INHALT

Von Asien inspiriert – Ein Besuch bei Dagmar Roederer

Farbenprächtige Paravents, bunte, leuchtende Kugeln und große und
kleine Drachen soweit  das Auge reicht. Das ist der erste Eindruck,
den ein Besucher bekommt, wenn er das Atelier von Dagmar Roederer
betritt. Wie für die Mannheimer Künstlerin ostasiatische Motive zum
Motiv ihres künstlerischen Lebens wurden, hat sie SHAN bei einem Besuch
berichtet. 

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Studenten aus aller Welt in Heidelberg

Xu Miao (26 Jahre) studiert seit drei Jahren Sinologie in Heidelberg.
Die Idee, dass eine Chinesin in Deutschland Sinologie studiert, löste
oft Erstaunen aus und traf zum Teil auf Unverständnis. Warum sie
trotzdem an ihrem Plan festhielt, welche Eindrücke und Erfahrungen sie
in Heidelberg sammelte, lesen Sie in diesem sehr persönlichen Artikel

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Chinesische Untergrundbewegung: Die erste U-Bahn in der Hauptstadt der Volksrepublik

Wer in den siebziger oder achtziger Jahren Beijing besuchte, hat oft
nicht bemerkt, daß die Stadt eine Untergrundbahn besaß. Auf den frühen
Stadtplänen war sie nicht zu finden, im Straßenbild fielen die Bahnhöfe
kaum auf, die erste U-Bahn der Volksrepublik wurde selten erwähnt. In
unserem Artikel lösen sich einige Rätsel um die erste Untergrundbahn
Chinas.

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Sommerschule Chinesisches Recht in Göttingen

An der Universität Göttingen findet jedes Jahr im Juli die Göttinger
Sommerschule zum chinesischen Recht statt. Die Sommerschule wird nun
bereits zum fünften Mal vom Deutsch-Chinesischen Institut für
Rechtswissenschaft veranstaltet. Letztes Jahr nahm Nils Pelzer an diesem
einwöchigen Kurs teil. Für SHAN lies er seine Erlebnisse und
Erkenntnisse in Göttingen  revue passieren.

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Der erste Professor für Ostasiatische Kunstgeschichte: Dietrich Seckel (1910-2007)

Vor hundert Jahren – am 6. August 1910 – wurde Dietrich Seckel, der
erste Professor der Ostasiatischen Kunstgeschichte, in Berlin geboren.
In diesem Herbst wird er mit einer Ausstellung in der
Universitätsbibliothek geehrt. Zur gleichen Zeit geht nun sein Schüler
und Nachfolger – Prof. Lothar Ledderose – in den Ruhestand. 
Einblick in Leben und Wirken gibt unser Artikel.

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Junges Blut(h) bei Lehraufträgen – Ein Kurs bei Cora Jungbluth

Für jeden Studenten ist es interessante etwas über Kurse zu erfahren,
die man selbst nicht oder noch nicht gemacht hat. Diesen Sommer gab es
ein besonderes Proseminar, das von Cora Jungbluth unterrichtet wurde,
die selbst noch vor kurzem Studentin war und momentan an ihrer Promotion
arbeitet. Das zweiteilige Blockseminar behandelte die chinesische
Wirtschaftsentwicklung seit 1978 und analysierte, anhand von wichtigen
politischen und wirtschaftlichen Ereignissen seit der Öffnung, den
wirtschaftlichen Entwicklungsprozess Chinas.

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Von Asien inspiriert – Ein Besuch bei Dagmar Roederer

Schon beim Betreten der Eingangshalle taucht man ein in eine andere
Welt. Große farbenprächtige Paravents ziehen sofort die Aufmerksamkeit
des Betrachters auf sich. Beim genaueren Hinsehen, entdeckt man bereits
überall die Handschrift Künstlerin. Aber erst im hellen Atelier
entfaltet sich die ganze Pracht und man wird mitgerissen von Farben und
Fomen auf zahlreichen Leinwänden und vor allem von der Beigesterung und
Freude von Dagmar Roederer. 1951 in Mannheim geboren, arbeitete Dagmar
Roederer nach ihrem Abitur erst als Werkstudentin am Nationaltheater in
Mannheim. Seit 1975 ist sie als freischaffende Künstlerin tätig.

