INHALT
Zwischen Phantasie und Perfektion
Viktoria Dümer berichtet über die Podiumsdiskussion „Zwischen Phantasie
und Perfektion – Erziehung und Bildung in China und Deutschland“ die am
2. Dezember 2011 vom Konfuzius-Institut Heidelberg veranstaltet wurde.
Erzählen Sie mal … Hanno Lecher
Seit Dezember 2009 gibt es im Zentrum für Ostasienwissenschaften keine
drei strikt getrennten Institutsbibliotheken mehr, sondern eine
gemeinsame Bereichsbibliothek Ostasien. Was bedeutet das praktisch für
die Abläufe im Bibliotheksalltag und welche Vorteile bietet die
Zusammenlegung? SHAN e.V. hat Hanno Lecher, den Leiter der
Bereichsbibliothek Ostasien, dazu befragt.
Zwischen den Welten: Musik der Jesuiten in Peking
Viele haben schon von dem Clavichord gehört, das Ricci dem
chinesischen Herrscher schenkte. Später wurde ein Jesuit dafür zuständig
die Cembali, die Kangxi in fast jedem seiner Räume stehen hatte, zu
stimmen. Doch was wurde auf den Instrumenten gespielt? Wie könnte die
Musik geklungen haben, die im 18. Jahrhundert am chinesischen Kaiserhof
zu hören war?
Li Ers Übersetzerin Thekla Chabbi im Interview
Li Er ist in der Volksrepublik China ein anerkannter Autor, der
bereits zahlreiche Preise erhalten hat. Thekla Chabbi erläutert im
Interview seine subtile Art, um Kritik an der Gesellschaft und ihrer
aktuellen Entwicklung zu üben, und wie das zunächst leise Erscheinen
eines Buchs langfristig zum Erfolg führen kann.
Sprachkolumne: Gewitter, Blitz und Donner
In der siebten Ausgabe der
Sprachkolumne erklärt He Xiangliang passend zur magischen Zahl ein
Himmelsphänomen. Denn es gibt zahlreiche Aspekte des Begriffs „Gewitter“
雷, die man nicht in den ersten Chinesischlektionen lernt.
Ein Vierteljahrhundert Heidelberger Ostasienwissenschaften
Seit wann gibt es die Heidelberger Sinologie? Wo befand sich die
Japanologie vor 25 Jahren? Welche bekannten Gesichter haben in den
siebziger und achtziger Jahren schon in Heidelberg studiert? Lesen
Sie hier.
Nachruf: Holger Kühnle
Kühnle am 28.11.2011 verstarb, überraschend. Er bleibt als Freund,
Lektor und engagierter Wissenschaftler der klassischen Sinologie in
Erinnerung.
Zwischen Phantasie und Perfektion
Ein kleiner Junge steht vor seiner Klasse, schaut auf zu seinen
Mitschülern, die ihn kritisch mustern. Sie zwingen ihn, sich zu
entschuldigen. Warum? Weil er kleine Löchlein in sein Radiergummi
gebohrt hat. Es ist eine Frage des Respekts, sagt die Lehrerin. So wie
der Junge selbst respektiert werden möchte, muss er die Gemeinschaft und
ihre Gegenstände respektieren.
Diese Szene ist Teil einer BBC-Dokumentation, die Prof. Dr. Jürgen
Henze zu Beginn seines Vortrags über das chinesische Bildungswesen
zeigt. Anlass ist die Podiumsdiskussion „Zwischen Phantasie und
Perfektion – Erziehung und Bildung in China und Deutschland“ im
Heidelberger Marriott Hotel, veranstaltet vom Konfuzius-Institut
Heidelberg. Sechs Experten sind geladen, Prof. Henze ist als Leiter des
Instituts für Erziehungswissenschaften, Abteilung Vergleichende
Erziehungswissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität einer von
ihnen. Bevor er das Video zeigt, warnt er davor. Es werde das Publikum
emotional berühren.
Er soll recht behalten. Der Junge, der so offensichtlich – nur
wegen eines Schreib-Utensils – von und vor seiner Klasse bloß gestellt
wird, dabei zu weinen beginnt, erregt Mitleid bei den Zuschauern,
während seine Lehrerin mit schriller Stimme und harschem Ton zunächst,
aus deutscher Perspektive, das Negativ-Beispiel einer Pädagogin
darzustellen vermag.
