{"id":773,"date":"2022-06-01T00:00:00","date_gmt":"2022-05-31T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/shan-hd.de\/index.php\/2026\/05\/19\/der-uebersetzer-als-dichter\/"},"modified":"2026-05-21T12:07:18","modified_gmt":"2026-05-21T11:07:18","slug":"der-uebersetzer-als-dichter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/shan-hd.de\/index.php\/2022\/06\/01\/der-uebersetzer-als-dichter\/","title":{"rendered":"Der \u00dcbersetzer als Dichter"},"content":{"rendered":"<h2 id=\"anker_WiekannmanLyrikausandere\" style=\"text-align: justify;\">Wie kann man Lyrik aus anderen Sprachen nachempfinden? Zur exemplarischen Bedeutung des Sinologen und Germanisten G\u00fcnther Debon.<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das \u00dcbersetzen steht weltweit noch nicht in der Achtung, die ihm eigentlich geb\u00fchrt. Von Land zu Land verschieden, kommt ihm mal weniger Aufmerksamkeit wie in den Vereinigten Staaten, mal mehr wie in Deutschland entgegen. Man sieht in ihm oftmals eher ein Handwerk, das jeder erledigen kann, als eine Kunst, die eigentlich der Ausbildung bedarf. Dies gilt je nach Sprache und Fachausrichtung mitunter selbst noch in deutschen Landen. Ich muss mich hier beschr\u00e4nken. Mein Gegenstand ist die Sinologie, mein Thema die \u00dcbersetzung aus dem Chinesischen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber die Fachkreise hinaus ist bislang neben G\u00fcnter Eich (1907 bis 1972) lediglich G\u00fcnther Debon (1921 bis 2005) als \u00fcberragender deutscher \u00dcbersetzer chinesischer Lyrik bekannt geworden. Der reifende Dichter Eich lernte sein Chinesisch fr\u00fch von 1925 an in Orten wie Leipzig und der angehende Sinologe Debon sp\u00e4t von 1948 an in M\u00fcnchen. Beide waren in der Kriegsgefangenschaft, der eine in amerikanischer, der andere in englischer. Im Falle von G\u00fcnther Debon, der einer hannoverschen Fabrikantenfamilie entstammte, waren die dreieinhalb Jahre in England schicksalhaft. W\u00e4hrend der Internierung lernte er n\u00e4mlich den bedeutenden Kunsthistoriker Werner Speiser (1908 bis 1965) kennen, der ihm die chinesische Schrift erl\u00e4uterte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was Eich und Debon eint, ist die Tatsache, dass auch der J\u00fcngere \u00fcber die Zeit zum Dichter reifte. Allerdings trennen beide Welten: Der \u00c4ltere war ein moderner Poet, der Nachgeborene f\u00fchlte sich der Goethezeit verbunden. Beide begannen nahezu gleichzeitig zu \u00fcbersetzen &#8211; Eich 1949 bis 1951, Debon \u00fcber 1949 hinaus -, aber ihre Elaborate wurden unterschiedlich publiziert: Eichs anscheinend erst postum 1973, Debons von 1952 an. So oder so sind es Sternstunden der Dichtung. Haben diese geheimen Wettstreiter Schule gemacht?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dieser Frage beginnt unser Problem. Die deutschen Universit\u00e4ten waren einmal Hochburgen f\u00fcr die klassische chinesische Literatur. Nicht nur mit dem Tod von G\u00fcnther Debon oder von Alfred Hoffmann (1911 bis 1997), sondern auch mit der Emeritierung beziehungsweise Pensionierung von deren Sch\u00fclern ist eine \u00c4ra zu Ende gegangen. Die aktive Besch\u00e4ftigung mit dem sch\u00f6ngeistigen Vers, dem kunstvollen Lied, dem meditativen Essay, dem liebestollen Roman oder dem reflektierenden Theater fr\u00fcherer Jahrtausende findet weiter fast nur au\u00dferhalb der Hochschulportale statt, insbesondere deren \u00dcbertragung. Ein