INHALT
Sinologie in den Beruf
Marina Rudyak, welche die Vortragsreihe „Sinologie in den Beruf“
mitbegründet hat, war am 26. Juni im Sinologischen Institut zu Gast und
hat einen sehr spannenden Einblick in ihre Arbeit bei der GIZ (Deutsche
Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) gegeben. Sie ist selbst
über ein Praktikum zu ihrer jetzigen Stelle gekommen, bei dem sie ein
Projekt der GIZ in Kirgistan betreut hat. Bei ihrer jetzigen Arbeit
stehen vor allem die Bereitschaft, sich in neue Themengebiete
einzuarbeiten, sowie eine hohe Flexibilität im Vordergrund.
Sprachkolumne: Von Pferden und Tigern
Idiome können Anlass zu verzweifeltem Nachschlagen, Verwirrungen und
Verirrungen sein. Sie können aber ebenso wilde Bilder entstehen lassen
oder aus falschen Bildern entstanden sein. In dieser Sprachkolumne
werden wir Zeuge einer phantastischen Suche nach Pferden und Tigern.
Als Sinologe in die Stiftungsarbeit
SHAN-Gründungsmitglied Oliver Radtke berichtete im Rahmen der
Vortragsreihe „Berufsperspektive Quereinstieg“ des Career Service der
Universität Heidelberg von seinem Werdegang und seiner aktuellen
Tätigkeit in der Robert Bosch Stiftung. Dabei gab er hilfreiche Tipps
zur Karriereplanung und Bewerbungsabläufen, die nicht nur für Sinologen
interessant sein können.
Von Mannheim nach Shanghai: Wilhelm Mann (1916-2012)
In den Wirrungen des zweiten Weltkrieges gelangt ein Arzt nach China.
Dort wird er Teil einer illustren Gesellschaft all derer, die sein
Schicksal teilen. Ebenso interessant ist aber die Rückkehr dieses
Mannes, dessen Heimat nie ganz dort, nie ganz hier war.
Rezension: Shanghai fern von wo
Der Roman „Shanghai fern von wo“ von Ursula Krechel gewährt einen
Einblick in das Leben jüdischer Flüchtlinge in Shanghai zur Zeit des
Zweiten Weltkrieges. Janina Heker erzählt von ihren Eindrücken der
Lektüre.
Restaurantkritik: Asia – Sichuan am Neckar
Das Restaurant „Asia“ mit Blick auf die Alte Brücke wird häufig von
chinesischen Reisegruppen angesteuert, auch das SHAN-PR-Team zieht es
von Zeit zu Zeit dorthin.
Sinologie in den Beruf: Marina Rudyak über ihre Arbeit bei der GIZ China
Im Juni 2013 freute sich SHAN ganz besonders Marina Rudyak,
Mitbegründerin der Reihe „Sinologie in den Beruf“ für einen Vortrag über
ihre Arbeit bei der GIZ China gewinnen zu können. Rudyak studierte
Moderne Sinologie, Klassische Sinologie und Öffentliches Recht in
Heidelberg und arbeitet seit ihrem Magister-Abschluss 2009 für die
Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Peking.
GIZ, früher: Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, was
ist das überhaupt? Die GIZ ist ein Bundesunternehmen, das heißt, ein
Dienstleister, mit dessen Hilfe die Bundesregierung in über 130 Staaten
nachhaltige Entwicklung fördert. Hauptauftraggeber ist somit das
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.
Konkret bedeutet dies, dass Mitarbeiter der GIZ entwicklungspolitische
Projekte im Auftrag der Bundesregierung umsetzen. Dies können
beispielsweise Verwaltungsreformen und das Vorantreiben des Schutzes von
Frauen vor Gewalt in Pakistan sein. Oder aber die Etablierung
umweltfreundlicher Energien in Brasilien, eine Reform des
Ausbildungssystems von Jugendlichen in Ägypten,
Finanzierungsmöglichkeiten für mittelständische Unternehmen in Indien
und und und.