Die ornamentalen Ölgemälde, die heute das Bild des Ateliers prägen,
gehören in ihre jüngere Schaffensphase. Zu Anfang ihrer Laufbahn
arbeitete Frau Roederer hauptsächlich an Bleistiftzeichnungen und
Stillleben. Doch irgendwann wurde ihr dies zu eintönig und langweilig.
Es war der Zufall , der Dagmar Roederer zu dem Motiv führte, das
zum  Thema ihres künstlerischen Lebens geworden ist. Während der
Arbeiten an einer Zeichnung, fiel ein Lichtstrahl auf eine kleine
chinesische Vase. Dieses Bild war so bewegt, so bunt, dass es den Blick
der Künstlerin gefangen hielt. Sie begann die Vase abzuzeichnen, dies
markierte den Beginn einer Leidenschaft. Es blieb nicht beim bloßen
Abzeichnen des Objekts, die Figuren auf der Vase begannen durch ihre
Pinselstriche zu leben.

Dagmar Roederer variierte dieses Bild immer wieder. Die Figuren wurden
größer, traten aus dem Bild heraus, erzählten immer wieder ganz neue
Geschichten. „Es ist wie eine Variation im Jazz“, so die Künstlerin,
„das Thema bleibt, aber es wird einmal mehr einmal weniger variiert.“
Die Motive scheinen sich zu verselbständigen, wachsen über den
ursprünglichen Rahmen hinaus, aber bleiben doch immer noch eine
Variation des Ursprungsthemas. Ein Motiv, das immer wieder ins Auge
sticht, ist das Motiv des Drachen. „Meine Drachen sind Glücksdrachen“,
sagt Dagmar Roederer. Sie sind mächtig, sie strahlen Kraft und Energie
aus, aber Augen und Gesicht sind immer freundlich, fast fröhlich. Das
macht diese Drachen so anziehend. Die fröhlichen Drachen bleiben aber
nicht auf der Leinwand. Es gibt sie auf Kacheln oder Paravents, als
Zierde über der Tür laden sie zum Eintreten ein, auf lackierten Kugeln
lachen sie dem Besucher von Tischen und Regalen entgegen. Auch der
Fisch, ein anderes Glückssymbol aus China, findet sich häufig im Werk
der Künstlerin und wie die Drachen entdeckt man sie nicht nur auf
Leinwand. Ob als Motiv auf gemalten Schalen oder Vasen oder auf orange
leuchtenden Kugeln, Formen und Farben sind in der Fantasie der
Künstlerin keine Grenzen gesetzt. Besonders sind nicht nur der
Variationsreichtum und die Farbenpracht der Werke, sondern auch ihre
Entstehung. Überall im Atelier lehnen bunte Leinwände, bedeckt mit
Kompositionen aus Orange, Rosa und Türkis, oder Blau, Grün und Rot, die
so manch einer schon gerne in diesem Zustand gekauft hätte. Aber diese
Farbfeuerwerke sind nur Rohlinge des eigentlichen Kunstwerks. Nach dem
Grundieren der Leinwand mit verschiedenen Farben, werden mit schwarzen
Pinselstrichen die Konturen der Motive aufgetragen. Im letzten Schritt
werden dann Flächen mit Weiß übermalt, erst jetzt erhält das Bild seine
letztendliche Gestalt. Ein Prozess, der viel Geduld und Leidenschaft
fordert. Die Werke von Frau Roederer wurden bereits in Beijing
ausgestellt und fanden auch dort großen Anklang. Dass diese kraftvollen
Bilder von einer Frau gemalt wurden, gab in China allerdings immer
wieder Anlass zu Erstaunen und  Bewunderung. Durch den ihr eigenen
Stil ist Dagmar Roederer als Künstlerin nicht zu verwechseln, aber nie
gleich. Das macht den ganz besonderen Reiz an ihrer Arbeit aus, in der
man immer wieder neue Details, neue Variationen und neue Welten
entdecken kann. Ihre Kunst und Technik sind europäisch, ihre Inspiration
erhält sie von ostasiatischen Kunstgegenständen.

 

Sylvia Schneider

 

Mehr zur Künstlerin unter www.dagmar-roederer.de

Aktuelle Ausstellung im Konfuzius-Institut Heidelberg noch bis zum 3. Oktober 2010.

 

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Studenten aus aller Welt in Heidelberg

 

Xu Miao (徐淼) – Als chinesische Sinologin in Deutschland.

Als ich mich vor drei Jahren entschieden habe, nach Heidelberg zu
kommen und hier Sinologie zu studieren, sagte eine DAAD-Dozentin zu mir:
„Das ist aber eine bescheuerte Idee.“ Viele Freunde haben damals
gefragt, ob es Sinn macht, als Chinesin im Ausland Sinologie zu
studieren. Das habe ich mich natürlich auch selbst immer gefragt. Die
Idee war am Anfang ganz einfach: Ich möchte China aus einer anderen
Perspektive betrachten. Wenn keiner mir wirklich sagen kann, ob ein
Sinologiestudium im Ausland sinnvoll ist, dann muss ich es selbst
überprüfen.

