{"id":2748,"date":"2020-12-01T00:00:00","date_gmt":"2020-11-30T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/shan-hd.de\/index.php\/2020\/12\/01\/aktuelle-tendenzen-der-chinesischen-minderheitenpolitik-zur-reform-der-zweisprachigen-schulbildung-in-der-inneren-mongolei-teil-2-analyse\/"},"modified":"2020-12-01T00:00:00","modified_gmt":"2020-11-30T23:00:00","slug":"aktuelle-tendenzen-der-chinesischen-minderheitenpolitik-zur-reform-der-zweisprachigen-schulbildung-in-der-inneren-mongolei-teil-2-analyse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/shan-hd.de\/index.php\/2020\/12\/01\/aktuelle-tendenzen-der-chinesischen-minderheitenpolitik-zur-reform-der-zweisprachigen-schulbildung-in-der-inneren-mongolei-teil-2-analyse\/","title":{"rendered":"Aktuelle Tendenzen der chinesischen Minderheitenpolitik: Zur \nReform der zweisprachigen Schulbildung in der Inneren Mongolei. Teil 2: \nAnalyse"},"content":{"rendered":"<figure class=\"image\"><a class=\"cke-saved-href\" data-widget=\"image\" href=\"https:\/\/www.languageonthemove.com\/will-education-reform-wipe-out-mongolian-language-and-culture\/\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"Ein Hirte bewacht die mongolische Schrift\" data-node-id=\"\/2\/477\/478\/850\/851\/133921\/312543\" height=\"299\" src=\"https:\/\/shan-hd.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/fittosize_400_299_846fc6bb25307e5b2a8dc9d25f9c93c5_nl_106_2_-2.jpg\" style=\"border-style: solid; border-width: 0px; border-color: black; margin: 0px;\" width=\"400\"><\/a><figcaption>Ein Hirte bewacht die Mongolische Schrift. Foto: Ayin. Quelle: <a href=\"https:\/\/www.languageonthemove.com\/will-education-reform-wipe-out-mongolian-language-and-culture\/\">https:\/\/www.languageonthemove.com\/will-education-reform-wipe-out-mongolian-language-and-culture\/<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der <a href=\"https:\/\/www.zo.uni-heidelberg.de\/sinologie\/shan\/nl-archiv\/2020_NL105_2.html\">im Newsletter 105 ver\u00f6ffentlichte Text<\/a><br \/>\n ist die deutsche \u00dcbersetzung eines am 22. Juli 2020 auf WeChat<br \/>\nverbreiteten (und dort am 24. August 2020 entfernten) Manifests gegen<br \/>\ndie Pl\u00e4ne der Kultusbeh\u00f6rden, das Mongolische als Unterrichtssprache in<br \/>\nden Minderheitenschulen der Inneren Mongolei abzuwerten und<br \/>\nm\u00f6glicherweise nur noch als einzelnes Fach in sonst chinesischsprachigen<br \/>\n Schulen anzubieten. Eigentlich sehen die chinesische Verfassung sowie<br \/>\ndas Autonomiegesetz f\u00fcr die Nationalit\u00e4tengebiete (<em>Minzuqu zizhifa<\/em><br \/>\n \u6c11\u65cf\u5340\u57df\u81ea\u6cbb\u6cd5) die Pflege der verschiedenen nicht-sinitischen Sprachen Chinas<br \/>\n vor. Dementsprechend ist \u2013 zumindest f\u00fcr die sprecherreicheren und auf<br \/>\neine eigene schriftsprachliche Tradition blickenden Minderheiten \u2013 die<br \/>\nM\u00f6glichkeit, die Schulbildung zum Teil oder ganz in der eigenen<br \/>\nMuttersprache zu absolvieren, lange Zeit ein wichtiger, wenn auch<br \/>\nunvollkommen ungesetzter und immer wieder gef\u00e4hrdeter Aspekt der<br \/>\nchinesischen Minderheitenpolitik gewesen. Das mongolischsprachige<br \/>\nBildungswesen Chinas bietet bislang vielen Mongolen die M\u00f6glichkeit, die<br \/>\n Pflichtschulausbildung in den Grund- und Mittelschulen und sogar einige<br \/>\n universit\u00e4re Studieng\u00e4nge auf mongolisch zu absolvieren. Diese<br \/>\nStudieng\u00e4nge an den innermongolischen Universit\u00e4ten ziehen sogar<br \/>\nStudierende aus anderen Provinzen Chinas mit mongolischer Minderheit und<br \/>\n aus der Republik Mongolei an (Golik 2019, 56).<\/p>\n<h2 id=\"anker_ZweisprachigeBildunginch\" style=\"text-align: justify;\">\u201eZweisprachige Bildung\u201c in chinesischen Minderheitengebieten<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das System der Minderheitenbildung in<br \/>\nChina ist seit jeher vielf\u00e4ltig und voller Widerspr\u00fcche. Vage politische<br \/>\n Vorgaben der Zentralregierung lassen den lokalen Beh\u00f6rden und sogar den<br \/>\n einzelnen Schulen einen weiten Interpretations- und Handlungsspielraum.<br \/>\n Trotz erheblicher Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen und<br \/>\nMinderheiten ist jedoch seit den 1990ern eine deutliche Tendenz der<br \/>\nZunahme chinesischsprachiger und Abnahme regionalsprachlicher Anteile<br \/>\nfestzustellen. Begr\u00fcndet wurde dies zun\u00e4chst oft mit der schlechteren<br \/>\nQualit\u00e4t des Bildungswesens in Minderheitensprachen; sp\u00e4ter jedoch auch<br \/>\nzunehmend mit dem Erfordernis nationalen Zusammenhalts. Proponenten<br \/>\neiner \u201eMinderheitenpolitik zweiter Generation\u201c (<em>di-er dai minzu zhengce<\/em><br \/>\n \u7b2c\u4e8c\u4ee3\u6c11\u65cf\u653f\u7b56) halten die bestehenden Regelungen, die den Minderheiten die<br \/>\nPflege ihrer eigenen Sprachen und Kulturen zugestehen, f\u00fcr ein<br \/>\nunzeitgem\u00e4\u00dfes sowjetisches Erbe. Sie f\u00fchren den Zerfall der Sowjetunion<br \/>\nzu einem Gro\u00dfteil auf diese Politik regionaler Autonomie zur\u00fcck und<br \/>\nglauben, dass