INHALT

Chinese Labour Contract Law – A Bargain for Political Legitimacy? – Liisi Karindi

Die Sinologie ist ein weites Feld. Die Wahl eines geeigneten Themas für
die Abschlussarbeit fällt da nicht leicht. So bewegen sich die Arbeiten
der Sinologie zwischen Analyse klassischer Gedichte bis hin zu
aktuellen Themen der chinesischen Wirtschaftspolitik. SHAN-Mitglied
Liisi Karindi stellt mit ihrem Beitrag ihr Magisterthema aus einem der
aktuellsten Bereiche der  Sinologie – dem Arbeitsrecht- vor.

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Der Richard Sorge-Kult und seine Autoren: Ruth Werner und Julius Mader

Spionage ist ein Thema, das immer wieder fasziniert. Nicht ohne Grund
rangieren Agentenfilme immer ganz oben in den Kinolisten. Dabei werden
die Hauptpersonen, Spione und ihre Gegenspieler, als schillernde,
glamouröse Persönlichkeiten mit undurchschaubaren und geheimnisvollen
Zügen. dargestellt. Richard Sorge, Top-Spion der Sowjetunion in Asien,
war eine solche Persönlichkeit. Ein ganzer Kult entstand um seine
Person. Eine fesselnde Lektüre, nicht nur für die Semesterferien.

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Der Zeitgeist Buchladen in Shanghai und die Buchhändlerinnen Irene, Isa und Ursula

Zu einem Spionagering, wie ihn Richard Sorge aufgebaut hatte, gehören
immer auch Orte, die den Mitgliedern Treffen ermöglichen, in deren
Umfeld man neue Mitglieder oder Helfer rekrutieren oder sich bei Bedarf
verstecken kann. Ein solcher Ort war der Zeitgeist Buchladen in Shanghai. Lesen Sie mehr über diesen besonderen Buchladen!

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Zhang Fang und seine Memoiren : Richard Sorges chinesischer Assistent berichtet

Über die japanischen Helfer von Richard Sorge ist mittlerweile einiges
bekannt. Über seine chinesischen Mitarbeiter dagegen kaum. Einige
Erkenntnisse über den chinesischen Assistenten Richard Sorges hat Dr.
Thomas Kampen für SHAN zusammengestellt.

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Rezension: Christian Y. Schmidt – Bliefe von dlüben

Über 5 Jahre schrieb Christian Y. Schmidt für das Satiremagazin Titanic
seine Kolumne „Bliefe von dlüben“. Sein gleichnamiges Buch beschreibt
alltägliche, und vielen Sinologen bekannte, Lebenserfahrungen in China
auf ironische und amüsante Art und Weise und stellt eine erholsame
Alternative zum sonst so beliebten China-Bashing dar. Eine Lektüre, die
auf jeden Fall ins Reisegepäck nach Peking sollte, findet unser Autor
Oliver Lutz Radtke.

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Filmrezension: Eat, Drink, Man, Woman

Die Rubrik der Buchrezensionen ist schon lange ein fester Bestandteil
des SHAN-Newsletters. Aber es gibt nicht nur Bücher, sondern auch eine
Vielzahl an Spielfilmen, Dokumentationen oder Serien aus oder über
China. Den Anfang dieser neuen Reihe macht ein absoluter Klassiker:
„Eat, Drink, Man, Woman“. Mehr über diesen, nicht nur optisch,
empfehlenswerten Film erfahren Sie im Beitrag:

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Chinese Labour Contract Law – A Bargain for Political Legitimacy? – Liisi Karindi

“If this kind of law is going to be implemented,
we will withdraw our investments”

Die ursprüngliche Idee für meine Magisterarbeit bekam ich bereits in
China, als ich an der Tsinghua University studierte und nebenbei ein
Praktikum bei einer Unternehmensberatungsfirma absolvierte. Wie der
scherzhafte Spruch 满清王朝 man Qing wangchao (ein Kaiserhof voller Qing)
andeutet, ist die Tsinghua University 清华大学 vor allem auf Grund ihrer
prominenten Absolventen auf der politischen Führungsebene bekannt,
wie  Hu Jintao, Wu Bangguo,  oder Xi Jinping. So bekam ich die
einmalige Gelegenheit, gemeinsam mit den chinesischen Führungskräften
von morgen, unter Anleitung  von Experten der chinesischen Politik
zu studieren und einen Einblick in deren Denkweise zu bekommen. Durch
das Praktikum lernte ich wiederum die Interessen multinationaler
Unternehmen in China kennen. So erfuhr ich, mit welcher Anspannung
Geschäftsleute den Gesetzgebungsprozess des Arbeitsvertragsgesetzes
verfolgten und wie vehement sie das neue Gesetz ablehnten, weil sie
dadurch Nachteile für ihre Geschäfte in China fürchteten.