„Ein Institut mit zugänglichen Professoren“
 Als ich zum ersten Mal das Institut für Sinologie in Heidelberg
gesehen habe, habe ich mich echt gewundert, wie klein es ist. Aber die
lockere Atmosphäre hat mir sehr gut gefallen. Meine erste Aktivität im
Institut war beim Umzug der Insitutsbibliothek zu helfen. Ich kannte
damals kaum jemanden am Institut und bin einfach hingegangen und in die
Menschenkette des Umzugs eingestiegen. Die Mithelfer waren alle super
nett, deswegen habe ich auch alle ganz locker geduzt. Aber in der Pause
sagte eine Kommilitonin leise zu mir: „Du bist neu oder? Das ist der
große Wagner*! Den lieber nicht duzen.“ Was? Der Herr, der mit uns
Bücher getragen, uns Schokolade und Obst gekauft und mit uns auf dem
Boden gesessen und Bananen gegessen hat? Wahrscheinlich bin ich deswegen
hier geblieben: Ein Institut mit zugänglichen Professoren. Das kann
nicht falsch sein.

„Kritisch sein?“
Mein erstes Semester in Heidelberg ging richtig los. Ich habe im
Unterricht alles verstanden, hatte aber oft keine Ahnung, worum es ging.
Ich konnte am Anfang viele Sachen nicht mit meinem vorherigen
Denksystem verknüpfen und kam im Seminar kaum zu Wort. Das Problem war
kein sprachliches, sondern die Art und Weise wie man eine Frage stellt
und beantwortet und wie man sich an einer Diskussion teilnimmt. Das
größte Problem war, dass ich in China nie trainiert habe, andere Leute
mit überzeugenden Argumenten zu kritisieren. „Kritisch zu sein“ ist auf
Chinesisch fast ein Schimpfwort. Hier muss man diese Fähigkeit aber gut
erlernen und anwenden. Langsam habe ich mich daran gewöhnt und es macht
mir Spaß mit zu reden. Ich bemerkte auch, dass man durch Kritik zu einer
neuen Ebene der Erkenntnisse kommen kann. Aber bis heute habe ich immer
noch ein komisches Gefühl, wenn ich im Unterricht „kritisch“ mit
anderen Kommilitonen umgehe, obwohl ich mich äußerlich daran angepasst
habe.
 

„Ein Wort eines Weisen“
Was ich in China selten erlebt habe und hier sehr toll finde, sind die
Sprechstunden mit Professoren. In China spricht man immer von „yin cai
shi jiao 因材施教 [Studenten entsprechend ihrer Begabungen lehren]. Aber
unter den Bedingungen der Massenbildung in China ist eine solche
individuelle Betreuung schwer durchsetzbar. Wenn man in China ins Büro
eines Professors gerufen wird, bedeutet es meistens, dass man irgendwas
falsch gemacht hat. Hier öffnen die Professoren und Dozenten ihre Türen
und bieten Vorschläge für das Studium, wissenschaftliche Arbeit und auch
allgemein für das Leben an. Diesen engen Kontakt kann ich mir in China
sehr schwer vorstellen. Ein chinesisches Sprichwort lautet: „Ein Wort
eines Weisen ist viel mehr wert ,als zehn Jahre Bücher lesen’
(听君一席话胜读十年书)“.  Man kann von den individuellen Gesprächen mit den
Professoren wirklich sehr profitieren.

„Was studierst du?“
Man kommt am Ende immer zu der Frage zurück, die viele Sinologen schwer
beantworten können – ich als chinesische Sinologin noch schwerer: 
„Was studierst du eigentlich?“ Sinologie ist für mich eher ein
Forschungsgebiet als ein Fach. Während dieses Studiums habe ich mich mit
verschiedenen Themen beschäftigt, die eigentlich auch zu anderen
Fächern gehören können: Von Buddhismus bis Geschichtsschreibung, von
Wirtschaftssystemen bis zur Aktionskunst. Was ich genau studiert habe,
kann ich nicht erklären. Manche Kommilitonen sagen, dass der
Studienaufbaubau im Institut nicht systematisch genug ist. Aber ich habe
genau von diesem vielleicht nicht so systematischen Studienaufbau,
dafür aber sehr breiten Angebot des Institutes profitiert. Man lernt
dabei, wie man von fast „Null-Kenntnis“ bis zu einer relativ komplette
Arbeit kommt. Ich merke langsam: Es geht nicht mehr darum was ich bei
Sinologie studiere, sondern um das „Studieren“ selbst. Es geht darum,
dass ich über ein bestimmtes Thema mehr wissen will, mir selbst eine
Frage stelle und versuche sie zu beantworten. Bis Heute kann ich immer
noch nicht sagen, ob es Sinn macht als eine Chinesin in Deutschland
Sinologie zu studieren. Aber während meines Studiums ist mir langsam
bewusst geworden, dass diese Frage selbst sinnlos geworden ist. Wichtig
ist, ob ich hier die Fähigkeit erlernt habe, selbstständig
wissenschaftlich zu arbeiten und selbst den Weg zur Antwort zu finden.
Und ich denke, ich kann die Frage mit „Ja“ beantworten.

