{"id":929,"date":"2020-09-01T00:00:00","date_gmt":"2020-08-31T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/shan-hd.de\/index.php\/2026\/05\/19\/interview-mit-anne-labitzky-teil-2\/"},"modified":"2026-05-21T12:06:33","modified_gmt":"2026-05-21T11:06:33","slug":"interview-mit-anne-labitzky-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/shan-hd.de\/index.php\/2020\/09\/01\/interview-mit-anne-labitzky-teil-2\/","title":{"rendered":"Interview mit Anne Labitzky &#8211; Teil 2"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"NL 105 Labitzky\" data-node-id=\"\/2\/477\/478\/850\/851\/133921\/310461\" height=\"267\" src=\"https:\/\/shan-hd.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/fittosize_400_267_31aa3ca001c86ba2dc85d3bfa2620f65_nl_105_1_-1.jpg\" style=\"border-style: solid; border-width: 0px; border-color: black; margin: 0px;\" width=\"400\"><\/em><\/p>\n<p><strong>Wie kamen Sie nach Ihrem Studium der Sinologie zur Bibliothekars-Ausbildung?<\/strong><\/p>\n<p>Nach meinem Aufenthalt in Peking habe ich damals schon als Hiwine in der Bibliothek gearbeitet. Bei Prof. Debon war das immer so, dass man sich hocharbeiten musste. Man musste beweisen, dass man zuverl\u00e4ssig war.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, ich durfte erst nur Aufsicht machen. Dann hat er jemanden gebraucht, der katalogisiert. Da habe ich dann katalogisiert. Und die n\u00e4chste Stufe auf der Leiter war dann, dass ich Sprachlaborunterricht geben durfte. Dann durfte ich Anf\u00e4ngerunterricht geben, also nicht mehr im Sprachlabor, sondern richtigen Unterricht. Das waren auch gro\u00dfe Gruppen. Das war in der Zeit, in der viel los war. Also kurz vor Tian\u2019anmen \u5929\u5b89\u95e8. Dann habe ich, kurz bevor ich dann weggezogen bin, noch ein Semester Lu Xun \u9c81\u8fc5-Texte gelesen. Das war also die h\u00f6chste Stufe, in die ich es geschafft habe.<\/p>\n<p><strong>Und da haben Sie festgestellt, dass das Bibliothekswesen das Richtige f\u00fcr Sie ist?<\/strong><\/p>\n<p>Naja ich war damals verheiratet. Dann kam meine Tochter auf die Welt. Wir sind nach W\u00fcrzburg umgezogen und da hab\u2018 ich aber dann auch wieder angefangen, zu unterrichten.<\/p>\n<p>In W\u00fcrzburg (Sprachlabor) und in Marburg (Anf\u00e4ngerunterricht) \u2013 Putonghua \u666e\u901a\u8bdd.<\/p>\n<p>Nach meiner Trennung von meinem Mann beziehungsweise nach der Scheidung habe ich eine EDV-Ausbildung gemacht. Ja, ich bin Beraterin f\u00fcr EDV und Telekommunikation (lacht). Meine Schwester war damals bei einer Computerfirma und sie sagte, wenn du beruflich irgendwas werden willst, musst du Computer-Kenntnisse haben. Dann habe ich diesen Kurs gemacht. Und hab mich dann beworben, beworben, beworben. Und sa\u00df aber immer noch zu Hause. Und dann hatte eine Freundin die Idee, ich sollte doch mal hier anfragen, ob ich in der Bibliothek arbeiten k\u00f6nnte (ohne Bezahlung) und so bin ich dann wieder reingekommen. Der damalige Bibliothekar hat mir gezeigt, wie das mit Allegro geht. Das war sein Allegro, mit dem wir dann sp\u00e4ter noch gearbeitet haben. Zwei Mal die Woche f\u00fcnf Stunden war ich dann in der Akademiestra\u00dfe, morgens, w\u00e4hrend meine Tochter in der Schule war. Die Tatsache, dass ich hier in der Bibliothek gearbeitet habe, hat mir dann den Weg f\u00fcr die Stelle in Bochum geebnet.