Zurück in Heidelberg besuchte ich zwei interessante Seminare, die mich
zu meinem Magisterarbeitsthema führten: Das Seminar „Neuere Entwicklung
in der Wirtschafts-, Sozial- und Umweltpolitik der VR China“ von Prof.
Sebastian Heilmann und das Seminar „Wirtschaftsrecht Ostasiens“ von Dr.
Urs Matthias Zachmann. In beiden Kursen habe ich für Referate und
Seminararbeiten ein arbeitsrechtliches Thema gewählt und damit war die
Entscheidung mehr oder weniger gefällt. Da ich zu einem aktuellen Thema
forschen wollte, entschied ich mich, meine Magisterarbeit über das
Arbeitsvertragsgesetz von 2008 zu schreiben. Allerdings je mehr Wissen
ich mir über die Entwicklung des chinesischen Arbeitssystems und
Arbeitsrechts aneignete und je besser ich den Gesetzgebungsprozess des
Arbeitsvertragsgesetzes kennenlernte, desto faszinierender fand ich eine
entscheidende Frage: Wieso war die chinesische Führung bereit, trotz
heftigstem Widerstand von der Unternehmerseite das Arbeitsvertragsgesetz
so rigoros durchzusetzen? Ich entwickelte daraus die These, dass der
Gesetzgebungsprozess und die Implementierung des Arbeitsvertragsgesetzes
im Kontext der sozialpolitischen Zielsetzung der kommunistischen
Führung zu verstehen seien und damit dier Legitimierung ihrer eigenen
Machtposition dienen würde. Der außergewöhnlich offene
Gesetzgebungsprozess mit öffentlichen Konsultationen und Diskussionen
ist wiederum als Teil des „sozialistischen Demokratisierungsprozesses“
zu sehen, mit dem Ziel eine „harmonische Gesellschaft“ aufzubauen.

Das Arbeitsvertragsgesetz hat das Ziel, die Rechte und Interessen der
Arbeitnehmer in China besser zu schützen. Bei der Erarbeitung des
Gesetzes orientierte sich der chinesische Gesetzgeber an westlichen
Arbeitsgesetzen und ließ sich von internationalen Experten, wie z.B. der
Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), beraten.
Dementsprechend ähnelt das Gesetz dem europäischen bzw. deutschen
Arbeitsgesetz. Für die Unternehmer, die wegen der billigen Arbeitskräfte
und den flexiblen Arbeitsverhältnissen nach China gegangen waren, war
eine solche Änderung inakzeptabel. Der chinesische Gesetzgeber betonte
aber, dass das Gesetz auf lange Sicht die Arbeitsverhältnisse
stabilisieren und „harmonisieren“ würde, was dann auch den Unternehmen
zugute kommen würde. Interessant zu beobachten war, dass nicht nur
ausländische Unternehmen, sondern auch die heimischen Staatsunternehmen
gegen dieses Gesetz vorgingen. Die Auseinandersetzung nahm
internationale Dimensionen an, als einige Vertretungen von
Auslandsinvestoren und multinationalen Konzernen ihre Interessen mit
heftiger Lobby-Arbeit durchzusetzen versuchten. Daraufhin schalteten
sich internationale Arbeits- und Menschenrechtsorganisationen ein und
unterstützten die Bemühungen des chinesischen Gesetzgebers, sodass das
Arbeitsvertragsgesetz am Ende doch in einer Form verabschiedet wurde,
welche die Interessen und Rechte der Arbeitnehmer besser schützt.

Wie der vorangehende Abschnitt demonstriert, waren viele Unternehmen
bereit China zu verlassen,  sollte das Arbeitsvertragsgesetz
verabschiedet werden. Dies bedeutete keine unbedeutende Bedrohung in
einem Land, dessen Wirtschaftswachstum hauptsächlich von
Auslandsinvestitionen abhängig gewesen ist. Wirtschaftswachstum wiederum
stellt die Grundlage für das Wohlergehen der Bevölkerung und damit für
soziale Stabilität dar. Gerät die Gesellschaft aber in Unruhe, bleibt
dies nicht ohne politische Konsequenzen, d.h. die Legitimität der
Staatsführung könnte in Frage gestellt werden. Dieser Gefahr waren sich
auch die chinesischen Führungskräfte bewusst, trotzdem haben sie das
Arbeitsvertragsgesetz verabschiedet. Das Ergebnis war, dass viele
Unternehmen sich tatsächlich aus China zurück zogen, was steigende
Arbeitslosenzahlen, heftige Arbeitsstreitigkeiten und viele Unruhen mit
sich brachte. Hatte die chinesische Führung also ihr Ziel verfehlt?

Zieht man die langfristige Zielsetzung der chinesischen Führung in
Betracht, lautet die Antwort auf diese Frage: Nicht unbedingt. Zwar hat
die globale Finanzkrise die Situation in China unerwartet
verschlechtert, aber die Änderungen, die das Arbeitsvertragsgesetz mit
sich brachte, passen zur langfristigen Planung der chinesischen Führung.
Gemäß dem 11. Fünfjahresplan soll Chinas Wirtschaft aufgewertet werden.
Dies bedeutet, dass sich die Regierung das Ziel gesetzt hat, die Zahl
der umweltverschmutzenden, energieverschwendenden Unternehmen in China
zu reduzieren. Stattdessen plant China High-Tech-Wirtschaftszonen und
Forschungszentren in verschiedenen Regionen zu fördern und möchte bei
jenen ausländischen Investoren Interesse wecken, die höherwertige
Arbeitsplätze mit besseren Löhnen bieten und es ihren Mitarbeitern
ermöglichen ihre Fähigkeiten und Kompetenzen zu erweitern. Diese
Unternehmen, so die Vorstellung der chinesischen Regierung, sollen dann
heimische (noch) arbeitslosen Absolventen in ihre Dienste nehmen. Andere
Unternehmen werden zudem ermutigt ins Inland zu gehen, wo die
Arbeitskosten im Vergleich zu den Küstenregionen niedriger sind. Seit
Jahren hat es in den Küstenregionen Mangel an Arbeitskräften gegeben,
sodass die Lohnkosten in die Höhe getrieben wurden. Dahingegen findet
sich in den westlichen Regionen oft ein Überschuss an Arbeitskräften,
die bereit sind für weniger Geld zu arbeiten. Da die „Go West“-Bewegung
von der Regierung gefördert wird, können Unternehmen in den Genuss von
Steuernachlässen und anderen  Begünstigungen kommen. Wenn wir das
Arbeitsvertragsgesetz in diesem Kontext betrachten, entspricht es der
Erfüllung der Ziele, wie sie sich die chinesische Führung gesetzt hat
und damit wäre ihre Legitimität tatsächlich begründet.

