INHALT
In der Grenzüberschreitung: Ein Interview mit Uwe Kräuter (Teil 2)
Im
August-Newsletter haben wir den ersten Teil des Interviews mit Uwe
Kräuter veröffentlicht. Im zweiten Teil berichtet er nun von seiner
Erfahrungen als Filmschaffender und Familienvater in China.
Erzählen Sie mal … Lothar Wagner
Dr.
Lothar Wagner kennen die meisten Studierenden aus den Kursen zur
Einführung in Klassisches Chinesisch. SHAN hat ihn zu seinem Weg zu
einem Sinologiestudium und seinen Forschungsinteressen befragt.
Praktikumsbericht: Rebecca Göhner bei der „Rheinischen Sparkasse“
Seit dem letzten Jahr ist China kein Partner deutscher
Entwicklungszusammenarbeit mehr. Während ihres Praktikums beim
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bot
sich für Rebecca Göhner daher die Gelegenheit noch eine andere Region
kennenzulernen.
Im Herbst 2009 kam die allseits beliebte Wang Huijian an unser
Institut nach Heidelberg. Im Interview mit Fabienne Wallenwein berichtet
sie von ihrer Liebe zu deutschem Brot und ihren humorvollen Studenten
aus der Sinologie.
Und dann… Heidelberger Alumni erzählen.
Jedes Jahr verabschiedet das Institut für Sinologie von Heidelberg
aus Alumni in die weite Welt. In dieser Ausgabe berichtet Maximilian
Kalkhof, wie er nach seinem Bachelor sein Studium in Taiwan fortgesetzt
hat.
Sprachkolumne: 萌 (méng)- cute – süß, goldig, liebenswert
In der
fünften Folge ihrer Sprachkolumne berichtet He Xiangling von der
heilenden, stressberuhigenden Kraft einer kleinen Katze. Wie das geht?
Lesen Sie hier.
Filmrezension: Still Life
In dieser Ausgabe der Filmrezension stellt Johann Platt ein Juwel aus dem Jahre 2006 vor: Still Life (三峽好人) von Regisseur Jia Zhangke. Der Film
erzählt die Geschichte eines Familiendramas, aber auch die der Region
um Fengjie, die nach dem Bau des Drei-Schluchten-Damms zur Flutung
verurteilt ist.
In der Grenzüberschreitung: Ein Interview mit Uwe Kräuter (Teil 2)
In diesem Newsletter
veröffentlichen wir den zweiten Teil des Interviews, das wir von SHAN
e.V. (Lena Hessel, Helen Hübner, Hanni Truong und Dr. Thomas
Kampen) am 22. Juni 2011 mit Herrn Kräuter geführt haben. Zu dieser
Zeit war er für einen Besuch in Deutschland und las u. a. im Rahmen der
Jubiläumsfeierlichkeiten der Universität Heidelberg aus seinen
Erinnerungen: Literaturgespräch: Uwe Kräuters „Grenzüberschreitungen“.
Darf ein Ausländer eine Chinesin heiraten?
SHAN: Sie waren nun schon weit länger als nur die ursprünglichen zwei Jahre in China…
Uwe Kräuter: Wissen Sie, das Land ist so
spannend, Jahr für Jahr! Egal, ob jemand 1980 nach Peking kam, oder
heute, viele von den Neuankommenden sagten damals und sagen heute,
wörtlich: Ich bin ja so froh, dass ich gerade in diesem Jahr nach China
komme, wo hier doch gerade jetzt soviel passiert!
Nach neun Jahren dachte ich, es dürfen
nicht zehn werden, denn nach zehn Jahren würde ich nicht mehr den Weg
zurück nach Deutschland finden (lacht). Da lernte ich Ende 1983 Shen Danping kennen.
Ihre Frau…
Ja. Das war brisanter, als es sich so
anhört. Allein schon das private Kennenlernen zwischen einem Ausländer
und einer jungen Chinesin war ein Fehler. Wie hatten sich die beiden
kennenlernen können, ohne einen offiziellen Rahmen, ohne dass es
zwischen ihnen eine Arbeitsbeziehung gab? Liebesbeziehung mit einem
Ausländer war verboten. Ebenso war natürlich auch die Heirat mit einem
Ausländer nicht erlaubt, es gab solche nur mit seltener
Sondergenehmigung. Nun, wir hatten uns kennengelernt und wollten uns
wiedersehen. Also wagten wir es. Sie wohnte im Pekinger Film Studio, sie
war Schauspielerin. Manchmal trafen wir uns in ihrem Zimmer,
während in der einen Ecke fünf oder sechs Freunde saßen, während wir in
der anderen Ecke unser Liebesgeflüster betrieben. Die Freunde waren da,
um immerhin als Alibi zu dienen, falls jemand unwillkommen draußen
geklopft hätte. Es war eine phantastisch rebellische Atmosphäre. Oder
wir gingen auf dem Boulevard des Langen Friedens spazieren – mit
mehreren Metern Abstand voneinander.
Wir trafen uns auch, ganz verwegen, in
meinem Hotel, sie begleitet von einem ehemaligen Kommilitonen, der dann
in dem einen Zimmer ein Buch las, während wir beide uns im anderen
Zimmer austauschten. Solch ein Liebesverhältnis hätte, wenn es entdeckt
worden wäre, dramatische Auswirkungen, die Chinesin würde in ferne
Provinz verschickt werden, ihre Karriere wäre beendet, der Ausländer
hätte allemal das Land zu verlassen. Die Bekanntheit von Shen Danping
als Schauspielerin hätte die Lage eher verschlimmert als erleichtert.
Aber Sie waren wild entschlossen?
Nun, auch wilde Entschlüsse müssen
reifen. Bald war uns klar, wir hätten denen gegenüber, die uns illegaler
Beziehung bezichtigen mochten, die Kraft des höheren Rechts der Liebe
und den Vorteil der Ehrlichkeit. Nach wenigen Monaten beantragten wir
die Heirat, sie bei ihrer Arbeitseinheit, ich bei meiner. Die Nachricht
schlug ziemlich ein, es blühten unmöglichste Gerüchte, und wir stürzten
in den Wochen von einer Aufregung in die andere, aber agierten
überlegt… und auf einmal, noch völlig unerwartet, wurde uns vom
Pekinger Amt für zivile Angelegenheiten die in rote Seide gebundene
Heiratsurkunde überreicht!
Photo (© Uwe Kräuter):
Photo mit Shen Danping, aufgenommen am Tag des Empfangs der Heiratsurkunde
Wir waren so überrascht, wir liefen uns
an den Händen haltend durch die sonnendurchflutete Wangfujing-Straße,
die Menschen starrten uns an, manche nickten total verwundert. Als man
am Eingang meines Hotels Shen nicht einlassen wollte, zückte ich die
Heiratsurkunde – und wir konnten passieren. Es war der 21. Juli 1984.
Wie ist es heute, wenn eine Chinesin oder ein Chinese jemand aus dem Ausland heiraten möchte?
Heute? (lacht) Oh, sie lernen
sich heute im Café, auf einer Party kennen, können morgen heiraten, und
sich, wenn sie wollen, übermorgen scheiden lassen. Es gibt sogar
entsprechende Agenturen zur Heiratsvermittlung.