entsprechende Regelungen in China dem Separatismus<br \/>\nf\u00f6rderlich und der nationalen Stabilit\u00e4t abtr\u00e4glich seien; zudem st\u00fcnden<br \/>\n differenzierte Ma\u00dfnahmen dem Fortschritt und der gleichm\u00e4\u00dfigen<br \/>\nEntwicklung des Landes im Wege. Stattdessen fordern sie eine<br \/>\n\u201eSchmelztiegel-\u201cPolitik nach dem vermeintlichen Vorbild der USA, die den<br \/>\n Minderheiten nur pers\u00f6nliche Gleichheitsrechte zugesteht, aber<br \/>\nkeinerlei kulturelle Autonomie. Die Zentralisierungstendenzen in der<br \/>\nMinderheitenpolitik haben sich seit dem Amtsantritt von Xi Jinping als<br \/>\nParteisekret\u00e4r und Staatspr\u00e4sident betr\u00e4chtlich verst\u00e4rkt und finden nun<br \/>\n Unterst\u00fctzung von h\u00f6chster politischer Stelle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am fr\u00fchesten und umfassendsten wurde der<br \/>\n Gebrauch lokaler Sprachen im Bildungswesen in Xinjiang zur\u00fcckgefahren.<br \/>\nSeit 2002 f\u00fchren die Universit\u00e4ten in Xinjiang, die vordem fast alle<br \/>\nStudieng\u00e4nge auch auf Uigurisch angeboten hatten, den gesamten<br \/>\nUnterricht mit Ausnahme von Chaghatai-Kursen (der klassischen<br \/>\nSchriftsprache der Turkv\u00f6lker in Zentralasien) mit chinesischen<br \/>\nLehrmaterialen und in chinesischer Sprache durch. Im Jahre 2004 gaben<br \/>\ndas Parteikomitee und die Regierung des stark uigurisch gepr\u00e4gten<br \/>\nBezirks Khotan im S\u00fcden Xinjiangs das politische Ziel bekannt, dass der<br \/>\nGebrauch der Minderheitensprachen wie des Uigurischen und des<br \/>\nKasachischen im Schulwesen gr\u00f6\u00dftenteils auf das Studium dieser Sprachen<br \/>\nselbst zu begrenzen sei. Ebenso wurden ab 2004 in ganz Xinjiang die<br \/>\ngetrennten Schulsysteme f\u00fcr Han und Minderheiten zusammengelegt, ein<br \/>\nProzess, der zumindest in st\u00e4dtischen Regionen 2008 abgeschlossen war.<br \/>\nUnterricht in lokalen Sprachen fand in solchen \u201egemeinsamen<br \/>\nNationalit\u00e4ten-Han-Schulen\u201c (<em>min-han hexiao<\/em> \u6c11\u6f22\u5408\u6821) nur noch<br \/>\nvereinzelt statt, teilweise auch dergestalt, dass Kinder gleichzeitig<br \/>\ndasselbe Fach (zum Beispiel Mathematik) auf chinesisch und auf<br \/>\nniedrigerem Niveau in der lokalen Sprache belegten. In der Folgezeit<br \/>\nerhielt das Chinesische \u201efast vollst\u00e4ndig Vorzug gegen\u00fcber den<br \/>\nMuttersprachen der Minderheiten in Xinjiang\u201c (Schluessel 2007, 258).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnliche Prozesse finden ebenfalls in<br \/>\nden tibetischsprachigen Gebieten statt. In Umsetzung des nationalen<br \/>\nBildungs-Entwicklungsplans f\u00f6rdern auch die Provinzen mit<br \/>\ntibetischsprachigen Bev\u00f6lkerungen in ihren f\u00fcr 2010-2020 geltenden<br \/>\nBildungspl\u00e4nen \u201ezweisprachige Bildung\u201c. Der Plan der Autonomen Region<br \/>\nTibet f\u00fcr 2010-2020 sieht vor, dass \u201edie Schulen \u2026 die tibetische<br \/>\nUmgangs- und Schriftsprache und die gemeinsame Umgangs- und<br \/>\nSchriftsprache des Landes zur grundlegenden Unterrichtssprache und<br \/>\n-Schrift machen, Mandarin-Unterricht verbreiten und<br \/>\nFremdsprachenunterricht wertsch\u00e4tzen sollten\u201c. Der entsprechende Plan<br \/>\nder Provinz Qinghai geht noch weiter und sieht ausdr\u00fccklich eine<br \/>\nzweisprachige Erziehung vor, \u201edie prim\u00e4r auf der gemeinsamen Schrift-<br \/>\nund Umgangssprache des Landes und sekund\u00e4r auf den Schrift- und<br \/>\nUmgangssprachen der jeweiligen Nationalit\u00e4ten beruht.\u201c Dieser Passus<br \/>\nf\u00fchrte zu betr\u00e4chtlichen Protesten, die jedoch die Gesamtausrichtung der<br \/>\n Politik im tibetischen Sprachgebiet nicht zu \u00e4ndern vermochten: Wiewohl<br \/>\n die Umsetzung der Politik \u201ezweisprachiger Erziehung\u201c von Ort zu Ort<br \/>\nbetr\u00e4chtlich variiert, bevorzugt sie in der Praxis doch fast immer die<br \/>\nchinesische Sprache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl nur weniger als 20% der<br \/>\nBev\u00f6lkerung der Inneren Mongolei ethnische Mongolen sind, war die Lage<br \/>\ndes Mongolischen im innermongolischen Bildungswesen bislang im Vergleich<br \/>\n zur Situation in Xinjiang und Tibet noch relativ stabil. Zum einen<br \/>\nt\u00e4uscht der relativ niedrige Anteil an der Gesamtbev\u00f6lkerung dar\u00fcber<br \/>\nhinweg, dass viele Mongolen in l\u00e4ndlichen Gemeinden leben, in denen sie<br \/>\ndie absolute Mehrheit stellen, und in denen das Mongolische noch die<br \/>\nVerkehrssprache ist. Zum anderen kennt die innere Mongolei kaum<br \/>\nseparatistische Bewegungen, w\u00e4hrend die vielf\u00e4ltigen Beziehungen zur<br \/>\nbenachbarten Republik Mongolei es den Mongolen in China gleichzeitig<br \/>\nerleichtern, ihre Sprache zu bewahren. Mongolische Kader sind in der<br \/>\nKommunistischen Partei Chinas vergleichsweise gut vertreten und gelten<br \/>\nals relativ gewandt darin, die Sprache der Partei zu sprechen, um ihre<br \/>\neigenen Interessen zu wahren, wie auch das vorliegende Manifest zeigt.