<\/p>\n<p>Ich bin von Heidelberg nach W\u00fcrzburg, von W\u00fcrzburg nach Heidelberg, von Heidelberg nach Bochum und Bochum nach Heidelberg gezogen.<br \/> Meine Mutter hat damals, als ich mich von meinem Mann getrennt habe, in Heidelberg gewohnt. Und es war immer das Ziel, dass ich \u201ezur\u00fcck in den Beruf\u201c komme \u2013 kann man so eigentlich gar nicht sagen, obwohl ich nach dem Peking-Aufenthalt immer gearbeitet hab, aber ich habe immer als Studentin irgendwie gearbeitet oder hatte Lehrauftr\u00e4ge. Aber einen festen Job hatte ich nicht. Als ich die Ausbildung zur EDV-Beraterin, die ging 13 Monate, gemacht habe, da hat sich zum Beispiel meine Mutter um meine Tochter gek\u00fcmmert. Sie war ja dann schon Schulkind. Dann habe ich mich 93 auf die Stelle in Bochum beworben. Die habe ich dann auch bekommen.<\/p>\n<p>Dann war ich in Bochum mit einer halben Stelle. Da habe ich per Fernstudium an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin zwei Jahre berufsbegleitend die Ausbildung zur Bibliothekarin gemacht. Voraussetzung war, dass man neun Jahre Berufserfahrung hatte. Die hatte ich beim ersten Mal nicht. Deshalb habe ich mich dann ein zweites Mal beworben, und da hat das dann geklappt.<\/p>\n<p><strong>Wann sind Sie dann wieder zur\u00fcck nach Heidelberg gekommen?<\/strong><\/p>\n<p>Mai 2003. Ich war die <a href=\"https:\/\/www.zo.uni-heidelberg.de\/sinologie\/shan\/nl-archiv\/2011_NL58.html#2\">Nachfolgerin von Hanno Lecher<\/a>. Damals gab es das ZO noch nicht. Das wurde erst 2005 gegr\u00fcndet. Hanno Lecher war erst nach Taiwan gegangen und dann hatte er die Stelle in Leiden. Aufgrund meiner Ausbildung, durch das Bibliotheksstudium, hatte ich ja einen Magister, aber der Magister in Bibliothekswissenschaft wurde per Gesetz dem Staatsexamen (wie bei Richtern, Lehrern, \u2026) gleichgestellt.<br \/> Damals als ich herkam, gab es die Sinologie und die Japanologie, die war damals ganz neu. Prof. Schamoni war schon da. Professoren an der Sinologie waren Prof. Wagner nat\u00fcrlich. <a href=\"https:\/\/www.univie.ac.at\/Sinologie\/staff\/weigelin-s\/\">Prof. Weigelin-Schwiedrzik<\/a> war gerade gegangen und <a href=\"https:\/\/hoogleraren.leidenuniv.nl\/id\/3539\">Prof. Barend ter Haar<\/a> auch. Neu gekommen sind Prof. Mittler und Prof. M\u00fcller-Saini und die vierte Neue im Bunde war Isolde Schroh, sie hat auch in dem Jahr angefangen. Also wir waren vier neue Leute.<\/p>\n<p><strong>Was sind die haupts\u00e4chlichen Aufgaben als Bibliothekarin?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man die offizielle Definition nimmt, dann ist es \u201eZugang zu Information\u201c. Darauf l\u00e4uft es hinaus. Wie diese Information dann aussieht, das ist ganz unterschiedlich. Das k\u00f6nnen B\u00fccher, Zeitschriften, Zeitungen etc. sein. Das Ganze kann online oder in Hardware vorliegen. Der ganze Verwaltungsaufwand, der dahintersteckt, kommt dann noch hinzu. Und was wir auch machen, Hanno Lecher vor allen Dingen, ist Einf\u00fchrung in die Bibliothek, in die Benutzung von Hilfsmitteln, \u2026 Fortbildung f\u00fcr Leser, das geh\u00f6rt also auch dazu. Das ist so das Knappste, wie ich das zusammenfassen kann (lacht).<\/p>\n<p><strong>Wie w\u00fcrden Sie sagen, hat sich die Arbeit speziell in der sinologischen Bibliothek ver\u00e4ndert. Haben sich die Schwerpunkte in der Anschaffung ge\u00e4ndert, in der Zeit, in der Sie da waren \u2013 zum einen thematisch, zum anderen vielleicht auch die Form der Medien?