INHALT
Theater am Sinologischen Institut
Der Theaterkurs von Frau Young-Stein führte drei chinesische
Theaterstücke auf und sorgte für Begeisterung. Nach diesem Erfolg soll
es auch weiterhin Theaterkurse am Institut geben und die neue Tradition
einer Theateraufführung zum Semesterende eingeführt werden.
Cluster „Asia and Europe“ geht in die zweite Runde
Heidelbergs geisteswissenschaftliche Forschung bleibt transkulturell:
Am 15. Juni wurde der Cluster „Asia and Europe in a Global Context:
Shifting Asymmetries in Cultural Flows“ verlängert. Mehr dazu im
Interview mit Prof. Herren-Oesch.
Neues vom SHAN-Schulteam
Bei der Gründung von SHAN im Jahr 2006 war die Schulinitiative eines
der zentralen Anliegen des Vereins. Seither bietet das Team von
fortgeschrittenen Sinologiestudierenden an Schulen in der Metropolregion
Rhein-Neckar Chinesisch-Unterricht, China-AGs und Projekttage an. Für
eine neue Initiative sind wir jetzt auf der Suche nach neuen
Mitgliedern.
Erzählen Sie mal… Andrea Janku!
Wie sah das Studium der Klassischen Sinologie in Heidelberg zur Zeit
des einsetzenden Chinabooms aus und welche Erfahrungen konnte man als
Austauschstudent in Shanghai 1990 machen? Auf diese und ähnliche Fragen
antwortet Dr. Andrea Janku im Gespräch mit SHAN und berichtet außerdem
über ihre Arbeit an der SOAS in London.
Heidelberg wird europäisch: Die EACS-Konferenz in Barcelona
Im Hinblick auf die kommende EACS-Konferenz im September berichtet
Thomas Kampen über die rege Heidelberger Teilnahme an der EACS-Konferenz
„China and the Outer world“ vor 15 Jahren in Barcelona.
Theater am Sinologischen Institut
Am vergangenen Samstagabend strömten Studenten, Dozenten, Freunde und
Lehrer in das Karl Jaspers Centre. Vor dem Saal tummelten sich
Studentinnen im Qipao oder Krankenschwesterkostüm, Studenten im
Gelehrtengewand und erwartungsvolle Kommilitonen. Letzte Bühnenmasken
wurde auf die Gesichter verteilt. Verkleidete und Publikum trennten sich
endlich und man wurde zweisprachig begrüßt. Weiter ging es jedoch auf
Chinesisch:
Die Theatergruppe, die unter der Leitung Frau Young-Steins, sowie mit
der Unterstützung von Frau Teng und Frau Liao, drei 20-30 minütige
Stücke einstudiert hatte, präsentierte die Ergebnisse der Arbeitsmühe.
Eine Komödie bildete den Anfang dieses unterhaltsamen Abends. Der
einfache, aber verhängnisvolle Satz: „我知道整個事情的真相了“ wurde zum Drehpunkt
eines kleinen Familiendramas um Song Xiaoming (Mariann Eisold): Auf Rat
des Klassensprechers (Jasmin Friebel) hin, vor „Eltern“ (Mirjam Ritter
und David Gross) und dem Lehrer (Patrik Buchholz) diesen Satz zu äußern,
entfaltete der Satz eine ungeahnte Wirkung. Zunächst in Form von
Bestechungsgeld, das die in die Enge getriebenen Eltern ihrem Sohn
zusteckten. Letztlich aber hallte das schallende Gelächter vermischt mit
Applaus des Publikums durch den Saal, als der Lehrer endlich über
Tische und Bänke seinem überrumpelten Sohn um den Hals fiel.
Es folgte eine zeithistorische Tragödie. Vor den Augen des gespannten
Publikums entfaltete sich die Liebesgeschichte der Yun Zhifan (Ana
Puconja/Tiziana Assandri) und des Jiang Bingliu (Patrick
Buchholz/Etienne Bauens). Man wurde Zeuge eines romantischen Dialoges im
Shanghai 1948, der den Beteiligten unvergesslich bleibt. Doch die
Beiden, die durch Kriegswirren getrennt wurden, finden sich erst im
modernen Taibei wieder, wo sie ein paar letzte Minuten gemeinsam
verbringen. Die Tragik der Geschichte wurde aufgehellt durch die
Auftritte der Krankenschwestern (Joanna Klabisch / Valentina Mank), die
sich um die Ablenkung der besorgten Ehefrau (Nicole Möller) kümmerten.