Liisi Karindi

Wer mehr über dieses Thema erfahren möchte, Liisi Karindi hält am 28.
Oktober 2010 um 19.30 Uhr einen Vortrag mit dem Titel: „China’s
Arbeits(vertrags)gesetz“ bei SinaLingua.

 

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Der Richard Sorge-Kult und seine Autoren: Ruth Werner und Julius Mader

Vor zehn Jahren – im Juli 2000 – starb in ihrer Heimatstadt Berlin die
im Westen kaum, im Osten jedoch sehr bekannte Autorin Ruth Werner. Die
am 15. Mai 1907 als Ursula Kuczynski geborene Kommunistin gehörte einer
der prominentesten DDR-Familien an; ihr Bruder, Jürgen Kuczynski 
(1904-1997), war nicht nur einer der bekanntesten  Intellektuellen
der Republik, sondern auch einflußreicher Berater Erich Honeckers. Trotz
ihres langen, aktiven und ereignisreichen Lebens wurde ihr Name vor
allem mit einem Mann assoziiert, dem Sowjetspion Richard Sorge mit dem
sie von 1930 bis 1932 in Shanghai zusammen gearbeitet hatte. Ihr größter
Erfolg war wohl die Tatsache, daß ihre Spionagetätigkeit für die
sowjetische Rote Armee niemals entdeckt und sie selbst nie verhaftet
wurde. Daher war auch in den frühen Publikationen über Richard Sorges
Spionagering nichts über sie zu erfahren. Erst durch die
Veröffentlichung ihres Buches Sonjas Rapport hat Ruth Werner selbst
ihren Anteil an der Arbeit des Sorgerings bekannt gemacht und damit auch
einen wichtigen Beitrag zum osteuropäischen Sorgekult geleistet.

Ein Gutachten des Verlags Neues Leben zeigt, daß die Publikation von
höchster Stelle gefördert wurde: „Im November 1976 teilte uns der
Genosse […] mit, daß er vom Büro Honecker beauftragt worden sei, uns
davon in Kenntnis zu setzen, daß im Verlag Neues Leben das Manuskript
‚Sonjas Rapport‘ in einer möglichst hohen Auflage zum 60. Jahrestag der
Oktoberrevolution herausgegeben werden soll. Wir bekamen das Manuskript
Anfang Februar vom Ministerium für Staatssicherheit übermittelt. Es ist
vereinbart worden, daß die Genossen dort den Umbruch zu lesen bekommen.
Von diesem Ministerium wurden 18.000 Exemplare für den Direktbezug
bestellt.“ (19.4.1977)

Ursula Kuczynski, eine Tochter des Wirtschaftswissenschaftlers René
Kuczynski, hatte in Berlin eine Buchhändlerlehre gemacht und war 1926
der KPD beigetreten. 1929 heiratete sie den Architekten Rudolf Hamburger
und ging mit ihm im Sommer 1930 nach Shanghai, wo ihm eine Stelle
angeboten worden war. Noch im gleichen Herbst lernte sie dort die
amerikanische Journalistin Agnes Smedley kennen, die zuvor mehrere Jahre
in Berlin gelebt hatte.(>> Ausländerinnen in China: Die amerikanische Journalistin Agnes Smedley und ihre chinesischen Freundinnen)
Sie hatte Smedleys Buch Eine Frau allein schon in Deutschland gelesen
und war sehr erfreut, die Autorin zu treffen. Smedley stellte sie im
November 1930 Richard Sorge (1895-1944) vor, der zu Beginn des Jahres in
Shanghai eingetroffen war, um einen Spionagering aufzubauen. In den
folgenden zwei Jahren unterstützte Ursula Hamburger Richard Sorge und
seine Mitarbeiter vor allem indem sie ihr Haus für Treffen und die
Lagerung von Waffen und Dokumenten zur Verfügung stellte. So begegnete
sie 1932 auch Otto Braun, der kurz darauf als einziger Europäer am
Langen Marsch teilnahm, und Manfred Stern, der im Spanischen Bürgerkrieg
berühmt wurde (>> und später in einem sibirischen Lager starb). Im gleichen Jahr traf sie Egon Erwin Kisch, der gerade >> für sein Buch China geheim recherchierte, und feierte mit ihm und Agnes Smedley ihren 25. Geburtstag.