<\/strong><\/p>\n<p>Der Schwerpunkt h\u00e4ngt immer mit den Leuten zusammen, die unterrichten und forschen.<\/p>\n<p>Das Geld, mit dem wir B\u00fccher kaufen, geh\u00f6rt dem Institut, aber wir Bibliothekare sind Mitglieder der UB. Das hei\u00dft, die Professoren und andere wissenschaftliche Mitarbeiter entscheiden grunds\u00e4tzlich, was angeschafft wird.<\/p>\n<p><strong>Wie sehen Sie die Digitalisierung \u2013 insbesondere vor dem Hintergrund wie Sie damals Chinesisch gelernt haben und wie das die Studierenden heute tun; auch im Hinblick auf das Bibliothekswesen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich find das schon eine spannende Geschichte. Gerade diese Online-W\u00f6rterb\u00fccher sind ja toll, wenn man sich nicht darauf verl\u00e4sst, dass man da drin alles findet. Das war vielleicht der Vorteil unserer Ausbildung: wir haben gelernt, hartn\u00e4ckig zu sein. Selbst wenn wir in den obskursten Dingern nachgeguckt haben. Das war sicherlich ein Vorteil.<\/p>\n<p>Wir hatten auch das Prop\u00e4deutikum noch nicht. Von daher gesehen, war das mit der Sprachausbildung auch immer etwas schwierig. Ich hatte nur Wenyanwen und sechs Stunden Umgangschinesisch und nochmal sechs Stunden Sprachlabor. Aber das war nicht zu vergleichen mit dem Prop\u00e4deutikum. Trotz meines Aufenthalts in Peking \u2013 gut das ist jetzt auch schon sehr lange her und ich war seitdem nur noch einmal in Taiwan \u2013 habe ich nicht so das Gef\u00fchl, dass ich so richtig Chinesisch kann. Sie k\u00f6nnen mir einen Wenyanwen \u6587\u8a00\u6587-Text aus der Song-Zeit vorlegen \u2013 mit dem komm ich zurecht. Aber mit dem modernen Chinesisch, ja ich kann mich verst\u00e4ndlich machen, aber so vertraut wie Sie das sind, bin ich nicht.<\/p>\n<p>In Bezug auf die Digitalisierung noch: Wenn Sie zum Beispiel an CrossAsia denken, es ist nicht so festgeschrieben. Sie k\u00f6nnten in manchen Datenbanken einen Text finden und eine Woche sp\u00e4ter ist der nicht mehr da. Er ist entweder ganz weg oder an eine andere Stelle gewandert. Das gilt grunds\u00e4tzlich im Internet. Da darf man seinen gesunden Menschenverstand nicht ausschalten. Das sind dann andere Anforderungen, die an die Studierenden gestellt werden \u2013 in Bezug auf die Informationsbeschaffung.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df noch als ich meinen Magister angemeldet hab (lacht) \u2013 es gab noch kein Pr\u00fcfungsamt, ich musste also zum Dekanat \u2013 da sagte die Dekanatssekret\u00e4rin: \u201eAber Sie haben doch schon angefangen, oder?\u201c Da sagte ich: \u201eJa ich bin fertig.\u201c (lacht) Sie wusste, wie schwierig das ist. Sechs Wochen, ein viertel Jahr auf ein Buch zu warten, das war normal. Wenn man dann drauf angewiesen war und es wurde eng, weil die Frist f\u00fcr den Magister ablief, kam man schon ins Schwitzen. Also man tat wirklich gut daran, schon fr\u00fchzeitig m\u00f6glichst weit zu sein.<\/p>\n<p><strong>Welche Erfahrungen und Erlebnisse als Bibliothekarin sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?<\/strong><\/p>\n<p>Ankn\u00fcpfend an das, was wir eben besprochen haben: als das Taiwan-Erdbeben 1999 war, da war der Zugang auch zum Beispiel zu den chinesischen Quellen aus dem Festland schwierig. Dann haben einige Leute sich drauf verlassen und kamen dann kurz vor der Magisterpr\u00fcfung auf einmal an ihre Sachen nicht mehr dran.