Nach einer Pause kam eine sehr moderne Fassung der berühmten Geschichte
um den Pfirsichblütenquell auf die Bühne. Höhepunkt des Abends war wohl
der fulminante Streit zwischen dem armen Fischer Tao (Chi-Hang Chou),
seiner Frau (Cila Brosius) und dem Grundbesitzer Yuan (Frank Heberle).
Auch die Verwirrungen um die Identitäten der Menschen in der friedlichen
Welt des Pfirsischblütenquells (Dominic Smoczynsus, Josefine Lehmann,
Marcel Laue) und die Rückkehr in die düstere reale Welt (mit Tiziana
Assandri als Frau des Fischer Taos) hielt die Lachmuskeln im Publikum
angespannt.
Dieser unglaublich unterhaltsame Abend sollte der Auftakt zu weiteren
Theaterkursen sein und den Beginn einer hoffentlich neuen Tradition des
Theaterbesuches gegen Semesterende bilden. Zugabe!
Odila Schröder
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Cluster „Asia and Europe“ geht in die zweite Runde
Geschichte und am Zentrum für Europäische Geschichts- und
Kulturwissenschaften (ZEGK) in Heidelberg tätig – ist den meisten
Studenten der Sinologie wohl in ihrer Funktion als Acting Director des
Cluster „Asia and Europe in a Global Context“ bekannt.
Im Gespräch mit SHAN berichtete sie über die Stimmung vor der
Verlängerung des Clusters am 15. Juni und über die Zukunft der
transkulturellen Forschung in Heidelberg.
SHAN: Am 15. Juni wurden die Ergebnisse für die 2. Runde der
Exzellenzinitiative verkündet. Wie war die Stimmung in den Tagen davor
im Cluster?
Prof. Herren-Oesch: Die Entscheidung besteht aus mehreren Schritten:
Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen präsentierten zunächst den
Verlängerungsantrag unter der Leitung der DFG vor einer Expertengruppe
in Berlin. Neben der wissenschaftlichen Evaluation spielen wie immer bei
solchen Großprojekten auch andere Faktoren eine wichtige Rolle. Hierzu
gehören etwa die Einbettung des Clusters in die Universität, die
Vorhaben anderer Exzellenzcluster, aber auch die politische Frage der
Nachhaltigkeit. Alles in allem hatten wir aber nach der Präsentation in
Berlin ein gutes Gefühl. Das Ergebnis kennt man allerdings erst, wenn
der Bescheid offiziell mitgeteilt wird und Sie wissen ja, dass sich die
Entscheidung hinausgezögert hat. Deshalb haben wir mit wachsender
Spannung auf das Resultat gewartet – das Schöne war, dass ganz viele
Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Marstallhof den Moment des Wartens
mit uns geteilt haben.
Die Bewerbung lief bereits letzten August erneut an. Im Januar
waren Sie dann in Berlin. Wie haben Sie den Cluster in die nächste Runde
gebracht? Gab es inhaltliche Schwerpunkte bei der Präsentation?
Der Cluster ist ja nicht einfach nur ein Forschungsprojekt, sondern hat
die Aufgabe strukturelle Veränderungen innerhalb der darin vertretenen
Fächer und der Universität zu realisieren. Ein Fortsetzungsantrag zeigt
demnach mehr als einzelne Schwerpunkte oder Themen, er präsentiert
disziplinäre Vernetzung und weist intellektuellen Mehrwert aus.
Uns war natürlich wichtig hervorzuheben, wie die verschiedenen
Disziplinen miteinander arbeiten, beziehungsweise wie
Asienwissenschaften als Area Studies und die sogenannten systematischen
Wissenschaften miteinander interagieren. Darüber hinaus ist auch zu
beachten, dass es sich um ein Fortsetzungsprojekt handelt, das heißt, es
galt zu zeigen, warum das zentrale Konzept der transkulturellen
Forschung in den nächsten fünf Jahren weitergeführt werden sollte.
Schließlich gehört es auch dazu, Informationen zur
Forschungsorganisation, Nachwuchsförderung, oder auch zur Nachhaltigkeit
der ganzen Unternehmung zu geben. Kurz, bei solchen Gelegenheiten wird
immer das volle Panorama entwickelt.
An welcher Stelle sehen Sie den Cluster nach den nächsten 4 Jahren?