wesentlicher Grund ist der Schwenk vom antiken zum modernen China und damit zu Politik sowie Wirtschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleichwohl ist Gerechtigkeit geboten: Bis zu G\u00fcnther Debon war die \u00dcbersetzung von klassischer chinesischer Poesie an den Universit\u00e4ten mehr oder minder eine philologische Angelegenheit, das hei\u00dft, man \u00fcbertrug korrekt, aber weniger gut lesbar. Fachleute arbeiteten f\u00fcr Fachleute, nicht f\u00fcr ein gr\u00f6\u00dferes Publikum. Das beste Beispiel hierf\u00fcr ist der \u00d6sterreicher Erwin Ritter von Zach (1872 bis 1942). Seine allerdings au\u00dferhalb jeglicher Akademie angefertigten Gesamt\u00fcbersetzungen (zum Beispiel von Li Bai, einem Dichter des achten Jahrhunderts) erfreuen sich keinerlei Leserschaft, obwohl es derlei Leistungen in keiner einzigen westlichen Sprache zu w\u00fcrdigen gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was hat nun G\u00fcnther Debon anders gemacht? Er hat sein Prinzip wenig dargestellt, aber es l\u00e4sst sich durch Aussagen von Kollegen untermauern. Und hiermit \u00f6ffnen sich uns zwei Tore: das der Philologie und das der \u00dcbersetzungswissenschaft. Bei der chinesischen Lyrik unterscheidet man kurz gesprochen die vorklassische von der klassischen und der nachklassischen Periode. Debon hat sich haupts\u00e4chlich f\u00fcr den mittleren Abschnitt starkgemacht, den man vereinfacht vor allem mit der Tang-Zeit (618 bis 907) gleichsetzt. Da herrschten &#8222;alte&#8220; und &#8222;neue&#8220; Formen vor. Reime waren immer gegeben, aber die vier offiziellen Tonh\u00f6hen der chinesischen Sprache machten den Unterschied aus. Die jeweils f\u00fcnf beziehungsweise sieben Zeichen eines Verses hatten im Rahmen eines Vier- oder Achtzeilers eine bestimmte Abfolge einzugehen, die wir mit Hebung und Senkung in einer deutschen Strophe vergleichen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gegensatz zur Mehrheit der \u00dcbersetzerzunft hat G\u00fcnther Debon den Reim beizubehalten versucht und die je f\u00fcnf beziehungsweise sieben Zeichen im Deutschen einem entsprechenden F\u00fcnfer- beziehungsweise Siebener-Rhythmus unterworfen. Dem altert\u00fcmlichen Vokabular des Originals kam er durch inzwischen entlegene W\u00f6rter der Muttersprache nahe, als da zum Beispiel sind: Haag, B\u00fchl, Schratte. Und damit treten wir durch das zweite Tor und kommen zum eigentlichen Problem. Vorher gilt es aber eine Anekdote zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">G\u00fcnther Debon lernte an der Universit\u00e4t M\u00fcnchen Wolfgang Bauer (1930 bis 1997) kennen. Dieser gro\u00dfe Sinologe wurde sein erster Bewunderer. Grund waren Debons fr\u00fche gelungene \u00dcbertragungen. So vertraute der \u00e4ltere Kommilitone dem j\u00fcngeren etwas an: Er habe in der Gefangenschaft, um sich konzentrieren zu lernen, einmal zwei Wochen lang geschwiegen, aber niemand habe das bemerkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Debons Arbeitszimmer an der Universit\u00e4t Heidelberg (wo er von 1968 bis 1986 lehrte) soll nur ein einziges chinesisches Schriftzeichen als Schmuck gehangen haben: das f\u00fcr &#8222;Geduld&#8220;. Was schlie\u00dfen wir daraus und aus der Anekdote? Der Lehrstuhlinhaber war, wie seine Studenten ihn schildern, ein strenger, achtsamer Mann, er war ein konfuzianischer Edler, der sich seiner Sache vollkommen verschrieb, ohne dass die Genialit\u00e4t seines Tuns zun\u00e4chst von seiner Umgebung bemerkt worden w\u00e4re. Er war ein Mann von Zucht und Ordnung im guten Sinne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<figure class=\"image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"Debon Kalligrafie\" data-node-id=\"\/2\/477\/478\/850\/851\/133921\/142586\/332854\" height=\"900\" src=\"https:\/\/shan-hd.