 

Xu Miao

 

*Gemeint ist Prof. Rudolf Wagner, ehemaliger Leiter des Instituts. Anm. der Redaktion.

Der Umzug der Bibliothek im SHAN-Newsletterarchiv: Mehr als 1000 Meter Bücher umgeräumt – Aktionstage in der Bibliothek des Instituts für Sinologie

 

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Chinesische Untergrundbewegung: Die erste U-Bahn in der Hauptstadt der Volksrepublik

Wer in den siebziger oder achtziger Jahren Beijing besuchte, hat oft
nicht bemerkt, daß die Stadt eine Untergrundbahn besaß. Auf den frühen
Stadtplänen war sie nicht zu finden, im Straßenbild fielen die Bahnhöfe
kaum auf, und auch sonst wurde die erste U-Bahn der Volksrepublik China
selten erwähnt. Auch nach Entdeckung des modernsten Transportmittels der
Hauptstadt blieben viele Rätsel: die erste Linie verband den
Hauptbahnhof mit entlegenen Vororten nahe der Westberge und führte
größtenteils durch dünn besiedelte Gebiete. Fachleuten fiel sofort auf,
daß in einer solchen Umgebung der Bau von S-Bahnen oder Straßenbahnen
weit ökonomischer gewesen wäre. Auch über die vorgesehenen Fahrgäste
herrschte Unklarheit, denn der Berufsverkehr war damals in dieser Gegend
nicht sehr umfangreich.

Vorgeschichte
So wurde schnell deutlich, daß es andere Gründe für den Bau der ersten
unterirdischen Eisenbahn des Landes gegeben haben muß. Aufschlußreich
ist das Jahr des Baubeginns: 1965. Zu dieser Zeit wuchs das
amerikanische Engagement in Vietnam, gleichzeitig verschlechterten sich
die sino-sowjetischen Beziehungen, sodaß die KP-Führung Angriffe auf
China und die Hauptstadt befürchtete. Daher wurden in vielen Großstädten
und besonders im Zentrum Pekings, wo Partei und Regierung saßen,
Schutzmaßnahmen eingeleitet und – vor allem – Tunnel gegraben. Ein
deutscher Diplomat erwähnte 1966 eine „Kampagne zur Vorbereitung auf
einen Krieg auf chinesischem Territorium“ und fuhr fort: „In den
westlich vom Zentrum Pekings liegenden Gebirgszügen werden die bereits
vorhandenen unterirdischen Anlagen ausgebaut und ein Verbindungsweg
zwischen den jetzt im Bau befindlichen Tiefbunkern innerhalb der Stadt
und den Anlagen in den Westbergen geschaffen. Beim Tunnelbau und Ausbau
der unterirdischen Anlagen sind vorwiegend Armeeangehörige eingesetzt.“

Die erste Linie im Krisenjahr
Im Jahr 1969 als es an der Grenze zur Sowjetunion zum
„Ussuri-Zwischenfall“ kam, wurde die erste Linie fertiggestellt und der
Probebetrieb begonnen. Die Endpunkte der über 23km langen Strecke mit 17
Stationen bildeten der alte Hauptbahnhof im Osten und Pingguoyuan im
Westen. Abgesehen von zwei, drei Kurven verlief die Strecke schnurgerade
und bildete damit eine direkte Verbindung vom Eisenbahnnetz zu den
gesperrten Militärbezirken am Fuße der Westberge. Entsprechend gering
war die Zahl der Fahrgäste: im ersten Jahr des regulären Betriebs (1971)
waren es 8,2 Millionen, also täglich nur etwa 22 000. Diese Zahl stieg
dann jährlich um mehr als zwanzig Prozent auf 82 Millionen(1983), das
entsprach 220 000 täglich. Aufgrund ihrer besonderen Lage konnte die
U-Bahn jedoch die Buslinien kaum entlasten und war für den größten Teil
der Bevölkerung nutzlos.