In den nächsten Jahren können wir zeigen, was wir hier in der ersten
Phase eingeleitet haben. Für mich ist es wichtig zu betonen, dass wir
ein analytisches Instrumentarium entwickelt haben – das Konzept der
Transkulturalität –das kulturelle Verflechtungen sichtbar und
interpretierbar macht. Wir gehen also nicht einfach davon aus, dass
Kulturen nebeneinander bestehen und auf mehr oder weniger friedliche Art
und Weise interagieren. Wir betrachten kulturelle Verflechtungen
vielmehr als Normalfall. Selbstverständlich haben in verschiedenen
historischen Kontexten unterschiedliche Gruppierungen jeweils den
Anspruch gehabt, einen bestimmten Ausschnitt aus diesen
Verflechtungsgeschichten als „genuin“, das heißt als ihre eigene,
authentische Kultur darzustellen. Unser analytisches Instrument ist
dabei für die Beziehungen zwischen Europa und Asien im 21. Jahrhundert
von ganz besonderer Relevanz. Hier hat, wie ich denke, der Cluster auch
eine wichtige Funktion der Öffentlichkeit gegenüber; nämlich
transdisziplinär zu denken und wissenschaftliche Ergebnisse zu unserer
Gegenwart in Beziehung zu setzen. Während wir in der ersten Phase das
Konzept der Transkulturalität schärfen, nachweisen oder eben
falsifizieren mussten, können wir es jetzt gezielt einsetzen und in den
vier Forschungsbereichen des Clusters anwenden. Dies bedeutet auch, dass
dieses Konzept nun sehr viel deutlicher auch in die unterschiedlichen
Disziplinen diffundiert und in anderen universitären Bereichen Anwendung
findet. Dieser Strukturwandel, den der Cluster bewirken soll, ist mir
besonders wichtig.
Das heißt, Sie möchten durch neue Konzepte in die aktuelle
Forschungsweise in den einzelnen Instituten eingreifen und die Arbeit
mitformen?
Eingreifen ist für mich ein etwas schwieriger Begriff. Was wir hier
anstreben ist eine neue Form des Forschens, bei der die disziplinäre
Zusammenarbeit eine zentrale Rolle spielt. Disziplinäre Methoden bleiben
selbstverständlich erhalten. Die Clusterprofessuren zeigen aber, wie
disziplinäre Kompetenzen über die Fächergrenzen hinaus entstehen, etwa
wenn nun Global Art History, Cultural Economic History, Intellectual
History, Buddhist Studies und Visual and Media Anthropology angeboten
werden können. Es entsteht damit ein Mehrwert über die bestehenden
Disziplinen hinaus. Sie können in der Tat die Welt neu denken, um es ein
wenig pathetisch auszudrücken.
Sie haben also einen größeren Spielraum, bestimmte Aspekte anzugehen.
Es gibt überhaupt Themen, die jetzt erst auf der Bildfläche erscheinen
und Forschungsfragen, die man in diesem Kontext ganz neu denken kann.
Das ist der große Gewinn. Alle Formen von Grenzüberschreitungen, die dem
Konzept des methodischen Nationalismus vollkommen entgangen sind,
gehören beispielsweise dazu. Jede Disziplin, die im 19. Jahrhundert
entwickelt wurde, hat dieses nationale Korsett, ob nun Asien oder Europa
untersucht wurde. Somit sind auch zahlreiche Quellenbestände national
fokussiert. Alles was sich über nationale Grenzen hinweg bewegt, ist
nicht nur viel schwieriger zu denken, sondern auch zu erforschen. Das
rührt daher, dass es – hier spreche ich als Historikerin – keine
nationalen Archive gibt, die explizit Grenzüberschreitungen und
Verflechtungsprozesse dokumentieren. Das Konzept der Transkulturalität
erschließt neues Material, für dessen Bearbeitung wir insbesondere
auch auf neuartige Informationstechnologien angewiesen sind. Ich kann
mir nur schwer vorstellen, dass das, was wir heute tun, vor 50 Jahren so
hätte umgesetzt werden können. Gerade wenn grenzüberschreitende
Prozesse beleuchtet werden, sind digitale Hilfsmittel und IT-basierte
Methoden zentral. Die Heidelberg Research Area bietet die nötige
Infrastruktur, um verstreute oder weit voneinander entfernte
Materialbestände miteinander in Verbindung zu setzen und auch jenen
zugänglich zu machen, die nicht unbedingt über die entsprechenden
Sprachkompetenzen verfügen.