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/fittosize_600_900_cfbe8003c83057e3d6984285bd7c93ad__dsc0532.jpg\" style=\"border-style: solid; border-width: 0px; border-color: black; margin: 0px;\" width=\"600\"><figcaption>&#8222;Ren&#8220; zierte G\u00fcnther Debons B\u00fcro. Foto: Susann Henker.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wo ist das Problem? Obwohl er keine Germanistik studiert zu haben scheint, etablierte sich G\u00fcnther Debon in den letzten Jahren seines Lebens als Goethespezialist. Sein Hang zu Weimar hatte schon vorher auf seine Arbeit als \u00dcbersetzer abgef\u00e4rbt. Er lehnte eine moderne \u00dcbersetzungsweise ab. Ihm w\u00e4re es also nie in den Sinn gekommen, wie Ezra Pound das Prinzip &#8222;Make it new&#8220; nicht nur zu fordern, sondern gar in die Praxis umzusetzen. Seine Devise f\u00fchrte ihn aber zu etwas, das bis zu seinem Tod zu Unrecht als &#8222;Biedermeier-Stil&#8220; bel\u00e4chelt wurde. Ich muss gestehen, dass ich als angehender Studiosus der Sinologie ebenfalls zu den Sp\u00f6ttern geh\u00f6rt habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Make it new: Das erleben wir bis heute. Thomas O. H\u00f6llmann, der Emeritus der Universit\u00e4t M\u00fcnchen und Pr\u00e4sident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Sinologe und \u00dcbersetzer, l\u00e4sst seine poetischen Freunde im alten China beim Dichten Lammsbr\u00e4u und M\u00e4rzen trinken. Das Tor, welches sich hier auftut, ist das Tor der Sprache. In welche Sprache \u00fcbersetzen wir? Eigentlich nur in die unsere, die heutige. Und ebendas macht G\u00fcnther Debon nicht. Er \u00fcbertr\u00e4gt in eine Sprache, die es so nicht mehr gibt, die illusionistisch dem alten China nahezukommen scheint, aber nicht \u00fcber das achtzehnte Jahrhundert hinaus zur\u00fcckgeht!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ezra Pound zog dagegen den Stil seiner Zeit vor. Damit erfand er nicht nur, wie es hei\u00dft, die &#8222;chinesische Poesie&#8220;, sondern auch sich selbst und eine neue englischsprachige Dichtung. Seine \u00dcbertragungen nach den Vorlagen eines Japanologen gelangen ihm derart perfekt, dass sie selbst heute noch, wenn auch nicht mehr als eigene missverstanden, so doch als gro\u00dfe Dichtung angesehen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Steht somit Pound als Sieger fest? Besonders wenn man bedenkt, dass es H\u00f6llmann und der heutigen Freiburger Kollegin Gudula Linck mit ihren \u00dcbertragungen gelingt, Vergangenes in der Gegenwart wiederauferstehen zu lassen? Ihre freien Verse strotzen vor Lebendigkeit. Man gewinnt fast den Eindruck, die n\u00e4chste chinesische Person, die einem nach der Lekt\u00fcre am M\u00fcnster oder an der Frauenkirche begegnet, k\u00f6nnte nur ihren translatorischen Neigungen entsprungen sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und ich? Ich hatte mich nach meinen ersten Versuchen zum klassischen chinesischen Poem l\u00e4ngst in die Moderne und Gegenwart gefl\u00fcchtet, ganz die Pr\u00e4misse des heute in Berlin lebenden Dichters Yang Lian im Ohr, eine \u00dcbersetzung habe in die Geschichte der deutschen Literatur einzugehen, das hei\u00dft, eine \u00dcbertragung, die ihren Namen verdient.