<\/p>\n<p>Meine Tochter hat Erlebnisse, dass sie Leute mit einer Sahnetorte aus der Bibliothek rausfischt oder Pizzalieferanten abf\u00e4ngt (lacht), aber sowas gab es bei uns Gott sei Dank nicht.<\/p>\n<p>In der Bibliothek in Bochum hatten wir einen Raben. Der hat alles zusammengestohlen, was es in den vier Bibliotheken zu Kalligraphie gab. Das war schlimm. Da hatten wir sehr wenig Geld, Nordrhein-Westfalen ist ja ein armes Bundesland, das hat wirklich richtig reingehauen. Es ist auch generell sehr frustrierend, wenn Literatur verschwindet. Wir geben uns gro\u00dfe M\u00fche und es gibt ja heutzutage keinen Grund mehr, zu stehlen. Fr\u00fcher h\u00e4tte ich das noch verstanden, wo die Literaturbeschaffung schwierig war, man nicht direkt beim Lieferanten kaufen konnte oder \u00fcber Amazon oder wie auch immer. Da h\u00e4tte ich es noch verstanden, aber heutzutage kommt man leichter an die Sachen ran. Und da \u00e4rgert es mich. Das ist auch sehr unsozial.<\/p>\n<p><strong>Sie haben den Umzug von der Akademiestra\u00dfe ins CATS mitgestaltet.<\/strong><\/p>\n<p>Nein, ich habe ihn nicht mitgestaltet, sondern miterlebt. Ich muss auch ehrlich sagen, ich habe mich da ganz bewusst rausgehalten. Es war ja absehbar, dass ich nur noch bis zum Juni diesen Jahres hier arbeiten w\u00fcrde und die ganzen Entscheidungen, die da getroffen werden mussten, die h\u00e4tte ich nicht mehr mittragen m\u00fcssen. Insofern habe ich mir eine andere Rolle ausgesucht, n\u00e4mlich sozusagen das Backbone, also habe ich versucht, Bestellungen weiter durchzuf\u00fchren. Dann gab es ein Problem, weil wir zweimal neue Software hatten und dann mussten wir \u00fcber 10.000 Datens\u00e4tze korrigieren. Da habe ich also schwerpunktm\u00e4\u00dfig mitgemacht. Aber am Umzug war ich immer nur mit so kleinen Geschichten beteiligt.<\/p>\n<p><strong>Apropos Datens\u00e4tze korrigieren, mit welchem Katalogisierungssystem haben Sie denn am liebsten gearbeitet und mit welchem weniger gern?<\/strong><\/p>\n<p>(lacht) Ich kenne nur zwei. Ich habe w\u00e4hrend des Bibliothekspraktikums einmal mit Aleph gearbeitet, aber das ist schon so lange her, und ich w\u00fcrde l\u00fcgen, wenn ich sagen w\u00fcrde, ich kenne das.<\/p>\n<p>Nein, also ich kenne nur Allegro und Pica. Am liebsten habe ich nat\u00fcrlich mit Allegro gearbeitet. Das war schnell und bequem. Wenn man sich mal rein gefunden hatte, hat es einem viele M\u00f6glichkeiten geboten. Der Nachteil war nat\u00fcrlich, dass es nicht Unicode-f\u00e4hig war. Wir hatten nur chinesische Langzeichen. Wir hatten damals auch noch Wade Giles als Umschrift. Das haben wir mit der Migration dann alles umgestellt. Und es war sozusagen \u201eStand alone\u201c, denn es waren nur unsere Best\u00e4nde drin. W\u00e4hrend wir jetzt nicht nur die Best\u00e4nde der Universit\u00e4t Heidelberg haben, sondern auch anderer Institute, wie zum Beispiel T\u00fcbingen, Karlsruhe, Mannheim. Von daher gesehen ist es f\u00fcr die Leser nat\u00fcrlich sch\u00f6ner, wenn sie dann damit arbeiten k\u00f6nnen, denn dann m\u00fcssen sie nicht bei uns suchen, dann noch woanders und vielleicht noch in einem dritten Katalog.