<br \/>\nDa die innermongolische Gesellschaft aus Pekinger Sicht recht gut<br \/>\n\u201elesbar\u201c ist, gilt sie als wenig problematisch und steht daher weniger<br \/>\nim direkten Fokus nationalstaatlicher Assimilierungs\u00acversuche (Atwood<br \/>\n2020).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Inneren Mongolei hatte das<br \/>\nMongolische daher bislang noch vielfach den Status einer vollwertiger<br \/>\nUnterrichtssprache bewahren k\u00f6nnen. Doch auch dort steht die<br \/>\nmuttersprachliche Bildung seit den 1990ern unter Druck. Vorschl\u00e4ge, das<br \/>\nMongolische als Bildungssprache abzuschaffen, wurden im Jahr 1993<br \/>\nvorgebracht, aber nicht umgesetzt, weil sie auf breite Ablehnung der<br \/>\nmongolischen Eliten und mit ihnen sympathisierender Han-Kader trafen<br \/>\n(Atwood 2020). Der Bildungsplan der Inneren Mongolei f\u00fcr 2010-2020<br \/>\nbetont ebenso wie seine Entsprechungen in anderen Provinzen die<br \/>\nF\u00f6rderung \u201ezweisprachiger Bildung\u201c, und sieht zwei Modelle f\u00fcr das<br \/>\nmongolische Erziehungswesen vor:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Arbeit an zweisprachiger Bildung<br \/>\nverst\u00e4rken. Allseits die Arbeit an der zweisprachigen Bildung<br \/>\nverst\u00e4rken; aktiv den zweisprachigen Unterricht mit den Umgangs- und<br \/>\nSchriftsprachen der nationalen Minderheiten und der chinesischen<br \/>\nUmgangs- und Schriftsprache als Unterrichtssprache f\u00f6rdern; das Recht<br \/>\nder nationalen Minderheiten respektieren und garantieren, Bildung in<br \/>\nihren eigenen Umgangs- und Schriftsprachen zu erhalten; mit voller Kraft<br \/>\n die gemeinsame Umgangs- und Schriftsprache des Landes verbreiten. Die<br \/>\nGrund- und Mittelschulen der mongolischen Minderheit m\u00fcssen entweder das<br \/>\n zweisprachige Unterrichtsmodell ausf\u00fchren, bei dem das Mongolische<br \/>\n\u00fcberwiegt und Chinesisch zus\u00e4tzlich unterrichtet wird, oder dasjenige,<br \/>\nbei dem das Chinesische \u00fcberwiegt und die mongolische Umgangs- und<br \/>\nSchriftsprache zus\u00e4tzlich unterrichtet wird, damit die Absolventen<br \/>\nZweisprachigkeit im Mongolischen und Chinesischen erlangen.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zahl von Minderheitenschulen, die<br \/>\nnach dem ersten Modell arbeiten (Mongolisch als Hauptsprache, Chinesisch<br \/>\n als Zusatzsprache), geht seit Jahren zur\u00fcck, vor allem, weil im Zuge<br \/>\nder verst\u00e4rkten Urbanisierung viele l\u00e4ndliche Schulen geschlossen<br \/>\nwerden. Doch auch der direkte politische Druck auf die mongolische<br \/>\nSprache hat zugenommen. Das Bildungsministerium in Peking verlangt seit<br \/>\n2017 chinaweit einheitliche chinesischsprachige Lehrb\u00fccher in den drei<br \/>\npolitisch sensiblen F\u00e4chern Sprache und Literatur, Politik, sowie<br \/>\nGeschichte. Diese Ma\u00dfnahme wurde noch im selben Jahr in Xinjiang und<br \/>\nseit 2018 in Tibet umgesetzt. In Xinjiang betraf diese Umstellung im<br \/>\nbesonderen Ma\u00dfe die Schulen der dortigen mongolischen (oiratischen)<br \/>\nMinderheit, in denen die mongolische Sprache noch Unterrichtssprache<br \/>\nwar, da in den turksprachigen Gebieten der entsprechende Unterricht<br \/>\nschon seit den 2000ern auf chinesisch durchgef\u00fchrt wird. In der Inneren<br \/>\nMongolei wurde 2018 die Umstellung auf chinesischsprachigen Unterricht<br \/>\nzun\u00e4chst abgewendet, weil mongolische Parteikader und Intellektuelle<br \/>\nwieder einmal erheblichen Widerstand dagegen mobilisieren konnten.<\/p>\n<h2 id=\"anker_BildungsreformenundSprac\" style=\"text-align: justify;\">Bildungsreformen und Sprachproteste in der Inneren Mongolei<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit 2019 hat jedoch, wie im folgenden<br \/>\nManifest beschrieben, das Bildungsministerium in Peking den Druck auf<br \/>\ndie Innere Mongolei erh\u00f6ht, die Vorgaben bez\u00fcglich der einheitlichen<br \/>\nLehrb\u00fccher umzusetzen. Zus\u00e4tzlich zu den internen politischen Faktoren,<br \/>\ndie eine immer st\u00e4rkere Homogenisierung innerhalb Chinas gem\u00e4\u00df den Ideen<br \/>\n der \u201eMinderheitenpolitik zweiter Generation\u201c bedingen, spekulieren die<br \/>\nrenommierten Anthropologen Uradyn Bulag und Caroline Humphrey auch \u00fcber<br \/>\neinen externen Faktor. Bislang waren die Innermongolen von den Mongolen<br \/>\nin der Republik Mongolei durch eine trotz dialektaler Differenzen immer<br \/>\nnoch gemeinsame Umgangssprache vereint, aber in ihrer Schriftsprache<br \/>\ngetrennt. Nun hat aber die mongolische Regierung im M\u00e4rz 2020 ihre<br \/>\nAbsicht bekr\u00e4ftigt, die auch in der Inneren Mongolei benutzte<br \/>\ntraditionelle Schrift und Rechtschreibung bis 2025 wieder einzuf\u00fchren.