Doch Henze möchte mit diesem Video keineswegs nur wachrütteln oder
schockieren, sondern vor allem auch die interkulturellen Unterschiede in
Erziehungskonzeptionen vorstellen: Je nach Gesellschaft und kulturellem
Kontext wird „gute“ Erziehung eben anders bewertet.
Strenge Lehrer, gedrillte Schüler, ehrgeizige Eltern
Viel zu strenge Lehrer, gedrillte Schüler und ehrgeizige Eltern –
diese von den Medien gern beschriebenen, stereotypen Bilder erscheinen
beim Anblick des Videos schnell vor dem inneren Auge des „westlichen“
Zuschauers. Aber ist Chinas Bildungswesen tatsächlich so einfach zu
beurteilen?
Natürlich nicht. Spätestens seit der letzten PISA-Studie 2009, bei
der Shanghai allen anderen Ländern den Rang ablief, beginnen auch
Europäer, sich mit dem chinesischen Bildungswesen auseinanderzusetzen.
In einem Land, dessen Schüler den Ruf haben, viele Lehrinhalte, zu
Lasten der Kreativität, auswendig zu lernen, so wurde damals in den
Diskussionen um die PISA-Studie argumentiert, sei so ein Ergebnis nicht
verwunderlich – zumal die Ergebnisse aus Shanghai und Hong-Kong nicht
das ganze Land repräsentieren. Doch inwieweit sind diese Einwände
tatsächlich zutreffend?
„Für viele Menschen im Westen Chinas, auf dem Land, ist Bildung
noch immer ein Luxusgut“, so Gu Baoyan, Professorin für Literatur,
Wirtschaft und Verwaltung von der Beijing Open University. Ein
Zustand der sich durch staatliche Subventionen langsam verbessert und
nicht bedeutet, dass die Bildungsqualität in den westlichen Provinzen
zwangsläufig schlechter ist als im Osten Chinas. Wie stichprobenartige
Mathematik-Tests von Prof. Henze beweisen, können auch Schüler außerhalb
der großen Metropolen ebenso gute Ergebnisse leisten. Untersuchungen
haben ergeben, dass chinesische Schüler über verschiedene
Memorierungsstrategien verfügen, die sie je nach Kontext anwenden –
Auswendiglernen ist nur eine von vielen.
Leistungsdruck oder Laissez-faîre?
Dies stützen die von Prof. Dr. Eckard Klieme, Leiter der
Arbeitseinheit Bildungsqualität und Evaluation am Deutschen Institut für
Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) ausgewerteten
PISA-Ergebnisse: Die Shanghaier Schüler stachen gerade nicht in der
abstrakten, sondern in der anwendungsbezogenen Mathematik hervor. Auch
in der Lesekompetenz, insbesondere im Interpretieren und Reflektieren
von Texten schnitten die Chinesen überdurchschnittlich gut ab. Bei einer
Umfrage über die Atmosphäre an den Schulen beklagten sich die
Schüler jedoch über den starken Leistungsdruck. Das Problem der
deutschen Gesellschaft hingegen sei viel mehr der Mangel an Erwartung an
die Schüler und das fehlende Anspruchsniveau, so Prof. Klieme.
Was China und Deutschland voneinander lernen können
China und Deutschland können tatsächlich viel voneinander lernen.
„Charakterbildung, Persönlichkeitsentwicklung und soziale Kompetenz sind
Stärken des deutschen Bildungssystems“, so Dr. Jiang Feng,
Gesandter-Botschaftsrat für Bildungswesen der Botschaft der VR China in
Deutschland. „Die Förderung der Selbstständigkeit wie in deutschen
Kindergärten ist auch wichtig, sie ist Teil einer intensiven,
anschaulichen Sozialisation.“ Seine Kinder gehen in Berlin zur Schule
und so weiß er auch um die Mängel an deutschen Bildungseinrichtungen:
„Wissen könnte noch systematischer vermittelt werden. Außerdem sollten
Schüler, Lehrer und Eltern einen Verantwortungs-Verbund bilden, dies
würde die Schulleistungen verbessern.“
China hat seine Probleme im Bildungssystem bereits erkannt, setzt
immer mehr, wenn bisher auch nur zaghaft auf eine Diversifizierung der
Bildungslandschaft. „Im Layout der Schulbücher hat sich eine Veränderung
vollzogen. Es ist moderner, bebilderter und schülerfreundlicher
gestaltet als die rein textorientierten Vorgänger“, so Prof. Dr.