<\/p>\n<p>Von dem, wie man arbeiten konnte, war Allegro besser und schneller. Es hatte aber auch immer wieder seine T\u00fccken. Wenn Autoren denselben Namen in Pinyin hatten und deshalb dann als eine Person zusammengefasst wurden. Das hat man jetzt immer noch. Wir bem\u00fchen uns sehr \u2013 vor allem Gesche Schr\u00f6der, die das jetzt weitermacht \u2013 m\u00f6glichst viel \u00fcber einen Verfasser zu sammeln. Das Problem ist dann, wenn sich noch eine andere Bibliothek dranh\u00e4ngt, und die nicht genau gucken. Da hatte ich zum Beispiel einen Literaten, der hundert Jahre nach seinem Tod zu Nanotechnologie gearbeitet hat. Wohl kaum m\u00f6glich, oder? Das passiert, wenn die Leute nicht genau arbeiten. Manchmal haben wir auch nur ganz schwammige Informationen. Aber alle Informationen, die wir versuchen einzubringen, versuchen wir auch zu verifizieren. Da sollten sich die lieben Kollegen dann auch dranhalten. Das ist immer so ein bisschen schwierig.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie Tipps f\u00fcr Sinologen?<\/strong><\/p>\n<p>Fangen wir anders an, ich lese gerade ein ganz tolles Buch. <a href=\"https:\/\/katalog.ub.uni-heidelberg.de\/titel\/67880119\">\u201eTambora und das Jahr ohne Sommer: Wie ein Vulkan die Welt in die Krise st\u00fcrzte\u201c<\/a> \u2013 Tambora war ein Vulkan, der 1816 in Indonesien ausgebrochen ist. Der beeinflusste das Klima weltweit. Verfasser des Buches ist Wolfgang Behringer. Er ist Professor f\u00fcr moderne Geschichte an der Universit\u00e4t des Saarlandes, also kein Sinologe. Im Buch gibt es einen kurzen Abschnitt zu China, vielleicht gerade einmal zwei Seiten oder so. Das f\u00e4nde ich ein spannendes Thema: Auswirkungen fr\u00fcherer und heutiger Klimaver\u00e4nderungen auf die chinesische Geschichte und Gesellschaft. Da gibt es auch viele Quellen, gerade wenn man im klassischen Bereich arbeitet, gibt es viel Material dazu \u2013 die ganzen Difangzhi \u5730\u65b9\u5fd7 (Lokalchroniken), die Yulince \u9c7c\u9cde\u518c (Fischschuppenregister), \u2026&nbsp;<\/p>\n<p>Ein weiterer Lesetipp w\u00e4re <a href=\"https:\/\/katalog.ub.uni-heidelberg.de\/titel\/3366021\">\u201eDer Krieg am Ende der Welt\u201c<\/a> von dem sp\u00e4teren peruanischen Ministerpr\u00e4sidenten geschrieben \u2013 Mario Vargas Llosa.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie ein liebstes Nachschlagewerk?<\/strong><\/p>\n<p>Das <a href=\"https:\/\/katalog.ub.uni-heidelberg.de\/titel\/67774471\">Peiwen Yunfu<\/a> \u4f69\u6587\u97f5\u5e9c und Lin Yutangs \u6797\u8bed\u5802 <a href=\"https:\/\/humanum.arts.cuhk.edu.hk\/Lexis\/Lindict\/\">Chinese-English Dictionary of Modern Usage<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Welche sinologische oder ostasiatische Bibliothek sollte man unbedingt einmal besucht haben? Mal abgesehen von unserer \ud83d\ude09<\/strong><\/p>\n<p>(wie aus der Pistole geschossen) Harvard.<\/p>\n<p>Ich denke die StaBi ist sicherlich auch sehr interessant, aber da kommt man nicht in die Magazine rein. Da muss man ausheben lassen.<br \/> In Harvard ist es glaube ich so \u00e4hnlich wie hier bei uns, n\u00e4mlich dass man in die Stacks reinkommt und da wird\u2019s dann ja eigentlich spannend.<br \/> Leiden ist auch sehr sehenswert. Die haben sch\u00f6ne Altbest\u00e4nde, wie z. B. den <a href=\"https:\/\/hoogleraren.leidenuniv.nl\/id\/993\">van Gulik-Nachlass<\/a>. Das lohnt sich auch. Aber dazu fragen Sie besser Hanno Lecher. Ich war nur zwei oder drei Mal dort zu Besuch.