In einem Atemzug mit der Clusterverlängerung wird auch die
Gründung eines neuen Centres for Transcultural Studies (HCTS) genannt.
Können Sie kurz vorstellen, worum es in dem neuen Centre gehen soll und
wie es strukturiert sein wird?
Das Heidelberg Centre for Transcultural Studies ist das nachhaltige
Ergebnis unseres Clusters. Angedacht ist eine institutionelle Plattform,
die garantieren wird, dass die neu entwickelte Form des Arbeitens und
Forschens auch in Zukunft angeboten werden kann. HCTS ist das Herzstück
dessen, was man als Nachhaltigkeit bezeichnen kann. Wenn der Cluster
einmal abgeschlossen ist – es handelt sich hierbei ja um ein zeitlich
begrenztes Projekt – wird das HCTS bleiben und sich weiterhin der
transkulturellen Forschung widmen.
Ganz praktisch gefragt, wird das Centre personell und räumlich
mit dem jetzigen Cluster übereinstimmen, oder sind die Strukturen noch
ganz offen?
Die Strukturen sind insofern nicht offen, als dass eine klare
Zielsetzung vorhanden ist und sich das HCTS somit aus dem entwickelt,
was wir hier bereits etabliert haben. Allerdings wird die Arbeit
natürlich nicht in den gleichen Dimensionen stattfinden können, wie es
gerade jetzt der Fall ist. Das HCTS wird weiterhin dem Prinzip der
transkulturellen Forschung verpflichtet bleiben und darauf hinarbeiten,
dass die verschiedenen disziplinären Bereiche miteinander interagieren,
die eigentlich in der Zeit vor dem Cluster wenig miteinander in Kontakt
kamen.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Meine Kollegen und Kolleginnen aus der Sinologie habe ich tatsächlich
erst richtig durch den Cluster kennen gelernt – das heißt erfahren über
was sie forschen, womit sie sich beschäftigen – und schließlich mit
ihnen zusammengearbeitet. Vorher fand man sich zusammen vor allem eher
auf allgemeinen Sitzungen wieder, was natürlich weitaus weniger spannend
ist als das, was wir hier nun machen können, etwa darüber nachzudenken,
was europäische und chinesische Enzyklopädien verbindet.
Von der Ebene der Studenten aus gesehen ist natürlich der
Master „Transcultural Studies“ von besonderem Interesse. Wird das
Programm auch unter dem HCTS weitergeführt?
Der Master, der inzwischen fest an der Universität etabliert ist, hat
sich aus dem Cluster entwickelt, ist aber heute ein eigenständiger, fest
etablierter Studiengang, der auf jeden Fall auch unabhängig vom Cluster
weiter bestehen bleiben wird. Allerdings wird Cluster/HCTS als
institutionelle Basis der transkulturellen Forschung das Zentrum des
Masters Transkultural Studies darstellen, zumal hier die fünf
Clusterprofessuren zu finden sind, deren disziplinäre Ausrichtung ja den
Kern des Masters bilden.
Vielen herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Herren-Oesch!
Das Interview führte Silvia Faulstich
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Neues vom SHAN-Schulteam
Bei der Gründung von SHAN im Jahr 2006 war die Schulinitiative eines
der zentralen Anliegen des Vereins. Seither bietet das Team an Schulen
in der Metropolregion Rhein-Neckar Chinesisch-Unterricht, China-AGs und
Projekttage an. Die Mitglieder sind fortgeschrittene Studierende,
Mitarbeiter und Alumni des Instituts für Sinologie der Universität
Heidelberg. Zu den Kooperationspartnern zählen neben den zahlreichen
beteiligten Schulen der Fachverband Chinesisch und das
Konfuzius-Institut Heidelberg. 2007 wurde das Projekt mit dem vom BMBF
und dem Haus der Wissenschaft Bremen ausgelobten Preis „Geist
begeistert“ ausgezeichnet und bereits 2008-2010 durch die Robert Bosch
Stiftung gefördert. Für das kommende Jahr haben wir uns erneut um eine
Förderung beworben. Das Schulteam plant um zum einen das Projekt
qualitativ weiter zu entwickeln und um zum anderen neue
Projektmitglieder auszubilden.