<br \/>\nDie Schw\u00e4chung des Mongolischen im innermongolischen Schulwesen w\u00e4re<br \/>\ndamit m\u00f6glicherweise ein Schritt, um panmongolischen Tendenzen<br \/>\nvorzubeugen, die m\u00f6glicherweise durch die gemeinsame Schrift beg\u00fcnstigt<br \/>\nwerden k\u00f6nnten (Bulag &amp; Humphrey 2020). Umgekehrt haben die<br \/>\ninnermongolischen Reformen ungew\u00f6hnlich viel Aufmerksamkeit in der<br \/>\nRepublik Mongolei erregt, wo sogar der ehemalige Staatspr\u00e4sident<br \/>\nTsakhiagiin Elbegdorj scharfe Kritik an der chinesischen Politik \u00fcbte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lokale Beh\u00f6rden begannen im Sommer 2020<br \/>\ndamit, Vorbereitungen f\u00fcr die Umsetzung der Politik landeseinheitlicher<br \/>\nLehrb\u00fccher und m\u00f6glicherweise f\u00fcr eine weitergehende Abschaffung<br \/>\nmongolischsprachigen Unterrichts zu treffen. Dies betraf vor allem die<br \/>\nJirim-Liga (1999 in Stadt Tongliao umbenannt), eine im Osten der Inneren<br \/>\n Mongolei gelegenen Region, die an die Provinzen Liaoning und Jilin<br \/>\nangrenzt. Die Jirim-Liga ist stark mongolisch gepr\u00e4gt und hat einen weit<br \/>\n \u00fcberdurchschnittlichen mongolischen Bev\u00f6lkerungsanteil von etwa 46%.<br \/>\nSie beheimatet demnach auch die gr\u00f6\u00dfte mongolischsprachige Gemeinschaft<br \/>\nChinas, deren lokaler Khorchin-Dialekt auch die sprecherreichste<br \/>\nVariante der mongolischen Sprache in China ist. Dieser Dialekt ist vom<br \/>\nbislang durch die Schulbildung vermittelten Schriftmongolischen<br \/>\nvergleichsweise weit entfernt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon diese Vorbereitungen der<br \/>\nKultusbeh\u00f6rden l\u00f6sten erheblichen Widerstand innerhalb der<br \/>\nmongolischsprachigen Gemeinde aus, obgleich es noch keine offizielle<br \/>\nAnk\u00fcndigung gab und Kenntnis \u00fcber die Regierungspl\u00e4ne noch sehr vage<br \/>\nwaren. Widerstand kam aus allen Regionen \u2013 neben der Jirim-Liga ist auch<br \/>\n die Region Shiliin Gol hervorzuheben, deren Dialekt als<br \/>\ninnermongolischer Standard gilt \u2013 und aus allen gesellschaftlichen<br \/>\nSchichten. Professor Jakhadai Chimeddorji, ein renommierter Historiker<br \/>\nmit einem Doktortitel aus Bonn, vertrat in einem neunmin\u00fctigen Video<br \/>\neine \u00e4hnliche Position, wie sie der vorliegende Text vertritt. Daraufhin<br \/>\n wurde er am 7. August seines Amtes als Direktor des Zentrums f\u00fcr<br \/>\nMongolistik der Universit\u00e4t der Inneren Mongolei enthoben. B\u00fcrger haben<br \/>\ntausende Petitionen gegen die neue Politik unterzeichnet und teilweise<br \/>\nauch auf offener Stra\u00dfe und in den Schulen protestiert. Viele Eltern<br \/>\nweigerten sich, ihre Kinder in die Schulen zu schicken, falls die neue<br \/>\nPolitik durchgesetzt werde. Solche Proteste k\u00f6nnen zu erheblichen<br \/>\njuristischen und wirtschaftlichen Konsequenzen f\u00fchren. Die Teilnahme an<br \/>\n\u00f6ffentlichem Protest und das Verbreiten von \u201esensiblen Informationen\u201c (<em>mingan xinxi<\/em> \u654f\u611f\u4fe1\u606f) im Internet wird gem\u00e4\u00df den chinesischen Gesetzen als \u201eProvozieren von Streit und Unruhestiftung\u201c (<em>xunxin zishi<\/em> \u5c0b\u91c1\u6ecb\u4e8b) oder \u201eVerbreiten von Ger\u00fcchten\u201c (<em>sanbu yaoyan<\/em><br \/>\n \u6563\u5e03\u8b20\u8a00) gewertet und zumeist mit mehrt\u00e4giger Administrativhaft bestraft.<br \/>\nDie Polizei ver\u00f6ffentlichte Bildaufnahmen zahlreicher Demonstranten im<br \/>\nInternet und lobte Belohnungen f\u00fcr Hinweise zu ihrer Identit\u00e4t aus.<br \/>\nWeiterhin drohen diverse \u00f6ffentliche Bekanntmachungen lokaler Beh\u00f6rden<br \/>\nden Eltern, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken, eine ganzen Reihe<br \/>\n von Sanktionen an: Aussetzung von Arbeit und Lohn, Streichung<br \/>\nstaatlicher Beg\u00fcnstigungen und des Zugangs zu Krediten, Benutzungsverbot<br \/>\n f\u00fcr Zug und Bahn, Beschr\u00e4nkungen f\u00fcr Hotelbuchungen, nebst weiteren<br \/>\nBeschr\u00e4nkungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Angesichts der massiven Proteste<br \/>\nver\u00f6ffentlichte das Bildungsdepartement der Autonomen Region Innere<br \/>\nMongolei am 28. August eine Pressemeldung, der gem\u00e4\u00df man nur die<br \/>\nUmsetzung der Politik landesweit einheitlicher Lehrb\u00fccher in den drei<br \/>\nF\u00e4chern Sprache und Literatur, Geschichte sowie Politik bezwecke. Nach<br \/>\nder Durchf\u00fchrung dieses Plans w\u00fcrden keine weiteren \u00c4nderungen<br \/>\nvorgenommen. Die Pressemeldung fasste dieses Versprechen in einem sp\u00e4ter<br \/>\n als \u201ef\u00fcnf Nicht-\u00c4nderungen\u201c (<em>wu ge bu bian<\/em> \u4e94\u7b87\u4e0d\u8b8a) bekannt gewordenen Katalog zusammen:<\/p>\n<ol>\n<li style=\"text-align: justify;\">Es werde keine \u00c4nderungen im Curriculum anderer F\u00e4cher geben;<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Es werde dar\u00fcber hinaus keine \u00c4nderung der Lehrb\u00fccher geben;<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Es werde keine \u00c4nderungen in der Unterrichtssprache und -Schrift geben;<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Die Stundenanzahl in den F\u00e4chern<br \/>\n\u201eMongolisch\u201c und \u201eKoreanisch\u201c bleibe unver\u00e4ndert (zus\u00e4tzlich zur der<br \/>\nmongolischen hat auch die koreanische Minderheit eigene Schulen in der<br \/>\nAutonomen Region Innere Mongolei);<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Es werde keine \u00c4nderung des Modells minderheitensprachlicher Bildung geben.