Historische Bauwerke
Schon 1969 wurde mit dem Bau der zweiten Linie begonnen, die in der
Welt wohl einzigartig ist. Sie verläuft entlang der früheren Stadtmauer,
die Bahnhöfe sind meist nach den Stadttoren (wie z.B. Xizhimen und
Chaoyangmen) benannt. Darüber wurde die zweite Ringstraße, eine Art
Stadtautobahn, geführt. Tatsächlich wurden nur drei Seiten des Vierecks
neu gebaut und mit einem Teil der ersten Linie zu einer Ringbahn
verbunden. Der Neubau wurde 1984 fertiggestellt, die Züge fuhren jedoch
zunächst in einer U-Form. Erst im Winter 1987-88 wurde für die Linie 1
ein neuer Endbahnhof mit Wendemöglichkeit am Fuxingmen fertig gestellt
und auf der Linie 2 mit dem durchgehenden Betrieb begonnen. Damit
erreichte das Gesamtnetz eine Länge von 40 Kilometern und besaß 29
Stationen.

Viele Verkehrsmittel
Mit günstigen Tarifen und verbesserten Umsteigemöglichkeiten zu den
Bussen wurde die U-Bahn nun für viele Beijinger attraktiver. Nachdem
lange Jahre ein Mangel an U-Bahnwagen geherrscht hatte, stieg die Zahl
bis 1990 auf 250, die Züge fuhren tagsüber im Abstand von drei bis vier
Minuten. Anfang der neunziger Jahre beförderten beide Linien zusammen
täglich schon über 1,2 Millionen Fahrgäste. Dennoch blieb die Bedeutung
der U-Bahn für den gesamten Personenverkehr der Hauptstadt lange Zeit
gering. 1981 lag der Anteil der Fahrgäste bei 1,3% (Busse 53,1%,
Fahrräder: 43,3%). Allerdings ist hierbei zu beachten, daß bei der
U-Bahn die zurückgelegte Entfernung, Geschwindigkeit und Pünktlichkeit
am größten sind. In den letzten beiden Jahrzehnten ist die Bedeutung der
U-Bahn für den Hauptstadtverkehr dramatisch gewachsen, ohne sie wären
die Olympischen Spiele nicht möglich gewesen.

Durchs Stadtzentrum
Auch nach der Eröffnung der zweiten Linie fehlte eine U-Bahn im
Stadtzentrum, der Kaiserpalast und die Einkaufszentren an Xidan und
Wangfujin waren weiterhin schlecht erreichbar. Daher wurde die
Verlängerung der Linie 1 unter der Chang’an-Allee – am Tiananmen-Platz
vorbei – bis in die östlichen Vororte beschlossen. Im Herbst 1992 wurde –
zum 14. Parteitag – die Verbindung vom Fuxingmen zur Xidan
fertiggestellt. Zur Vermeidung von Verkehrsstaus an einer der
belebtesten Kreuzungen Pekings, wurde zum ersten Mal die Tunnelbauweise
gewählt und der Straßenverkehr nicht beeinträchtigt. In den folgenden
Jahren wurden Stationen am Tor des Himmli-schen Friedens und in der Nähe
des Peking-Hotels, sowie am Jianguomen eine Verbindung zur Ringbahn
eröffnet.

Der weitere Ausbau
Die Beijinger Stadtplaner hatten weitreichende Pläne für Verbindungen
in alle Himmelsrichtungen ausgearbeitet, wobei außerhalb des
Stadtzentrums aus Kostengründen überirdische Bauweise attraktiver war.
Die Olympiaplanungen und die Zunahme des Autoverkehrs und der damit
verbundenen Luftverschmutzung boten gute Gründe für weitere
Investitionen. Obwohl die Kosten natürlich hoch waren, profitierte die
flache Stadt ohne großen Fluß stark von der geographischen Lage.

Andere Städte
In der Volksrepublik China existierte bis 1993 außer in Beijing nur in
der Nachbarstadt Tianjin eine U-Bahn. In Shanghai wurde erst in den
neunziger Jahren mit dem Bau der ersten Linie begonnen. Pläne für den
Bau von Untergrundbahnen wurden in einem Dutzend weiterer Großstädte
umgesetzt. Mit der Rückgabe von Hongkong hat die VR China dann am Ende
des Jahrhunderts eines der spektakulärsten und effizientesten
U-Bahnsyteme der Welt übernommen.

