INHALT

In der Grenzüberschreitung: Ein Interview mit Uwe Kräuter

Im Juni 1974  spazierte Uwe Kräuter
ein letztes Mal durch die Heidelberger Altstadt: ein Neuanfang in China
lockte in fort aus der vertrauten Umgebung. Mittlerweile lebt Uwe
Kräuter seit 37 Jahren in Peking. In diesem Newsletter veröffentlichen
wir den ersten Teil des Interviews, in dem er seinen Weg zum Mittler
zwischen den Kulturen beschreibt. 

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Der deutsche Chinaboom vor 25 Jahren: Bücher, Filme und Horizonte

Anfang der achtziger Jahre begann in der
Bundesrepublik eine Chinabegeisterung, die das ganze Jahrzehnt anhielt.
Im Gegensatz zu früheren Jahren standen nun nicht mehr politische
Fragen im Vordergrund, sondern kulturelle und wirtschaftliche Themen.
Übersetzungen der modernen chinesischen Klassiker, Ausstellungen und
Festivals zeugten von der wiederentdeckten Faszination. 

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Erzählen Sie mal …  mit Wang Huijuan (王慧娟)

Im Herbst 2009 kam die allseits beliebte
Wang Huijian an unser Institut nach Heidelberg. Im Interview mit
Fabienne Wallenwein berichtet sie von ihrer Liebe zu deutschem Brot und
ihren humorvollen Studenten aus der Sinologie.

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Sinologieprofessoren in China: Eine bemerkenswerte Reise vor über 30 Jahren

Im Jahr 1977 fand endlich statt, wonach
viele der Teilnehmer mehr als zwei Jahrzehnte hatten warten müssen:
zwölf deutsche Sinologieprofessoren fuhren nach China. Bereits seit 1972
konnten Studierende der Sinologie über Stipendien des DAAD ein oder
zwei Jahre in der Volksrepublik studieren. So kannten viele Studenten
das Land besser als ihre Professoren.

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Sprachkolumne: 宅 – zhái

Der Begriff 宅 (zhái) kommt ursprünglich
aus dem Japanischen: 御宅族, Otaku. Im Chinesischen hat er eine
bemerkenswerte Begriffswandlung vollzogen. He Xiangling beschreibt in
der vierten Folge ihrer Sprachkolumne, wie nett es sein kann als „Nerd“
bezeichnet zu werden. 

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Kleines Wörterbuch süß-sauer

Auf der Suche nach einer erfrischenden
Sommerlektüre? Wie wäre es dann mit der angenehmen Art der „Lektüre für
die Ohren“, einem Hörbuch? Im Folgenden wollen wir zwei – bereits vor
einiger Zeit erschienene, sehr amüsante – Exemplare vorstellen.

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In der Grenzüberschreitung: Ein Interview mit Uwe Kräuter

Als wir Uwe Kräuter treffen, kommt er
uns mit einem Schirm entgegen. Es hat den Tag übergeregnet. So habe er
Heidelberg auch in Erinnerung, bemerkt er. Nur an jenem Tag, als er
Heidelberg Richtung Peking verließ, da sei es anders gewesen. Das war im
Juni 1974. Damals spazierte er bei strahlendem Sonnenschein durch die
Altstadt und warf letzte Blicke auf die Gebäude, die für ihn Bedeutung
hatten: Das Haus, in dem er gewohnt hatte, das Hörsaalgebäude, das
Institut für Soziologie (damals an der Ecke
Hauptstraße/Universitätsplatz gelegen).

Er sollte sie für lange Zeit nicht
wiedersehen. Mittlerweile lebt Uwe Kräuter seit 37 Jahren in Peking.
Zuvor hatte er in Heidelberg Soziologie, Ethnologie und Psychologie
studiert.

 

Photo (© Uwe
Kräuter): U. Kräuter 1979 in schwieriger Zeit. Zum einen kümmerte er
sich um seine Mutter, die als Patientin mit schwerer Krankheit nach
Peking gekommen war, während er selbst gegen Kräfte kämpfte, die ihn aus
dem Land haben wollten. Gleichzeitig initiierte er die
„Teehaus“-Europa-Tournee. 

 

In diesem Newsletter
veröffentlichen wir den ersten Teil des Interviews, das wir von SHAN
e.V. (Lena Hessel, Helen Hübner, Hanni Truong und Dr. Thomas
Kampen) am 22. Juni 2011 mit Herrn Kräuter geführt haben. Zu dieser
Zeit war er für einen Besuch in Deutschland und las u. a. im Rahmen der
Jubiläumsfeierlichkeiten der Universität Heidelberg aus seinen
Erinnerungen: Literaturgespräch: Uwe Kräuters „Grenzüberschreitungen“

 

 

 

Ein Heidelberger „68er“ macht sich auf den Weg nach China

 

SHAN: Wie kam es, dass Sie in Heidelberg studiert haben?

Uwe Kräuter: Meine Familie wohnte in den
Jahren in Lorsch, bei Bensheim, 30 km nördlich von Heidelberg, im
Gebiet der Bergstraße. In Heidelberg habe ich auch Abitur gemacht, am
Wirtschaftsgymnasium.

 

Und während des Studiums in Heidelberg haben Sie begonnen, sich für China zu interessieren?

Schon lange vorher. Meine Eltern haben
sich für exotische Länder interessiert. Als 10-jähriger blätterte ich in
ihren Fotobänden über Afrika und Asien. Wir hatten solche Bände auch
über China.

Später kam dann hinzu, was für einen
großen Teil meiner Generation prägend war, der Vietnamkrieg. Wir haben
jeden Tag in den Nachrichten die schrecklichen Bilder gesehen, das
Bombardieren von Dörfern, Menschen auf der Flucht, entlaubte Wälder.
China hat damals Vietnam gegen den Krieg Amerikas unterstützt, der
Millionen Tote brachte. Das war bei vielen jungen Menschen in
Deutschland und anderswo ein ursprünglicher Grund für die Sympathie für
China.

Ich wollte gerne für drei bis vier
Monate nach China gehen, um das Land kennenzulernen. Der konkrete Anlass
war meine Doktorarbeit. Ich plante, meine Doktorarbeit über China und
Indien zu schreiben, einen Vergleich über die zwei verschiedenen Wege
zur Unabhängigkeit, den indischen Weg und den chinesischen Weg.

 

War es denn damals nicht eigentlich sehr schwierig, nach China zu gehen?

Ja, das stimmt. Ich war auch sehr
überrascht, als auf einmal dieser Anruf kam. Zwischen Weihnachten und
Silvester 1973. Ich war in Südfrankreich, an der Cote d’Azur, in
Antibes. Das war mein häufiger Fluchtpunkt, zu dem ich mit Freunden,
wenn immer mal Feiertage waren, die 1.200 km in meinem 2CV
hinunterschaukelte…

 

Antibes… das hört sich aber nicht sehr… revolutionär an.

(U.K. schmunzelt) Ja, das ist Ihnen richtig aufgefallen. Ich wurde dafür auch von einigen kritisiert.