Als Sinologen interessiert uns natürlich besonders die Arbeit der GIZ
in China, deren Programm sich hier in den letzten 25 Jahren immer wieder
stark gewandelt hat. So konzentrierte sich die GIZ in den 1980er Jahren
zunächst auf die Entwicklung des ländlichen Raums und die Bekämpfung
der Armut, während in den 1990ern eine nachhaltige
Wirtschaftsentwicklung, die Förderung des privaten Sektors und Projekte
im Bereich der beruflichen Weiterbildung im Vordergrund standen. Seit
den 2000ern umfasst die Arbeit der GIZ zudem Umwelt- und Klimaschutz,
Energieeffizienz sowie sozialpolitische Themen. Da China sich schon
länger nicht mehr als Entwicklungsland sieht, findet die Zusammenarbeit
mit der GIZ seit 2010 offiziell im Rahmen der Deutsch-Chinesischen
Strategischen Partnerschaft statt. Hierzu gehört zum Beispiel der
Rechtsstaatdialog. Ein Großteil der Mitarbeiter kommt aus China;
Hauptaufgabe der deutschen GIZler ist neben der Beratung zunehmend das
Networking, das heißt das Zusammenbringen der richtigen Leute mit dem
gewünschten Knowhow.
Wie nun kommt man zur GIZ? Zunächst einmal sollte man, so Rudyak, ein
mehrmonatiges Praktikum absolviert haben. Die GIZ schreibt regelmäßig –
vergütete – Praktikantenstellen auf ihrer Homepage aus. Oder aber man
bewirbt sich initiativ, wie dies Rudyak während ihres Studiums für ein
Projekt in Kirgistan gemacht hat. Wer bei der GIZ nach dem Studium
angestellt wird – Geisteswissenschaftler werden übrigens zunehmend
gesucht – arbeitet zunächst über einen Zeitraum von fünf Jahren in
mehreren Projekten gleichzeitig. Danach wird circa ein Drittel der
Mitarbeiter fest übernommen. Aber aufgepasst: Die Arbeit bei der GIZ ist
nicht für jeden geeignet. Parallel an mehreren Projekten arbeiten,
verlangt ein hohes Maß an Flexibilität. Im Gegensatz zur Uni wird man
hier zum Generalisten statt Spezialisten und jettet alle paar Wochen
quer durch die Welt; Privatleben ist nur eingeschränkt möglich. Auch ist
man nicht dauerhaft in einem Staat, sondern rotiert – ähnlich wie beim
Auswärtigen Amt – im Schnitt alle vier Jahre und wechselt das Land. Wer
sich dessen allerdings bewusst ist und bereit ist diesbezügliche
Einschränkungen in Kauf zu nehmen, den erwarten hoch spannende Projekte!
Also, liebe Sinologen, überlegt es euch und bewerbt euch!
Andrea Warlies
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Sprachkolumne: Von Pferden und Tigern
Über das Idiom 马马虎虎 stolpern die meisten Lernenden bereits am Anfang
ihres langen Pfades zur Meisterung der chinesischen Sprache. Die
wörtliche Übersetzung, wie so viel im manchmal doch sehr verwirrenden
Mandarin, ergibt recht wenig Sinn. 马马虎虎 (mamahuhu) bedeutet etwa
„solala“, „nichts Besonderes“ oder „mittelmäßig“. Wird das Idiom aber
Zeichen für Zeichen übersetzt, steht man mit einem wenig
aussagekräftigen „Pferd Pferd Tiger Tiger“ da.
Als Sinologin, deren Karriere noch in den Kinderschuhen steckt, möchte
ich natürlich mein Bestes geben dieser Kuriosität auf den Grund zu gehen
und zerbreche mir schon seit Stunden den Kopf darüber, was Pferde wohl
mit Tigern zu tun haben könnten. Aber vor allem: Wieso sind beide
zusammen nur „solala“? Ich persönlich halte sowohl Tiger als auch Pferde
für recht eindrucksvolle Tiere, und gleich zwei von jeder Sorte sind in
meinen Augen weit mehr als nur „solala“. Außerdem ist mir der
Zusammenhang zwischen Tigern und Pferden unklar. Zwar sind beide
Säugetiere und in der Reihe der chinesischen Tierkreiszeichen
wiederzufinden, aber ich sehe nicht, wie mir diese Informationen hier
weiterhelfen können. Je weiter ich darüber nachgrüble, desto abstruser
und grotesker werden die Ideen und Überlegungen, die ich mir
zusammenspinne: Wenn man eine Herde Pferde mit einem Rudel Tiger
zusammenlässt, zerfleischen die Tiger vermutlich die Pferde und man
hätte nur noch die Tiger. Das wäre wahrscheinlich ein ungewünschtes
Resultat, und daher nur mittelmäßig, nur 马马虎虎, überlege ich – schätze
diese Idee wenig später aber als unrealistisch ein, als mir einfällt,
dass Tiger sind Einzelgänger und niemals im Rudel jagen würden.