Gotelind Müller-Saini, Professorin am Institut für Sinologie der
Universität Heidelberg. Auch seien Ansätze interaktiver und kreativer
Gestaltung von Unterrichtsstunden zu verzeichnen, die jedoch regional
und individuell – je nach Klassengröße und Qualifikation des Lehrers –
unterschiedlich umgesetzt würden.
Bedeutung von frühkindlicher Förderung
So verschieden die Bildungssysteme und Erziehungsansätze sein
mögen, ein Thema ist für Eltern beider Länder gleichermaßen wichtig: die
frühkindliche Förderung. Wie wichtig diese für die geistige Entwicklung
ist, weiß Prof. Dr. Anna Katharina Braun, Leiterin des Instituts für
Biologie, Abteilung Zoologie/Entwicklungsbiologie der Universität
Magdeburg. Je mehr das Gehirn in den ersten Lebensjahren angeregt wird,
desto größer sind seine Kapazitäten. Die Neuronen in den Köpfen
chinesischer und deutscher Kinder arbeiten gleich – sie wollen angeregt
werden und dazu lernen. Wie dies zukünftig im Idealfall geschehen
sollte, muss langfristig erörtert werden. Dass es sich für beide Länder
jedoch lohnt auf die Methoden des anderen zu schauen, wurde bei der
Podiumsdiskussion von den Experten der unterschiedlichen Fachrichtungen
verdeutlicht.
Die Moderation lag bei Petra Aldenrath, ehemalige
ARD-Auslandskorrespondentin in Peking und China-Expertin. Veranstalter
war das Konfuzius-Institut Heidelberg, unterstützt wurde die
Podiumsdiskussion, die rund 130 Sinologen, Pädagogen und
China-Interessierte anlockte, von der Robert Bosch Stiftung. Das
Feedback der Teilnehmer war positiv, auch nach Ende der Veranstaltung
diskutierten Gäste und Referenten die aufgeworfenen Fragen weiter. 2012
wird die Veranstaltungsreihe „Dialog der Kulturen“ mit dem Thema „Alt
werden in Deutschland und China“ fortgesetzt.
Viktoria Dümer
Erzählen Sie mal, Hanno Lecher!
Hanno Lecher ist seit Dezember 2009 Leiter der Bereichsbibliothek
Ostasien, die sich aus den drei ehemaligen Institutsbibliotheken der
Sinologie, der Japanologie und der Ostasiatischen Kunstgeschichte
zusammensetzt. SHAN hat ihn zur Rolle der Bereichsbibliothek im
nationalen Vergleich, den Vorteilen, welche diese bieten kann und den
zukünftigen Entwicklungen in der Bereichsbibliothek befragt.
SHAN: Herr Lecher, wie sind Sie als Bibliothekar an die Universität Heidelberg gekommen?