<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Versicherung vermochte die Gem\u00fcter<br \/>\n aber nicht zu beruhigen. Zwar w\u00fcrde, wenn es tats\u00e4chlich dabei bliebe,<br \/>\ndie Bildungsreform weniger drastisch ausfallen als zun\u00e4chst bef\u00fcrchtet.<br \/>\nDie Verlautbarung bedeutet \u2013 zumindest auf den ersten Blick \u2013 einen<br \/>\nKompromiss zwischen dem alten (mongolische Bildung mit Zusatzunterricht<br \/>\nf\u00fcr Chinesisch) und dem neuen Modell (chinesische Bildung mit<br \/>\nZusatzunterricht f\u00fcr Mongolisch). Das Chinesische wird aufgewertet, aber<br \/>\n weitere F\u00e4cher werden weiterhin auf mongolisch unterrichtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Erkl\u00e4rung als solche best\u00e4tigt aber<br \/>\ngleichzeitig auch, wie sehr die mongolische Sprache unter Druck steht.<br \/>\nZum einen werden gerade die sprachintensiven F\u00e4cher sinisiert, die f\u00fcr<br \/>\ndie Erhaltung schriftsprachlicher Kompetenz besonders wichtig sind. Zum<br \/>\nanderen deuten auch die Inhalte der Reform auf eine erhebliche<br \/>\nHerabstufung des Mongolischen hin. Das Fach \u201eSprache und Literatur\u201c ohne<br \/>\n Zusatz bezieht sich nicht mehr wie ehedem auf die Muttersprache der<br \/>\nSch\u00fcler, sondern auf das Chinesische. Trotz der Versicherung, es werde<br \/>\nkeine \u00c4nderungen in den Lehrwerken geben, weisen die Neudrucke der<br \/>\nLehrb\u00fccher f\u00fcr Sprache und Literatur vom Juli 2020 zahlreiche \u00c4nderungen<br \/>\n im Vergleich zu den Vorg\u00e4ngern auf, die chinesische Inhalte gegen\u00fcber<br \/>\nmongolischer Literatur und Tradition in den Vordergrund r\u00fccken. So wurde<br \/>\n zum Beispiel die Geschichte von Dschingis Khans Aufstieg auf den<br \/>\nBurchan Chaldun gestrichen; ebenso das Gedicht \u201emeine Heimat\u201c (minu<br \/>\nnutu\u03b3) von D. Natsagdorj gestrichen und durch eine \u00dcbersetzung von Mao<br \/>\nZedongs \u201edem Volke dienen\u201c (<em>Arad t\u00fcmen-d\u00fc \u00fcyileciley-e<\/em>; original <em>wei renmin fuwu<\/em> \u7232\u4eba\u6c11\u670d\u52d9) ersetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit der Erkl\u00e4rung vom 28. August<br \/>\nver\u00f6ffentlichen innermongolische Medien fortw\u00e4hrend Artikel, die den<br \/>\nWert des Chinesischen als Nationalsprache betonen. Ba\u03b3atur, ein aus der<br \/>\nProvinz Liaoning stammender ethnisch mongolischer Politiker, der in<br \/>\nPeking mehrere hohe \u00c4mter innehat, betonte, es sei die gemeinsame<br \/>\nVerantwortung aller Nationalit\u00e4ten, die Nationalsprache gut anwenden zu<br \/>\nlernen. Der stellvertretende Parteisekret\u00e4r der Inneren Mongolei,<br \/>\nAltansang, meinte, dass zu diesem Zwecke bilinguale Kinderg\u00e4rten und<br \/>\ngemischte Schulen gef\u00f6rdert werden sollen. Die Innermongolische<br \/>\nTageszeitung zitierte Generalsekret\u00e4r Xi Jinping mit der Aussage, es<br \/>\nm\u00fcssten gemischte Schulen und gemischte Klassen mit dem Ziel gemeinsamen<br \/>\n Lernens gef\u00f6rdert werden. \u00c4hnliche Ma\u00dfnahmen haben im Xinjiang der<br \/>\n2000er, wie oben beschrieben, nicht zu einem gleichberechtigten<br \/>\nNebeneinander der Sprachen, sondern effektiv zu einer Marginalisierung<br \/>\nder Regionalsprachen im Bildungswesen gef\u00fchrt. Auch im Falle der Inneren<br \/>\n Mongolei scheint die geforderte \u201eZweisprachigkeit\u201c wesentlich mehr das<br \/>\nChinesische als die Muttersprache der Mongolen zu betonen. Die<br \/>\nGrundhaltung der Regierung spiegelt sich in einem Meinungsartikel vom<br \/>\n22. September wieder, den die China Daily, die Global Times und die<br \/>\nVolkszeitung als Reaktion auf die mongolischen Sprachproteste unter dem<br \/>\nTitel \u201eEine Sprache, um alle ethnischen Gruppen zu vereinen\u201c<br \/>\nver\u00f6ffentlichten. Obwohl offiziell der \u201e5 Nicht-\u00c4nderungen-\u201cKompromiss<br \/>\ngilt, deutet daher alles darauf hin, dass es in Zukunft nicht dabei<br \/>\nbleiben und die mongolische Sprache zugunsten des Chinesischen weiter an<br \/>\n den Rand gedr\u00e4ngt werden wird.<\/p>\n<h2 id=\"anker_DasManifestdesLesezirkel\" style=\"text-align: justify;\">Das Manifest des \u201eLesezirkels Roter Ross\u201c<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das st\u00e4ndig wiederkehrende offizielle<br \/>\nArgument, die Reformen seien notwendig, um die sichere Beherrschung des<br \/>\nChinesischen durch die mongolische Minderheitsbev\u00f6lkerung<br \/>\nsicherzustellen, vermag nicht zu \u00fcberzeugen. So gut wie alle nach 1980<br \/>\ngeborenen Sprecher des Mongolischen in China sind auch der chinesischen<br \/>\nSprache m\u00e4chtig. Es herrscht eine weitgehende Zweisprachigkeit, die zwar<br \/>\n vielerorts \u00fcber mehrere Generationen hinweg stabil blieb, aber doch<br \/>\nerheblichem Druck durch das Chinesische ausgesetzt ist und das<br \/>\nMongolische zu einer \u201emoderat bedrohten\u201c Sprache macht. Im langj\u00e4hrigen<br \/>\nDurchschnitt zwischen 1922 und 2007 haben mindestens 16,5% der Kinder<br \/>\njeder Generation zweisprachiger Eltern die mongolische Sprache verloren.