Im Rahmen der Neuausrichtung des Projekts wollen wir neue Lehrkräfte
aufnehmen und die Unterrichtsmaterialien weiterentwickeln. Bis zum
Ende des Jahres 2013 sollen fünf neue China-Projekte mit den genannten
Schwerpunkten etabliert werden. Neue Teammitglieder werden in
Didaktik-Schulungen ausgebildet.
Wir freuen uns über fortgeschrittene Studierende, die sich für eine
Mitarbeit im Schulteam interessieren. Ulrike Büchsel, die das Team
koordiniert, beantwortet gerne eure Fragen per Mail an:
ulrike.buechsel [at] zo.uni-heidelberg.de
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Erzählen Sie mal… Andrea Janku!
Andrea Janku kennt das Institut für Sinologie in Heidelberg als
Studentin, Promovierende ebenso wie als Mitarbeiterin. Seit 2007 lehrt
sie nun an der SOAS in London. Im Interview berichtet sie von ihren
Erfahrungen in China 1990, Nachhaltigkeit und Katastrophen- und
Umweltgeschichte.
SHAN: Frau Janku, zu Beginn die klassische Frage: Warum Sinologie?
Dr. Andrea Janku: Im Gegensatz zu manchen Kommilitonen hatte ich das
nicht lange im Voraus geplant. Das Studium begonnen habe ich im
Magisterstudiengang mit den Fächern Romanistik und Germanistik. Leider
musste ich dazu das Latinum nachholen. Das habe ich zwar gerade so
bestanden, dennoch war ich danach auf der Suche nach einer spannenden
Alternative: Also habe ich angefangen Chinesisch zu lernen und das fand
ich wirklich sehr spannend! Nach einem Semester habe ich dann
beschlossen, Klassische Sinologie als Hauptfach dazu zu nehmen. In
meinem Jahrgang, mit Beginn Wintersemester 1987/88, waren wir am Anfang
etwa 30 Studierende. Das waren die ersten Jahre des beginnenden
Chinabooms. Die Mehrzahl der Sinologiestudenten konzentrierte sich auf
modernes Chinesisch, was den Vorteil hatte, dass wir in den
Klassikseminaren immer in kleinen Gruppen arbeiten konnten. Das hat mir
gut gefallen. Ich bin dann bei der Klassischen Sinologie im Hauptfach
geblieben, mit Moderner Sinologie und Soziologie im Nebenfach.
Mit klassischer Sinologie im Hauptfach haben Sie sicher viele Seminare bei Prof. Wagner besucht?
Ja, Prof. Wagner war Anfang 1987 nach Heidelberg gekommen. Vor allem
für diejenigen, die schon vorher ihr Studium begonnen hatten, bedeutete
das einen großen Einschnitt. Allerdings habe ich nicht so sehr die
wirklich ‚klassischen‘ Klassikseminare besucht – keine buddhistischen
Höllen und Yijing-Kommentare. Dazu fühlte ich mich damals nicht gut
genug vorbereitet, was ich heute etwas bereue. Für mich begann alles mit
den Seminaren zur späten Qing-Presse. Ich war also schon von Anfang an
ein eher ‚moderner‘ Klassikstudent. Professor Wagner hatte in den
neunziger Jahren zwei Forschungsgruppen geleitet, eine zur klassischen
Kommentarliteratur, die andere zum Thema public sphere. Im Rahmen der
letzteren ist meine Dissertation entstanden. Zu dieser Gruppe zählten
unter anderen auch Barbara Mittler, Natascha Vittinghoff, Nanny
Kim und Heike Holbig, die alle auch die akademische Laufbahn
eingeschlagen haben und inzwischen an verschiedenen sinologischen
Instituten in Deutschland und Europa forschen und lehren.
Toll war auch, dass sich zu diesem Zeitpunkt am Institut sehr viel in
Bewegung befand. Rudolf Wagner investierte viel Energie, Zeit und auch
Geld in den Aufbau der Institutsbibliothek und der EDV.
Eine ähnliche Aufbruchsstimmung haben Sie sicherlich dann auch bei Ihrem ersten Chinaaufenthalt gespürt.
Nein, leider nicht. Ich hatte geplant nach der Zwischenprüfung im
Herbst 1989 nach Shanghai zu fliegen. Aber nach den Vorfällen im Juni
hatte der DAAD vorerst alle Austauschprogramme auf Eis gelegt. Zum Glück
für uns Studierende erwies sich das als eine kurze Zwischenphase und
schon im Januar 1990 sind wir dann doch nach China gereist.