Gegensätze ziehen sich an. So auch die
von Ost und West. Es gibt heute täglich solche Heiraten – aber nach der
ersten Faszination folgen auch nicht wenige Scheidungen, denn die
Erwartungen sind häufig zu unterschiedlich, und es fehlt manchen die
notwendige Geduld.
Shen Danping und ich genießen in China
einige Popularität. Man kennt unsere Geschichte. In den ersten Jahren
nach der Heirat war es für Shen schwierig, Rollen zu bekommen. Doch
durch harte Arbeit hat sie sich ihre Position lange schon
wiedererkämpft. Die Tatsache – und das ist jetzt gar nicht witzig
gemeint – dass wir, wo alles in China so schnellebig ist, von den
üblichen Scheidungen nicht zu sprechen, auch die der Chinesen
untereinander, nach wie vor zusammen sind, ist ein wichtiger Grund für
eben die Popularität… ich kann auch sagen: für das Vertrauen.
Von Dazhai zu Wan Li
Wann haben Sie Ihren ersten Film gedreht?
Das war 1985/86, ich war schon nicht
mehr bei meiner ursprünglichen Arbeitseinheit, kämpfte unablässig um
Visumsverlängerung, meine Frau erwartete unser erstes Kind, wir hatten
keine geregelte Wohnungssituation, aber der von mir seit drei Jahren
angedachte Film war mir ein Anliegen.
Der Film handelt von Ihren
„Pekinger Künstlerfreunden“. Wie konnten Sie sich zutrauen, einen Film
zu produzieren, zumal unter den Bedingungen im damaligen China, und
woher kam die Finanzierung?
Es waren eben gerade die Bedingungen im
damaligen China, die Unmögliches ermöglichten! Ich war viel mit
Filmleuten zusammen, wir sprachen über ihre Projekte, ich beobachtete
sie bei der Arbeit, ich übernahm selber diese oder jene Rolle und wuchs
so in diese Atmosphäre hinein. Wer würde meinen Film finanzieren? Da war
eine Gruppe von Freunden, junge Filmkünstler und junge Unternehmer, die
bei der Suche halfen. Und so erschienen eines Tages bei mir sechs
Bauern, mit Säcken von Früchten ihrer Produktion, die sie mir
überreichten, und sie umarmten mich und sagten, sie würden gerne meinen
Film finanzieren, sie seien jetzt reich und wollten neben der
Landwirtschaft Filmproduktion betreiben, und warum sollten sie keinen
Film über die berühmtesten Künstler des Landes machen, und zwar in
Kooperation mit einem ausländischen Freund! Sie repräsentierten einen
Distrikt fünf Zugstunden von Peking entfernt. Ich war sehr bewegt.
Wußten Sie, was auf dem Land vor sich ging?
Sicher.
Photo (© Uwe Kräuter):
Im Kamerakran bei der Produktion der Serie „Wuestenkinder“ in Xinjiang
War es für Sie als Ausländer einfach, in die Provinz reisen? Sozusagen als „Landpartie“ am Wochenende?
Nun, nicht so. Aber wir reisten in den
Jahren von Anfang an viel und regelmäßig, und ich kriegte das ganze Land
zu sehen. Sehen Sie, z.B. in dem Jahrzehnt, wo ich im Verlag arbeitete,
war man dort sehr interessiert, dass wir wußten, was im Land passierte,
wie es sich entwickelte, schon damit wir unsere Arbeit angemessen
leisten konnten. Ich bin viel herumgekommen, habe Menschen aus allen
Schichten kennengelernt, war in Bergwerken und Erdölraffinerien, in
vielen Dörfern, in Fabriken und Häfen, Schulen und Universitäten, und
habe zahllose Gespräche und Interviews geführt. Ein besonderes Interesse
hatte ich eine Zeitlang für das Dorf Dazhai entwickelt…
Das „Musterdorf“ für die kollektive Landwirtschaft?
…genau. Ich habe Dazhai mit seinen
Terrassenfeldern drei- oder viermal besucht und viele der Bauern einen
nach dem anderen interviewt, besonders auch die Parteisekretärin Guo
Fenglian, Chinas frühes Poster Girl, ein sogenanntes „eisernes Mädchen“,
das den Männern nicht nachstehen wollte. Sie war eine
gutaussehende Frau von Ende zwanzig, die auch zu reden verstand.
Sogar die Städterinnen waren von ihr begeistert, sie wird bis heute
bewundert.
Photo (© Uwe Kräuter):
Mit der Leiterin des Musterdorfs Dazhai, Guo Fenglian
Der Ruhm des kleinen Dorfes stammte von
vor der Kulturrevolution, als es in einem Unwetter weggewaschen wurde,
und der damalige Parteisekretär Chen Yonggui die Bauern aufforderte,
nicht auf Hilfe von oben zu hoffen, sondern auf die eigene Kraft zu
vertrauen. Dieser Chen Yonggui wurde als einfacher Bauer eine
Vorbildfigur im Land, und schließlich – stellvertretender
Ministerpräsident.
Chen Yonggui galt als lebendes Symbol
für das Denken von Yu Gong, dem törichten Weisen, der mit der Schaufel
den Berg vor seiner Hütte abtragen wollte. Ich hatte die Gelegenheit zu
einem langen Gespräch mit ihm, in der Großen Halle des Volkes. In dem
Gespräch – faszinierend zu dem Datum – kündigte sich der Abgang einer
ganzen politischen Generation an, der Abgang eines ganzen
gesellschaftlichen Modells.
Photo (© Uwe Kräuter):
Mit
Vizeministerpraesident Chen Yonggui in der Großen Halle des Volkes.
Uwe Kräuter raucht die ihm von Chen angebotene Zigarette und überreicht
ihm ein Stück Kunsthandwerk von einer deutschen Bäuerin. Der
Dolmetscher im Hintergrund ist Herr Ma Jie.
Später hat Ihnen der
stellvertretende Ministerpräsident Wan Li den Rücken gestärkt – wo
die von Wan Li in der Folge vertretene politische Linie gewissermaßen
den Gegenpol zu dem Dazhai-Denken darstellte?
Das ist richtig. Wan Li war höchst
populär, seit er als Führer der Provinz Anhui genehmigt hatte, Agrarland
unter den Bauern aufzuteilen und diese ihre überschüssigen Produkte
frei verkaufen durften, also völlig weg von den Gleichheitsprinzipien
der Volkskommune. Die nationale Politik übernahm dies als
richtungsweisend.
Welche Beziehung gab es zu Ihrem Film?
Der Film war abgedreht und
fertiggestellt. Es hatte allerhand Schwierigkeiten gegeben, da während
der Produktion auf einmal die Direktive gekommen war, Kollektivbetriebe
hätten nicht das Recht zur Filmproduktion. Der Film wurde zwar
produziert vom Jugendfilmstudio unter der Pekinger Filmakademie, aber es
war gerade unser Film in den Medien, der eben von einem
Kollektivbetrieb finanziert war. So, und nun erhielt der Film
nicht die Vertriebsgenehmigung.
Photo (© Uwe Kräuter):
Bei Filmarbeit auf dem Tiananmen.