Nach Weihnachten 1973 kam also plötzlich
dieser Anruf. Ob ich nach Peking kommen wolle. Ich könnte für zwei
Jahre in Chinas Verlag für die internationale Propaganda arbeiten.

 

Woher kam dieser Kontakt?

Über ein deutsch-schweizerisches
Ehepaar, das dort arbeitete und deren Vertrag ablief. Wir kannten uns,
wir waren Doktoranden bei dem gleichen Professor. Es stimmt, es war
nicht einfach, nach China zu gehen. Ich hatte es schon ein Jahr vorher
versucht. Von der chinesischen Botschaft in Bonn erhielt ich auf meine
Anfrage keine Antwort. 1972 war ich in Indien und dann in Kathmandu, in
Nepal. Ich dachte, vielleicht von dort aus, eben dem Nachbarland, nach
China reisen zu können.  Aber in der chinesischen Botschaft sagte
man mir sehr direkt, Ausländer könnten jetzt nicht nach China, die Lage
im Land sei seit Lin Biaos Flucht, die mit dem Absturz seines Fliegers
endete, unsicher. Lin Biao war Mao Zedongs Stellvertreter und auch als
dessen Nachfolger vorgesehen gewesen.

Im Westen wusste man sehr wenig über
China. Außer Reisebüchern über Kurzaufenthalte, Ansichten von „China
Watchers“ und Propaganda aus China gab es wesentlich nichts, auf das man
sich stützen konnte.

China war weiter weg als der Mond. Ich
hatte doch etwas Angst. Zwei Jahre erschienen wie eine Ewigkeit, ich
wusste nicht, was mich erwartete. Aber ich sagte mir, du darfst keine
Angst haben. Ein unbekanntes Land öffnete mir seine Tore, wie würde ich
nicht eintreten wollen?

 

 

Flucht vor dem „Cabora-Bassa-Prozess“?

 

Und es gab da ja auch noch Ihren Prozess…

Meine Absicht, nach China zu gehen,
hatte mit dem Prozess nichts zu tun. Das wird zwar manchmal gesagt, es
stimmt aber nicht. Die Demonstration, um die es ging, fand bereits 1970
statt. Und das abschließende Urteil erging erst fünf Jahre später, 1975.
Robert McNamara…

 

… der ehemalige amerikanische Verteidigungsminister…

war 1970 zu einer Konferenz nach
Heidelberg gekommen. Er war Verteidigungsminister unter den
amerikanischen Präsidenten Kennedy und Johnson, bis 1968. 1970 war er
Präsident der Weltbank, und in dieser Eigenschaft sollte er eine
Konferenz über Entwicklungshilfe leiten, die Sitzungen fanden im Hotel
„Europäischer Hof“ statt. Wir dachten, das können wir nicht einfach so
zulassen, dass jemand, der eine solche Rolle im Vietnamkrieg gespielt
hat, hierher kommt. Ich war bei der Demonstration dabei, in der ersten
Reihe. Wir alle aus der ersten Reihe fanden uns im Prozess wieder, und
wurden verurteilt. Wir gingen in Berufung. Das Gericht verurteilte uns
erneut, nun allerdings nicht mehr auf Bewährung, sondern zu Gefängnis.
Das war im Juni 1974. Darauf ging die juristische Auseinandersetzung
weiter nach Karlsruhe. Die Einladung nach China hatte ich, wie gesagt,
bereits im Dezember des Vorjahrs angenommen. Mein China-Abenteuer wollte
ich für eine Gefängnisstrafe möglichst nicht opfern. Wir fürchteten uns
nicht vor dem Gefängnis, schließlich wussten wir, dass wir uns für die
richtige Sache eingesetzt hatten.

Vor dem Abflug fing ich allerdings an,
etwas nervös zu werden. In Frankfurt am Flughafen dachte ich, dass man
mich vielleicht festhalten wird. Aber das geschah nicht. Ich ging im
Juli 1974 nach China. Das Urteil aus Karlsruhe kam erst 1975, es
bestätigte das ursprüngliche Urteil. Die anderen sind ins Gefängnis
gegangen.

Otto Schily hatte uns gut verteidigt,
später ebenso gut dann der Anwalt Eberhard Kempf. Von mir hatte man
behauptet – reine Erfindung – ich hätte zwei Polizisten geschlagen. Es
fand sich aber kein Polizist, der bestätigen konnte, dass er von mir
geschlagen worden sei. Es gab nur einen, der sagte, er habe gesehen, wie
ich Polizisten geschlagen habe. Das genügte dem Gericht.

 

 

In China angekommen

 

Als Sie nach China gingen, konnten Sie kein Chinesisch?

Nein. In der Verlagsabteilung, für die ich als Lektor und Berater zuständig sein würde, sprachen alle Deutsch.

 

Wie haben Ihre Freunde, wie hat Ihr Umfeld reagiert, als man hörte, Sie wollten nach China gehen?

Ablehnend, doch, außer einigen sehr persönlichen Freunden haben sie eher ablehnend reagiert.

 

Auch die, mit denen Sie demonstriert haben?

Ja. Als die davon hörten, schienen sie
mir sonderbarerweise für solchen Gedanken überfordert. Aber ich habe
später aus China korrespondiert, also Artikel geschrieben. Für diese
Korrespondenz war man dann doch dankbar.

 

Und mit Sinologen hatten Sie in Heidelberg gar keinen Kontakt, trotz des gemeinsamen Interesses an China?

Unsere Auffassungen über China waren sehr unterschiedlich.

 

 

 

 

Photo (© Uwe Kräuter): 

Uwe Kräuter, der Rebell, 1974 zu Hause im Garten,  unmittelbar vor der Abreise nach China

 

 

Was wussten Sie damals über die Lage in China? Das Land befand sich noch mitten in der Kulturrevolution.

Über die tatsächliche Lage in den
Städten und Dörfern wussten wir nichts. Wir glaubten,  China hatte
seinen Weg gefunden, den wir meinten unterstützen zu müssen. Besonders
schätzten wir Chinas außenpolitische Strategie angesichts der Lage
zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, die die Welt am
Rand des Atomkriegs hielten. Dies, wie gesagt, vor allem auch vor dem
Hintergrund des nicht endenden Krieges in Südostasien, der das Potenzial
hatte, den 3. Weltkrieg auszulösen. Die sog. Kulturrevolution, von
deren wirklichen Schrecken wir nichts wussten, hatten wir –
idealistisch und voller Vertrauen, wie wir waren – gründlich
missverstanden, war Maos Absicht mit der Kulturrevolution doch
maßgeblich gewesen, sich seiner Widersacher zu entledigen.

 

War Deng Xiaoping damals überhaupt ein Name, den Sie kannten?