Ich hatte mich zuvor bei den Kommilitonen erkundigt, die 1986/87 in
China gewesen waren und sie über das Studium, Land und Leute befragt.
Was ich dann allerdings 1990 in Shanghai vorfand, entsprach so gar nicht
deren Berichten von einer offenen, sich im Aufbruch befindenden
Gesellschaft. Die meisten chinesischen Studierenden waren uns Ausländern
gegenüber sehr zurückhaltend. Nur einige wenige versuchten gezielt
Ausländer kennenzulernen, doch deren Motivation dafür war uns nicht ganz
klar und – um ehrlich zu sein – manchmal etwas suspekt. In unsere
Zimmer im Wohnheim der internationalen Studierenden der Huadong Shifan
Daxue (East China Normal University) durften die chinesischen
Studierenden nicht und auch sonst wurden sie in ihren Kontakten zu ihren
ausländischen Kommilitonen genau überwacht. Einige der Lehrkräfte, die
sich im Frühjahr und Sommer in der Protestbewegung engagiert hatten,
befanden sich nun in einer sehr heiklen Lage, nicht nur weil sie nicht
mehr unterrichten durften.
In Erinnerung geblieben ist mir insbesondere ein Erlebnis, weil es die
Stimmung dieser Zeit für mich in besonderer Weise, in einer Szene,
zusammenfasst. Wie die meisten Auslandsstudenten war ich in den
Sommerferien im Land auf Reisen gegangen. Als ich allerdings früher als
die meisten an die Uni zurückkam, konnte ich meinen Augen kaum trauen:
Während meiner Abwesenheit hatte sich der Campus in ein militärisches
Trainingslager verwandelt. Vor Beginn der Vorlesungen wurde den
chinesischen Studierenden in der Gluthitze des Shanghaier Augusts von
Ausbildern der Volksbefreiungsarmee eine militärische Grundausbildung
abverlangt.
Waren viele internationale Austauschstudenten zu dieser Zeit in Shanghai?
Ja, insgesamt war ich anderthalb Jahre dort und habe in dieser Zeit
viele internationale Studierende kennengelernt. Eine große Gruppe von
liuxuesheng an der Huashida waren Afrikaner, die Regierungsstipendien
für ihr Studium in Shanghai erhalten hatten.
Wie hat sich dann Ihr weiteres Studium in Heidelberg entwickelt?
Prof. Wagner hat zu der Zeit, als ich mein Hauptstudium begann, wie
schon erwähnt, seine eigene Forschung und Lehre zum Thema Presse und
popular culture ausgeweitet. Dazu hat er auch eine Reihe von Shanghaier
Gastdozenten eingeladen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir Wei
Shaochang, der damals schon um die siebzig war. Er war ein Experte der
populären Literatur der sogenannten Mandarin Ducks and Butterflies
School (yuanyang hudie pai) der in den 1950er Jahren Materialien zu
dieser verpönten Literatur zusammenstellen sollte, an denen dann
exemplarisch Kritik geübt wurde. Ihn konnte man fast immer lesend in der
Bibliothek finden.
Schließlich habe ich in diesem Bereich auch meine Magisterarbeit und
Dissertation über die Shenbao geschrieben. Später hatte ich dann das
Glück, dass Joachim Gentz, der die Assistenz am Lehrstuhl für klassische
Sinologie innehatte, nach Göttingen wechselte, und ich mit meiner
Bewerbung auf die frei gewordene Stelle erfolgreich war. So blieb ich
dann noch weitere vier Jahre in Heidelberg. 2006 bin ich dann
schließlich nach London an die SOAS (School of Oriental and African
Studies) gegangen. Dort bin ich nicht in der Sinologie, sondern im
History Department. Die Abteilung dort ist sehr groß und intern nach
Regionen organisiert. Im Bereich Ostasien sind wir als Chinaspezialisten
zu zweit, dazu kommen zwei Japanhistoriker. Eine ähnliche Anzahl von
Experten ist jeweils für Südostasien, Südasien, Afrika und den Mittleren
Osten zuständig, wobei die letzten drei die bei unseren Studierenden
populärsten Regionen sind. Von den Mitarbeitern des SOAS kommen die
allerwenigsten aus Großbritannien. Die internationale Zusammensetzung
des Kollegiums und auch vor allem der postgraduate students ist einer
der interessantesten und attraktivsten Aspekte der Arbeit in London.
Die Teilnehmer ihrer Veranstaltungen studieren also Geschichte im Hauptfach?