Die Bauern schafften es darauf, eine Verbindung zu dem Vizeministerpräsidenten Wan Li (Anm. d. Red.: 1988 – 93 Vorsitzender des Nationalen Volkskongresses)
herzustellen, und der war bereit, sich den Film im Kinosaal des
Zhongnanhai am Sitz der Regierung anzusehen. Er klatschte nach der
Vorstellung und sagte die befreienden Zauberworte: „Der Film weist
keinerlei Probleme auf“, und „Euer Film ist mit dem Herzen gemacht.“ So
war auch ich von haltlosen Vorwürfen befreit, die sich im Verlauf der
Produktion wieder einmal verbreitet hatten. Drei Wochen darauf kriegten
wir die Zustimmung zum Recht auf Vertrieb.
Für mich war dies der Beginn, Film- und
Fernseharbeit zu betreiben, später gründete ich meine Joint Venture
Firma „Asia World Network Ltd.“. Ich drehte Filme, repräsentierte
deutsche Fernsehanstalten, brachte Fernsehserien und Spielfilme aus
Deutschland nach China, seltener von China nach Deutschland,
organisierte etwa eine große deutsch-chinesische Fernsehshow von China
Central Television CCTV und dem Westdeutschen Rundfunk WDR, Titel:
„Heute Abend in Beijing“, oder auch mit dem Zweiten Deutschen Fernsehen
ZDF und Bavaria Film International den ersten Programmmarkt von
deutschen Fernseh- und Kinofilmen in China.
Die ’80er Jahre und der Umbruch von den ’90ern bis heute
Wie haben Sie die ’80er Jahre
sonst erlebt? Es gab doch eine ganze Reihe von Kampagnen, „Gegen
geistige Verschmutzung“, „Gegen bürgerliche Liberalisierung“…
Das ist eine gute Frage. Die ’80er Jahre
zeichneten sich aus durch den Wunsch nach Öffnung zur Welt, Austausch
mit dem Westen, ja, Bewunderung für den Westen. So viele Menschen, egal
wie alt, suchten nach Möglichkeiten, ein westliches Land zu besuchen, am
besten für länger, ein Studium, ein Praktikum, oder überhaupt für immer
in den Westen zu gehen. Ganz oben auf der Reisewunschliste waren die
USA, gleich danach kam Westdeutschland. Der Westen erschien traumhaft.
Die Politik der Konservativen war außerstande, damit umzugehen und bot
allein die altbekannten Lösungen an, nämlich politische Kampagnen,
Kritik, Verbote.
Ein in Hongkong gedrehter Film meiner
Frau, „Ye Shanghai“, in dem sie die Sängerin Zhou Xuan aus den 40er
Jahren spielt und also auch deren Lieder singt, wurde verboten, weil die
Liedinhalte angeblich von geistiger Verschmutzung zeugten. Die beiden
politischen Haltungen, die der liberaleren und die der radikaleren
Kräfte, bekämpften sich unablässig. In solcher Situation war es mir z.B.
dennoch möglich, zahlreiche Folgen von „Derrick“ als erste deutsche
Fernsehserie in China zur Ausstrahlung zu bringen. Da wurden an jedem
zweiten Abend zwei Folgen gezeigt, und ganz China sah zu!
Derricks Aussehen kam bei den Mädchen
nicht sonderlich an. Dagegen sagten die Jungen, seine Nase usw., das sei
doch nun wirklich nicht entscheidend, wichtiger sei seine
Herangehensweise an einen Fall. Doch, die Serie führte zu Fragen,
Diskussionen und Debatten, auch bei der Führung und sogar bei der
Polizei.
Da haben die Macher von „Derrick“ beim ZDF gejubelt?
1989 in Shanghai, als es dort auf der
Kippe stand, ob die Armee wie in Peking eingreifen würde, stoppte die
Shanghaier Stadtregierung kurzerhand die amerikanische Serie „Hunter“,
die gerade lief, und wo der Kommissar – im Unterschied zu unserem
Derrick – immer gleich sein Schießeisen zur Hand hat und Menschen
abknallt, und ersetzte „Hunter“ eben durch „Derrick“. Die Absicht war
eindeutig, nämlich auf Beruhigung und mehr Nachdenklichkeit hinzuwirken.
Welches sind für Sie die
wichtigsten Wandlungen in den zwei Jahrzehnten von 1989 bis heute
hinsichtlich Chinas Verhältnis zum Westen?
(lacht) Ein zu großes Thema!
Nach der Niederschlagung der
Rebellion von 1989 gab es die Vermutung, China werde in lange Finsternis
fallen und die Selbstisolation wählen. Aber Deng Xiaoping forderte in
der Situation mehr denn je Chinas Öffnung zur Welt.
Die Ausreise wurde erleichtert.
Studenten und Wissenschaftler, Geschäftsleute und Touristen,
Politikerdelegationen, machten sich auf nach Westen. Von 1992 an nahm
Chinas Austausch mit Europa und den USA beispiellos zu. Westliche
Literatur und Sachbücher kamen in die Läden, Hollywood-Filme zogen die
Massen in die Kinos, immer mehr westliche Luxusautos konkurrierten, auch
bei fast 300 % Aufpreis, mit japanischen Brands. Das Ausland begann,
massiv in China zu investieren. Täglich entstanden neue internationale
Niederlassungen, Produktionsstätten, Repräsentanzen, Luxushotels,
Restaurants, sogar westliche Schulen. Gleichzeitig strömten Besucher aus
Asien, Amerika und Europa ins Land. Der unerreichbare Westen fing
endlich an, in den Köpfen der Menschen von einem Traumgebilde zur
berechenbaren realen Normalität zu werden.
Und unerwartet begannen Chinesen, die
sich jahrelang im Westen aufgehalten hatten, in großer Zahl
zurückzukehren. Denn China bot ihnen auf einmal Möglichkeiten, wie sie
vorher unvorstellbar gewesen waren. Das Land befand sich in einer
gewaltigen Entwicklung, die mehr Wege fuer individuelle Initiativen
offenhielt als irgendwo sonst in der Welt, und empfing sehr gerne diese
Rückkehrer, die außerdem vielseitiges Wissen aus fernen Gesellschaften
plus Investition nach Hause mitbrachten.
In diesem Prozess gewann das Verständnis
an Boden, dass man den bewunderten Menschen im Westen langfristig
keineswegs nachzustehen brauchte, die Chinesen die gleichen Fähigkeiten
und Energien wie der Westen erlangen könnten und man durchaus in
Konkurrenz würde treten können.
Sie kommen jährlich mehrmals
nach Deutschland und Heidelberg. Hat sich Heidelberg verändert, seit Sie
1974 von hier fortgegangen sind?
Oh, da haben wir sicher unterschiedliche
Vorstellungen. Klar, ich liebe, wie immer schon, die Jugendlichkeit in
der Altstadt. Aber für mich hat sich hier in Heidelberg – unglaublich –
nichts verändert. Nun, Heidelberg soll Heidelberg bleiben. Das sind
andere Voraussetzungen, Pläne, Perspektiven. Wenn ich manchmal dieses
oder jenes Stadtviertel in Peking oder Shanghai oder Nanking drei, vier
Monate nicht besucht habe, kann es passieren, dass ich mich da plötzlich
nicht mehr zurechtfinde, weil alles anders aussieht. Mein Eindruck in
den großen chinesischen Städten ist, dass die Städte uns Menschen
überragen, während wir hier in Heidelberg, aber auch etwa (lächelt)
in Berlin, uns doch weiterhin behaglich als überragend empfinden
dürfen. Die Rasanz der Entwicklung in China hat gleichzeitig den Effekt,
dass wir, egal wie alt wir sind, uns dort jünger fühlen.