<\/p>\n<p><strong>Apropos selbst vor den Regalen stehen, haben Sie auch ein liebstes Ordnungssystem f\u00fcr die Medien<\/strong>?<\/p>\n<p>Library of Congress Classification (LoC)<\/p>\n<p>Harvard hat sein eigenes System gehabt, aber in den 1990ern dann umgestellt. Leiden zum Beispiel war noch nach dem alten Harvard-System aufgestellt \u2013 ob sie das inzwischen ge\u00e4ndert haben, wei\u00df ich nicht.<\/p>\n<p>Aber es ist immer besser, so etwas wie die LoC-Classification zu haben, weil das dann von Fachpersonal weitergepflegt wird. Das ist ja immer das Problem: man kann sein eigenes haben wie die Japanologie oder wie das IKO. Das ist dann ganz stark an die Bed\u00fcrfnisse des Instituts angepasst. Aber wenn sich dann der Professor verabschiedet oder wenn ein neues Fachgebiet dazukommt, dann geht alles wieder von vorne los. Es [LoC] ist international. Wir versuchen immer, G\u00e4ste von au\u00dfen willkommen zu hei\u00dfen. Wenn sie sich mit LoC-Classification auskennen, dann wissen sie genau, wo sie was zu suchen haben. Das hei\u00dft nicht, dass wir die Sachen wirklich an der gleichen Stelle abstellen, aber das System ist ihnen vertraut und sie k\u00f6nnen weitersuchen.<\/p>\n<p><strong>Und das obwohl Sie aus der Sicht einer Bibliothekarin sprechen und einige R\u00e4umungsaktionen mitgemacht haben.<\/strong><\/p>\n<p>(lacht) Das hat nicht mit der Klassifikation, also mit der Aufstellung, zu tun. In Bochum zog das Arabicum aus. Es ist mit dem Russicum zusammengelegt worden. Wir haben dann den Platz vom Arabicum dazubekommen und dann mussten wir auch auseinanderziehen und umr\u00e4umen \u2013 mit einer ganz anderen Systematik. Also das hat nicht so viel damit zu tun. Das war auch interessant: drei Bibliotheken, drei verschiedene Systeme (lacht). Und f\u00fcnf verschiedene Schriftsysteme: Chinesisch, Koreanisch, Japanisch und Arabisch und im Russicum Russisch. Das war spannend.<\/p>\n<p><strong>In Vorbereitung auf das heutige Interview habe ich herausgefunden, dass sie als \u00dcbersetzerin an<a href=\"https:\/\/www.abebooks.co.uk\/servlet\/BookDetailsPL?bi=30254478629\">\u201eDas gro\u00dfe Chinakochbuch\u201c<\/a> beteiligt waren. Kochen Sie denn selbst gerne Chinesisch?<\/strong><\/p>\n<p>(lacht) Nee, absolut nicht.<\/p>\n<p><strong>Wie kam es dann dazu?<\/strong><\/p>\n<p>(lacht) Qundai guanxi \u88d9\u5e26\u5173\u7cfb. Ein Cousin von mir war Lektor. Das war eine ganz spannende Erfahrung. Er wollte aus Kostengr\u00fcnden nicht so viele Bilder einbauen, nat\u00fcrlich als Illustration schon, aber manchmal w\u00e4re dann eine halbe Seite frei geblieben oder so. Da hat er von mir Chengyus \u6210\u8bed bekommen.<\/p>\n<p>Es war f\u00fcr mich sehr aufschlussreich, dass die meisten chinesischen Chengyu, die mit dem Essen zusammenh\u00e4ngen, nicht positiv waren. Etwa wie \u201eK\u00e4se schlie\u00dft den Magen\u201c oder sowas. Sondern eher Ermahnung, dass man vorsichtig im Umgang mit Essen sein soll. Dass man nicht so angeben soll. \u201eEr fuhr viersp\u00e4nnig auf\u201c oder sowas ist ja eigentlich nichts Positives in dem Sinn, sondern das spiegelt schon auch wider, dass die Leute arm waren und es viele Hungersn\u00f6te gab. Das war mir vorher nicht so klar gewesen. Ich hatte da meine liebe M\u00fche, die entsprechende Anzahl positiver Chengyus zu finden.<\/p>\n<p>Ne, ich koch\u2018 \u00fcberhaupt nicht gerne (lacht).