Sie arbeitete auch gelegentlich in einem Buchladen und lernte den
bekannten Schriftsteller Lu Xun kennen, mit dem sie eine Käthe
Kollwitz-Ausstellung organisierte. Der Spionagering löste sich im Winter
1932-33 auf und die Wege trennten sich: Sorge wurde nach einem
Aufenthalt in Moskau nach Japan versetzt (und dort 1944 getötet); Ursula
Hamburger nahm in der Sowjetunion an einer Funkerausbildung teil. 1934
ging sie noch einmal für ein Jahr nach China und arbeitete in Shenyang,
das von japanischen Truppen besetzt war, als Funkerin. 1935 wurde sie
nach Polen versetzt und 1938 in die Schweiz. In den vierziger Jahren
arbeitete sie (weiterhin für die sowjetische Militärspionage) in
England, wohin auch ihre Eltern geflohen waren. Sie traf 1950 mit ihrem
englischen Gatten und drei Kindern in der DDR ein. In Berlin arbeitete
sie zunächst im Amt für Information, dann für die Presseabteilung der
Kammer für Außenhandel und wurde schließlich zur Schriftstellerin Ruth
Werner. Obwohl sie über ihre Spionagetätigkeit selbst nicht reden (und
schreiben) durfte, hat sie immer wieder über China geschrieben und schon
ihr erstes Buch Ein ungewöhnliches Mädchen (1957) wurde ein großer
Erfolg. Ihr zweites Buch schilderte das tragische Leben von Otto Braun’s
früherer Freundin Olga Benario (1961), die ebenfalls für die
sowjetische Militärspionage gearbeitet hatte und dann von den Nazis
umgebracht wurde. Erst 1977 – mehr als zehn Jahre nach dem Ausbruch des
Sorge-Kults und nach der Aufhebung des Schreibverbots – veröffentlichte
sie ihr autobiographisches Werk Sonjas Rapport, das schnell zu einem
Bestseller wurde. Hierin beschrieb sie ihre Zusammenarbeit mit Richard
Sorge und ihre Aufenthalte in Polen, der Schweiz und Großbritannien. (Im
gleichen Jahr wurde ihr von Honecker der Nationalpreis I. Klasse
verliehen, schon in den dreißiger Jahren hatte sie im Kreml von Kalinin
persönlich einen Orden erhalten.) Der Sorge-Kult war 1964 zum 20.
Todestag Sorges in der Sowjetunion initiiert woren. In der DDR war vor
allem der kürzlich im Alter von 71 Jahren verstorbene Julius Mader für
die Propagierung Sorges verantwortlich. Mader war Offizier im besonderen
Einsatz (OibE) des Ministeriums für Staatssicherheit und verfasste
mehrere Bücher über westliche Geheimdienste, besonders den CIA. Schon
1966 veröffentlichte er im Militärverlag Dr. Sorge funkt aus Tokyo,
dessen erweiterte Neuauflage später als der Dr. Sorge Report verbreitet
wurde. Mader hatte mit einigen früheren Mitarbeitern Sorges wie >> Otto Braun
und Max Christiansen-Clausen Gespräche geführt und zahlreiche Dokumente
ausgewertet, die letzten Auflagen hatten einen Umfang von über 500
Seiten. Richard Sorge, der einen deutschen Vater und eine russische
Mutter hatte, wurde zum Symbol für die deutsch-sowjetische Freundschaft
und wurde gleichzeitig als Opfer des Faschismus verehrt. Daß die
sowjetische Führung zu seinen Lebzeiten seine Berichte nicht besonders
ernst genommen hatte und nach seiner Verhaftung keine Bemühungen um
seine Freilassung unternahm, wurde nicht erwähnt. Auch die unrühmlichen
Geständnisse von Sorge und Christiansen-Clausen, die noch für die
Sowjetunion tätige Spione gefährdeten, wurden ignoriert. Während sich
Sorge durch Mader und andere zum Vorbild für die Männer der
Staatssicherheit entwickelte, wurde Ruth Werner bzw. ‚Sonja‘ das Modell
für die Agentinnen. Beide spielten für die Legitimierung des MfS eine
wichtige Rolle.

Dr. Thomas Kampen

 

Literatur zum Thema:

Charles Willoughby: „Sorge: Soviet Master Spy“

Julius Mader : „Dr. Sorge-Report“

Robert Whymant: „Richard Sorge – Der Mann mit den drei Gesichtern“

 

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Der Zeitgeist Buchladen in Shanghai und die Buchhändlerinnen Irene, Isa und Ursula

In vielen Büchern über Shanghai in der Republikzeit und vor allem in
der Spionageliteratur wird der Zeitgeist Buchladen erwähnt; unklar blieb
lange, wer die mysteriöse Buchhändlerin war. In MacKinnon’s Buch über >> Agnes Smedley
heißt es: „Von größerer Bedeutung für Smedley war Shanghais kleiner
Kreis deutscher Linker, deren politische Ansichten ihr näher standen.
Sie verkehrten alle im Zeitgeist-Buchladen in der Nähe von Soochow
Creek, und die Geschäftsführerin des Zeitgeists, Irene Wiedemeyer, wurde
>> Smedleys Freundin und Vertraute. „Die Österreicherin Ruth Weiss,
die 1933 in Shanghai eintraf, berichtete von der Bekanntschaft mit
einer deutschen Kommunistin: „sie leitete einen Buchladen, in dem man
deutsche, englische und  >> russische fortschrittliche Bücher erstehen konnte.“