Können Sie das genauer erklären?
Weil man nicht davon abläßt, sich
täglich und intensiv als Beobachter wie als Lernender sowie Mitwirkender
bei all den Wandlungen zu empfinden.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Kräuter!
Und nun noch die Auflösung zum „Bildrätsel“:
Photo (© Uwe
Kräuter): Das Photo zeigt die von Huang Yongyu gemalte Eule, ein
Auge geschlossen, mit den Zuegen von UK, naemlich Schnurrbart und
wallendes rotblondes Haar.
Die Erklärung dazu:
„Huang Yongyu war in der
Kulturrevolution unter den Malern ein Hauptangriffsziel der Viererbande
gewesen. Eines seiner Bilder, eine Eule, die ein Auge geschlossen und
eins geöffnet hatte, wurde zu einem Beispiel „schwarzer Kunst“ erklärt.
Denn das eine Auge sei geschlossen, so die Behauptung, in Ablehnung des
Sozialismus und der revolutionären Theorie des Vorsitzenden Mao. Das
Bild wurde in einer „Ausstellung schwarzer Kunst“ im Peking Hotel 1973
als prominentestes Beispiel gegen die Revolution gerichteter Kunst
präsentiert.
Der Grund für den Lärm um die von Huang
in vier Minuten hingeworfene Eule war, dass er zu den vom
Ministerpräsidenten Zhou Enlai ausgewählten Künstlern gehörte, die für
die künstlerische Ausstattung des gerade fertiggestellten Peking Hotels
sorgten. Die Kulturrevolutionäre konnten nicht den Ministerpräsidenten
persönlich angreifen. Um ihn dennoch in Verruf zu bringen, griffen sie
diejenigen in seinem Umfeld an: Chinesisches Schattenboxen.
An Weihnachten 1978, bei unserer zweiten
Begegnung, entrollte Huang Yongyu vor mir ein Bild, das eine
phantastische Eule mit einem geschlossenen und einem geöffneten Auge
zeigt. Das Wesen hat eine goldene Augenbraue und trägt einen wallenden
rotblonden Schopf und einen ebenso leuchtenden Schnurrbart (wie eben
damals U.K.) und sitzt in gelassener Ruhe mit scharfen Krallen auf einem
Ast. Darunter steht in Huangs Kalligraphie:
Dieser nützliche Vogel fängt jeden
Sommer 1200 Mäuse. Also rettet er für uns tausend Tonnen Getreide. Er
ist ein wirklich großer Held bei der Vernichtung von Schädlingen.“
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Erzählen Sie mal… Herr Wagner.
In dieser Ausgabe führen wir unsere
Vorstellungsreihe von InstitutsmitarbeiterInnen des Instituts für
Sinologie fort und haben mit Herrn Dr. Lothar Wagner gesprochen. Die
meisten Studierenden kennen ihn aus seiner Einführung in das klassische
Chinesisch und den weiterführenden Lektürekursen.
Was viele jedoch nicht wissen: Herr
Wagner kennt das Institut für Sinologie schon seit seiner Schulzeit in
den frühen 1960er Jahren. Damals war das Institut noch am
Hans-Thoma-Platz 44 angesiedelt, modernes Chinesisch gab es nur als
Beifach und auch Japanisch stand noch auf dem Stundenplan.
SHAN: Die erste unausweichliche Frage: Wie sind Sie zur Sinologie gekommen?
Wie ich zur Sinologie gekommen bin? Nun
ich habe mit Chinesisch schon als Schüler angefangen, das war in der
Oberstufe. Ich hatte gerade Russisch als Zusatzsprache gelernt, was mir
sehr leicht gefallen war und mir Mut auf mehr machte. Daraufhin beging
ich den Fehler, erstens zu viel Mut zu mir selbst zu haben und zweitens
ein paar Bücher zu chinesischen Geschichte zu lesen, denn da dachte ich
mir: Das müsste man doch auch in den Quellentexten lesen können.
Irgendjemand meinte dann zu mir: „Geh
doch mal zu den Sinologen, die sind froh um jeden, der da kommt. “ Und
da bin ich dann hin hingestiefelt. Erst war ich bei den Indologen, weil
ich gar nicht so richtig wusste, was Sinologie eigentlich ist, doch die
haben mich dann sehr schnell zu den Sinologen, damals noch am
Hans-Thoma-Platz (in den frühen 1960er Jahren befand sich das
Institut für Sinologie unter Prof. Wolfgang Bauer am Hans-Thoma Platz
44, siehe hierzu Newsletter Mai 2009)
geschickt. Und da war ich dann, glaube ich, seit der Untersekunda.
Einmal habe ich wegen der Schule kurz unterbrechen müssen, bin aber
wiedergekommen und hatte mit dem Abitur dann auch schon den Hänisch (Lehrbuch der chinesischen Schriftsprache von Prof. Erich Hänisch, 1860-1966) durch. So war das damals.
SHAN: Die meisten Studenten
kennen Sie aus der Einführung in das klassische Chinesisch. Sehen Sie
sich in erster Linie als klassischen Sinologen?
Von meiner Ausbildung her, ja.
Als ich studierte habe ich den Fehler
begangen zwei Fächer zu kombinieren, die man nur in Heidelberg studieren
konnte: Ostasiatische Kunstgeschichte, damals noch bei Herrn Seckel (erster Professor für Ostasiatische Kunstgeschichte, 1920-2007, siehe hierzu Newlsetter August 2010) und politische Wissenschaften Südostasiens. Diese Kombination war tödlich, weil man damit nicht mehr weggehen konnte.
In Heidelberg war die Ausbildung
eindeutig klassisch, die moderne Sprache wurde nur so unter fernen
liefen unterrichtet. Es war auch kein eigenständiges Fach, sondern nur
ein Beifach. Man musste damals klassische Sinologie, Japanisch und
modernes Chinesisch in einem Fach studieren, das war ein Fach, wobei der
Schwerpunkt natürlich eindeutig auf der Klassik lag. Modernes
Chinesisch habe ich so auch erst recht spät gelernt, das kann ich auch
nicht so fürchterlich gut, um ehrlich zu sein.
SHAN: Was ist ihr Spezial- oder Forschungsgebiet oder für welche Themen interessieren Sie sich am meisten?
Mein Forschungsgebiet das war
ursprünglich Dichtung und Literatur, dann sehr bald aber Ästhetik im
weitesten Sinne. Ich habe mich dabei vor allem mit Siegeln beschäftigt,
während ich mich heutzutage sehr für die Ming-Zeit interessiere:
vornehmlich das Verhältnis von Individuum zum Staat und wie sich das
Individuum in einer vormodernen Gesellschaft einrichtet, unter der
Vermutung, dass die Verhältnisse in der Ming-Zeit sich letztendendes,
gerade auch wenn man sich die Präsenz von Staat, Polizei, Obrigkeit
betrachtet, nicht grundsätzlich von dem unterscheiden, was wir heute
haben.