Ja, die meisten studieren eigentlich ‚nur‘ Geschichte. Deshalb können
wir auch keine besonderen sprachlichen Kenntnisse, z.B. Chinesisch,
erwarten. Mit wenigen Ausnahmen arbeiten die B.A. und M.A.–Studierenden
hauptsächlich mit englischen Quellen und Literatur. Mein Vorgänger hatte
sich z.B. auf Missionsgeschichte spezialisiert, ein Thema, dass sich
verhältnismäßig gut mit englischsprachigen Quellen behandeln lässt.
Spannend wird es auf dem Level der postgraduate students und
insbesondere der Doktoranden, die dann für meinen Bereich in der Regel
aus chinesischsprachigen Ländern kommen.
Die ersten Jahre an der SOAS waren ziemlich arbeitsintensiv, aber
auch sehr spannend. Nicht nur weil ich nicht nur chinesische, sondern
auch ostasiatische Geschichte unterrichten musste, sondern weil ich in
diesem neuen Kontext fast automatisch gezwungen wurde, alles immer in
einem globalen Kontext zu sehen. Was ich vorher gemacht hatte, kam mir
auf einmal ungeheuer sinozentrisch vor. So lassen sich viele Ansätze und
Fragestellungen relativieren und in größere Zusammenhänge stellen. Es
ist auch interessant zu sehen, dass in unserem History Department und
wohl auch in England allgemein, glaube ich, China weniger Bedeutung
zukommt als in Deutschland, und dagegen der islamischen Welt eine
weitaus größere Bedeutung beigemessen wird. Das hat wohl nicht nur
historische Gründe. Dennoch sehe ich mich immer noch nicht wirklich als
Historikerin, sondern als historisch arbeitende Sinologin und habe
natürlich auch weiterhin meinen Fokus auf China. Das kann ich am besten
und dafür wurde ich ja auch eingestellt, und sowieso geht es an der
SOAS, auch am History Department, in fast allen Veranstaltungen um
Afrika oder Asien, oder eben globale Themen.
Welche Lehrveranstaltungen bieten Sie an?
Zunächst einmal, zusammen mit anderen Kollegen, eine Einführung in die
Ostasiatische Geschichte, außerdem auf dem ‚Intermediate Level‘ einen
Kurs zu „Modern China“. Für Masterstudierende biete ich neben einem Kurs
zur chinesischen Geschichte auch ein Seminar zur „Geschichte der Umwelt
und Globalisierung in Asien und Afrika“ an. Dabei steht die Interaktion
zwischen menschlichen Gesellschaften und ihrer physischen Umgebung im
Kontext globaler Prozesse seit der frühen Neuzeit im Fokus. Wie
beeinflussen sich diese beiden Faktoren gegenseitig? Wie sehen
historische Prozesse aus einer ökologischen Perspektive aus?
Welche Rolle spielt das Klima?
Im Bereich der Forschung über Indien hat die Auseinandersetzung mit der
Umweltgeschichte eine längere Tradition. Bereits seit den 70er Jahren
haben sich Wissenschaftler zum Beispiel mit den Konsequenzen der
systematischen Abholzung von Wäldern zugunsten von Plantagenwirtschaft
beschäftig und Fragen zu den Folgen für die indigene Bevölkerung
gestellt. Sowohl diese Fragestellungen als auch die Auseinandersetzung
mit umweltpolitischen Themen allgemein sind in Indien in Verbindung mit
der Kolonialgeschichte zu sehen. In China war zwar die historische
Geographie schon in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts eine
wichtige Disziplin, aber bis heute kämpfen Umwelthistoriker dort darum
als ein legitimer und wichtiger Bereich der Geschichtswissenschaften
anerkannt zu werden. Interessanterweise ist Umweltgeschichte Chinas oft
eher ein Teilbereich der Wirtschaftsgeschichte, während es in Indien
meistens um soziale Bewegungen geht. In jedem Fall ist es wichtig,
die Forschung in diesem Bereich und zu Fragen der Klimageschichte
weiter auszubauen. Denn das gehört auch zur Entwicklung von einem
Bewußtsein für Umwelt und Nachhaltigkeit.
Nachhaltigkeit ist momentan ein großes Modewort in allen Bereichen.