Sicher. Deng Xiaoping war 1973 von Mao
Zedong aus der Verbannung in der Provinz zurückgerufen worden, weil Mao
wusste, Deng war der Mann, das Land aus dem Chaos, in das die Radikalen
es manövriert hatten, wieder herauszuholen. Deng hatte im April 1974
eine Rede vor der UN-Vollversammlung gehalten über die
Drei-Welten-Theorie, die Mao entwickelt hatte. Diese Rede hatten wir in
Deutschland studiert, und sie war lange Zeit auch in China Thema.

 

Sind Sie Chinas obersten Führern jener Zeit persönlich begegnet?

Ja. Anlässe waren Reden und Banketts,
oder später auch persönliche Interviews. So war ich bei einem Bankett am
30. September 1974 zugegen, in der Großen Halle des Volkes, auf eine
Einladung, die von dem Ministerpräsidenten Zhou Enlai unterzeichnet war,
und wo dieser eine Rede hielt zum 25. Jahrestag der Gründung der
Volksrepublik. Da war die gesamte komplizierte Führungsriege präsent,
darunter Deng Xiaoping, drei der mit Zhou Enlai fünf Vizevorsitzenden
der Partei, der alte Ye Jianying, der gefürchtete Sicherheitschef Kang
Sheng, der Shanghaier Kulturrevolutionär Wang Hongwen, außerdem
Politbureaumitglied Zhu De, der Bauernführer Chen Yonggui aus dem Dorf
Dazhai, auch Maos Frau Jiang Qing, die zwei Jahre später als Mitglied
der Viererbande verhaftet wurde. Mao selber erschien aus
gesundheitlichen Gründen zu solchen Anlässen nicht mehr, aber (U.K. lacht) sein Abbild hing an der Frontseite des Saals.

 

Neben jungen Menschen wie Ihnen,
die, wie es hieß, China als „Foreign Experts“ beim Aufbau halfen, sind
im Westen auch Namen von Ausländern bekannt geworden, die zu der Zeit
bereits seit Jahrzehnten im Land lebten. Haben Sie die kennengelernt?

Ja, mit manchen war ich eng befreundet. Die erste, die ich kennenlernte, war die Österreicherin Ruth Weiss (Vgl. SHAN-NL Nr. 6, Dezember 2006).
Sie war 1933 nach China gekommen, wegen einer Liebesgeschichte, wie sie
mir gestand. Sie wollte dann mit jedem Schiff zurück nach Europa,
schaffte es aber nie. Oh… Ruth… als ich in sehr großen
Schwierigkeiten war und das Land verlassen sollte, machte sie zu meiner
Unterstützung bei einer Zusammenkunft mit dem Vizeministerpräsidenten
Wang Zhen eine mutige Aktion, wobei ihr spontan der Amerikaner Sidney
Rittenberg, der seit den 40er Jahren in China war, zur Seite sprang.

Ein bester Freund war Richard Frey, der
als 19-jähriger Jude und Kommunist von Wien nach China geflohen war und
sich dort der Revolution anschloss. Er wohnte in einem romantischen
Pekinger Wohnhof, wo wir regelmäßig zusammensaßen und er sich
anstrengte, mir Chinas Revolution und Politik und Geschichte zu
erklären.

Dann die Engländerin, Missionarstochter
und Übersetzerin Gladys Yang, die mit dem herausragenden Übersetzer Yang
Xianyi verheiratet war und im Verlag wohnte. Wir trafen uns bei ihnen
im Wohnzimmer und diskutierten, kein Thema war tabu, und tranken und
tanzten und fanden kein Ende. Eine berühmte Deutsche war die Fotografin
Eva Sandberg (Eva Xiao). Wie das Ehepaar Yang waren auch Eva Sandberg
und ihr Mann, der Dichter Xiao San (Emi Xiao), in der Kulturrevolution
lange Jahre inhaftiert (Vgl. SHAN-NL Nr. 53, Juni 2011).

Und es gab die drei unzertrennlichen
Freunde, den Deutschen jüdischer Herkunft, Hans Kurt Müller,
Vizedirektor der Pekinger Medizinischen Hochschule, den amerikanischer
Arzt libanesischer Herkunft, George Hatem (Ma Haide), und den alten
neuseeländischen Schriftsteller Rewi Alley, der in der ehemaligen
italienischen Botschaft wohnte. Eine besondere Persönlichkeit war auch
der Engländer David Crook, mit Frau Isabel, der, bevor er nach China
kam, in den Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft
hatte. Dann der Pole Israel Epstein, der seit Kindheit in China lebte
und später als Journalist und in der Verlagsleitung arbeitete, und auch
der amerikanische Übersetzer und Autor Sidney Shapiro… die Reihe hier
ist unvollständig.

Untereinander hatten manche von ihnen
einige Probleme, hervorgerufen letztlich durch die komplizierten
politischen Entwicklungen, durch die sie sich jeder auf seine Weise
durchkämpfte. Insgesamt waren das alles sehr starke Charaktere, die von
ihrem Vertrauen in die Zukunft des Landes nicht abließen. Dass sie in
ihren eigenen Ländern als persona non grata galten, kümmerte sie wenig.

Isabel Crook, Sid Shapiro und Sidney
Rittenberg sind die letzten Überlebenden. Rittenberg ist nach Amerika
zurückgekehrt, kommt aber jedes Jahr für einige Monate als Geschäftsmann
nach Peking.

 

 

Vom „Revolutionär“ zum Mittler zwischen den Kulturen

 

 Wann sind Sie zum ersten Mal nach Deutschland zurückgekehrt?

Das war 1980. Ich war sechs Jahre nicht
in Deutschland gewesen. Meine Eltern hatten mich in Peking besucht, und
wir hatten uns auch einmal (lacht) ganz klandestin in
Frankreich getroffen. Und nun kam ich mit dem Drama „Das Teehaus“ und
achtzig Mitgliedern des Pekinger Volkskunsttheaters erstmals wieder in
mein Land. Es war ein großes, spannendes Ereignis für das Theater, denn
erstmals in der Geschichte, dass ein chinesisches Dramaensemble im
Ausland auftreten würde.

 

 

 

Photo (© Uwe Kräuter): 

Mit dem Dramatiker Cao
Yu, dem Deutschen Botschafter Dr. Guenther Schoedel, Hu Jieqing
(Malerin, Witwe des  „Teehaus“-Autors Lao She).

 

 

Das Stück war 1957 von dem Autor Lao She
verfasst worden. Es treibt einen innerhalb von drei Stunden und drei
Akten durch fünf Jahrzehnte menschlichen und gesellschaftlichen Lebens.
Die hauptsächlichen Personen – die Besucher eines Teehauses und der Wirt
– sind im ersten Akt etwas über zwanzig, im zweiten Mitte vierzig, und
im dritten über siebzig. Die inzwischen Verstorbenen oder Exekutierten
tauchen im letzten Akt als ihre Söhne wieder auf, mit noch größeren
Lastern.

Diese Grundidee des Autors, das Leben
von Generationen in eine abendliche Theateraufführung zu konzentrieren,
ist so grandios, dass auch für einen westlichen Zuschauer die
Unterschiede zwischen West und Ost und alle Gedanken von Exotik
verschwimmen, und stattdessen das die Menschen in ihrem
Lebens-Auf-und-Ab Einende zählt. Also trat ich auf mit der Idee, dieses
Stück müssen wir nach Deutschland und Europa bringen!