 
Dr. Thomas Kampen

 

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Sommerschule Chinesisches Recht in Göttingen

An der Universität Göttingen findet jedes Jahr im Juli die Göttinger
Sommerschule zum chinesischen Recht statt. Die Sommerschule wird vom
Deutsch-Chinesischen Institut für Rechtswissenschaft veranstaltet,
welches aus einem Gemeinschaftsprojekt der Universität Göttingen und der
Nanjing University hervorgegangen ist. Das Institut bietet verschiedene
Programme an, darunter einen Masterstudiengang und ein
Promotionsprogramm für chinesische Studenten, Ausbildungsstationen für
deutsche Rechtsreferendare und auch nun bereits zum fünften Mal die
Sommerschule an der Universität Göttingen. Außerdem können im Institut
in Nanjing, wo sich die größte Bibliothek zum deutschen Recht in China
befindet, auch Praktika absolviert werden.

Im Jahr 2009 nahm ich an der Sommerschule teil.  Bereits zu
Beginn des einwöchigen Kurses, fiel auf, wie bunt gemischt die Gruppe
der Teilnehmer war. Neben Jurastudenten, die einen Chinaaufenthalt
absolviert hatten oder Chinesisch lernen, nahmen Sinologen und
Wirtschaftssinologen und auch chinesische Germanistikstudenten teil. Da
die Sommerschule auch als Wahlpflichtveranstaltung im Rahmen des
Jurastudiums belegt werden kann, gab es auch einige Teilnehmer, die sich
zum ersten Mal mit China und dem chinesischen Rechtssystem
beschäftigten. Zunächst schien es daher schwierig, die unterschiedlichen
Vorkenntnisse auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Den
Organisatoren gelang dies aber durch eine gute Mischung aus einführenden
Erklärungen und Vorträge auf hohem Niveau.

Den Hauptteil des Kurses bildete die Vorlesung zum chinesischen
Wirtschaftsrecht von Dr. Knut Benjamin Pißler, der seit 2002
China-Referent am Max-Planck-Institut für ausländisches Privatrecht in
Hamburg ist.  Da sich Dr. Pißler schon seit mehr als fünfzehn
Jahren mit chinesischen Recht beschäftigt, war es spannend, von seinem
Erfahrungsschatz zu profitieren. Thema waren unter anderem Grundzüge des
chinesischen Wirtschaftsrechts von den Grundlagen des
Gesetzgebungsverfahrens über das Vertragsrecht bis zum
Gesellschaftsrecht mit seinen verschiedenen Formen von
Gesellschaftsbeteiligungen und -übernahmen.

Nachmittags wurden Vorträge von Doktoranden, Wissenschaftlern und
Praktikern angeboten, die andere Rechtsgebiete abdeckten. So gab es
Referate zum neuen Arbeitsvertragsgesetz und zum neuen
Sachenrechtsgesetz. Beeindruckend waren die Vorträge von Professor Frank
Hammel, der in Nanjing lehrt und gleichzeitig als Fachanwalt für
gewerblichen Rechtsschutz tätig ist, oder Dr. Björn Ahl von der City
University of Hong Kong, der sich vor allem  mit dem öffentlichen
Recht Chinas beschäftigt. Neben einer Teilnahmebestätgung an den
insgesamt 32 Vorlesungsstunden der Summer School bestand zudem die
Möglichkeit, ein take-home exam abzulegen und dafür ein Zeugnis zu erhalten.

Mindestens ebenso spannend wie Unterricht und Vorträge, waren aber
sicherlich die Unterhaltungen mit anderen Teilnehmern. Schon aus diesem
Grund kann ich allen Interessierten eine Teilnahme an der Sommerschule
nur empfehlen. Neben der Gelegenheit, Guanxi zu knüpfen, ist Göttingen
auch eine wunderschöne und beschauliche Studentenstadt, deren Nachtleben
nicht zu vernachlässigen ist. Insgesamt war das Programm sehr
ausgewogen und ließ auch diese Aspekte nicht zu kurz kommen; so
organisierte man für die Teilnehmer eine Stadtführung und einen
gemeinsamen Abend in einer Cocktailbar. Eine gute Gelegenheit für alle
sich näher kennen zu lernen und die Themen des Tages zu vertiefen.

Nils Pelzer

Nähere Informationen finden sich auf http://www.deutschchinesischesinstitut.uni-goettingen.de.
Artikel zur Summer-School:

http://www.juraforum.de/wissenschaft/summer-school-an-der-universitaet-
goettingen-von-internationalen-finanzsystemen-bis-nachhaltigkeit-328079

 

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Der erste Professor für Ostasiatische Kunstgeschichte: Dietrich Seckel (1910-2007)

Vor hundert Jahren – am 6. August 1910 – wurde Dietrich Seckel, der
erste Professor der Ostasiatischen Kunstgeschichte, in Berlin geboren.
In diesem Herbst wird er mit einer Ausstellung in der
Universitätsbibliothek geehrt. Zur gleichen Zeit geht nun sein Schüler
und Nachfolger – Prof. Lothar Ledderose – in den Ruhestand. (http://www.uni-heidelberg.de/presse/news07/2702osta.html)
Diese beiden Kunsthistoriker haben das Fach ein halbes Jahrhundert lang
geprägt und daneben den Aufbau der Heidelberger Sinologie und
Japanologie gefördert.