Nachdem mein Kopf schon vom Wiehern und Brüllen imaginärer Pferde und
Tiger schmerzt und meine Überlegungen mich noch nicht weitergeführt
haben, als dass die Chinesen vielleicht einfach nur ein lustig
klingendes Wort benutzen wollten. Das deutsche „solala“ klingt in meinen
Ohren auch eher nach willkürlich zusammengeworfenen Silben als nach dem
ernsthaften Versuch ein Wort bilden zu wollen. Schließlich ringe ich
mich dazu durch ein Wörterbuch zu Rate zu ziehen. Ein Fehler. Zwar
bestätigt mich mein sonst hilfreicher Begleiter in Buchform in der
Bedeutung des Idioms, allerdings lässt er mich auch wissen, dass sich
die Bedeutung verändert, wenn ein Pferd und ein Tiger herausgestrichen
werden. Da steht: “马虎 (mahu) nachlässig, unachtsam, fahrlässig.“ Zwei
Tiger und zwei Pferde sind nur mittelmäßig, aber trotzdem bin ich – wenn
ich jeweils einen von beiden vergesse – nachlässig und unachtsam?
Verwirrter und verzweifelter als zuvor führe ich meine Suche nach
Pferden und Tigern im Dschungel der chinesischen Schriftzeichen und
Idiome fort und stoße schließlich auf einige Geschichten, die versuchen
das Idiom 马马虎虎zu erklären; die am weitesten verbreitete stammt aus der
Song-Dynastie:
Ein Maler hatte gerade begonnen ein Bild eines Tigers zu malen,
tatsächlich hatte er bereits den Kopf fertig gemalt, als ein Kunde ein
Gemälde eines Pferdes in Auftrag gab. Der faule Maler überlegte nicht
lange und beendete sein Gemälde schnell, indem er an den Kopf des Tigers
einen Pferdekörper malte. Verständlicherweise befand der Kunde das
Gemälde als nicht zufriedenstellend, als solala, mittelmäßig, als 马马虎虎
und kaufte es nicht.
So kam es, dass jenes Gemälde im Atelier des Malers blieb. Als eines
Tages der erste Sohn des Malers fragte, um was für ein Tier es sich
handle, antwortete der Vater: „Ein Tiger.“ Ein anderes Mal fragte der
zweite Sohn seinen Vater dasselbe und erhielt die Antwort: „Ein Pferd.“
Als Jahre später der ältere Sohn zum ersten Mal ein Pferd erblickte,
hielt er es für einen Tiger und tötete es. Der Vater musste für den
Schaden, den sein Sohn verursacht hatte, aufkommen und war finanziell
ruiniert. Der zweite Sohn aber traf im Wald auf einen Tiger, hielt ihn
für ein Pferd und versuchte aufzusteigen. Der Tiger tötete ihn. Nun
hatte der Maler einen Sohn verloren und war in den Ruin getrieben worden
– nur weil er nachlässig, fahrlässig, 马虎 gehandelt hatte.
Übrigens: 马马虎虎 kann ab und zu auch, genau wie 马虎, „nachlässig“ bzw. „fahrlässig“ bedeuten.
Julia Junger
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Als Sinologe in die Stiftungsarbeit
In der Vortragsreihe „Berufsperspektive Quereinstieg“ des Career
Service der Universität Heidelberg berichtete SHAN-Gründungsmitglied
Oliver Radtke über Wege in die Stiftungsarbeit.
Oliver Radtke studierte Moderne Sinologie, Geschichte und Philosophie
in Heidelberg und Shanghai. Nach seinem Studium arbeitete er zunächst
als Fernsehreporter in Singapur, anschließend war leitender Redakteur
bei dem Projekt „Deutschland und China – gemeinsam in Bewegung“.