Wie für mich China einst weiter entfernt
war als der Mond, so war für die Chinesen Europa ein unerreichbarer
Planet. Sie sagten zu mir: Du träumst! Aber einer – der Schauspieler,
Regisseur und spätere Vizekulturminister Ying Ruocheng – sagte: Nur über
Träume können wir Neues und Unglaubliches schaffen! Zusammen mit dem
mutigen Mannheimer Nationaltheater schafften wir die Realisierung des
Traums. „Das Teehaus“ zog triumphal durch vierzehn deutsche Städte.
Wobei ich die fantastische Aufgabe hatte, sämtliche über siebzig Rollen
simultan über Kopfhörer zu dolmetschen.

 

Entschuldigung, und Ihre Haftstrafe?

Immer wenn ich von etwas begeistert bin,
richte ich alle Gedanken auf das Gelingen, und hier kam es darauf an,
die Welten einander näherzubringen…

 

Sie wären nach Deutschland gefahren, auch auf das Risiko hin, dass Sie hier sofort festgenommen werden würden?

Es stellte sich irgendwann heraus, dass
ich mir keine Sorgen zu machen brauchte. Seit ich in China war, kam
jedes Jahr ein Polizist zu meinen Eltern nach Hause. Meine Eltern
wurden dann gefragt, ob sie wüssten, wo ich sei, und wann ich vorhätte
zurückzukommen. Meine Eltern kannten den Polizisten, sie waren in
demselben Hundeverein. In dem Jahr sagte er ihnen im Vertrauen, dass die
Staatsanwaltschaft vor der Wahl stehe, die Strafverfolgung einzustellen
oder zu verlängern. Tatsächlich trat wenige Monate vor der Tournee
Strafverjährung ein.

 

 

 

Photo (© Uwe Kräuter): 

U. Kräuters  Mutter wurde als Patientin in einer Klinik in Shanghai untersucht. 

(koloriertes Photo)

 

 

Wie sind Sie von der Arbeit im Verlag in den Kultur-Austausch gekommen?

Es war die frühe Phase nach dem Ende der Kulturrevolution. Die Politik schien zu wissen, was sie nicht
wollte. Aber wohin wollte man? Was war genau das Ziel? Darüber
herrschte Unklarheit.  Eins war sicher: die Menschen sehnten sich
nach Austausch und Verbindung mit dem Westen. Es ließ sich viel Neues in
Angriff nehmen. Als Antwort auf die chinesische Tournee holten wir zwei
Jahre darauf das Mannheimer Nationaltheater nach China. Das Stück, das
wir ausgesucht hatten, war „Der Bockerer“, von Ulrich Becher und Peter
Preses, ein wahrhaft ungewöhnliches antifaschistisches Stück mit
Wahnsinnshumor. Die Hauptfigur ist ein Wiener Fleischhauer, eben der
„Bockerer“. Das Stück spielt zur Zeit der Nazibesatzung in Wien.

Aber Goethe-Institut und Auswärtiges Amt waren dagegen. Sie sagten tatsächlich, „Der Bockerer“ sei „nicht exportfähig“.
Warum? Man wollte kein Stück, das diesen Teil der deutschen Geschichte
thematisiert. Man schlug den „Zerbrochenen Krug“ vor, und hätte auch den
„Hauptmann von Köpenick“ erlaubt.

Mannheim wollte unbedingt den „Bockerer“
schicken, und ließ sich empört auf nichts anderes ein. Ebenso wollten
die Chinesen gerade den „Bockerer“. Das hatte Grund. China  war mit
seiner Vergangenheitsbewältigung befasst, nämlich der Bewältigung der
Kulturrevolution. Der „Bockerer“ passte da genau.

 

Wie das?

Es war noch nicht möglich, die
Kulturrevolution auf die Bühne zu bringen. Aber die Bilder aus dem
„Bockerer“ lieferten äußerlich die richtigen Parallelen! Das Wesen der
Kulturrevolution ließ sich mittels unseres Stücks thematisieren! Und so
hielten das Mannheimer Nationaltheater, das Pekinger Volkskunsttheater
und ich standhaft am „Bockerer“ fest. Unsere Seite hatte gegenüber der
deutschen Botschaft den taktischen Vorteil zeitlicher Flexibilität, denn
ich standtelefonisch mit Mannheim in Verbindung, während die
Diplomatenpost immer nur donnerstags kam. Am Ende ging es nicht anders,
und Bonn musste dem „Bockerer“ zustimmen, denn schließlich zählte auch
der Wunsch des Gastgebers.

Die Tournee in Peking und Shanghai wurde ein beispielloser
Erfolg, es riss die Leute während der Aufführungen vom Sitz, sie
umarmten sich, sie weinten ebenso wie sie jubelten, immer wieder
Beifall! „Der Bockerer“ wurde mehrfach im chinesischen Fernsehen
übertragen und hatte insgesamt unvergleichbar mehr Zuschauer in China
als er in Deutschland je haben würde! Ein hoher chinesischer
Verantwortlicher sagte, wörtlich: Alle, die an diesem Projekt beteiligt
waren, hätten einen Preis verdient, und der politische Erfolg, den
Deutschland mit dieser Aufführung in China hat, sei vielleicht noch
größer als der künstlerische!

 

Eine bemerkenswerte  Geschichte… Wir gratulieren!…

2007, also 25 Jahre später, brachte das
Volkskunsttheater den „Bockerer“ erneut auf die Bühne, mit den eigenen
Schauspielern – und unter stürmischem Beifall!

 

 

 

Photos (© Uwe Kräuter):  

Die Übersetzer Shi
Yansheng und Hu Shiguang  (von links), die U. Kräuter bei der
Abfassung und Zusammenstellung seines Buchs über Verlauf und Ergebnisse
der Europatournee von „Teehaus“ geholfen hatten. Das Buch war damals
(1982) gerade herausgekommen, er hält es auf dem Photo in der Hand. Es
heißt: dongfeng wutaisheng de qiji – chaguan zai xi ou (1982). 