<br \/>\n Die teils ungeplante, teils auch vom Staat betriebene Urbanisierung und<br \/>\n andere sozio\u00f6konomische Faktoren haben in den letzten Jahren den Druck<br \/>\nerh\u00f6ht und lassen eine Steigerung dieser Verlustrate wahrscheinlich<br \/>\nerscheinen. Dies ist umso mehr der Fall, wenn die Unterst\u00fctzung durch<br \/>\ndas Bildungssystem wegf\u00e4llt. Weil die j\u00fcngere Bev\u00f6lkerung schon<br \/>\nvollst\u00e4ndig zweisprachig ist, besteht sogar die Gefahr einer pl\u00f6tzlichen<br \/>\n Verschiebung zugunsten der dominanten Sprache (zur innermongolischen<br \/>\nSprachverschiebungen siehe Puthuval 2017). Auch schon der Wegfall nur<br \/>\neines Teils der Schulf\u00e4cher k\u00f6nnte erhebliche Auswirkungen auf den<br \/>\nsozialen Anwendungsbereich und auf das Prestige der Sprache haben. Damit<br \/>\n scheint es nicht unwahrscheinlich, dass die Innere Mongolei die<br \/>\nErfahrungen der Burjaten in der Sowjetunion wiederholt. In der<br \/>\nBurjatischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik war die<br \/>\nburjatische Sprache in den 1960ern und -70ern sukzessive als<br \/>\nUnterrichtssprache abgeschafft und zum Schluss nur noch vereinzelt als<br \/>\nZusatzfach angeboten. Das Burjatische schrumpfte zu einer blo\u00df<br \/>\nh\u00e4uslichen Sprache vor allem im l\u00e4ndlichen Bereich (Chakars 2014).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Kontext ist das folgende<br \/>\nanonyme Manifest, das auf dem Wechat-Konto des \u201eLesezirkels Rotes Ross\u201c<br \/>\nver\u00f6ffentlich wurde, als eines der bedeutendsten Dokumente der Reaktion<br \/>\nder mongolischen Gemeinschaft auf die \u2013 zum Zeitpunkt seiner<br \/>\nVer\u00f6ffentlichung noch sehr vage \u2013 angek\u00fcndigte Bidungsreform zu<br \/>\nverstehen. Mit dem 2015 gegr\u00fcndeten Lesezirkel, der seinen Sitz in der<br \/>\ninnermonglischen Hauptstadt H\u00f6hhot hat und dessen Name sich auf die<br \/>\ntibetisch-mongolische Epentradition bezieht, sind mehrere namhafte<br \/>\nLiteraten und K\u00fcnstler der Inneren Mongolei assoziiert. Der ganze Text<br \/>\nist mit gro\u00dfem Pathos geschrieben und wei\u00df geschickt die Partei- und<br \/>\nVaterlandstreue seiner Unterzeichner zu betonen. Diese Art der<br \/>\nArgumentation macht dieses Manifest \u00fcber seine Bedeutung f\u00fcr das<br \/>\nVerst\u00e4ndnis der gegenw\u00e4rtigen ethnischen Beziehungen hinaus auch zu<br \/>\neinem interessanten Beispiel daf\u00fcr, wie in China Opposition gegen\u00fcber<br \/>\nbestimmten politischen Ma\u00dfnahmen artikuliert wird. Obwohl schlie\u00dflich<br \/>\ndoch eine Teilumstellung der Unterrichtssprache auf Chinesisch verk\u00fcndet<br \/>\n wurde, ist es nicht unwahrscheinlich, dass der breite Widerstand im<br \/>\nJuli und im August die Beh\u00f6rden von noch weitergehenden \u00c4nderungen<br \/>\nabgehalten und dass das Manifest einen Beitrag dazu geleistet hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um f\u00fcr den Erhalt des Mongolischen als<br \/>\nBildungssprache in der Inneren Mongolei zu werben, bem\u00fcht das Manifest<br \/>\nvor allem zwei Argumentationsstr\u00e4nge: Es k\u00e4mpft zum einen gegen das<br \/>\nhartn\u00e4ckige und weit verbreitete Stereotyp an, Mongolen seien \u2013 wie<br \/>\nMitglieder anderer nationalen Minderheiten auch \u2013 r\u00fcckst\u00e4ndig und<br \/>\nkulturell unterlegen, und betont weiterhin den gro\u00dfen Erfolg von<br \/>\nMongolen auch auf den h\u00f6chsten akademischen Ebenen. Gleichzeitig hebt<br \/>\nder Text die Rolle der Mongolen als einer relativ unproblematischen<br \/>\n\u201eMusterminderheit\u201c hervor, gerade auch im Vergleich zu den als aufm\u00fcpfig<br \/>\n geltenden Uiguren und Tibetern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Text besteht aus vier Teilen. Der<br \/>\nerste Teil des Manifests erkl\u00e4rt das bisherige System der<br \/>\nmongolischsprachigen Bildung und f\u00fchrt auf, welche Vorschl\u00e4ge es seit<br \/>\n2019 gab, die Unterichtssprache auf Chinesisch umzustellen. Dabei betont<br \/>\n der Text mit zahlreichen Beispielen, dass das derzeitige<br \/>\nmongolischsprachige Bildungssystem qualitativ nicht unterlegen sei und<br \/>\ndaher keiner Reform bed\u00fcrfe. Tats\u00e4chlich l\u00e4sst sich dieser Standpunkt<br \/>\ndes Artikels zum Beispiel durch die vergleichsweise hohe<br \/>\nAlphabetisierungsrate unter Mongolen empirisch belegen. Der hohe<br \/>\nStellenwert der Bildung unter Innermongolen l\u00e4sst sich unter anderem<br \/>\ndamit erkl\u00e4ren, dass sich Bildung zu einem der Vehikel der eigenen<br \/>\nethnischen Identit\u00e4t entwickelt hat: Wie Christopher Atwood schreibt,<br \/>\nhaben die \u00f6ffentlichen Schulen f\u00fcr viele Mongolen einen \u00e4hnlich hohen<br \/>\nkulturellen Stellenwert wie Schreine f\u00fcr Uiguren und Kl\u00f6ster f\u00fcr<br \/>\nTibeter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der zweite Teil des Manifests setzt