Ja, den Begriff kann man vielleicht am besten als einen verzweifelten
Versuch, Entwicklung und die Erhaltung unserer natürlichen
Lebensbedingungen in Einklang zu bringen, sehen. Dahinter steht die
Entdeckung, wie abhängig wir von unserer Umwelt sind und von welcher
immensen Bedeutung der Erhalt von Biodiversität und einer funktionalen
physischen Umwelt ist. Dafür ein Bewußtsein zu schaffen, ist
existentiell wichtig. Denn die zentralen Fragen der Zukunft stehen mit
dem Verhältnis zwischen Menschen und ihrer Umwelt in Verbindung: Wie
werden wir in 50 Jahren die Weltbevölkerung ernähren? Können oder wollen
wir den Einsatz gentechnisch veränderter Lebensmittel vermeiden?
In diesem Zusammenhang müssen wir auch erkennen, dass man die Begriffe
von Natur und Kultur nicht trennen kann. Ideengeschichtlich ist das eine
rezente Entwicklung. Die Trennung ist ein modernes Phänomen und sehr
kritisch zu sehen.
In welchem Zusammenhang stehen ihre Forschungsschwerpunkte zu
Umwelt- und Katastrophengeschichte mit der Vortragsreihe „Imaging
Disaster“?
Ich bin keine Kunsthistorikerin, habe aber im Zusammenhang mit meiner
Forschung über Hungerkatastrophen im China des neunzehnten Jahrhunderts
eine Reihe von Bildmaterialien gesammelt, die zu diesem Thema passen.
Für mich war das eine gute Gelegenheit, diese Materialien einmal in den
Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen.
Haben Sie zum Schluss noch einen Rat für aktuell Studierende?
Mir hat die klassische Sinologie immer sehr viel Spaß gemacht, deshalb
habe ich mich dafür entschieden und bin dabei geblieben. Das rate ich
auch meinen Studierenden: Sucht euch ein Thema oder einen Bereich, an
dem ihr Spaß habt, und konzentriert euch darauf, denn was man mit Freude
macht, macht man in der Regel gut.
Liebe Frau Janku, vielen herzlichen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Helen Hübner.
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Heidelberg wird europäisch – die EACS-Konferenz in Barcelona
Vor gut fünfzehn Jahren fuhren mehr als fünfzehn Heidelberger
Sinolog(inn)en – Gentz, Hahn, Holbig, Janku, Kampen, Mayer, Mittler,
Röllicke, Schimmelpfennig, Schweiger, Specht, ter Haar, Vittinghoff, L.
und R. Wagner, Yeh – nach Barcelona. Die Gruppe nahm an der Elften
Tagung (vgl. zur Geschichte der EACS)
der European Association of Chinese Studies (EACS) mit dem Titel
„China and the Outer world“ teil und war in der Stadt erfolgreicher als
die meisten deutschen Fussballmannschaften. Etwa zehn Jahre nach Rudolf
Wagners Berufung nach Heidelberg war dies der erste größere
internationale Auftritt von Heidelberger Professoren, Doktoranden und
Assistenten; keine andere europäische Universität war so stark
vertreten. Für viele Teilnehmer war es die erste internationale
Konferenz und eine gute Möglichkeit, Forschungsergebnisse vorzustellen
und andere Sinologen kennenzulernen.
Die EACS wurde 1975 gegründet und tagt seit 1976 alle zwei Jahre (vgl. Chinavereine, Asiengesellschaften und ihre Publikationen
im SHAN-NL Mai 2007). Für die Sinologie in Barcelona war es eine gute
Gelegenheit sich in der Konkurrenz mit Madrid zu profilieren – bis heute
hat es in der Hauptstadt keine ähnlich große Chinakonferenz gegeben.
Das Programm von 1996 war damals im Newsletter der EACS abgedruckt und
ist immer noch online (vgl. EACS-Newsletter Juli 1996). Ein Bericht über die Konferenz erschien im IIAS Newsletter (vgl. Bericht des IIAS).
Rudolf Wagner war schon vor der Konferenz Generalsekretär der EACS
gewesen, in Barcelona wurde er zum Präsidenten gewählt. Acht Jahre nach
der Tagung trafen sich die EACS-Mitglieder dann zum ersten Mal in
Heidelberg (vgl. EACS 2004).
Die Konferenz von 2004 war nicht nur die größte in der Geschichte der
EACS, sondern auch bisher die größte sinologische Tagung in Europa
überhaupt.
Die nächste Konferenz wird im September 2012 in Paris stattfinden. Mehr dazu auf der Website der EACS.
Dr. Thomas Kampen
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