 

 

Wie haben Sie es konkret
geschafft, die Brücke zu schlagen, von der Arbeit im Verlag zu den
Kulturaustauschaktivitäten? Woher kannten Sie die Menschen, mit denen
Sie etwa Theaterprojekte auf die Beine gestellt hab
en? Sie haben später auch Ihren ersten Film gemeinsam gedreht, nicht wahr?,

Ja, wir haben auch eine chinesische
Filmretrospektive in die Wege geleitet, und zusammen die erste große
Einzelausstellung des Malers Huang Yongyu in Deutschland. – 1976 war die
Kulturrevolution zu Ende.  Sehr bald ergab es sich, dass ich neue
Bekanntschaften machte: Maler, Regisseure, Schauspieler, Dirigenten,
Musiker, Schriftsteller, Opernsänger. Das waren in China namhafte Leute,
z.T. legendär, die ein Jahrzehnt, manche sogar zwei Jahrzehnte, auf dem
Land hatten zubringen müssen, auch im Gefängnis, oder sich nicht mehr
in die Öffentlichkeit gewagt hatten. Ich war fasziniert, sie
kennenzulernen. Wir Ausländer hatten nichts gewusst von der Existenz all
dieser Kunst, die da plötzlich ans Tageslicht kam. Die chinesischen
Künstler hatten Unglaubliches zu erzählen, sie brachten Spontaneität,
sie redeten auf völlig neue und verbotene Art über Gesellschaft, Kunst
und Politik. Während man in der Bevölkerung noch über Richtig und Falsch
in der Kulturrevolution debattierte, sagten diese Leute schon, Mao
hätte 1956/57 abtreten sollen, dann wäre er ein großer Mann geblieben.

Ich suchte den Kontakt mit ihnen, sie
waren umgekehrt interessiert an dem westlichen Ausländer, sie hatten
vorher, wenn überhaupt, nur Osteuropäer und Russen kennengelernt, und es
machte ihnen Spaß, mich ihren Freunden vorzustellen. Wir entwickelten
sehr enge Freundschaften. Als ich später in großen Problemen war und
gegen schlimme Gerüchte anzukämpfen hatte, würden sie, die selber
gelitten hatten, mir allesamt beistehen. Diese Erfahrungen und
Freundschaften regten mich später an zu meinem ersten Film „Meine
Pekinger Künstlerfreunde“.

 

Dennoch sind Sie in Ihrer ursprünglichen Arbeitsorganisation geblieben?

Manchen Ebenen gefielen meine
Verbindungen zu den Künstlern nicht. Das wurde bald klar. Es war der
Widerspruch zwischen neuem und altem Denken, auch zwischen den
Fraktionen, und überhaupt herrschte Unsicherheit in den Köpfen, wie
unter den neuen Bedingungen mit den Ausländern umzugehen war. Ich galt
plötzlich als „unkontrollierbar“. Freunde hörten in den Jahren
zeitweilig auch, ich sei ein „Kultur-Spion“. Was ist ein „Kultur-Spion“?
Es war ein ziemlicher Schock. Mein Vertrag sollte nicht verlängert
werden, ich sollte China verlassen.

Ich konnte da nicht mitmachen, denn ich
hatte dem Land mein bestes gegeben. Die Kollegen äußerten Unverständnis
und setzten sich für mich ein, Künstler ebenso wie Persönlichkeiten
höherer Ebenen, auch im Ministerrang, wandten sich an vorgesetzte und
oberste Regierungsstellen. Ich selber schrieb seitenlange Telegramme
nach ganz oben. Die Auseinandersetzungen dauerten fast ein Jahr, 1979 –
1980. Aber zu keinem Moment fuehlte ich mich einsam.

Ein persönliches Schreiben des
Generalsekretärs der Kommunistischen Partei Chinas, Hu Yaobang, in
meiner Angelegenheit, in dem er Dankbarkeit für meine Arbeit ausdrückte,
und das mir in einer großen Sitzung vorgelesen wurde, brachte die
Wende, denn er wünschte, dass die Angelegenheit beigelegt wurde.

(U.K. zwinkert mit den Augen) Es war alles etwas komplizierter, aber lassen wir es jetzt so stehen.

 

 

 

Im nächsten Newsletter wird der
zweite Teil des Interviews folgen, in dem u.a. die spannende
Geschichte dieser rotblonden Eule, gemalt von Huang Yongyu, erzählt
wird. 

 

Photo (© Uwe Kräuter)

 

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Der deutsche Chinaboom vor 25 Jahren: Bücher, Filme und Horizonte

Anfang der achtziger Jahre begann in der
Bundesrepublik eine Chinabegeisterung, die das ganze Jahrzehnt anhielt.
Im Gegensatz zu früheren Jahren standen nun nicht mehr politische
Fragen (wie Kulturrevolution, Maoismus und Vietnamkrieg) im Vordergrund,
sondern kulturelle und wirtschaftliche Themen. Zu dieser Zeit begann
auch der (nicht-politische) Chinatourismus.

Gleichzeitig
schickten deutsche Medien immer mehr Korrespondenten nach China. Die
Zahl der Sinologieprofessuren und Student(inn)en stieg, der
Stipendiatenaustausch des DAAD mit China wurde stark erweitert. (SHAN-NL Nr. 17, Dezember 2007)

Während man früher
in der BRD nur in kleinen Studentenkinos chinesische Revolutionsfilme
sehen konnte, tauchten nun Spielfilme von Chen Kaige und Zhang Yimou in
regulären Lichtspielhäusern auf; hierzu gehörten Gelbe Erde, Rotes
Kornfeld, Rote Laterne und König der Kinder, die später sogar im
Fernsehen  gezeigt wurden.

 

Deutsche Verlage
publizierten zunächst Übersetzungen der modernen Klassiker  (Ba
Jin, Lao She, Lu Xun und Mao Dun), dann begann der Boom der
Frauenliteratur mit Ding Ling, Ru Zhijuan, Wang Anyi, Zhang Jie und
Zhang Kangkang. Die Verlage Diederichs, Insel und Suhrkamp waren damals
besonders aktiv. Die Literaturzeitschrift „die horen“ veröffentlichte
mehrere Themenbände zu China (Nr.138, 155 und 156). Die Zeitschrift
für Kulturaustausch druckte 1986 ein Chinaheft mit dem Titel
Wechselseitige Bilder.

(http://
www.buchfreund.de/Wechselseitige-Bilder-Das-Eigene-im-Fremden-Chinesen-
ueber-Deutsche-Deutsche-ueber-Chinesen-Mit-vielen-Beitraegen-von-
Fachautoren-Rehs-Michael-Institut-fuer-Auslandsbeziehungen-Stuttgart-
Hrsg,44668904-buch

Neu entstanden damals die Chinablätter und Hefte für ostasiatische Literatur (http://www.iudicium.de/katalog/Register_HOL_01-20.pdf) und, etwas später, minima sinica  und Orientierungen.

Die wichtigsten
Herausgeber und Übersetzer waren Wolfgang Kubin (Berlin/Bonn), Helmut
Martin (Bochum) und Rudolf Wagner (Berlin/Heidelberg) und die von ihnen
betreuten Magistranden und Doktoranden.