<\/p>\n<p><strong>Vermissen Sie schon das Berufsleben und die Bibliothek? Was begleitet Sie weiterhin aus dem Berufsleben?<\/strong><\/p>\n<p>Ich vermisse die Bibliothek. Ich vermisse vor allen Dingen die Kollegen. Ich vermisse auch ein bisschen die Arbeit. Was ich nicht vermisse, ist den Stress. Meine Kollegen fehlen mir schon sehr. Aber ich finde es auch wichtig, erst einmal einen klaren Schnitt zu machen. Wenn dann so eine gewisse Zeit vorbei ist, finde ich es v\u00f6llig okay, dass man sich dann wieder \u00f6fter trifft.<\/p>\n<p>Und mir fehlen meine Datens\u00e4tze. (lacht) Ich habe gern katalogisiert. Ich habe in Bochum das Allegro eingef\u00fchrt. Vorher haben wir wirklich noch mit der Schreibmaschine und Matrizen gearbeitet. Ich fand es dann unheimlich spannend, zu sehen wie immer mehr Informationen hinzukamen, wie das Bild immer vollst\u00e4ndiger wurde.<\/p>\n<p>Hier in Heidelberg haben wir mit Library of Congress Subject headings verschlagwortet, also die inhaltliche Erschlie\u00dfung mit dem amerikanischen System gemacht. Und in Bochum haben wir das mit RSWK gemacht \u2013 Regeln f\u00fcr den wissenschaftlichen Schlagwortkatalog, also mit dem deutschen System. Das war auch sch\u00f6n, wenn zum Beispiel jemand was zu Musikinstrumenten brauchte. Dann konnte ich das eingeben und ihm sagen, da und da steht ein W\u00f6rterbuch, da haben wir Musikinstrumente drin. Das finde ich dann spannend.<\/p>\n<p>Hier in dem neuen System haben wir die sogenannten Norms\u00e4tze, also f\u00fcr Personen und K\u00f6rperschaften und sowas. Wenn man dann zum Beispiel so ein neues Feld wie die Arch\u00e4ologie hier in Heidelberg hat \u2013 ist nat\u00fcrlich ein altes Feld, aber wir hatten ja wenig zur chinesischen Arch\u00e4ologie \u2013 dann trifft man auf einmal immer wieder auf die gleichen Wissenschaftler, deren B\u00fccher man anschafft. Das finde ich sch\u00f6n, weil das Bild so vollst\u00e4ndig wird. Das gef\u00e4llt mir wirklich. Das hat mir Spa\u00df gemacht.<\/p>\n<p><strong>Was f\u00fcr Pl\u00e4ne haben Sie jetzt?<\/strong><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte gerne \u2013 aber das ist auch eine Frage, was jetzt durch Corona alles m\u00f6glich ist \u2013 Gitarre spielen lernen. Ich habe als Kind nur Blockfl\u00f6te gelernt, aber nie richtig. Und ich w\u00fcrde gerne Portugiesisch \u2013 also brasilianisches Portugiesisch \u2013 lernen. Ich w\u00fcrde mich gern mit Bossa Nova besch\u00e4ftigen. Das finde ich eine ganz tolle Musik. Das war so 48, 50 bis Mitte der 60er Jahre. Wenn Sie so wollen, eine autochthone brasilianische Musik, das ist so sch\u00f6n. (summt)<\/p>\n<p><strong>Vielen Dank, das war\u2019s auch schon \u2013 das hei\u00dft n\u00e4chstes Mal interviewen wir Sie dann auf Portugiesisch.<\/strong><\/p>\n<p>(lacht) Ja, oder auch nicht. Mal abwarten\u2026<\/p>\n<p><strong>Dieses Interview f\u00fchrte Giulia Merker am 10. September 2020. Anregungen f\u00fcr Themen und Fragen gaben au\u00dferdem Till Linsenmair, Mariana M\u00fcnning und Fabienne Wallenwein.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wir danken Frau Labitzky f\u00fcr ihre Bereitschaft zum Interview und w\u00fcnschen ihr alles Gute!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wie kamen Sie nach Ihrem Studium der Sinologie zur Bibliothekars-Ausbildung? 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