat mich sehr beeindruckt!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<strong>Wie haben Sie dort Ihre Freizeit gestaltet?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tFreizeitgestaltung hie\u00df damals Hausaufgaben machen. Es ging nicht mehr darum, an irgendwelchen Bewegungen teilzunehmen, sondern darum, den Schulalltag wieder in den Griff zu bekommen. Wir mussten zum Beispiel abends Nachrichten h\u00f6ren, diese mitschreiben, und das wurde dann am n\u00e4chsten Tag abgegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tWir sind abends viel mit unseren Kommilitonen spazieren gegangen, ab und zu auch mal essen, aber wie gesagt mit Einschr\u00e4nkungen. Zu meiner Zeit war es nicht m\u00f6glich, Chinesen zu Hause zu besuchen, es sei denn der Lehrer war dazu vom Revolutionskomitee aufgefordert worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tIch habe versucht, m\u00f6glichst viel zu lesen, und habe mich mit Freunden au\u00dferhalb des Instituts getroffen. Wenn man ins Kino gehen wollte musste man daf\u00fcr Karten bestellen, die man dann zugeteilt bekam, aber spontan zu sagen \u201eich gehe heute Abend ins Kino\u201c, das ging nicht. Wir hatten zwar einen Fernseher, aber das Programm war ebenfalls sehr eingeschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Wie war das Verh\u00e4ltnis zum Westen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tAlles lief sehr offiziell \u00fcber die Regierungsebene. Deutschland hatte die VR China erst&nbsp; drei bis vier Jahre zuvor anerkannt. Es waren also ganz vorsichtig gef\u00fchrte Beziehungen. Zeitungen bestellen war auch schwierig. Einige von uns hatten den Spiegel bestellt und wenn darin ein Artikel war, der nicht&nbsp; hundertprozentig gefiel, kam diese Ausgabe nicht an. \u00dcber die Botschaft hatten wir jedoch die M\u00f6glichkeit, private Sachen rauszuschicken, in denen wir uns etwas deutlicher \u00e4u\u00dfern konnten. Das haben wir zum Teil gemacht, waren sonst aber eher zur\u00fcckhaltend.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n\t\t&nbsp;<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<strong>Haben Sie auch Besuch von Verwandten bekommen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tLeider nicht. Das w\u00e4re gegangen, aber mein Vater lebte nicht mehr und meine Mutter war damals berufst\u00e4tig. Und es w\u00e4re sehr aufwendig gewesen. Telefonate waren auch schwierig, nicht von Peking nach Deutschland, sondern von Deutschland nach Peking. Meine Mutter hat mir immer Briefe geschrieben und mit mir ausgemacht, wann sie mich anrufen kann. Dann habe ich das Telefonat von Peking aus angemeldet. Spontan einmal anrufen, das ging nicht.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Wann sind Sie wieder nach China gereist?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tGar nicht. Ich war 2005 f\u00fcr f\u00fcnf Wochen in Taibei, das ich vorher nicht kennengelernt hatte. Es war eine wunderbare Erfahrung, die ich sehr genossen habe. Es war sch\u00f6n zu sehen, wie die Taiwanesen ihr \u00f6ffentliches Leben geregelt haben, das hat mich sehr beeindruckt. Bei Peking habe ich ein bisschen Angst, nicht mehr das Peking anzutreffen, das ich kennengelernt habe.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Seit wann Sind Sie hier am Institut?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tIch bin jetzt seit 2003 hier mit einer vollen Stelle als Bibliothekarin.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Was haben Sie davor gemacht?