Der Höhepunkt des
kulturellen Austauschs war im Sommer 1985 das Horizonte-Festival in
Berlin, an dem unter anderem Bei Dao, Huang Zongying, Kong Jiesheng,
Wang Meng, Zhang Jie und Zhang Kangkang teilnahmen. In diesem Jahr
fanden auch die großen Ausstellungen Europa und die Kaiser von China und
Palastmuseum Peking. Schätze aus der verbotenen Stadt im Westen Berlins
statt zu denen umfangreiche Kataloge publiziert wurden. In einem
Spiegel-Bericht vom 6.5.1985, in dem auch der „Heidelberger
Ostasien-Spezialist Lothar Ledderose“ zitiert wird, heisst es: Im
Martin-Gropius-Bau erlauben die „Schätze aus der Verbotenen Stadt“ von
Sonntag an authentische Einblicke ins Kunst-Reich der Mitte. Eine
Parallel-Schau im selben Haus zeigt mit Leihgaben westlicher Museen, wie
vielfältige Kontakte „Europa und die Kaiser von China“ schon seit dem
13. Jahrhundert pflegten.  (Ostberlin und die DDR waren an den
damaligen Aktivitäten nicht beteiligt, die Beziehungen zur VR China
verbesserten sich erst 1987-88.)

Die kulturelle (und
politische) Entwicklung in China und der Austausch mit Deutschland (und
Europa) verliefen jedoch nicht geradlinig oder problemlos. Vor dem Boom
war schon 1979 die Demokratiebewegung beendet worden und viele
Aktivisten (wie Wei Jingsheng und Xu Wenli) saßen in den achtziger
Jahren noch im Gefängnis. (China im April – vor 35 Jahren)
Kurz vor dem Horizonte-Festival hatte die Kampagne gegen „geistige
Verschmutzung“ stattgefunden. In den späten achtziger Jahren folgte die
Kampagne gegen die „bürgerliche Liberalisierung“ in der der Journalist
Liu Binyan und der Literaturkritiker Wang Ruowang angegriffen wurden.
1987 war auch der relativ aufgeschlossene KP-Generalsekretär Hu Yaobang
zum Rücktritt gezwungen worden. (China vor 25 Jahren: Liu Binyan und die Kampagne gegen „bürgerliche Liberalisierung“)

1989 wurde der
kulturelle Boom dann beendet, die Politik stand wieder im Vordergrund.
Der chinesische Buchmarkt wurde immer kommerzieller, auch das Niveau der
Filme sank. Die deutschen Medien beschäftigten sich in den neunziger
Jahren vor allem mit Osteuropa.

 

Literatur:

V. Klöpsch: Hoffnung auf Frühling, Frankfurt, 1980.

W. Kubin: Hundert Blumen, Frankfurt, 1980.

Ba Jin: Familie, Berlin, 1980.

Lao She: Blick Westwärts nach Changan, München, 1983.

R. G. Wagner (Hg.): Literatur und Politik in der VR China, Frankfurt, 1983.

W. Kubin: Nachrichten aus der Hauptstadt der Sonne, Frankfurt, 1985.

L. Ledderose: Palastmuseum Peking, Frankfurt, 1985.

Wang Meng: Kleines Gerede, Köln, 1985.

Zhang Jie: Schwere Flügel, München, 1986.

Zhang Xinxin, Sang Ye: Pekingmenschen, Köln, 1987.

DAAD: Abenteuer China, Bonn, 2009.

 

Dr. Thomas Kampen

 

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Erzählen Sie mal … mit Wang Huijuan (王慧娟)

SHAN: Wann sind Sie zum ersten Mal nach Deutschland gekommen?

Wang Huijuan: Das war am 03. Oktober
2008, ich weiß das noch so genau, weil ich da eine Freundin in
München besucht habe und wir  zusammen zum Oktoberfest gegangen
sind. Diese Freundin  war damals schon Sprachlehrerin am Institut
für Sinologie in  Heidelberg gewesen. Leider konnte ich damals nur
für etwa  einen Monat bleiben und musste Deutschland am 24.
Oktober  schon wieder verlassen. Aber es hat mir wirklich gut
gefallen und ich habe mir überlegt, wenn sich eine Möglichkeit bietet
wieder zurückzukommen.

 

Und seit wann sind Sie als Sprachlehrerin bei uns am Institut für Sinologie in Heidelberg?

Am Institut für Sinologie bin ich seit
April 2009. Ich unterrichte dort hauptsächlich Sprachkurse, sowie
Taiwanesische Zeitungslektüre, Hörverständnis und Lishi Gushi (历史故事).
Eigentlich sollte ich schon im März diesen Jahres wieder zurück nach
Taiwan gehen, aber auf Initiative von Frau Mittler hin ist es mir jetzt
möglich, noch ein Semester hier in Heidelberg zu bleiben, worüber ich
sehr froh bin.

 

Haben Sie schon Deutsch gelernt?

Ja, ich habe schon mal einen Deutschkurs
im Max-Weber-Haus besucht, allerdings bin ich da oft nicht hingegangen.
Besonders im Winter, wenn es kalt war oder so …

 

Nachdem Sie jetzt den direkten
Vergleich hatten, meinen Sie es gibt große Unterschiede zwischen
chinesischen und deutschen Studierenden?

Ja, sie sind sehr unterschiedlich. Die
deutschen Studenten interessieren sich für viel mehr Dinge, auch
kultureller Art. Man fühlt sich den Studenten viel verbundener,
besonders natürlich auch den Studienanfängern aus dem Propädeutikum, mit
denen man jeden Tag zusammen ist. Außerdem ist mir aufgefallen, dass
deutsche Studenten viel mehr Humor haben. In Taiwan war die Einstellung
eher folgendermaßen: Ich bezahle Geld dafür, also unterrichten Sie bitte
möglichst effizient.

 

Wen und wo haben Sie vorher in Taiwan unterrichtet?

In Taiwan habe ich an der Guoli Taiwan
Shifan Daxue (國立臺灣師範大學, National Taiwan Normal University) unterrichtet.
Zu meinen Schülern gehörten sowohl Auslandsstudenten, als auch bereits
Berufstätige, die ergänzend in Taiwan Chinesisch lernen wollten.

 

Was hat Ihnen hier in Deutschland am besten gefallen und was war eher nicht so gut?

Alles kommt mir sehr geordnet vor und
folgt immer einem bestimmten Prinzip, das finde ich gut, es ist
irgendwie beruhigend. Außerdem ist das Klima viel ausgeglichener, ich
finde das Wetter hier sehr angenehm. Es wird im Sommer nicht so heiß wie
in Taiwan. Aber manchmal fehlen mir natürlich meine Familie und meine
Freunde und ich denke, dass ich schon zu lange von ihnen getrennt bin.

 

Gibt es auch etwas, das Sie an Deutschland stört?

Wieso trinken Deutsche so gerne Alkohol?
Am Anfang fand ich das ziemlich lustig, aber jetzt, wenn ich sehe wie
sich auch viele junge Leute betrinken, dann finde ich das eher
beängstigend. Vielleicht noch, dass sonntags alles geschlossen ist. Man
will schließlich dann einkaufen gehen, wenn man Zeit dazu hat …

 

Und wie ist es mit dem Essen?

Ich habe gar keine Probleme, schließlich esse ich auch gerne Brot …

 

Gibt es etwas, das Sie besonders vermissen?