Wir haben sozusagen ein Modell aus
weiter Ferne vor Augen, das wir durchaus für uns heute nutzbar machen
können. Die grundsätzlichen Probleme sind in großen Teilen dieselben:
Wie richtet sich der Einzelne in der Gesellschaft ein? Wie ist das
Verhältnis zur Obrigkeit, wie die Machtwelt der Polizei oder die
Machtwelt der staatlichen Kontrolle? Das sind Fragen, die sind gar nicht
so unterschiedlich von unseren Fragen heute.
SHAN: Sie erwähnten, dass die Lyrik eine Ihrer ersten Interessensgebiete war. War das auch das Thema ihrer Dissertation?
Nein, das Interesse an Lyrik und
Dichtung muss man so erklären, dass das alles auch etwas mit Moden zu
tun hatte; auch die Wissenschaft hat Moden. Als ich so richtig mit dem
Studium anfing, das war in den 1970er Jahren, da war das Interesse an
chinesischer Dichtung gerade im Ausklingen. Da gab es noch die großen
Namen: Alfred Hoffmann zum Beispiel (1911-1997, von 1961-63 klassisch-philologischer Sinologe an der FU Berlin) oder auch Herr Debon, mein Doktorvater (von 1968-1986 Professor für Sinologie in Heidelberg),
der sich sehr mit Dichtung beschäftigte. Dichtung war eines der großen
und wichtigen Themen dieser Zeit, aber es war auch irgendwie so eine
Modegeschichte und ich persönlich wollte nicht in der Literatur weiter
machen, das fand ich nicht so interessant.
Das Problem in der Literaturwissenschaft
habe ich immer darin gesehen, dass Leute Texte lesen und sich dann
darüber äußern müssen. Das ist eine Sache, die sich in meinen Augen
irgendwann blind läuft. Das hat nichts mit Wertschätzung oder Interesse
zu tun, es ist nur in kein Thema, das sich meiner Meinung für eine
Darstellung besonders eignet, denn ab einem bestimmten Punkt dreht man
sich im Kreise.
Ursprünglich wollte ich also etwas
Historisches machen, das wurde mir aber verwehrt. Ich wurde von meinem
Doktorvater quasi gezwungen, das Thema Siegel zu bearbeiten, was ich
eigentlich überhaupt nicht machen wollte. Ich wusste nichts von Siegeln
und wollte mich eigentlich um Li Tao kümmern. Li Tao war ein Historiker
aus der Song-Zeit und er war der erste Historiker gewesen, der mit
modernen Zettelkästen gearbeitet hatte. Er hat ein riesiges historisches
Werk hinterlassen, ein riesiges Œuvre, aber wie gesagt, das wollte mein
Doktorvater nicht. Ich war damit einer der ersten, dem vorgeschrieben
wurde, was er nicht machen durfte, was ich nie verstanden habe. Aber
dann hat es mich doch gepackt und Siegel wurde eine meiner großen
Leidenschaften – bis heute. Meine Dissertation heißt „Die ganze Welt in
einem Zoll“ und es ist eine Darstellung der Kulturgeschichte des
Siegels.
SHAN: Die Einführung in das
klassische Chinesisch ist für alle Studenten eine Pflichtveranstaltung
und Sie sagen selbst immer wieder, dass Sie die Begeisterung für das
klassische Chinesisch gerne weitergeben möchten. Erzählen Sie deshalb,
weshalb es sich lohnt, das klasissche Chinesisch auch nach Shadick II
noch weiterzuverfolgen.
Nun, es gibt hier in Heidelberg eine
unselige Trennung zwischen klassisch und modern, eine Trennung, die
eigentlich so nicht gegeben ist. Es geht ja beim Erlernen des
klassischen Chinesisch nicht darum, dass man einen bestimmten
klassischen Autor lesen können muss, sondern das Entscheidende ist
grundsätzlich zweierlei:
Wenn man das, was sich mit dieser
Sprache verbindet – und das ist mehrdimensionaler als es sich in dem
Ausdruck „klassisches Chinesisch“ anhört – wenn man das nicht kann, dann
schneidet man sich von sagen wir mal 98 % der chinesischen
Literaturgeschichte und des chinesischen Schrifttums überhaupt ab. Warum
sollte man das tun?
Das andere ist, dass ich diese Trennung
gar nicht für gegeben halte, weil die Trennung zwischen klassischer und
moderner Sprache gar nicht so klar ist; es ist vielmehr eine Frage der
Ebene. Wenn Sie z. B. einen modernen Essay schreiben, sich bei Zeitungen
oder wissenschaftlichen Essays umschauen, dann sehen Sie, dass die
Sprache gar nicht so fürchterlich weit entfernt ist von der Klassik, so
dass es sich lohnt diese klassische Sprache zu lernen und
weiterzuverfolgen. Erstens weil man sich diesem Stil leichter annähern
kann, wenn man es über die Angebote macht, die es hier am Institut für
klassisches Chinesisch gibt und zweitens, weil der Bildungshorizont auch
moderner Chinesen nun einmal so beschaffen ist, dass sie einen Großteil
dieser Tradition nicht nur kennen, sondern auch schätzen und gerne
lesen. Man würde sich selbst irgendwie von dieser ganzen Tradition
abschneiden, wenn man das alles ignorieren würde. Dann könnte man nur
das lesen, was vielleicht seit 20 Jahren gerade aktuell ist und auch
davon wieder nur einen gewissen Teil, denn für den anspruchsvollen Teil
brauchen Sie wiederum das, was Sie im klassischen Chinesisch lernen.
Es geht also nicht darum, dass Sie jetzt
Han Feizi oder Su Dongpo lesen können, sondern es geht darum, dass Sie
sich diese ganze Tradition erschließen. Wobei ich natürlich niemals
erwarten würde, dass, wenn Sie sich nicht für Dichtung interessieren,
Dichtung lesen. Es geht nur darum, dass Sie sich diese Kultur, diese
letzten 2000 Jahre irgendwie erschließen, dass Sie daran Anteil haben,
denn ich denke, das müssen Sie. Denn stellen Sie sich einmal vor, sie
würden Romanistik studieren, aber wären nicht in der Lage, sagen wir
einmal Verlaine (Paul Verlaine, 1844-1896) oder Proust (Marcel Proust 1871-1922) zu lesen oder Gide (André Gide, 1869-1951)
oder sie würden Englisch machen, aber wären nicht in der Lage, nun na
gut, Ulysses zu lesen, das ist vielleicht eine andere Kategorie, aber
sie wären eben nicht in der Lage vieles von dieser Tradition zur
Kenntnis zu nehmen, was es natürlich auch im angelsächsischen Bereich
gibt. Und das wäre eben der Fall, wenn Sie nur das Allermodernste
könnten.
SHAN: Sie haben selbst auch längere Zeit auf Taiwan verbracht . Was haben Sie dort gemacht und was vermissen Sie am meisten?
Ich habe dort Siegelschneiden betrieben
und in Bibliotheken gearbeitet. Ich war insgesamt drei Mal dort, einmal
relativ lange und danach nur noch kürzere Aufenthalte. Und nun, in
Taiwan, aber auch in China, nun, das ist einfach eine andere Art des
Lebens und ich glaube jeder Sinologe möchte gerne dort sein, zumindest
einen Großteil des Jahres oder seines Lebens. Wenn es nicht so wäre,
dann würde ich nicht Sinologie studiert haben, dann hätte mich das auch
nicht fasziniert.