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tDavor war ich Bibliothekarin mit einer halben Stelle am Sinicum in Bochum. Das Sinicum ist eines der vier Institute im Landesspracheninstitut Nordrhein-Westfalen. Es werden dort unter anderem Intensivkurse f\u00fcr Chinesisch angeboten. Dann gibt es dort noch das Arabicum f\u00fcr Arabisch, das Japonicum f\u00fcr Japanisch und das Russicum f\u00fcr Russisch. I<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tm Sinicum gibt es Intensivkurse f\u00fcr Koreanisch, und das Arabicum bietet auch noch Kurse f\u00fcr Persisch an. Au\u00dferdem gibt es auch noch Kurse f\u00fcr das moderne Hebr\u00e4isch.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Haben Sie davon auch noch eine weitere Sprache erlernt?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tJa, allerdings nicht in Bochum. Ich habe damals in Hamburg zwei Intensivkurse f\u00fcr Japanisch. Da gab es das Japonicum noch nicht. Dar\u00fcber hinaus habe ich auch mal in das Koreanische reingeschnuppert, weil ich damals auch f\u00fcr die Koreanische Bibliothek, die nur aus zwei laufenden Metern bestand, zust\u00e4ndig war. Aber ich kann kein Koreanisch, im Japanischen beherrsche ich auch nur die Grundlagen, mehr nicht. Titelaufnahmen kann ich machen, aber richtig sprechen ist dann was anderes.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Frau Labitzky-Wagner, vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n<p> \t\tDas SHAN-Interview f\u00fchrte Christel Kemnitz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t______________<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<strong>Weiterf\u00fchrende Links<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tBeijing Yuyan Xueyuan (BLCU): <a class=\"external-link\" href=\"http:\/\/www.blcu.edu.cn\/lzb\/lx\/english\/index.htm\">http:\/\/www.blcu.edu.cn\/lzb\/lx\/english\/index.htm<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tZuteilungsmarken w\u00e4hrend der Kulturrevolution: He Weimin und seine Stoffmarken (<a class=\"external-link\" href=\"http:\/\/german.cri.cn\/401\/2008\/06\/05\/1@94618.htm\">http:\/\/german.cri.cn\/401\/2008\/06\/05\/1@94618.htm<\/a>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tGladys Yang, \u00dcbersetzerin, stirbt mit 80: <a class=\"external-link\" href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/1999\/11\/24\/world\/gladys-yang-is-dead-at-80-translated-chinese-classics.html\"> http:\/\/www.nytimes.com\/1999\/11\/24\/world\/gladys-yang-is-dead-at-80-translated-chinese-classics.html<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tYang Xianyi, Mann von Gladys Yang, ebenfalls \u00dcbersetzer, verstarb vor Kurzem mit 94 Jahren: <a class=\"external-link\" href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2009\/11\/28\/world\/asia\/28yang.html\">http:\/\/www.nytimes.com\/2009\/11\/28\/world\/asia\/28yang.html<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tYing Ruocheng, Schauspieler und Politiker: <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/news\/2004\/jan\/12\/guardianobituaries.china\" target=\"_blank\">http:\/\/www.guardian.co.uk\/news\/2004\/jan\/12\/guardianobituaries.china<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tGDCF: <a href=\"http:\/\/www.gdcf-duesseldorf.de\/verein\/gdcf\/index.html\">http:\/\/www.gdcf-duesseldorf.de\/verein\/gdcf\/index.html<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tLSI \u2013 Das Landesspracheninstitut in der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum: <a href=\"http:\/\/www.lsi-bochum.de\/\">http:\/\/www.lsi-bochum.de\/<\/a><\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t<a href=\"#Inhalt\"><strong>&lt;&lt; Zur\u00fcck zum Inhaltsverzeichnis<\/strong><\/a><\/p>\n<hr>\n<h2 class=\"documentFirstHeading\" style=\"text-align: justify;\">\n\t<a id=\"5\" name=\"5\"><span id=\"parent-fieldname-title\">\u201cIch mag das Abseitige\u201d \u2013 Interview mit der Autorin Zhang Yueran <\/span><\/a><\/h2>\n<div id=\"parent-fieldname-text\">\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<em>Die Autorin Zhang Yueran wurde 1982 in der Provinz Shandong geboren und studierte Informatik in Singapur. Schon mit 14&nbsp; ver\u00f6ffentlichte sie erste Erz\u00e4hlungen. Im September gab&nbsp; sie zusammen mit Jing Yongming eine von SHAN organisierte Lesung im Karl-Jaspers Center. Im Interview erz\u00e4hlt sie von ihren Umwegen zur Literatur, ihrem Werk und ihren Kollegen.<\/em><\/p>\n<p> \t\t<strong>SHAN: Frau Zhang, Sie haben eben bei der Lesung erw\u00e4hnt, dass Sie schon seit zwei Tagen in Deutschland sind. Zuerst waren Sie in Bonn, heute sind Sie in Heidelberg angekommen. Haben Sie sich schon ein wenig umsehen k\u00f6nnen? Wie gef\u00e4llt Ihnen die Stadt?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tZHANG: Sie hat mir sehr gut gefallen. Ich mochte das Gef\u00fchl, dass mir die Stadt vermittelt hat. Sie ist zwar geradezu winzig, macht daf\u00fcr aber einen sehr exquisiten Eindruck.<\/p>\n<p> \t\t<strong>W\u00fcrden Sie uns etwas von Ihrer Familie erz\u00e4hlen? Da sie mit 14 mit dem Schreiben begonnen haben nehme ich an, dass Sie bestimmt viel Unterst\u00fctzung von Ihren Eltern erfahren haben?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tAbsolut nicht, bei mir war genau das Gegenteil der Fall. Mein Vater unterrichtete zu dieser Zeit am Institut f\u00fcr Literatur an der Universit\u00e4t. Damals in den 90ern wollte jeder in der Wirtschaft reich werden, und die Intellektuellen waren mit der Wissenschaft sehr unzufrieden. In den Universit\u00e4ten wurden zu jener Zeit vor allem die Buchgelehrten als nutzlos betrachtet, und somit auch das Institut f\u00fcr Literatur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tSo dachte mein Vater, dass eine Besch\u00e4ftigung mit chinesischer Literatur v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssig sei. Au\u00dferdem war er der Meinung, dass ein Studium der chinesischen Literatur keinen Nutzen f\u00fcr die Kreativit\u00e4t habe. Ich konnte seine Entscheidung damals zwar nicht ganz verstehen, vertraute aber darauf, dass meine Eltern nur das Beste f\u00fcr mich wollten. Sie hofften, dass ich in der Zukunft ein besseres Leben haben w\u00fcrde. Damals war gerade die Computerindustrie im Kommen, also fing ich in Singapur ein Informatikstudium an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tIch muss sagen, dass ich w\u00e4hrend meiner Pubert\u00e4t nicht besonders rebellisch war. Und ich war auch durchaus niemand, der aus Gr\u00fcnden der Selbstverwirklichung einen Weg jenseits aller Regeln eingeschlagen h\u00e4tte. Ich glaube, dass man langsam zu sich selbst finden sollte, erkennen, was man selber mag. Dieser Prozess fing bei mir erst an, nachdem ich nach Singapur gegangen war.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Also kann man sagen, dass Sie in Singapur schlie\u00dflich erwachsen wurden und anfingen, sich selbst kreativ zu verwirklichen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tJa, das kann man so sagen.