Er schrieb mehrere Bücher, war als freier Journalist tätig und begann
2010 eine Promotion in Heidelberg. Ein Jahr später erhielt er das
Angebot der Robert Bosch Stiftung und ist seither Leiter des
China-Programms.
Die Robert Bosch Stiftung gehört zu den großen unternehmensverbundenen
Stiftungen in Deutschland. Sie fördert Projekte der Bereiche
Wissenschaft, Gesundheit, Völkerverständigung, Bildung, Gesellschaft und
Kultur. In Bezug auf China werden eine Reihe unterschiedlicher Projekte
der Bereiche Good Governance, Medien, Bildung und Kultur
unterstützt. So wird zum Beispiel der praxisorientierte Austausch
von Richtern organisiert oder der Dialog zwischen deutschen und
chinesischen Journalisten gefördert. Mit dem Programm „Medienbotschafter
China – Deutschland“ werden junge Journalisten mittels
dreimonatiger Stipendien zum Austausch nach China bzw. nach Deutschland
geschickt. Ein ähnliches Projekt wurde mit dem „Medienforum“ auf der
Ebene der Chefredakteure dieses Jahr bereits zum vierten Mal
durchgeführt. Für Sinologen ist z. B. das Lektorenprogramm in Osteuropa
und China interessant, welches Hochschulabsolventen die Möglichkeit gibt
Erfahrungen bei Projektarbeit und Deutschunterricht in China zu
sammeln.
Zwar sind Jobs in Stiftungen rar, aber davon sollte man sich nicht
abschrecken lassen. Als Einstieg bieten sich vergütete Praktika, die
Anstellung als Werkstudent oder halbjährige Hospitanzen direkt nach dem
Studienabschluss an. Generell rät Radtke, keine Scheu zu haben sich
direkt zu bewerben. Für Berufseinsteiger eignen sich beispielsweise
Stellen als Projektassistenz. Eine wichtige Eigenschaft sollte man
mitbringen: Begeisterungsfähigkeit. Ob im Bewerbungsgespräch oder im
Job, es ist immer wieder von Nöten andere davon zu überzeugen, das
eigene Vorhaben zu unterstützen. Inhalte und deren Relevanz an
Außenstehende vermitteln zu können, ist gerade für Sinologen wichtig.
Ehrenamtliches Engagement wird von Studenten bei Bewerbungen oft
unterschätzt: Oftmals heben gerade diese Erfahrungen die eigene
Bewerbung von denen anderer ab und können darüber hinaus im Beruf
dienlich sein.
Radtke verkörpert zwar weniger deutlich den Quereinsteiger als andere
Vortragende der Reihe, die sich beispielsweise „von der Chemikerin zum
Coach“ oder „Vom Lehrer zum IT-Berater“ entwickelten. Als gemeinsames
Fazit der Vortragsreihe gilt jedoch: Nicht nur eine geradlinig
durchgeplante Karriere führt zu Erfolg und Glück. Oft kommt es nun
einmal anders als geplant. Wichtig ist es Erfahrungen zu sammeln und
einen Beruf zu finden, den man mit Leidenschaft ausführen kann.
Janina Heker
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Von Mannheim nach Shanghai: Wilhelm Mann (1916-2012)
Im letzten Herbst starb der wenig bekannte Arzt Wilhelm Mann in
Berlin. Vermutlich hatte er in China mehr Freunde (und Patienten) als in
seinem Heimatland. Ende der dreißiger Jahre floh der 1916 in
Mannheim geborene, nach dem Abitur in Heidelberg studierende junge Mann
nach Ostasien; den übrigen Familienmitgliedern gelang die Flucht in
andere Länder.
Er traf offenbar 1939 in Shanghai ein und benutzte den chinesischen
Namen Meng Weilian 孟威廉. Er verbrachte die ersten Kriegsjahre vor allem
in der südwestchinesischen Provinz Guizhou, wo er einige andere
europäische Ärzte traf, die teilweise vorher am Spanischen Bürgerkrieg
teilgenommen hatten. (Vgl. SHAN-Newsletter Nr. 44 Juni 2010)
Dort hielt sich auch vorübergehend die amerikanische Journalistin Agnes
Smedley auf, die in den zwanziger Jahren in Deutschland gelebt hatte. (Vgl. SHAN-Newsletter Nr. 42 März 2010)
Dieses Gebiet wurde von der Nationalen Volkspartei (KMT) kontrolliert,
die eine Flucht der ausländischen Ärzte in den kommunistischen Norden
verhindern wollte.