Schon früher konnte man in dem Buch „Richard Sorge
lesen, wie dieser (angeblich) seinen japanischen Mitarbeiter Ozaki
Hotsumi kennen lernte: „Diese Bekannschaft hatte eine gewisse Frau Irene
Wiedemeyer vermittelt, die die Buchhandlung „Zeitgeist“ an der
Soochow-Bucht betrieb. Derartige Darstellungen finden sich in vielen
Büchern über Richard Sorges Spionagering und gehen größtenteils auf die
Aussagen von >> Richard Sorge
und seinen Mitarbeitern in Japan (nach deren Verhaftung 1941), sowie
auf Akten des Shanghaier Polizeiarchivs zurück. Eine vollkommen andere
Quelle sind die Werke Lu Xuns, die verschiedene Texte mit Bezug auf den
Buchladen und die Buchhändlerinnen enthalten. Da Lu Xun Agnes Smedley
und viele andere Ausländer kannte, waren solche Kontakte nicht
überraschend, er hatte selbst dort schon 1931 Bücher gekauft. 1932 fand
in dem Buchladen eine Ausstellung von Werken von Käthe Kollwitz statt.
Lu Xun war an den Vorbereitungen beteiligt und erwähnt gelegentlich eine
Hanbaojia furen – auf Deutsch: >> Frau Hamburger;
ein Name, der Ähnlichkeit mit Wiedemeyer hat, ist jedoch nicht zu
finden. Wer die Spionageliteratur kennt, weiss, dass auch Richard Sorge
in den Verhören eine Frau Hamburger erwähnte, die aber damals nicht
identifiziert werden konnte – manche Autoren vermuteten, daß es bei
Hamburger und Wiedemeyer um die gleiche Person ging. Die Frage, wer Frau
Hamburger war, lässt sich inzwischen leicht beantworten: die Frau von
Rudolf Hamburger, die mit ihrem Ehemann 1930 in Shanghai eintraf. Erst
als sie – in ihrem eigenen Buch – selbst ihre Identität preisgab, wurde
das Geheimnis gelüftet: es handelte sich um die (spätere)
Schriftstellerin Ruth Werner, die 1977 in der DDR das Buch „>> Sonjas Rapport
veröffentlichte. In dem Buch schrieb Ruth Werner auch über ihre
Freundin Isa (!) in Shanghai: „Eines Tages kam ein junges Mädchen hier
mutterseelenallein mit einigen Bücherkisten angereist. Sie eröffnete ein
Lädchen voll radikaler deutscher, englischer und französischer
Literatur.[…] Mir kribbelt es in den Fingern, ihr zu helfen.“ Damit
wird deutlich, dass es um zwei Frauen ging und dass I.W. die Leiterin
war. Ursula Hamburger, die gerade ein Kind bekommen hatte, unterstützte
sie dabei.

Der Laden soll im Auftrag der Kommunistischen Internationale betrieben
worden sein. Keiner der genannten Quellen ist besonders zuverlässig, es
gibt sicherlich Übertreibungen und Fehlinterpretationen: so ist es
unwahrscheinlich, dass westliche Kommunisten dort regelmäßig verkehrten,
da sie immer ihre Verhaftung befürchten mussten. Außerdem kam I.W. wohl
nicht allein nach Shanghai, sie war schließlich verheiratet. In Sonjas
Rapport heisst es: „Isas Mann schloß sich einer trotzkistischen Gruppe
an, es gab politische Streitigkeiten, und sie trennte sich von ihm.“
ObRuth Werner nicht mehr wusste oder nicht mehr schreiben wollte ist
unklar. Das Ehepaar lebte offenbar in Shanghai noch zusammen und der
Gatte, der in Deutschland studiert hatte, war ein Mitarbeiter von
Richard Sorge und wird häufig in den Memoiren der damaligen Sekretärin >> Zhang Wenqiu
erwähnt. In manchen Spionagebüchern steht auch dessen damals
verwendeter Name: Wu Shao kuo, sonst war lange nichts über ihn bekannt.
Inzwischen gibt es aus China mehr Informationen: tatsächlich hiess er Wu
Jianxi, wurde später Universitätsprofessor und hatte in den fünfziger
Jahren in der Volksrepublik wichtige Posten inne, er starb 1973; zu
dieser Zeit lebte Ruth Werner in der DDR, ihre Freundin Irene, die
eigentlich nicht Wiedemeyer sondern Weitemeyer hiess, soll 1978 in der
BRD gestorben sein, Ruth Werner starb im Jahr 2000 in Berlin. Da die
politischen Beziehungen zwischen BRD, DDR und der VR China oft
problematisch waren, ist davon auszugehen, dass die drei in den letzten
Jahrzehnten ihres Lebens keinen Kontakt mehr miteinander hatten. Ozaki
Hotsumi und Richard Sorge wurden kurz vor Kriegsende in Japan getötet,
Agnes Smedley starb 1950 in England.

Literatur:

F.W. Deakin + G. R. Storry: Richard Sorge, Gütersloh, 1965.
J. + S. MacKinnon: Agnes Smedley, Zürich, 1989.
Ruth Weiss: Am Rande der Geschichte, Osnabrück, 1999.
Ruth Werner: Sonjas Rapport, Berlin, 1977.

Dr. Thomas Kampen

Weitere Literatur zum Thema:

An Instance of Treason: Ozaki Hotsumi and the Sorge Spy Ring.

 

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Zhang Fang und seine Memoiren : Richard Sorges chinesischer Assistent berichtet

Als der Sowjetspion Richard Sorge 1941 in Japan verhaftet wurde, waren
viele chinesische Mitglieder seines Spionagerings noch aktiv. Dennoch
blieben ihre Namen und Aktivitäten jahrzehntelang im Dunkeln.
Sorge hatte zwar nach seiner Verhaftung in Tokyo genaue Angaben
über seine europäischen und japanischen Mitarbeiter gemacht, die genaue
Identität seiner chinesischen Assistenten jedoch nicht mitgeteilt. Die
Andeutungen über die Herren „Wang“, „Pai“, „Li“, „Chiang“ und ein
Ehepaar „Chui“ waren zu ungenau, um ihre Identifizierung zu ermöglichen.
Auch in der umfangreichen Sekundärliteratur von Charles Willoughby
(„Sorge: Soviet Master Spy“), Julius Mader („Dr. Sorge-Report“) und
Robert Whymant („Richard Sorge – Der Mann mit den drei Gesichtern“)
wurde zwar ausführlich über Sorges westliche und japanische Mitarbeiter
berichtet, über die Chinesen gab es jedoch keine genauen Informationen.
Auch von chinesischer Seite wurde bis in die achtziger Jahre praktisch
nichts über den Sorgering veröffentlicht: vor allem wegen des
sino-sowjetischen Konflikts waren die sowjetischen Spionageaktivitäten
in Ostasien ein äußerst heikles Thema. Im übrigen hatten chinesische
Autoren auch kaum Zugang zu deutschen, japanischen und russischen
Quellen über Sorge und seine Mitarbeiter.