Ja, wie gesagt, zum Beispiel die
„Nachtmärkte“ in Taiwan fehlen mir manchmal. Andererseits ist es dafür
nicht so belebt und man kann sehr ruhig leben. Am Tag geht man erst mal
arbeiten und abends kann man dafür aber entspannen. Wenn man die
„Nachtmärkte“ nach Deutschland verlegen würde, wäre das sehr komisch.
Die passen hier einfach nicht rein. Da ich weiß, dass ich bald wieder
nach Taiwan zurück gehe, genieße ich lieber die Zeit hier.

 

Welche Orte haben Sie in Europa denn schon besucht?

Ähm, die Frage wäre eher welche ich
nicht besucht habe. Ich war in England, Frankreich, Spanien, Holland,
Tschechien, der Schweiz und Österreich.

 

Und wo hat es Ihnen am besten gefallen?

In Deutschland natürlich, als ich hier
angekommen bin, habe ich mich gleich wie zuhause gefühlt. Aber
Großstädte wie Berlin und München sind besser zum einkaufen, Füssen fand
ich ziemlich klein. Potsdam fand ich auch sehr schön und beim Schloss
Neuschwanstein war ich jetzt schon mindestens dreimal.

 

Was machen Sie hier so in Ihrer Freizeit?

Ich gehe gerne schwimmen oder in der
Altstadt spazieren. Natürlich treffe ich mich auch gerne mit Freunden,
aber am Anfang bin ich hier eher alleine unterwegs gewesen, weil man in
Taiwan auf jeden Fall immer zusammen etwas unternimmt. Aber mittlerweile
habe ich auch hier schon sehr viele deutsche Freunde und Freunde aus
anderen Ländern gefunden.

 

Gibt es noch etwas, das Sie zum Abschluss gerne sagen würden?

Ja, denn an meiner Tätigkeit hier im
Institut für Sinologie gefällt mir vor allem, dass man sich selbst
einbringen kann. In Taiwan geht das nicht, da bekommt man ein Buch,
nachdem man sich genau richten muss. Besonders der Zeitungslektüre-Kurs
und die Kurse des Propädeutikums hier am Institut haben mir daher immer
sehr viel Spaß gemacht.

 

Fabienne Wallenwein

Interview mit Wang Huijuan (王慧娟) am 29.06.2011   

 

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Sinologieprofessoren in China – Eine bemerkenswerte Reise vor über dreißig Jahren

1977 fuhren zwölf deutsche
Sinologieprofessoren nach China. Dies war die erste Reise einer solchen
Gruppe in die Volksrepublik China und für die meisten Teilnehmer die
erste Chinareise überhaupt. Da zwischen der BRD und der VR China nach
1949 mehr als zwanzig Jahre keine diplomatischen Beziehungen bestanden
und da das Jahrzehnt davor (1939-49) auch für Chinareisen schlecht
geeignet war, hatten viele damalige Sinologen China nie gesehen. Seit
1972 konnten allerdings Studierende der Sinologie über den DAAD
Stipendien bekommen und ein oder zwei Jahre in der Volksrepublik
studieren. So kannten viele Studenten das Land besser als ihre
Professoren. (Vgl. SHAN-NL Nr 17, Dezember 2007)

Zu den Teilnehmern
gehörten sehr unterschiedliche Wissenschaftler verschiedener
Altersgruppen. Herbert Franke (1914-2011) und Wolfgang Franke
(1912-2007), die nicht miteinander verwandt waren, gehörten seit den
fünfziger Jahren zu den bekanntesten deutschen Sinologen, Ende der
siebziger Jahre gingen sie schon in den Ruhestand. Lothar Ledderose war
etwa dreißig Jahre jünger und wurde erst 1976 Professor. Wolfgang Bauer
(1930-1997), Günther Debon (1921-2005) und Lothar Ledderose haben zu
verschiedenen Zeiten an der Universität Heidelberg gelehrt (Vgl. SHAN-NL Nr. 17, Dezember 2007),
Bauer und Ledderose hatten vorher schon Taiwan besucht. Martin Gimm,
Wolfgang Lippert, Hans Steininger (1920-1990)  und Rolf Trauzettel
stammten aus dem Osten Deutschlands, waren aber erst im Westen
Professoren geworden.

Wolfgang Franke, der
Sohn des Sinologieprofessors Otto Franke (1862-1946) war schon in den
dreißiger Jahren nach China gereist und hatte dort eine Chinesin
geheiratet, was damals sehr ungewöhnlich war. Er konnte wohl am besten
die Verhältnisse vor und nach der Gründung der Volksrepublik
vergleichen. Er schrieb in seinen Memoiren: „Kurz vor der Emeritierung
konnte ich im Mai/Juni 1977 noch an einer weiteren recht interessanten
Chinareise teilnehmen. Schon seit längerer Zeit hatte sich mein Kollege
Wolfgang Bauer, München, bemüht, von chinesischer Seite die Genehmigung
für eine längere Gruppenreise von Sinologen und ostasiatischen
Kunstwissenschaftlern bundesdeutscher Universitäten zu erhalten.“
(S.179) [Zu den Kunstwissenschaftlern gehörte neben Ledderose auch Roger
Goepper, die übrigen Sinologen waren Erhard Rosner und Bodo Wiethoff.]

Roger Goepper
schrieb (in dem Band „Facies – Facetten“): „Viele der Teilnehmer, vor
allem die aus der ‚Münchner Schule‘, der Bauer ja selbst entstammte,
hatten sich vornehmlich mit dem ‚klassischen‘ China beschäftigt und
aufgrund der politischen Verhältnisse bisher noch nie die Gelegenheit zu
einem Besuch des neben Taiwan auf dem Festland etablierten realen China
gehabt. […] Gleich am ersten Tag,wurde die Bei Da, die Universität von
Beijing, besucht, um den deutschen Professoren einen direkten
Einblick in das chinesische Ausbildungssystem zu gewähren.“ (S.59).

Lothar Ledderose
schrieb damals im Unispiegel (4/77) der Universität Heidelberg: „Vom
23.5.1977 bis zum 18.6.1977 unternahmen zwölf China-Wissenschaftler von
neun deutschen Universitäten eine Reise in die Volksrepublik China. […]
Die Reise begann in Peking und führte über Sian, Loyang, Nanking
und Shanghai nach Kanton, von wo die Ausreise nach Hongkong
erfolgte. […] Besucht wurden u.a. archäologische Fundstätten, vor allem
Kaisergräber, Museen, Schulen, Bibliotheken, Fabriken,
Kunsthandwerksbetriebe und eine Volkskommune. […] Es ist zu hoffen, daß
dieser ersten Reise weitere Reisen von deutschen Spezialisten folgen
werden, die einem konkret umrissenen wissenschaftlichen Ziel dienen.“
(S.6)

Diese Hoffnung ist
in Erfüllung gegangen; die Professorenreise hatte für die deutsche
Sinologie eine große Bedeutung und führte zu zahlreichen
Kooperationsprojekten in den achtziger Jahren. Außerdem konnten die
Sinologieprofessoren nun ihren Student(inn)en stolz berichten, daß sie
schon einmal in China waren.