Seckel studierte in Berlin Germanistik und ging nach der Promotion
(1936) nach Japan. Da bald darauf in Ostasien und Europa der Krieg
ausbrach, blieb er bis zum Ende in Japan, wodurch ihm aktiver
Militärdienst erspart blieb. Er hatte Kontakt mit deutschen Diplomaten,
Offizieren und Spionen, wie z.B. Richard Sorge, der in dieser Zeit in
der deutschen Botschaft verkehrte. Allerdings hatte sich Seckel einen
ungewöhnlichen Ort für seine Tätigkeit als Deutschlehrer ausgesucht:
Hiroshima. Er verließ den damals völlig unbekannten Ort jedoch schon
nach wenigen Jahren und ging in den Norden Japans. Nach dem Krieg mußte
er – wie die meisten Deutschen – das Land verlassen, kehrte aber nicht
in seine zerstörte Heimatstadt zurück, sondern ließ sich in
Südwestdeutschland nieder.

Seckel habilitierte sich 1948 an der Universität Heidelberg mit einer
Arbeit, die er wohl größtenteils in Japan verfaßt hatte. Nach
mehrjähriger Lehrtätigkeit als Privatdozent und wissenschaftlicher Rat
übernahm er 1965 das Ordinariat für Kunstgeschichte Ostasiens. Kurz
zuvor war auch die Heidelberger Sinologie wiederbelebt worden. (Vgl. SHAN-NL Nr. 17, Dezember 2007) In den achtziger Jahren kam die Japanologie dazu.(Vgl. SHAN-NL Nr. 33, Mai 2009)
Seckel emeriterte zwar schon 1976 blieb aber für weitere drei
Jahrzehnte als Forscher, Autor und Redner aktiv. Seine bekanntesten
Werke waren Buddhistische Kunst Ostasiens (1957), Einführung in die
Kunst Ostasiens (1960), Kunst des Buddhismus (1980), Tempelnamen in
Japan (1985) und Porträt in Ostasien (1997-2005).

Literatur:

Zahlreiche Werke von Prof. Seckel sind in der Universitätsbibliothek und
in verschiedenen Institutsbibliotheken zu finden.

Dietrich Seckel: Schriftenverzeichnis, Frankfurt, 1981.

Lothar Ledderose: Dietrich Seckel zum Gedenken, NOAG 181-182 (2007), 7-12.

Dr. Thomas Kampen

 

Im Zugangsbereich zur Ausleihe der Universitätsbibliothek (Plöck 107
-109) beschäftigt sich derzeit eine Ausstellung mit Leben und Werk von
Prof. Dr. Dietrich Seckel. Erarbeitet wurde sie von Mitarbeitern des
Instituts für Kunstgeschichte Ostasiens der Univrsität Heidelbger. Zu
sehen sind Exponate aus dem Universitätsarchiv Heidelberg sowie
Leihgaben aus einer Privatsammlung. Die Ausstellung kann zu den
Öffnungszeiten der Bibliothek besichtigt werden. Der Eintritt ist frei.
Weitere Informationen finden Sie unter: http://iko.uni-hd.de und in der Ausgabe der Rhein-Neckar-Zeitung vom 7./8.8.2010: http://iko.uni-hd.de/md/zo/iko/medien/presse/rnz_2010-08-07-08_seckel.pdf

 

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Junges Blut(h) bei Lehraufträgen – Ein Kurs bei Cora Jungbluth

Das Semester ist vorbei, und man hat hoffentlich zahlreiche
Feedbackbögen ausgefüllt, damit Dozenten die Möglichkeit bekommen, die
Stärken und Schwächen ihres Kurses realistisch einzuschätzen. Doch ist
es  auch für Studenten interessant, etwas über Kurse zu erfahren,
die sie selbst nicht oder noch nicht gemacht haben. Ein besonderes
Proseminar, das dieses Semester angeboten wurde, war „Die chinesische
Wirtschaft im Wandel: 30 Jahre Reform und Öffnung 1978-2008“, denn
dieser Kurs wurde von Cora Jungbluth unterrichtet, die selbst noch vor
kurzem Studentin war und momentan  an ihrer Promotion arbeitet. Den
Lehrauftrag erhielt sie im Rahmen des von Studiengebühren finanzierten
Projektes, das  in Heidelberg magistrierten Absolventen ermöglicht
ein Proseminar oder eine Übung zu halten. Momentan wird ein Lehrauftrag
pro Semester vergeben.