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was waren meine Schwierigkeiten? Es waren die aller \u00dcbersetzenden. G\u00fcnther Debon sprach sie an: all die fremden Namen, ob Ort, ob Mensch; all die fremd wirkenden Anspielungen und Zitate; all die knappen Formen; all die inhaltlichen Kontraste und formalen Parallelen; all die \u00c4sthetik der Subjektlosigkeit; all die Strukturen von These, Antithese, Synthese et cetera. Was tun? Aufgeben oder prosaische Zusammenfassungen mit Bemerkungen in Klammern anbieten, wie immer noch \u00fcblich? Doch: Nur so konnten und k\u00f6nnen Nachdichter vom Schlage Klabunds oder Hans Bethges (1876 bis 1946) mit ihren Chinoiserien seit hundert Jahren zu ihren gro\u00dfen Erfolgen gelangen. Oder obliegt es uns, selbst zum Dichter zu werden, um besser unsere Aufgabe der \u00dcbertragung zu erf\u00fcllen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier scheiden sich manche Geister. Sinologe und Dichter? Das wird im Fach nicht verziehen! H\u00e4me ist die Folge. G\u00fcnther Debon, der mit f\u00fcnfzehn zu schreiben begann, schien das geahnt zu haben. Seine Limericks hat er 1961 unter einem Pseudonym zu ver\u00f6ffentlichen begonnen, bevor er sie, vierhundert an der Zahl, 1997 doch unter eigenem Namen herauszubringen wagte. Da waren ihm nicht mehr allzu viele Jahre beschieden. Zuvor war er jedoch 1989 bei der Ver\u00f6ffentlichung seiner gereimten Heidelberg-Gedichte (&#8222;Ein L\u00e4cheln Dir&#8220;) mit vollem Namen f\u00fcr sie eingestanden. Meine eigenen Erfahrungen sind in diesem Zusammenhang \u00e4hnlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist notwendig, einen Faden aufzunehmen: Was ist das Verh\u00e4ltnis von \u00dcbersetzung und Original? Der amerikanische Fachmann f\u00fcr Fragen wie diese, Lawrence Venuti, hat sich gegen die Einb\u00fcrgerung eines fremden Textes ausgesprochen: Die \u00dcbersetzung solle als solche erkennbar bleiben. Wer \u00fcbersetzt, habe mit der eigenen T\u00e4tigkeit in der Muttersprache aufzuscheinen. Das hei\u00dft im vorliegenden Fall, das Deutsche habe verfremdet, also sinisiert zu werden. So w\u00e4ren Klabund und Bethge gerechtfertigt. G\u00fcnther Debon nicht? So mag es zun\u00e4chst vorkommen. Doch als was soll der \u00dcbersetzer Debon in seinem Text durchscheinen? Venuti w\u00fcrde wohl antworten: jedenfalls nicht als &#8222;Biedermeier&#8220;. Als was dann? Als Chinese! Als Chinese der Tang-Zeit?, frage ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da lie\u00dfe sich einwenden, dass nicht einmal eine moderne chinesische \u00dcbertragung als Hilfestellung f\u00fcr eine unkundige Leserschaft etwas von ihrem urspr\u00fcnglichen Reiz bewahrt. Schauen wir uns daher einmal ein ber\u00fchmtes Beispiel an. Es ist ein Vierzeiler vom erw\u00e4hnten Li Bai, der in 28 Zeichen seinen Abschied von dem Freund Meng Haoran (circa 689 bis 740) am Jangtse beschreibt. Zun\u00e4chst die Version von G\u00fcnter Eich:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p><em>Vom Haus &#8222;Zum Gelben Kranich&#8220; hat der Freund Abschied genommen.<\/em><\/p>\n<p><em>In Dunst und Bl\u00fcte des Aprils ist seine Barke<\/em><em> flussab geschwommen.