Eigentlich wollte ich das nie machen,
mein Vater wollte nie, das ich das mache. Er war dann auch ziemlich
ungehalten, als ich dann doch Sinologie studierte und nicht etwas
„Vernünftigeres“ (in Anführungszeichen) wie Medizin. Was ich nun hier
aber vermisse, das ist nichts Chinaspezifisches, das würde auch für
Amerika gelten: Hier ist alles so eingefasst in etwas öde Bahnen, finde
ich. Also was hier fehlt, ist so etwas Dynamik, die man in diesen
Ländern hat. Gerade in Amerika hatte ich den Eindruck, dass man mit
allem, was man macht, auf ein viel größeres Echo trifft. Man findet eher
Leute, die es interessant finden, was man da macht, einen danach fragen
und ermuntern weiter zu machen. Hier muss das alle irgendwie mühsam aus
eigenem Antrieb kommen und hat keine Resonanz.
Und China, nun das Leben dort ist
einfach anders, das wissen Sie ja selbst und viel einfacher, finde ich,
für einen Ausländer zumindest; für Chinesen vermutlich nicht, sonst
wären nicht so viele Chinesen hier.
Herr Wagner, vielen herzlichen Dank für das Gespräch!
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Praktikum in einer „Rheinischen Sparkasse“
Nachdem ich mich einige Monate zuvor im
Referat 201 (Ost- und Zentralasien) im Bundesministerium für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) beworben hatte,
fand ich mich am ersten August 2011 in der „Rheinischen Sparkasse“ ein
(so soll Helmut Schmidt 1976 missmutig und stirnrunzelnd das damalige
Kanzleramt beschrieben haben, das fortan seine neue Arbeitsstätte werden
sollte). Die zuständige Personalreferentin empfing uns Praktikanten und
gab uns einen Überblick über die Geschichte des Hauses, in dem bis Ende
der 90er Jahre das Bundeskanzleramt untergebracht war, und wies uns in
grundlegende Abläufe ein. Nachdem wir alle auf unsere Referate verteilt
worden waren, erfuhr ich, dass ich zwar im Gegensatz zu vielen anderen,
wie gewünscht dem Referat für Ost- und Zentralasien zugeteilt worden
war, mit China aber nichts zu tun haben würde. Da China seit vergangenem
Jahr kein Partnerland deutscher Entwicklungszusammenarbeit mehr ist,
beschränkt sich die Arbeit für China im Wesentlichen auf die
Betreuung auslaufender Projekte und bietet nicht mehr genug Arbeit um
Praktikanten sinnvoll einzubinden.
Ich sollte also in der Folge vor allem in die bevorstehenden
Regierungsverhandlungen mit Kirgisistan, aber auch in die danach
stattfindenden Regierungskonsultationen mit Tadschikistan eingebunden
werden. Die Regierungskonsultationen bezeichnen Treffen zwischen den
Regierungsvertretern des Geberlandes und des Empfängerlandes, während
welcher neue Projekte geplant und laufende Projekte gemeinsam evaluiert
werden. Meist ein Jahr später finden dann Regierungsverhandlungen statt,
bei denen nun über die genauen Zuwendungen gesprochen wird. Deutschland
macht bei solchen Verhandlungen Zusagen für
Entwicklungshilfe-Gelder, die in den nächsten Jahren ins Empfängerland
fließen sollen. Daher war ich die erste Zeit damit beschäftigt, mich in
die wichtigsten politischen, ökonomischen, sozialen und historischen
Aspekte der Länder Zentralasiens einzuarbeiten, was sehr spannend war.
Als die Regierungsverhandlungen mit Kirgisistan näher rückten, nahm das
Arbeitspensum zeitweise enorm zu, da es meine Aufgabe war die
Reisemappen für die Delegation vorzubereiten und zusammenzustellen.
Diese Reisemappen sind meist sehr dicke Leitzordner, in denen alle
wichtigen Dokumente enthalten sind. Dazu zählen unter anderem
Delegationslisten, Terminabläufe, Lebensläufe der Gesprächspartner und
bei wichtigen Reisen auch kulturelle Hinweise und Faux-Pas, die es zu
vermeiden gilt: Zum Beispiel darf man in einer mongolischen Jurte nicht
auf die Schwelle des Zeltes treten.
Neben der Vorbereitung der Delegationsmappen hatte ich auch die
Gelegenheit geplante Programme zu kommentieren und eigene Ideen und
Fragestellungen in Planungsprozesse einzubringen. Das Anfertigen von
Redeentwürfen und die Beantwortung von Bürgerbriefen gehörten ebenfalls
zu den Aufgaben meines Praktikums. Das Redenschreiben habe ich dabei als
besonders herausfordernde und spannende Aufgabe erlebt, da es hier auch
galt Kritik in Diplomatie zu hüllen.
Die Länderreferenten des BMZ treffen sich zu Zwecken der Abstimmung oft
mit den sogenannten Durchführungsorganisationen (DOs), die vor Ort die
beschlossenen Projekte umsetzen. Zu diesen DOs gehören unter anderem die
Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und die
Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). An zahlreichen solcher Treffen
konnte ich teilnehmen und dadurch mein Verständnis von der Umsetzung von
Entwicklungshilfeprojekten vor Ort, aber auch von der
Steuerungsfunktion des BMZ in diesem Prozess erweitern.
Insgesamt habe ich das Praktikum im BMZ als eine bereichernde Erfahrung
wahrgenommen, wenn auch das Arbeitspensum stark fluktuierte. Das
schöne Arbeitsumfeld (ein riesiger Park mit dem Palais Schaumburg und
dem Kanzlerbungalow) aber auch die Stadt Bonn an sich haben mir sehr gut
gefallen und ich könnte mir vorstellen nach dem Studium dorthin
zurückzugehen. Ebenfalls als enorm wertvoll bewerte ich die Tatsache,
dass ich mich in eine ganz neue Region mit ganz eigenen Problemen
einarbeiten musste und damit meinen Wissensschatz erweitern konnte.
Daher wäre es für mich auch vorstellbar noch während des Studiums in
Zentralasien ein weiteres Praktikum im Bereich der
Entwicklungszusammenarbeit zu absolvieren.
Rebecca Göhner
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Vierzig Jahre deutsch-chinesischer Stipendiatenaustausch
Vor vier Jahrzehnten wurde die
Volksrepublik China von der UNO anerkannt und die
chinesisch-amerikanischen Beziehungen verbesserten sich durch die
Besuche von Henry Kissinger und Richard Nixon in der chinesischen
Hauptstadt. Dies führte auch zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen
zwischen der BRD und der VR China. Dadurch wurde auch der offizielle
Austausch von Stipendiaten beider Länder ermöglicht. Die Aufnahme der
offiziellen Beziehungen war relativ unkompliziert, da die BRD – im
Gegensatz zu anderen westlichen Ländern – niemals diplomatische
Beziehungen zur Republik China (Taiwan) unterhalten hatte; allerdings
gab es vor 1971 einen inoffiziellen deutsch-taiwanesischen
Studentenaustausch, damals studierten unter anderem (die späteren
Professoren) Lothar Ledderose und Helmut Martin in Taiwan ( „Als Heidelberger Wissenschaftler in China: je länger, je lieber“).
(In den fünfziger Jahren hatte auch ein Studenten- und
Wissenschaftleraustausch zwischen der DDR und der VR China begonnen,
dieser war jedoch in den sechziger Jahren wegen der Eskalation des
sino-sowjetischen Konflikts eingestellt worden.)