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Inzwischen sind Sie sehr erfolgreich und verf\u00fcgen nicht nur in China \u00fcber eine breite Leserschaft, auch Ihre Leser au\u00dferhalb Chinas werden immer mehr. Ihre Werke wurden bereits in die englische Sprache \u00fcbersetzt und einige Werke nun auch ins Deutsche. Was ist Ihr n\u00e4chstes Ziel? Was hoffen Sie, als n\u00e4chstes f\u00fcr sich selbst zu erreichen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tIch hoffe von mir selbst, dass ich eine flei\u00dfige Autorin werde. Denn flei\u00dfig sein ist nicht immer leicht f\u00fcr einen Autor. Andere verweisen immer mit \u00fcbertriebenem Nachdruck auf das Talent eines Schriftstellers, aber in Wahrheit ist der Flei\u00df das Wichtigste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tFlei\u00df schlie\u00dft beispielsweise auch mein Hiersein ein. Diese Veranstaltung ist ein wichtiger internationaler Austausch, das finde ich gut. Aber solche Veranstaltungen kosten uns Schriftsteller immer sehr viel Zeit. Viele Autoren beteiligen sich an solchen internationalen Austauschveranstaltungen, dann kommen noch inl\u00e4ndische und viele weitere Veranstaltungen hinzu. Deshalb ist es sehr schwer sicherzustellen, dass man Zeit zum Schreiben findet. Aus diesem Grund w\u00fcnsche ich mir f\u00fcr mich selbst, dass ich es schaffe, eine flei\u00dfige Autorin zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<strong>Als die Moderatorin vorhin Ihren Lebenslauf vorgestellt hat ist mir aufgefallen, dass jedes Buch aus der Reihe \u201eKarpfen\u201c, an der Sie in letzter Zeit arbeiten, den Aspekt Geist oder Herz im Titel tr\u00e4gt, und dass alle mit den Gef\u00fchlen der Menschen zu tun haben. Es ist etwas Neues, ein Buch so zu gestalten, weil es solche Buchreihen, sogenannte Serienpublikationen, in China eigentlich nicht gibt, oder?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tEs stimmt, diese Form war fr\u00fcher kaum verbreitet, weil sie besonders die Thematik betont. Deshalb bereitet sie den Editoren gro\u00dfe Probleme, sie m\u00fcssen ein Thema vorgeben und anschlie\u00dfend daf\u00fcr sorgen, dass alle Autoren abliefern. Ein weiterer Aspekt ist, dass alle diese Themen aus dem Bereich der Literatur stammen. Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass der Gro\u00dfteil unserer Leser solche Gef\u00fchle von Einsamkeit oder Neid selbst kennt. Es gibt unz\u00e4hlige Werke, die diese Gef\u00fchle zum Ausdruck bringen, deshalb denke ich, dass sie ein Teil unseres Lebens sind. Ein jeder von uns kann \u00fcber derartige Dinge berichten, denn sie sind ein Gef\u00fchl aus den Tiefen unseres Herzens. Es sind wichtige Aussagen, die sich in der gesamten Literaturgeschichte und ihren Klassikern wiederfinden lassen, deshalb denke ich, dass sie die Literatur mit unserem Leben verbinden. Man findet f\u00fcr diese und die eigenen Gef\u00fchle sehr leicht die entsprechenden Ausdr\u00fccke in der Literatur.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Wer ist Ihr Vorbild unter den zeitgen\u00f6ssischen chinesischen Schriftstellern?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tAm meisten mag ich tats\u00e4chlich Autoren wie Mo Yan und Yu Hua, die besten Schriftsteller Chinas. Sie sind jeweils f\u00fcr sich herausragend und haben eine einzigartige Stellung. Was ihre Werke angeht ist keiner von beiden ein Vorbild f\u00fcr mich, da der Unterschied zwischen dem, was sie und ich in unseren Werken behandeln, viel zu gro\u00df ist. Au\u00dferdem sind sie M\u00e4nner und sprechen mich deshalb nicht so direkt an. Aber was ihre Werke angeht besitzt jeder von ihnen etwas Besonderes.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Und wie ist es mit ausl\u00e4ndischen Schriftstellern?