<\/em><\/p>\n<p><em>Einsames Segel, ferner Schatten, der im<\/em><em> blauen<\/em><em> Horizont entschwindet &#8211;<\/em><\/p>\n<p><em>Ich sehe nur den weiten Strom noch, der<\/em><em> zuletzt Im Himmel m\u00fcndet.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und nun die von G\u00fcnther Debon:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Am Turm zum Gelben Kranich sprach<\/em><em> der Freund ein letztes Wort.<\/em><\/p>\n<p><em>Es war ein dunstiger M\u00e4rz; das Boot<\/em><em> trug ihn gen Yang-dschou fort.<\/em><\/p>\n<p><em>Ein Segel, einsam und Meilen weit,<\/em><em> entschwand im blauen Raum.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich sah den Strom, sah nur den Strom<\/em><em> zerflie\u00dfen am Himmelssaum.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der dritte Vers eines klassischen Vierzeilers kennt eigentlich keinen Reim, beide \u00dcbersetzer haben diesen jedoch ebenfalls reimen lassen. Wie dem auch sei, bei allen Unterschieden ist jeweils gute Arbeit geleistet worden. Sogenannte Fehler finden sich keine, ohnehin spricht man heute in der \u00dcbersetzungswissenschaft nicht mehr von Fehlern, sondern lediglich von Differenzen in der Auslegung (hier etwa bei der Frage April oder M\u00e4rz).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eichs \u00dcbertragung wirkt einfacher und moderner, die von Debon strenger und klassischer, keinesfalls biedermeierhaft. Alles in allem jeweils Poesie pur. Zur\u00fcck zu Venuti: Wo ist Li Bai? Es gibt in dem Original kein Subjekt, das Subjekt im Deutschen wurde hinzugedacht. Anders ging es wohl nicht. Lesen wir dennoch den chinesischen oder nur die beiden deutschen Dichter? Ich denke, wir lesen alle drei. Nur so hat alte Literatur uns heute noch etwas zu sagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">G\u00fcnther Debon hat eine gro\u00dfe Sch\u00fclerschaft hinterlassen. Unter denen, die sein Gesch\u00e4ft im engeren Sinne weitergef\u00fchrt haben, sind vielleicht am ehesten drei zu nennen: Lutz Bieg, der neben Hartmut Walravens vielleicht beste Bibliograph in der sinologischen Welt; Volker Kl\u00f6psch, der sich seit Jahrzehnten erfolgreich die \u00fcbersetzerische Aufarbeitung der klassischen chinesischen Dichtung vorgenommen hat; Goat Koei Lang-Tan, die Einzige, die in der Literaturwissenschaft die Ideen ihres Lehrers mit denen der Heidelberger Germanisten verbindet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">G\u00fcnther Debon, der am 13. Mai einhundert Jahre alt geworden w\u00e4re, hat sich in den letzten Jahren seines Lebens immer mehr seiner Vorliebe f\u00fcr Weimar und China gewidmet. Dabei ist ihm manches Meisterwerk gelungen. Weniger beachtet blieb dagegen seine postum publizierte Poetik &#8222;Qualit\u00e4ten des Verses&#8220;. Sie bespricht nur das deutsche Gedicht, g\u00e4be der Sinologenzunft jedoch guten Anlass, einmal den Zusammenhang von Dichten und \u00dcbersetzen zu bedenken. Nicht zuf\u00e4llig ist Debons Laotse dort gereimt, wo auch das Original Reime aufweist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p> Von Wolfgang Kubin, welcher nach acht Jahren an der Beijing Foreign Studies University heute an der Universit\u00e4t Shantou chinesische und deutsche Geistesgeschichte lehrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Erstver\u00f6ffentlichung in Frankfurter Allgemeine Zeitung Freitag, 30. April 2021<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie kann man Lyrik aus anderen Sprachen nachempfinden? 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