Einen solchen Kurs zu geben, ist sicher für jeden Absolventen eine
spannende Erfahrung, denn man nimmt nicht nur für die kurze Zeit eines
Vortrages oder Referates den Platz des Unterrichtenden ein, sondern ist
für ein ganzes Semester, oder in diesem Fall für die Zeitspanne mehrerer
Blockveranstaltungen, Ansprechpartner für ungeklärte Fragen. Diese
Herausforderung hat Cora nicht nur wunderbar gemeistert, sie selbst
hatte auch sehr viel Spaß an dem Seminar, wie sie SHAN im Interview
verriet. Deswegen könnte sie sich durchaus auch vorstellen, sich wieder
für Lehraufträge zu bewerben. Das wichtigste beim Unterrichten ist für
Cora, sich an Kursen zu orientieren, die ihr selbst als Studentin gut
gefallen haben. Dazu fiel ihr als erstes die „Einführung in die
chinesische Wirtschaft“ von Michael Meyer ein. An jenem Kurs fand sie
gut, dass er gut strukturiert war, die Anforderungen klar formuliert
waren, und das Lesepensum war schaffbar war, und dabei eine gute
Grundlagen für Diskussionen lieferte.

Coras zweiteiliges Blockseminar begann mit der Öffnung Chinas 1978 und
vermittelte zunächst ein Bild davon, wie China zum damaligen Zeitpunkt
wirtschaftlich aufgestellt war, zusammen mit den historischen
Hintergründen der Öffnung. Im Laufe des ersten Blocks wurden davon
ausgehend die Reform der Landwirtschaft und später der Industrie
besprochen. Mit diesen Grundlagen beschäftigten wir uns im zweiten Block
zunächst mit weiteren Reformen, nämlich im Banksektor, und schließlich
mit Geschehnissen der jüngeren Vergangenheit: die Asienkrise, Chinas
WTO-Beitritt, die Problematik von Ökonomie und Ökologie, und natürlich
auch mit der Finanzkrise. Mit diesem breiten Themenspektrum hat Cora ihr
selbstgesetztes Ziel erfüllt einen gut strukturierten Gesamtüberblick
über den Öffnungsprozess von Chinas Wirtschaft zu geben. Die Themen des
Kurses knüpfen teilweise an ihre eigenen Forschungen, d.h. Doktorarbeit,
an, gingen aber noch weiter. In ihrer Arbeit analysiert sie die
Internationalisierung chinesischer Unternehmen, was ein zentraler
Bestandteil der Öffnung darstellt, auf politischer, ökonomischer und
interkultureller Ebene. Die Idee für die Arbeit lieferte ihr ein Artikel
über chinesische Unternehmen, die deutsche Unternehmen übernehmen und
in diesem Zusammenhang die so genannte zouchuqu-Strategie. Diese
Strategie beschreibt die Förderung chinesischer Investitionen im
Ausland, die erst seit etwa 1999 von der Regierung betrieben wird, um
chinesische Marken im Ausland bekannter zu machen und das
belastete  „Made in China“-Image abzuschütteln. Nicht zuletzt
spielt dabei auch die Hoffnung auf neue Technologien eine Rolle, die bei
ausländischen Investitionen nach China nicht immer mitgebracht werden.
Die zouchuqu-Strategie wurde auch in Coras Seminar besprochen und ist
nur eines von vielen interessanten Themen, bei denen, trotz des
Anspruchs, einen Überblick zu geben, nicht versäumt wurde, in die Tiefe
zu gehen.

Von Coras ersten Kontakten mit China im Chinarestaurant, wo sie neben
unser aller Liebe zum chinesischen Essen ihre Faszination für die
chinesische Schrift entdeckte, über ihren ersten Aufenthalt in China an
der Shanghai Waiguoyu Daxue im Jahr 2000, bis zu ihrer näher rückenden
Promotion, hat sie alle Höhen und Tiefen eines Sinologiestudiums
durchgemacht. Ein Fazit, das sie daraus zieht, ist folgendes: wenn man
sein Studium als Sinologe abgeschlossen hat, hat man wirklich etwas
geleistet, und man sollte sich nicht davon einschüchtern lassen, dass
man kein so genanntes „hartes Fach“, wie BWL oder Jura, studiert hat.
Denn Sinologie ist ein sehr individuelles Fach, und allein
herauszufinden, in welche Richtung man gehen möchte, ist eine
Herausforderung. Dies scheint Cora geglückt zu sein. Ich freue mich auf
weitere Kurse von ihr und anderen Magistrierten.

Sophia Zasche

 

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