1946 ließ sich Mann in Shanghai nieder, wo er sein Studium an der St
John’s University abschließen und gleichzeitig biochemische Forschung
betreiben konnte. Hier traf er viele mitteleuropäische Flüchtlinge, die
die Kriegsjahre in Shanghai verbracht hatten und größtenteils 1947
abreisten. Nach der Gründung der Volksrepublik China wechselte er zur
Akademie der Wissenschaften in Beijing. In den fünfziger Jahren
beantragte er von dort aus einen Pass der DDR. Mitte der sechziger Jahre
verließ er die Volksrepublik und zog nach Ostberlin. (Er hatte in China
geheiratet, seine Frau durfte ihn jedoch nicht begleiten.)
Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er an der Berliner Charité und
blieb auch nachher in der Stadt. Er heiratete noch einmal und konnte mit
seiner neuen Frau in den neunziger Jahren China besuchen. Zu dieser
Zeit wurde er auch von mehreren Journalisten und Wissenschaftlern
interviewt. Seine wissenschaftlichen Aufsätze erschienen in Chinese
Journal of Physiology, Kexue tongbao, Zhongguo shenglixue zazhi, etc .
Literatur:
Meng Weilian: Wo suo renshi de Wang Debao xiansheng, Shengming de huaxue, 2003/2.
Guoji yuan Hua yiliaodui zai Guiyang, Guiyang, 2005.
T. Kampen: Chinesen in Europa – Europäer in China, Gossenberg, 2010.
Dr. Thomas Kampen
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Rezension: Shanghai fern von wo
Seit Ursula Krechel 2012 den Deutschen Buchpreis für ihren Roman
„Landgericht“ erhielt, findet man auch erstmals den 2008 erschienenen
Roman „Shanghai fern von wo“ stapelweise in den Buchhandlungen.
„Shanghai fern von wo“ ist zwar als Roman angelegt, beruht jedoch auf
umfangreicher Recherchearbeit der Autorin. Krechel stützt sich auf
Lebensberichte von Shanghai-Juden, deren Briefwechsel, mündliche
Erzählungen und Archivmaterial. Beim Lesen verschwimmen manchmal die
Grenzen zwischen Romangeschehen und Krechels Schlussfolgerungen aus der
Quellenlage. Sie weist immer wieder auf Leerstellen hin, lässt
Unklarheiten offen und stellt Fragen.
Der Roman erzählt die Geschichten verschiedener Flüchtlinge, die als
Einzelne oder als Familie kamen, deren Leben miteinander verwoben sind.
Teils durchlaufen sie nur dieselben Stationen, teils verbinden sie enge
Freundschaften. Die Zeitspanne umfasst die Flucht aus Deutschland oder
Österreich, die Zeit des Sich-Durchschlagens in Shanghai bis zu den
Versuchen Einzelner nach dem Krieg wieder in einer neuen oder alten
Heimat Fuß zu fassen.
Für die Flüchtlinge war Shanghai keineswegs eine Wunschstation, sie
litten stark unter der Hitze und den hygienischen Zuständen in Shanghai.
Dort angekommen, wurden sie in überfüllten Wohnheimen untergebracht.
Den Überlebenskampf, geprägt von Krankheit und Unterernährung,
Heimatlosigkeit und der Frage, ob man Shanghai noch lebend verlassen
wird, sollte manch einer nicht überleben. Ehemals gut situierte
Flüchtlinge mussten feststellen, dass ihre Qualifikationen in Shanghai
nicht gefragt waren. Was nützte beispielsweise ein österreichischer
Anwalt, der das chinesische Recht nicht kannte und ohnehin kein Wort
Chinesisch verstand? Praktisches Geschick dagegen war gefragt, ob als
Bäckerin, Buchhändler oder Uhrmacher. Es entwickelte sich eine eigene
kleine Welt mit Geschäften und Cafés, was romantisiert „Klein Wien“
genannt wird. Allerdings verschlechterte sich die Situation der
Flüchtlinge deutlich, als 1943 alle Juden gezwungen wurden in das neu
eingegrenzte Gebiet des Ghettos von Hongkou überzusiedeln und selbiges
nur noch mit Passierschein verlassen durften.