sich<br \/>\n mit den Argumenten f\u00fcr eine solche Reform auseinander. Die Reform<br \/>\nversuche, Scheinprobleme zu l\u00f6sen, die es gar nicht gebe: Unterricht auf<br \/>\n mongolisch schade weder der nationalen Einheit noch den<br \/>\nZukunftsaussichten der Sch\u00fcler, die ihn erhalten. Sogar das Gegenteil<br \/>\nsei der Fall: Die Reform bringe Unruhe in die sonst stabile Innere<br \/>\nMongolei, und die Beherrschung des Mongolischen er\u00f6ffne den Sch\u00fclern im<br \/>\nVergleich zu ihren rein auf chinesisch Ausgebildeten Altersgenossen<br \/>\nzus\u00e4tzliche Perspektiven. Im folgenden dritten Teil listet das Manifest<br \/>\nf\u00fcnf Argumente f\u00fcr die Beibehaltung des bisherigen Systems auf. Das<br \/>\nmongolische Bildungswesen habe sich in der Praxis bewiesen und<br \/>\nentspreche dem Stand der Wissenschaft. Im \u00fcbrigen sei keine Minderheit<br \/>\nminderwertig, und jeder Minderheit stehe es zu, ihre Kultur zu<br \/>\nentfalten. Dabei rekurriert der Text ausdr\u00fccklich auf die Verfassung der<br \/>\n Volksrepublik China. Der Hinweis darauf, dass die mongolische Sprache<br \/>\nvon der UNESCO als gef\u00e4hrdet eingestuft werde, trifft zwar nicht ganz<br \/>\nzu. Die UNESCO-Liste gef\u00e4hrdeter Sprachen (letzter Stand: 2010) f\u00fchrt<br \/>\ndas Mongolische als vorerst sicher auf, erkennt aber durchaus<br \/>\nAssimilierungstendenzen durch das Chinesische und verkn\u00fcpft das<br \/>\n\u00dcberleben des Mongolischen ausdr\u00fccklich mit dem Bestehen eines<br \/>\nmongolischsprachigen Bildungssystems. Der derzeitige Stand der Forschung<br \/>\n sieht die mongolische Sprache in China jedoch auch ohne<br \/>\nBildungsreformen als \u201emoderat gef\u00e4hrdet\u201c (Puthuval 2017).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im vierten und letzten Teil entwickelt<br \/>\ndas Manifest einen Kompromissvorschlag, wie das mongolische<br \/>\nBildungssystem erhalten werden k\u00f6nnte, ohne die Vorgaben aus Peking zu<br \/>\nverletzten. Da die Politik einheitlicher Lehrb\u00fccher auf die Einhaltung<br \/>\ninhaltlicher Qualit\u00e4tsstandards abziele, w\u00e4re es kein Versto\u00df gegen<br \/>\ndiese, falls die Lehrb\u00fccher ins Mongolische \u00fcbersetzt w\u00fcrden. Im<br \/>\nGegenteil k\u00f6nnte muttersprachlicher Unterricht in den F\u00e4chern mit gro\u00dfer<br \/>\n politischer Bedeutung die Sch\u00fcler sogar noch besser erreichen. Der<br \/>\nSchluss des Textes weicht schlie\u00dflich vom linientreuen Duktus ab. Es<br \/>\nscheint deutlich eine \u00fcber die Jahre angestaute Verzweiflung und der<br \/>\nfast schon wie eine versteckte Drohung klingende Hinweis durch, dass die<br \/>\n angek\u00fcndigte Reform die \u201eGef\u00fchle der nationalen Minderheiten auf<br \/>\nbreiter Front schwer\u201c verletzen und der Sache der Partei schaden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Egas Moniz Bandeira<\/p>\n<h2 id=\"anker_QuellenundHinweise\" style=\"text-align: justify;\">Quellen und Hinweise<\/h2>\n<p>Ich danke Prof. Dr. Christopher Atwood (der mich zur \u00dcbersetzung des<br \/>\nvorliegenden Textes aus dem Chinesischen angeregt hat), Prof. Dr. Ines<br \/>\nStolpe, Dr. Jargal Badagarov, Dr. Gegentuul Baioud, Dr. Enkh-Ochir<br \/>\nKhuvisgalt, Dr. Thomas Kampen, Dr. Nils Pelzer, Matthew Dundon, Mariana<br \/>\nM\u00fcnning, Stanley Ong Gieshen Setiawan, Till Linsenmair f\u00fcr die vielen<br \/>\nHinweise, Kommentare und Verbesserungsvorschl\u00e4ge.<\/p>\n<p>Der chinesischsprachige Originaltext war zun\u00e4chst auf der <a href=\"https:\/\/mp.weixin.qq.com\/s\/Ap9o9JM9sieIQXjz8w2DnQ\">Wechat-Seite des \u201eLesezirkels \u201aRotes Ro\u00df\u2018\u201c<\/a><br \/>\n gepostet worden, ist aber am 24.8.2020 gel\u00f6scht worden. Eine<br \/>\narchivierte Version des Originals findet sich im Digital Archive of<br \/>\nChina Studies (DACHS) der Universit\u00e4t Heidelberg: <a href=\"https:\/\/projects.zo.uni-heidelberg.de\/replay\/lp\/20200801162945.html\">https:\/\/projects.zo.uni-heidelberg.de\/replay\/lp\/20200801162945.html<\/a><\/p>\n<p>Einer englische \u00dcbersetzung des Texts ist weiterhin auf <a href=\"https:\/\/www.academia.edu\/43748958\/Reflections_on_the_difficulties_currently_faced_by_education_through_Mongol_medium_in_the_Inner_Mongolia_Autonomous_Region_Red_Horse_Reading_Club_\">academia.edu<\/a> zu finden.<\/p>\n<p>In <a href=\"https:\/\/www.zo.uni-heidelberg.de\/sinologie\/shan\/nl-archiv\/2020_NL105_2.html\">Teil 1 im vergangenen Newsletter ist Egas Moniz Bandeiras \u00dcbersetzung des Manifests<\/a><br \/>\n zu lesen. Sein kompletter Artikel wird in den Mongolischen Notizen der<br \/>\nDeutsch-Mongolischen Gesellschaft e.V. (DeMoGe) abgedruckt und ist<br \/>\nbereits <a href=\"https:\/\/www.mongolei.org\/resources\/MNotizen_Nr.28_Moniz_Bandeira_Zur_Reform_Schulbildung_Inneren_Mongolei.pdf\">hier<\/a> zu lesen.