Der Unbekannte

Daher war die Veröffentlichung der Erinnerungen von Sorges
chinesischem Stellvertreter Zhang Fang in den achtziger Jahren eine
kleine Sensation, die jedoch nur von wenigen bemerkt wurde. Zhang, der
vor fast 110 Jahren – im Sommer 1901 – geboren wurde, publizierte unter
verschiedenen Pseudonymen mehrere Bücher und Artikel in denen er über
seine Tätigkeit für Sorge und dessen Nachfolger berichtete, doch der
Name Sorge tauchte in den relativ nichtssagenden Titeln seiner Werke nie
auf. Außerdem erschienen die meisten Texte bei Provinzverlagen oder in
schwer zugänglichen Zeitschriften. Die Geheimnistuerei hing wohl nicht
nur mit der schwierigen Thematik zusammen, sondern auch mit der
Tatsache, daß Zhang auch nach der Gründung der Volksrepublik China noch
lange geheimdienstlich tätig war. Er starb erst 1995 im Alter von 94
Jahren.

Einstellung

Um zu verstehen warum gerade Zhang Fang eine führende Position im
Sorgering einnehmen konnte, muß auf Sorges Anforderungen an seine
chinesischen Mitarbeiter hingewiesen werden: sie sollten zwar überzeugte
Kommunisten, aber nicht Mitglieder der chinesischen KP sein, denn
Parteimitglieder hätten bei Verhaftung sowohl die KP als auch den
Spionagering verraten können; da Sorge kein Chinesisch konnte, sollten
sie möglichst Englisch oder Deutsch, aber – um keinen Verdacht zu
erregen – auf keinen Fall Russisch sprechen (daher waren die zahlreichen
in Moskau ausgebildeten Chinesen für diese Arbeit ungeeignet); außerdem
sollten sie genügend politisch gebildet sein, um eigenständig Berichte
und Einschätzungen abfassen zu können. Zhang Fang entsprach diesen
Anforderungen sehr gut: er hatte Mitte der zwanziger Jahre an der
Pekinger Yenching-Universität Englisch studiert und war dort 1927 der KP
beigetreten, verlor dann jedoch in den Wirren des Bürgerkriegs den
Kontakt zur Partei. Da er in Peking von Verhaftung bedroht war, floh er
1929 nach Shanghai, wo kurz zuvor auch die amerikanische Journalistin
Agnes Smedley eingetroffen war, Richard Sorge kam im folgenden Winter
dort an. Wahrscheinlich wurde der Kontakt zwischen Sorge und Zhang durch
Smedley vermittelt, die damals – wie später auch Sorge – für die
Frankfurter Zeitung schrieb. ( >> Ausländerinnen in China: Die amerikanische Journalistin Agnes Smedley und ihre chinesischen Freundinnen)
Von 1930 bis Ende 1932 arbeitete Zhang für Sorge und nach dessen
Abreise für Sorges Nachfolger. Sorge beauftragte Zhang damit, einen
chinesischen Spionagering zu gründen und dafür zuverlässige Mitarbeiter
aus seinem Bekanntenkreis zu suchen. Zunächst waren einige Dutzend,
später über hundert „Agenten“ für den Ring tätig. Die meisten glaubten
für die Komintern zu arbeiten, nur die wichtigsten Mitglieder wußten,
daß der Ring für die sowjetische Rote Armee spionierte. Militärische und
außenpolitische Fragen standen im Vordergrund, vor allem die
japanischen Aktivitäten in China und die Beziehungen zwischen dem
Kuomintang-Regime Chiang Kai-sheks und den wichtigsten westlichen
Staaten. Besonders die Aktivitäten der deutschen Militärberater in China
und deutsche Waffenexporte nach China waren von großer Bedeutung.

Arbeit

Da Zhang Fang viele Freunde und Kommilitonen aus Peking anwarb,
bestand der Kern des sowjetischen Spionagerings in China aus Absolventen
der amerikanischen Yanjing Universität. Gerade weil diese Universität
unter ausländischer Leitung stand, waren linke Studenten dort sicherer
als an den strenger kontrollierten chinesischen Universitäten. Die
Studenten, die in Peking aktiv gewesen waren, waren in Shanghai, der
KMT-Hauptstadt Nanking und im südchinesischen Kanton weitgehend
unbekannt und nicht besonders gefährdet. Das von Sorge erwähnte Ehepaar
„Chui“ gehörte zu Zhang Fangs und Agnes Smedleys engsten Freunden und
der lungenkranke Mann wird auch in Ruth Werners „Sonjas Rapport“
erwähnt. Diese und andere Details bestätigen, >> daß sowohl Sorges Angaben bei den Verhören als auch Ruth Werners Berichte relativ wahrheitsgetreu waren
Da Sorge in den ersten Monaten seines Aufenthalts vor allem an Kanton
und Südchina interessiert war – sein Vorgesetzter „Alex“ war offenbar
für Shanghai zuständig – spielte die dort aufgewachsene Frau „Chui“ eine
wichtige Rolle. Eine weitere Mitarbeiterin namens Zhang Yiping >> soll ihm vom damaligen Leiter des chinesischen KP-Geheimdienstes, Zhou Enlai,  vermittelt worden sein.