 

Literatur:

Wolfgang Franke: Im Banne Chinas – Autobiographie eines Sinologen 1950-1998, Dortmund, 1999.

Li-Yun Bauer-Hsieh: Facies – Facetten, In Memoriam Wolfgang Bauer (1930-1997), Taipei, 2000.

DAAD: Abenteuer China, Bonn, 2009.

 

Dr. Thomas Kampen

 

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Sprachkolumne: 宅 – zhái

 

Verb: „zu Hause bleiben“

Adjektiv: „gerne zu Hause zu bleiben“

 

 

 

Der Begriff 宅 kommt ursprünglich aus dem
Japanischen: 御宅族, Otaku. Im japanischen Kontext sind die „Otaku“ eine
Gruppe von Menschen, die man sich immer mit ACG, Animation, Comics und
Computerspielen zusammen vorstellt. Mit „Otaku“ meinen die Japaner
insbesondere die Comic Fans, die Phantasie und Wirklichkeit als
gleichwertig einschätzen, oder auch der Meinung sind, dass die Phantasie
sogar noch wichtiger ist als die Realität. Inzwischen hat der Begriff
eine Erweiterung erfahren und wird ähnlich benutzt wie das englische
„Nerd“ oder „Geek“. 

Das Wort 宅 ist laut Wörterbuch
eigentlich nur ein Substantiv und bedeutet „Wohnort“ oder „Haus“. Aber
hier wird es als Verb und Adjektiv benutzt. Da sich die „Otaku“ in
ihrer Freizeit meist in ihren Zimmern verkriechen, könnte man sie im
Deutschen auch mit dem etwas antiquierten Wort „Stubenhocker“
bezeichnen. 

Ein interessantes chinesisches Wortspiel, nicht wahr?

 

Doch wie verwendet man 宅? Hier ein Beispiel:

 

A: 你周末过的怎么样啊?

   Wie war dein Wochenende?

B: 我就宅在家里了,没干什么特别的事。

   Ich bin nur zu Hause geblieben und habe nichts besonderes unternommen.

A: 一直宅着不无聊吗?

   War es nicht langweilig, nur zu Hause zu bleiben?

B: 不啊,我就看看书、看看电影,也挺有意思的啊!

   Nein. Ich habe gelesen und Filme angeschaut. Mir hat es Spaß gemacht!

A: 你可真宅!

   Du bist wirklich ein Nerd!

 

Im chinesischen Kontext ist die
Abkürzung 宅 jedoch eher neutral gemeint. In der Alltagssprache werden
die negativen Beurteilungen über die Persönlichkeit dieser Gruppe nicht
explizit ausgedrückt. Unter 宅 versteht man einfach einen bestimmten
Lebensstil: dass jemand gerne allein bleibt und sich mit den Sachen
beschäftigt, die ihn interessieren. 

Aktivitäten wie Bücher lesen, Filme
anschauen, Musik hören, kochen oder auch im Internet surfen, am Computer
spielen, usw. sind alle typisch für die 宅男 und 宅女 – nicht nur in China.

 

He Xiangling

 

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Kleines Wörterbuch süß-sauer

 

 

 

Auf der Suche nach einer erfrischenden Sommerlektüre? 

Wie wäre es dann mit der angenehmen Art der „Lektüre für die Ohren“, einem Hörbuch? 

Im Folgenden wollen wir zwei – bereits vor einiger Zeit erschienene, sehr amüsante – Exemplare vorstellen. 

 

 

 

Megadeal Süß-sauer

Am Brandenburger Tor wird eine riesige
Mao-Statue aufgestellt, die Mauer wird wieder aufgebaut, an der
wiederhergestellten innerdeutschen Grenze patrouillieren uniformierte
Truppen. Wie konnte das passieren?

Das Hörspiel „Megadeal Süß-sauer“ der
WDR-Redakteure Florian Goldberg und Silke Tauch entführt den Hörer in
eine akustische Realsatire. Mit schwarzem Humor getränkt ist dieser
Bericht eines fiktiven, wie doch wahrhaft spektakulären Coups: China hat
das gesamte Gebiet der ehemaligen DDR gekauft. Dort wird nun „Xin
Dongfang“, ein gigantisches Erholungsparadies für altgediente Kader,
geplant.

Der Mix einer Persiflage der aktuellen
Bundespolitik, absurdem Medienzirkus und  uralt Vorurteilen zu
China (Wachhunde verschwinden im Kochtopf, etc.) läuft in dieser
ungewöhnlichen Kombination zu Hochform auf. „Live-Schaltungen“ und
„Hintergrundberichte“ werden durch Variationen des Klassikers „Drei
Chinesen mit dem Kontrabass“ untermalt.

Fazit: Ein herrlicher Spaß für Liebhaber
schwarzen Humors! Ein besonderes Schmankerl: Chinesische Sprachübungen
der Projektgruppe von „Xin Dongfang“ (wenn auch in unterirdisch
schlechter Aussprache werden an die eigenen, ersten mühsamen Wochen im
Sprachlabor erinnern.) 

 

Kleines Wörterbuch für Liebende

Wem es eher nach einer ganz untypischen
Liebesgeschichte steht, der wird seine Freude haben an Xiaolu Guos
„Kleines Wörterbuch für Liebende“. Zhuang, eine junge Chinesin, wird von
ihren Eltern zum Englisch lernen in den Westen geschickt. Damit soll
der Grundstein für eine zukünftige, erfolgreiche Internationalisierung
der elterlichen Schuhfabrik gelegt werden.

Mutterseelenallein im kalten,
abweisenden London gibt ihr allein das Wörterbuch als Schlüssel zur
fremden Sprache Halt. Und so versucht sie sich ihre Umwelt mittels der
Definitionen ihres Wörterbuchs zu erschließen. Ihre Isolation
durchbricht sie erst, als sie in einem Kino eine erste Bekanntschaft
macht.  Z, wie ihr neuer Freund sie der Einfachheit halber nennt,
verliebt sich Hals über Kopf in den deutlich älteren, notorischen
Junggesellen. Sie zieht aus ihrem einsamen Zimmer bei ihm ein – und die
Komplikationen nehmen ihren Lauf.

Fazit: Xiaolu Guo nimmt den Hörer mit
auf eine amüsante Tour durch Kulturschock, Liebesturbulenzen und
Mißverständnisse aller Arten. Dabei gelingt es ihr, dem zunächst naiv
erscheinenden Tonfall der Ich-Erzählerin eine erfrischende, tabulose
Qualität abzugewinnen. Eine herrliche, bittersüße
Liebesgeschichte. 

 

 

Florian Goldberg und Silke Tauch: Megadeal süß-sauer, Hörspiel, freie Autorenproduktion 2008, Spielzeit: 54min.

Zum Herunterladen auf itunes und audible.de verfügbar.

 

Xiaolu Guo: Kleines Wörterbuch für Liebende, Ungekürzte Lesung der Originalausgabe des Knaus-Verlags, 

Spielzeit: 438 min.  ISBN & EAN: 978-3-941009-09-7

 

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