Der erste Stipendiat war Ulrich Manthe,
der heute Juraprofessor an der Universität Passau ist; er hatte sich
erst für ein Stipendium in Taiwan beworben, konnte aber – nachdem
er schon eine Zusage bekommen hatte – noch umdisponieren und dann
über Frankreich und Pakistan nach China fliegen. (Damals musste man
wegen der schlechten Beziehungen zu Indien, das Land umkreisen; in den
achtziger Jahren durfte man wegen des Afghanistankrieges nicht über
Zentralasien fliegen.) Weitere frühe Stipendiaten waren Heidi
Brexendorff (Heidelberg/Berlin), Volker Klöpsch ( „Wir als Sinologen haben die Verpflichtung chinesische Literatur erst einmal bekannt zu machen!“), Wolfgang Kubin (Berlin/Bonn) und Anne Labitzky (Erzählen Sie mal, … Frau Labitzky-Wagner). In dieser Zeit arbeitete auch Uwe Kräuter schon in der chinesischen Hauptstadt. ( In der Grenzüberschreitung: Ein Interview mit Uwe Kräuter) 1977 reisten dann zum ersten Mal Sinologieprofessoren nach China ( Sinologieprofessoren in China – Eine bemerkenswerte Reise vor über dreißig Jahren).
In den ersten zehn Jahren wurden nur
Stipendiat(inn)en vom DAAD nach China geschickt, die offiziell
Stipendiat(inn)en der chinesischen Regierung waren. Ab Anfang der
achtziger Jahre konnten dann auch Selbstzahler fahren, sodaß die
Studierendenzahlen schnell zunahmen. Damals blieb man meist ein oder
zwei Jahre, ein Vollstudium war bei Europäern sehr selten.
In den frühen Jahren konnten die
Deutschen in nur wenige Städte gehen: Beijing, Tianjin, Shenyang, Jinan,
Nanjing und Shanghai. Man konnte auch nur wenige Fächer – wie
Geschichte, Wirtschaft, Literatur und Sprache – studieren, in den
achtziger Jahren gab es dann viel mehr Möglichkeiten. (Zu dieser Zeit
tauchten auch wieder DDR- Student(inn)en auf.) Anfangs waren die
Reisemöglichkeiten sehr beschränkt, für jede individuelle Reise brauchte
man eine Genehmigung; dafür organisierten die meisten Unis ein- oder
zweimal im Jahr Gruppenreisen – zum 70. Jahrestag der Xinhai-Revolution
(1981) wurden z.B. Reisen nach Guangzhou und Wuhan besucht. Bei
Aufenthalten in Changsha gab es meist auch Ausflüge nach Shaoshan, dem
Heimatdorf Mao Zedongs. In den achtziger Jahren konnte man schon ohne
große Probleme nach Xinjiang und Yunnan und sogar nach Hongkong fahren.
1989 gab es – trotz großer Nervosität – für die Stipendiaten keine
besonderen Probleme, in den neunziger Jahren nahmen die
Studierendenzahlen weiter zu, nun war es auch möglich zu arbeiten, was
vorher nicht erwünscht war.
Im Herbst 2007 veranstaltete der DAAD in Bonn ein erstes Alumnitreffen von Chinastipendiaten ( Das erste große China-Alumni-Treffen des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach 35 Jahren),
das auch zur Veröffentlichung des Bandes Abenteuer China führte. An dem
Treffen nahmen nicht nur zahlreiche frühere Stipendiaten, sondern auch
viele DAAD-Angestellte und chinesische Diplomaten und Lehrer teil.
Literatur:
Thomas Kampen: Ostasienwissenschaften in
der DDR und in den neuen Bundesländern, in: Krauth/Wolz: Wissenschaft
und Wiedervereinigung – Asien- und Afrikawissenschaften im Umbruch,
Berlin: Akademie Verlag, 1998, 269-306.
DAAD: Spuren in die Zukunft – Der Deutsche Akademische Austauschdienst 1925-2000, Bonn 2000.
DAAD: Abenteuer China, Bonn, 2009.
Dr. Thomas Kampen
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Und dann… Heidelberger Alumni erzählen.
Jedes Jahr verabschiedet das Institut für Sinologie Alumni aus seinen Reihen in die weite Welt.
SHAN hat sich auf die Suche gemacht, um herauszufinden, was aus einigen von ihnen geworden ist.
In dieser Ausgabe erzählt Maximilian Kalkhof, wohin es ihn nach seinem Studium in Heidelberg verschlagen hat.
Obwohl ich während des Heidelberger
Bachelors zwecks Praktikum sowie Studium insgesamt anderthalb Jahre in
Taiwan verbracht hatte, schien es, als hätte ich dadurch gerade erst
richtig Blut geleckt. Mich dürstete nach mehr Chinesisch, der geballten
Ladung, am besten einem chinesischen Fachstudium. Die Entscheidung zur
Sinologie war keine Kopfgeburt gewesen. Schon meinen Zivildienst hatte
ich aus reiner Abenteuerlust und ohne einen Brocken Chinesisch im Gepäck
in Taiwan bestritten. So fiel die Wahl auf einen Master in chinesischer
Literatur an der National Taiwan University.
Doch da chinesische Literatur an chinesischsprachigen Unis meist
vormoderne Literatur meint und mein Interesse eher der modernen
Komparatistik und vergleichenden Kulturwissenschaft galt, war die Wahl
eher ein Kompromiss als Liebe auf den ersten Blick. Kurz vor Beginn des
Masters lernte ich auf einem in Heidelberg veranstalteten Symposium dann
zufällig Studenten und Professoren des Graduate Institute of Taiwan
Literature kennen. Erstaunt stellte ich fest, daß sich hinter diesem
irreführenden Institutsnamen in etwa das verbarg, was ich mir von einem
Studium der modernen chinesischen Literatur erhoffte. So wechselte ich
mir nichts, dir nichts noch im ersten Masterjahr an das Graduate
Institute of Taiwan Literature. Derzeit befinde ich mich im dritten und
hoffentlich letzten Masterjahr. Als Fußnote soll hier angemerkt sein,
daß die taiwanischen Masterprogramme mindestens drei Jahre, wenn nicht
sogar länger dauern.
Rückblickend stelle ich fest, daß ich
viele interessante Kurse, aber wahrscheinlich auch ebenso viele für mich
unsinnige Veranstaltungen, wie zum Beispiel einen
sprachwissenschaftlichen Kurs über den Hokkien--Dialekt, von dem ich
rein gar nichts verstehe, zu absolvieren hatte. Größte Probleme
bereitete mir zu Beginn des Studiums das Erarbeiten einer
wissenschaftlich-- theoretisch fundierten Arbeitssprache. Diffuse
westliche Kulturwissenschaftstheorien, übersetzt in vages Chinesisch,
ließen mich oft unbefriedigt, unverstanden, ohne Boden unter den Füßen
und irgendwie lost in translation zurück. Mittlerweile ist das Ende
meiner Wanderjahre abzusehen und diesmal habe auch ich – vorerst? –
genug. Nach mehreren Praktikumsstationen im Journalismus habe ich
gegenwärtig auch von meinem einstigen Berufswunsch Chinajournalist die
Nase voll. Falls ich also nicht demnächst den Pulitzer--Preis abräume,
stehen die Chancen gar nicht schlecht, daß ich doch noch promoviere.