<\/p>\n<p>Die Erkl\u00e4rung vom 28. August 2020, die den Umfang der Reform<br \/>\noffiziell festgelegt und das Prinzip der \u201c5 Nicht-\u00c4nderungen\u201d festgelegt<br \/>\n hat, findet sich als \u201cQiuji xueqi qi woqu minzu yuyan shouke xuexiao<br \/>\nxiaoxue yinianji he chuzhong yinianji shiyong guojia tongbian yuwen<br \/>\njiaocai\u201d \u79cb\u5b63\u5b78\u671f\u8d77\u6211\u5340\u6c11\u65cf\u8a9e\u8a00\u6388\u8ab2\u5b78\u6821\u5c0f\u5b78\u4e00\u5e74\u7d1a\u548c\u521d\u4e2d\u4e00\u5e74\u7d1a\u4f7f\u7528\u570b\u5bb6\u901a\u4fbf\u8a9e\u6587\u654e\u6750 (Ab dem Herbstsemester<br \/>\nwerden in unserer Region in den Schulen mit Unterricht in<br \/>\nNationalit\u00e4tensprachen in der ersten Klasse der Grundschule und der<br \/>\nerste Klasse der Mittelschule landesweit einheitlich edierte<br \/>\nLehrmaterialien f\u00fcr Sprache und Literatur benutzt) in <em>Xilinguole ribao<\/em> \u932b\u6797\u90ed\u52d2\u65e5\u5831, 28.08.2020, <a href=\"https:\/\/www.thepaper.cn\/newsDetail_forward_8916492\">https:\/\/www.thepaper.cn\/newsDetail_forward_8916492<\/a>.<\/p>\n<p>Gute englischsprachige Zusammenfassungen der derzeitigen Lage haben<br \/>\nder prominente Mongolist Christopher Atwood sowie die Linguistin<br \/>\nGegentuul Baioud verfa\u00dft, die selbst das mongolischsprachige<br \/>\nBildungssystem durchlaufen hat:<\/p>\n<ul>\n<li>Christopher Atwood,\u201cBilingual Education in Inner Mongolia: An Explainer\u201c: <a href=\"https:\/\/www.thepaper.cn\/newsDetail_forward_8916492\">https:\/\/madeinchinajournal.com\/2020\/08\/30\/bilingual-education-in-inner-mongolia-an-explainer\/<\/a>.<\/li>\n<li>Gegentuul Baioud, \u201cWill education reform wipe out Mongolian language and culture?\u201d: <a href=\"https:\/\/www.languageonthemove.com\/will-education-reform-wipe-out-mongolian-language-and-culture\/\">https:\/\/www.languageonthemove.com\/will-education-reform-wipe-out-mongolian-language-and-culture\/<\/a>.<\/li>\n<li>Siehe auch weiter den Brief von Uradyn Bulag und Caroline Humphrey:<br \/>\n \u201cLetter: China\u2019s Mongol region wants to stick to the script\u201d, Financial<br \/>\n Times, 14.09.2020, <a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/f9378802-90c5-41bb-88c7-90eb9ab62dd5\">https:\/\/www.ft.com\/content\/f9378802-90c5-41bb-88c7-90eb9ab62dd5<\/a>.<\/li>\n<\/ul>\n<p>F\u00fcr weiterf\u00fchrende Informationen zum bisherigen System der<br \/>\nMinderheitenbildung und des Spracherhalts in der Inneren Mongolei siehe:<\/p>\n<ul>\n<li>Katarzyna Golik, \u201cAn outline of the situation of education of the<br \/>\nMongol minority in the People&#8217;s Republic of China after 1978,\u201d <em>Sprawy Mi\u0119dzynarodowe<\/em> LXXII, no. 3 (2019): 51\u201365 (<a href=\"https:\/\/doi.org\/10.35757\/SM.2019.72.3.06\">https:\/\/doi.org\/10.35757\/SM.2019.72.3.06<\/a>).<\/li>\n<li>Katarzyna Golik, \u201cFacing the Decline of Minority Languages: The New Patterns of Education of Mongols and Manchus,\u201d <em>Rocznik Orientalistyczny<\/em> LXVII, no. 1 (2014): 92\u2013106 (<a href=\"http:\/\/yadda.icm.edu.pl\/yadda\/element\/bwmeta1.element.pan-ro-yid-2014-iid-1-art-000000000008\/c\/820ROrient201-142008Golik.pdf\">http:\/\/yadda.icm.edu.pl\/yadda\/element\/bwmeta1.element.pan-ro-yid-2014-iid-1-art-000000000008\/c\/820ROrient201-142008Golik.pdf<\/a>)<\/li>\n<li>Sarala Puthuval, \u201cStages of language shift in twentieth-century<br \/>\nInner Mongolia, China\u201d, Proceedings of the Linguistic Society of America<br \/>\n 2, 28 (2017): 1\u201314. Dieser Artikel beruht auf der unver\u00f6ffentlichten<br \/>\nDissertation \u201cLanguage maintenance and shift across generations in Inner<br \/>\n Mongolia\u201d (University of Washington, 2017), die dem Autor vorliegt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zur Geschichte des sowjetischen Burjatiens, die in manchem an die jetzige Situation erinnert siehe:<\/p>\n<ul>\n<li>Chakars, Melissa (2014). <em>The Socialist Way of Life in Siberia: Transformation in Buryatia.<\/em> Budapest: Central European Press.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zu fr\u00fcheren Reformen der Unterrichssprache in Xinjiang siehe<\/p>\n<ul>\n<li>Schluessel, Eric (2007), \u201c\u2019Bilingual\u2019 Education and Discontent in Xinjiang\u201d, <em>Central Asian Survey<\/em> 26 (2), 251\u2013277.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"bearbeiter\">\n\t    Zuletzt bearbeitet von:<br \/>\n            <a href=\"https:\/\/www.zo.uni-heidelberg.de\/sinologie\/webteam_de.html\"><br \/>\n            <\/a><\/p>\n<div> Letzte \u00c4nderung:<br \/>\n\t\t\t\t27.05.2021\n\t<\/div>\n<\/p><\/div>\n<div class=\"topVariabel\"><a href=\"#up\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/shan-hd.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/icon_top-448.gif\" alt=\"zum Seitenanfang\/up\" width=\"39\" height=\"13\"><\/a>\n\t\t\t<\/div>\n<\/div>\n<p> <!--\/\/ Ende content \/\/--><\/p>\n<p>          <!-- IE Column Clearing --><\/p>\n<div id=\"ie_clearing\"> &nbsp; <\/div>\n<\/p><\/div>\n<p>  <br class=\"rechts\">\n      <\/div>\n<p> <!-- Ende 3.\/mittlere Spalte -->\n<\/div>\n<p> <!-- main --><br \/>\n      <!-- begin: #footer --><\/p>\n<div id=\"footerBar\"><\/div>\n<p> <!--\/\/ roter Balken Seitenfu&szlig; \/\/--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Hirte bewacht die Mongolische Schrift. 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