Flucht

Zhang Fang arbeitete zunächst für Sorge, dann für dessen Nachfolger
„Paul“ (Karl Rimm, der auch von Sorge, Mader und Ruth Werner erwähnt
wurde) und – als dieser eine neue Aufgabe in Nordchina übernahm – für
Joseph Walden. Im Frühjahr 1935 wurde dieser jedoch verhaftet und
dadurch die Spionagetätigkeit in Shanghai zeitweise unterbrochen. Die
wichtigsten chinesischen Mitarbeiter konnten in China untertauchen oder
in die Sowjetunion fliehen, einige wurden verhaftet und hingerichtet. Da
Walden jedoch keinerlei Aussagen machte, ihm kaum etwas nachgewiesen
werden konnte und die KMT-Regierung an einer Verbesserung der
Beziehungen zu Moskau interessiert war, ließ man ihn bald in die
Sowjetunion ausreisen. Nach Zhangs Darstellung war der KMT nicht
bekannt, daß sie einen Spion der sowjetischen Armee gefaßt hatte,
sondern hielt ihn für einen Kominternagenten. Auch Karl Rimm und Ruth
Werner, die zu dieser Zeit als Funkerin Shenyang arbeitete, konnten
unentdeckt China verlassen. Zhang Fang floh 1935 mit Frau und Kindern
nach Moskau und wurde dann im nordwestchinesischen Xinjiang eingesetzt.
Nachdem er dort knapp der Verhaftung entkommen war, setzte er seine
Spionagetätigkeit in Nordchina fort. Dort wurde er von den Japanern
verhaftet, konnte jedoch aus dem Gefängnis entfliehen und ging dann in
das kommunistische Zentrum Yan’an. Damit war seine Tätigkeit für die
Sowjetunion beendet und er übernahm Aufgaben in der chinesischen KP.
Einige seiner in den dreißiger Jahren angeworbenen Mitarbeiter hatten
ebenfalls bis in die vierziger Jahre für die sowjetische Militärspionage
gearbeitet. Da sie meist nicht der chinesischen KP beigetreten waren,
brachte ihnen der Sieg der Kommunisten und die Gründung der
Volksrepublik China häufig eher Probleme als Vorteile. Manche traten in
den fünfziger Jahren noch der KP, andere den kleinen „Blockparteien“
bei. Mit der Verschlechterung der sino-sowjetischen Beziehungen galten
sie oft als Agenten des Gegners und bekamen vor allem in der
Kulturrevolution erhebliche Schwierigkeiten. Hierbei war besonders
fatal, daß sie vorher nicht – wie sie oft selbst angenommen hatten – für
die Komintern sondern für die sowjetische Armee gearbeitet hatten. Auch
Zhang Fang bekam in dieser Zeit Probleme, wurde aber – wahrscheinlich
von Zhou Enlai – geschützt und überlebte die Kulturrevolution
unbeschadet.

Dr. Thomas Kampen

 

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Rezension:Christian Y. Schmidt – Bliefe von dlüben

Der Mann hat ordentlich Wut im Bauch. Eine waschechte Bielefelder
Schnauze. Und jede Menge Humor, vor allem sich selbst gegenüber. Diese
dreifache Erkenntnis stellt sich früh ein bei der Lektüre von Christian
Y. Schmidts Sammelband „Bliefe von dlüben – Ein China-Crashkurs“.
Christian Y. Schmidt ist kein Unbekannter. 5 Jahre lang schrieb er für
das Satiremagazin Titanic seine gleichnamige Kolumne aus dem Reich der
Mitte. Und hat dabei manches gesehen, das ihm nicht schmeckt – zum
Beispiel den Unsinn, den selbsternannte deutsche China-Experten in
Dauerschleife über seine zweite Heimat (Schmidt lebt mit seiner
chinesischen Frau in Beijing) zu Papier bringen.

Gründe für ein erneutes Kompendium zum chinesischen Alltagsleben gibt
es angesichts der eklatanten Wissenslücken hierzulande eigentlich genug.
Der Autor liefert einen weiteren, ganz Titanic-Korrespondent, hinzu:
„Das in diesem Buch versammelte höchst disparate Wissen ist eher dazu
gedacht, den Leser in die Lage zu versetzen, auf Partys zu glänzen.“ Es
handele sich um „typisches Angeber- und Aufschneiderwissen“, dass für
Stehempfänge in Berlin oder Beijing vielfältig einsetzbar sei, schreibt
Schmidt und stellt damit sein eigenes Licht unter den großen Schemel der
Chinaschreiberlinge. Denn dem Autor ist es trotz der gewählten
satirischen Form ernst mit dem Gegenentwurf zum China-Bashing der
Mainstream-Presse.