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Sprachkolumne: 萌 (méng)- cute – süß, goldig, liebenswert
Die ursprüngliche Bedeutung des Worts 萌 ist „Blütenknospe“.
Mit Hilfe dieser originalen Definition
von 萌 kann man schon einen Hinweis auf die neue Bedeutung des Worts
finden. „Otakus“ und Fans von Animations in Japan verwenden 萌 für eine
Art Mädchen-Figuren, die sie sehr „cute“ finden. Das Idealbild dieser
Mädchen ähnelt einer Puppe: große Augen (ungefähr ein Fünftel des
Gesichts), eine kleine Nase, aber ein großer Kopf, ein verjüngtes
Gesicht, usw.
Mit der Zeit hat sich die Liste der
Gegenstände, die man mit 萌 beschreiben kann, erweitert: manche Objekte,
Tiere und inzwischen sogar auch Männer können 萌 sein. Man kann
darüberhinaus sagen, dass der Ausdruck 萌 eine ganze Reihe von Eindrücken
und Gefühlen beschreiben kann, ebenso wie persönliche Eigenschaften
z.B. Arglosigkeit, Naivität, aber auch Zuneigung.
卖萌 (mài méng)
Im Internet verwendet man 萌 meistens in
der alleinstehenden, ungebundenen Form oder in der Verbindung 卖萌. Mit
dem Wort 卖 (verkaufen) wird hier betont, dass jemand versucht sich
absichtlich als 萌 darzustellen, um die Zuneigung einer anderen Person
oder einen Gefallen von jemandem zu erhalten oder jemand dazu zu
bringen einer Bitte nachzukommen.
Beispiele:
[1]. 这只小猫好萌!
Die kleine Katze ist unglaublich süß!
[2]. 别再卖萌了,我不会答应你的要求的!
Versuch nicht mich mit deiner süßen Schnute zu beeindrucken, ich werde deiner Bitte nicht nachgeben!
[3]. 卖萌是宝宝的天职!
Es ist die Aufgabe von Babys süß zu sein.
[4]. 我对这个卖萌的世界绝望了……
Ich habe meinen Glauben an diese Welt, die nach dem schönen Schein strebt, verloren.
Ein 萌 – Star: Die かご猫 (篮子猫)——猫叔
Eigentlich soll 猫叔 s chinesischer Name
„篮子猫“ („Korb-Katze“) sein, man sieht in links im Bild. Seine Fans in
China aber haben ihm einen sehr 囧 Namen (SHAN-Newsletter Nr. 55) gegeben: 猫叔, „Onkel Katze“. Er ist in Japan geboren, und lebt jetzt in einer gewöhnlichen Bauernfamilie.
In China wird er 猫叔 genannt, weil er
tatsächlich wie ein Onkel ist. Er ist schon neun Jahre alt, das
entspricht umgerechnet in ein menschliches Alter ungefähr 50 Jahren. Er
ist übergewichtig und hat ein zu großes Gesicht. Er schläft gerne in
einem kleinen Korb und macht seine Augen sehr selten auf. Alle seine
Eigenschaften entsprechen dem eines alten Onkel.
Auf Fotos sieht man ihn oft mit einer
Sonnenbrille und außerdem hat er immer etwas auf dem Kopf. Blumen, zum
Beispiel; aber manchmal auch Auberginen, Kartoffeln, Kohlrabi o.ä.
Häufig sind es unglaubliche Dinge in komischen Formen: wie das Ding auf
seinem Kopf liegen bleibt und er darunter noch weiter schlafen kann wird
wohl ein Rätsel bleiben.
Im Internet sagen seine Fans nun gerne:
„叔!你治愈了我!(Onkel, du hast mich geheilt!)“ Geheilt haben soll er sie
allein durch sein 萌-Sein von Stress und Übel aller Art.
Hat 猫叔 dich auch geheilt?
He Xiangling
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Filmrezension – Still Life (三峽好人)
In dieser Ausgabe der Filmrezension wird ein Filmjuwel aus dem Jahre 2006 vorgestellt: Still Life (三峽好人) von Regisseur Jia Zhangke. Still Life
erzählt die Geschichte zweier Menschen, Han Sanming und Shen Hong, die
in die Stadt Fengjie kommen, um ihre Ehepartner wiederzufinden. Han
Sanming und Shen Hong kommen beide aus der Provinz Shanxi, kennen sich
jedoch nicht und treffen auch im Film nie aufeinander.
Han (gespielt von Han Sanming) und Shen
Hong (gespielt von Zhao Tao) gehören eigentlich schon zum regulären
Inventar eines Jia Zhangke Films. Han spielte zuvor in Jias Shijie mit und Zhao Tao in bisher jedem Jia Zhangke Film seit Platform aus dem Jahre 2000, inklusive der unvergesslichen Rolle der Qiao Qiao in Unkown Pleasures.
In Still Life sucht Han seine
Frau, die vor 16 Jahren von Shanxi nach Fengjie in ihre Heimatstadt
floh. Vor allem geht es ihm aber auch darum, seine Tochter
wiederzusehen, die in einem nahegelegenen Ort arbeitet. Shen Hong
dagegen sucht ihren Ehemann, der in Fengjie arbeitet und sich seit zwei
Jahren nicht mehr bei ihr gemeldet hat. Diese beiden Geschichten klingen
beide eher unspektakulär, jedoch – wie der Titel des Films schon
vermuten lässt – hat Still Life noch einen dritten
Hauptdarsteller: den Schauplatz. Hierbei handelt es sich um die Gegend
oberhalb des Drei-Schluchten-Damms, die vor der geplanten Flutung nach
und nach ab- und zurückgebaut und deren Bewohner umgesiedelt werden.
Inmitten dieses fast schon surrealen Ortes spielen sich die beiden
Familiendramen von Shen Hong und Han Sanming ab. Surreal einerseits,
weil die Kulissen im Minutentakt zu verschwinden scheinen (entweder
durch Abriss oder Flutung), surreal aber andererseits auch, weil
Jia Zhangke mit Hilfe von CGI-Effekten einige merkwürdige Objekte und
Szenen trickreich mitten in diese Landschaft hinein platziert, die schon
so manchen Filmkritker/in zu wagemutigen Interpretationen derselben
getrieben haben.
Was Still Life aber noch
außergewöhnlicher macht, ist die Tatsache, dass er, so surreal alles
erscheinen mag, oft wie ein Dokumentarfilm wirkt. Jia Zhangke versteht
es, die Landschaft so einzufangen, dass ein einmaliges Zeitdokument des
Großprojektes Drei-Schluchten-Damm sowie dessen weitreichenden Folgen
entsteht.
Letztlich kann Still Life als ein kleines Meisterstück des
Kinos im 21. Jahrhundert bezeichnet werden. Auf den Filmfestspielen von
Venedig 2006 gewann der Film den Goldenen Löwen und erschien auf den
Top-10 Listen von nicht wenigen Filkritikern großer amerikanischer
Tageszeitungen. Dies ist zwar nicht immer ein Maßstab für die Qualität
eines Films, jedoch kann man sich in diesem Fall einmal auf die Noten
der Kritiker (inkl. Rotten Tomatoes und Metacritic) verlassen.
Johann Platt
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