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tUnter den ausl\u00e4ndischen Schriftstellern mag ich beispielsweise die britische Schriftstellerin Angela Carter sehr, au\u00dferdem Nabokov und Marguerite Yourcenar, die historische Romane geschrieben hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\t<strong>In China gab es fr\u00fcher nur sehr wenig Frauenliteratur, dieser Trend kam erst in den letzten Jahren auf. Auch wenn es jetzt immer mehr werden, so gibt es doch nur wenige weibliche Autoren, die auch Frauenliteratur schreiben. Was ist Ihrer Meinung nach Frauenliteratur, und was ist ihre Funktion?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tIch bin der Meinung, dass Frauenliteratur in China damals wie heute kein gutes Wort ist, da es die Leute dazu verleitet, diese Form der Literatur zu untersch\u00e4tzen. Untersch\u00e4tzt wird sie, weil sie keinen Ursprung hat und scheinbar nur entsteht, damit Literaturstudenten Forschung betreiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tIm Westen k\u00f6nnen sie Virginia Wolf, Jane Austin, George Sand und viele weitere Quellen f\u00fcr Frauenliteratur entdecken. Auch die chinesischen Schriftstellerinnen k\u00f6nnen Wolf und Austin lesen, aber das Problem hier ist, dass die kulturellen Hintergr\u00fcnde unvereinbar sind. Es ist anzunehmen, dass chinesische Autorinnen diese Klassiker nicht vollst\u00e4ndig zu verwenden wissen. Die Frauen des alten China waren still, sie hatten keine Stimme. Diese sehr lange Geschichte hat zur Folge, dass die chinesischen Frauen von Heute sich nicht pl\u00f6tzlich in eine \u00f6stliche Virginia Wolf verwandeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Sind Sie der Ansicht, dass die meisten zeitgen\u00f6ssischen chinesischen Autoren autobiographisch schreiben?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tNicht alle, lediglich zu Zeiten von Wei Hui und Mian Mian wurden den Menschen autobiographische Eindr\u00fccke vermittelt. Heute ist das nicht mehr so, aber nach wie vor wird die eigene Person verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig stark wiedergespiegelt. Das hat mit der Pers\u00f6nlichkeit der Autorinnen zu tun. Sie nutzen f\u00fcr ihre Geschichten einen emotionalen Rahmen und m\u00f6gen es deshalb nat\u00fcrlich, mit selbst erlebten Ereignissen Emotionen zu wecken. Ihre eigene Geschichte ist das Hauptthema ihres Schaffens. Das ist nicht gut, wirklich simpel und kleingeistig. Deshalb haben diejenigen die sagen, dass Autorinnen grunds\u00e4tzlich autobiographisch schreiben, auch ein bisschen Recht. An erster Stelle bringen sie ihre eigenen Gef\u00fchle zum Ausdruck.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Also entstammt ihre kreative Quelle pers\u00f6nlichen Erfahrungen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t\tDas denke ich nicht, ich mag das ein wenig Abseitige. Durch Phantasie kann man eine zweite Realit\u00e4t mit bizarren Dingen erschaffen. Auf der Basis von Gef\u00fchlen ist es schwierig sein Frausein abzulegen, anscheinend ist das nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p> \t\t<strong>Frau Zhang, vielen Dank f\u00fcr das Interview!<\/strong><\/p>\n<p> \t\tDas Interview f\u00fchrte Wan Li.<br \/> \t\tAus dem Chinesischen ins Deutsche \u00fcbersetzte Katja Modis.<\/p>\n<p> \t\t___________-<\/p>\n<p> \t\tWeiterf\u00fchrende Links:<\/p>\n<p> \t\tZhang Yueran und die Zehn Lieben (Engl.) <a class=\"external-link\" href=\"http:\/\/en.invest.china.cn\/english\/NM-e\/110114.htm\">http:\/\/en.invest.china.cn\/english\/NM-e\/110114.htm<\/a><\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \t<a href=\"#Inhalt\"><strong>&lt;&lt; Zur\u00fcck zum Inhaltsverzeichnis<\/strong><\/a><\/p>\n<hr>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>INHALT Most wanted: Nachfolge f\u00fcr Professor Wagner Wer wird es werden? Und wer hat sich \u00fcberhaupt beworben? 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