Zwar verheißt der ausgelutschte Witz im Titel des Buches zunächst
nichts Gutes. Auch ist Skepsis angebracht angesichts der Tatsache, dass
hier eine aufpolierte Kolumnensammlung herausgebracht wird. Doch schon
die Widmung zeigt, dass der Leser dieses Buch – neben den fleißig
recherchierten Infoblöcken und dem generellen Anliegen des Autors –
nicht immer ernst nehmen darf: „Für Walter Myna“ steht dort. Damit
widmet Schmidt das Buch seinem Alter Ego, unter dessen Namen er
jahrelang seine „Bliefe“ für die Titanic verfasste. Und auch das Vorwort
macht Laune auf mehr: Schmidt gibt freimütig zu, dass der Titel rein
aus Gründen der besseren Vermarktung gewählt worden sei, um dann seine
aktualisierten „Bliefe“ in einer ungewöhnlichen Form zu präsentieren: in
fünf Abteilungen wird der Leser auf das „große China-Abitur“
vorbereitet. Den Lehrplan en detail zu beschreiben ist unnötig, denn oft
sei die Zuordnung des Stoffes, „so ähnlich wie im echten Leben“, völlig
willkürlich und an den Haaren herbeigezogen.

Eines muss man dem Joschka Fischer-Biograf lassen: Schmidt hat sich zu
einem Zeitpunkt für das Leben im Reich der Mitte entschlossen, da andere
schon langsam für das Campingmobil im Ruhestand zu sparen beginnen. Der
Autor – und das macht seine Kolumnen amüsant und lesenswert – schreibt
sich hier in oft unmittelbarer Nähe zum Erlebten die eigenen Erfahrungen
vom Leib. Die Leidenschaft für China, die Herausforderungen als
dauernder Fremdkörper, aber auch der Stolz über die eigenen Verständnis-
und Lernerfolge des Autors sind den Crash-Kurs hindurch spürbar.
Schmidt schreibt von Ayis, Gongbao Jiding, Pandas oder Falun Gong –
seine Themen sind nicht neu, der Charme seiner Ausführungen liegt im
wie. Das Gleiche gilt auch für sein „Praktisches Chinesisch – die
wichtigsten Sätze“, darunter: „Beim Einkaufen: Diese Qualitätsfake-Rolex
ist mir zu teuer. Haben Sie keine normalen Kopien?“ oder „Auf der
Straße: Nein, ich will in keine Lady-Bar!“

Schmidts Bilanz nach den ersten fünf Jahren: Es wird langsam Zeit, dass
Deutschland einen chinesischen Bundeskanzler erhält.  Denn immer
da, wo Chinesen an der Macht seien, boome auch die Wirtschaft. Hier, wie
zu Beginn und an vielen Stellen des Buches, spricht wieder der Schalk
aus ihm, der oft auch Kritik an seiner alten Heimat übt. Das macht
Schmidt und seine täglichen Abenteuer im Reich der Mitte sehr
sympathisch. Fazit: Ein Buch über China, in dem die Revolutionäre
Marxistische Allianz genauso vorkommt wie Schwäbisch Gmünd oder
Fahrstuhlknopfdrückerinnen, gehört in jedes Handgepäck nach Beijing.

Christian Y. Schmidt
„Bliefe von dlüben – Der China-Crashkurs“
224 Seiten
ISBN-13: 978-3871346583
Rowohlt
14,90 €

Rezension von Oliver Lutz Radtke

 

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Filmrezension: Eat, Drink, Man, Woman

Zu Beginn der neuen Newsletter-Rubrik  “Filmrezension”, ein
Klassiker: “Eat, Drink, Man, Woman” (饮食男女) von Ang Lee (李安) aus dem
Jahre 1994.  Sicherlich ein, nicht nur unter Sinologiestudenten und
sonstigen China-Liebhabern,  bekannter Film und allgemein sehr zu
empfehlen.  Visuell ansprechend (besonders in der Anfangssequenz
des Films in der Herr Zhu, ein Meisterkoch gespielt von Lang Xiong, das
Sonntagsessen fuer sich und seine Familie vorbereitet), abwechselnd
lustig und traurig mit einer Prise Romantik, so ist dieser frühe Film
des Staregisseurs stets kurzweilig und mitreißend.

Ang Lees dritter Spielfilm behandelt, wie die meisten seiner frühen
Filme, das Zusammenleben in einer Familie, sowie die Spannungen zwischen
verschiedenen Generationen im Wandel der Chinesischen/Taiwanesischen
Gesellschaft, ausgelöst durch den wachsenden Einfluss Westlicher Kultur
und Werte.  Der Hauptankerpunkt in “Eat, Drink, Man, Woman” ist das
Essen und dessen Zusammenhang mit Liebe und Familie.
 

“Eat, Drink, Man, Woman” spielt im modernen Taipei.  Herr Zhu, ein
verwitweter Meisterkoch, und zwei seiner drei erwachsenen Töchter leben
gemeinsam in einem alten Haus mitten in der Stadt, umringt von
Hochhäusern.  Die Kommunikation zwischen Vater und Töchtern
verläuft nicht immer reibungslos, jedoch tauscht man sich jeden Sonntag
Abend beim gemeinsamen Essen über das Leben, das Liebesleben, und die
Suche nach dem passenden Partner aus.  Langsam lösen sich die
Töchter aus ihrem stellenweise autoritären Elternhaus, und Zhu muss
feststellen, dass ihm allmählich der Geschmackssinn verloren geht. 
Abwechselnd werden der Handlungsstrang des Vaters, sowie die der
einzelnen Töchter gezeigt, bis alle Stränge (besonders der von Herrn Zhu
selbst, und seiner zweitältesten Tochter Zhu Jiaqian) am Ende des
Filmes, nicht ohne den sogenannten twist, zusammengeführt werden. 

Rundum ein schöner Film, bietet “Eat, Drink, Man, Woman”, 1995 für den
Oscar als Bester fremdsprachiger Film nominiert, zwei Stunden
empfehlenswerten Filmspass die keinsfalls als vergeudet zu bezeichnen
wären.

 

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