Wenn Krechel die unerträglichen Zustände in Shanghai beschreibt, wo
Tote auf den Straßen kein seltener Anblick waren, so tut sie dies ohne
etwas zu verschleiern, aber dennoch respektvoll. Sie zeichnet Lebenswege
auf und geht dabei auf Dinge ein, an die man in der Regel erst einmal
nicht denkt. Daran, dass das Leben mit Geburt und Tod weiter geht, oder
was aus Flüchtlingen nach ihrer Flucht wird. So erfährt man von
scheinbar absurdem Festhalten an der Ordnung, als z.B. Max Rosenbaum
seinen neugeborenen Sohn registrieren lassen möchte – und sich
ausgerechnet an das Nazi-Konsulat in Shanghai wendet. Auch nach
Kriegsende gehen die Schwierigkeiten für die Flüchtlinge weiter, wie man
beispielsweise anhand des ehemaligen Buchhändlers Ludwig Lazarus
erfährt. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland kämpft er jahrelang um
Anerkennung und Entschädigung für die Ghettoisierung in Shanghai.
Zwar wäre der Roman wohl auch mit ein paar weniger Handlungssträngen
ausgekommen und dann überschaubarer für den Leser gewesen. Jedoch
vermittelt gerade diese Überfrachtung nicht nur ein umfangreiches Bild
verschiedener Lebensläufe, sondern auch das Chaos und die unmögliche
Situation, in der sich die Flüchtlinge befanden. Der Einzelne ging
leicht unter in der Masse der Flüchtlinge, mitten in einer ohnehin von
armen Menschen überfluteten Stadt.
Fazit: Lesenswert!
Janina Heker
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Restaurantkritik: Asia – Sichuan am Neckar
In unmittelbarer Nähe zur Alten Brücke, in der Haspelgasse 2 gelegen,
ist das Asia ein fester Bestandteil in den Heidelberg-Touren
chinesischer Reisegruppen. Grund genug, einmal zu überprüfen, ob das
Asia mehr ist, als eine bloße „Touristenfalle“.
Die Lage des Asia überzeugt sofort. Da man bei gutem Wetter
draußen, gegenüber der Alten Brücke sitzen kann, konnte das PR-Team
seine chinesischen Lieblingsgerichte mit Neckarblick genießen. Für Ruhe
Suchende ist dieser Platz nur bedingt zu empfehlen, da hier aufgrund der
Touristenströme stets etwas Trubel herrscht, der erst gegen Abend
abebbt.
Auf der Karte des Asia stehen Speisen aus Sichuan, zubereitet vom
„Meisterkoch aus Chengdu“, wie das Restaurant auf seiner Internetseite
berichtet. Das vielfältige Angebot reicht von Fisch und Meeresfrüchten
über verschiedene Fleischgerichte bis zu vegetarischen Speisen.
Das PR-Team entschied sich für 鱼香牛肉丝, 宫保豆腐, 罗汉菜, 麻婆豆腐und 水煮鱼片.
Auffallend positiv war die schnelle Zubereitungszeit. Die Gerichte
schmeckten ausgezeichnet und waren frisch zubereitet, von eintönigen
Fertiggerichten, wie man sie in einer Touristenhochburg erwarten würde,
keine Spur. Einziges Manko: Die erhoffte Sichuan-Schärfe wurde an
den europäischen Gaumen angepasst.
Preislich liegt das Asia, vermutlich lagebedingt, etwas über den
anderen chinesischen Restaurants Heidelbergs. Die Hauptgerichte kosten
zwischen 9,50€ für 罗汉菜 und 19€ für 四川干焼大虾. Inklusive der Getränke – von
der Weinschorle sei hier abzuraten – bezahlte das PR-Team für sechs
Personen 73, 90€.
Angesichts der Preise dürfte das Asia für die meisten Studenten eher
etwas für besondere Anlässe oder den Monatsanfang sein. Aufgrund seiner
Lage eignet sich das Restaurant aber wunderbar um Besuch auszuführen und
das Flair der Heidelberger Altstadt zu genießen. Dabei entschädigt der
Ausblick auf die Alte Brücke und der exzellente Geschmack der Gerichte
für den einen oder anderen Euro mehr.
Anna Schiller
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