Herr Lecher: Nun, ich habe Sinologie in Wien studiert und bin
dort auch schon auf einer halben Stelle in der Bibliothek tätig gewesen –
einer mit ca. 20.000 Bänden eher kleinen Einrichtung. Im Jahr 1997 kam
ich dann das erste Mal nach Heidelberg. Damals war Thomas Hahn noch
Leiter der sinologischen Bibliothek, und ich habe zunächst als
Bibliotheksangestellter mit ihm zusammen gearbeitet. Die Heidelberger
Sinologie hatte damals schon den Ruf als eine der großen sinologischen
Sammlungen in Europa (über 100.000 Bände) und vor allem als
internationaler Vorreiter im digitalen Bereich. Die gesamte EDV war in
dieser Zeit noch integraler Bestandteil der Bibliothek, was eine
ziemliche Herausforderung bedeutete, da wir über längere Phasen keinen
EDV-Hiwi hatten, aber die verschiedensten Systeme und Server betreuen
mussten – von Windows über Linux bis hin zu zwei Sun SPARC stations, auf
denen wir einen eigenen Mailserver, einen Webserver, ein Novell Network
als Dateiserver, den Allegro Server für den OPAC sowie diverse
Datenbanken und die unterschiedlichsten Dienste installiert hatten. Als
ich kam, hatte ich von all diesen Dingen keine Ahnung, konnte weder
programmieren noch mit Unix umgehen, ich hatte nur einige Erfahrung mit
HTML – der Sprache, in der Webseiten umgesetzt werden. Herr Wagner war
natürlich sehr nervös, ob ich das alles denn ad hoc übernehmen könnte,
falls Herrn Hahn plötzlich – wie er sich ausdrückte – „ein Stein auf den
Kopf fallen würde“. Als Thomas Hahn 1998 als Leiter der
Ostasien-Bibliothek der University of Wisconsin in die USA ging, habe
ich die Bibliothek dann tatsächlich ganz übernommen.
Im Jahr 2003 bin ich für sechs Jahre nach Leiden gegangen, um dort die
sinologische Bibliothek zu leiten. Die Zeit in Leiden war sehr schön
und hat mir auch viel Spaß gemacht. Unter anderem aus familiären Gründen
habe ich mich aber dann wieder für eine Stelle in Heidelberg beworben.
Das hat auch geklappt, und so bin ich mit der Gründung der
Bereichsbibliothek Ostasien (kurz BOA) im Dezember 2009 Leiter dieser
Bibliothek in Heidelberg geworden.
SHAN: Wie kann man unsere Bibliothek im nationalen Vergleich einordnen?
Grundsätzlich muss man dabei in Deutschland zwei Arten von
Bibliotheken mit ostasiatischen Sammlungen unterscheiden, die
Staatsbibliotheken und die Universitätsbibliotheken (Museumsbibliotheken
und Spezialsammlungen lasse ich hier der Einfachheit halber außer
Betracht). Die beiden Staatsbibliotheken in Berlin und München haben
sehr große Sammlungen: so hat die Staatsbibliothek in Berlin
beispielsweise über 650.000 Bände an ostasiatischen Beständen und gehört
damit zu den größten Sammlungen außerhalb Ostasiens. Sie ist
Sondersammelgebiet (SSG) für den Bereich Ost- und Südostasien, was
bedeutet, dass sie soweit möglich alle wissenschaftlichen
Veröffentlichungen aus diesem Fachbereich sammeln muss. Durch das System
der Sondersammelgebiete kann gewährleistet werden, dass von jeder
wissenschaftlich relevanten Arbeit mindestens ein Exemplar in
Deutschland vorhanden ist. Die verantwortlichen Schwerpunktbibliotheken
werden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) – deren Aufgabe
die Förderung von Forschung in Deutschland ist – finanziell unterstützt.
Dem gegenüber stehen die Bibliotheken an universitären Einrichtungen,
zu denen auch die unsrige gehört. Was die Größe unserer Bestände angeht,
so gehören wir sicherlich zu den größten ostasiatischen Sammlungen in
Deutschland, und auch europaweit zählen wir wohl neben Leiden, der
Londoner School of Oriental and African Studies (SOAS) und Oxford zu den
großen Institutsbibliotheken. Auch in Paris gibt es einen reichen
Bestand an ostasiatischer Literatur, der allerdings auf mehrere
Bibliotheken verteilt ist.
SHAN: Nach welchen Kriterien werden Medien in unserer Bibliothek angeschafft?
Da der chinesische Buchmarkt in den letzten zwanzig Jahren regelrecht
explodiert ist, können wir natürlich nicht einfach alles kaufen. Das
gelingt nicht einmal der Staatsbibliothek zu Berlin, die ja wie bereits
gesagt eine Sonderstellung einnimmt und die Möglichkeit hat, sehr viel
anzuschaffen. Unsere Bibliothek ist wissenschaftlich orientiert. Man
muss sich vor Augen halten, dass die Bibliothek der Sinologie in
Heidelberg innerhalb von 20 Jahren quasi im Alleingang von Herrn Prof.
Wagner aufgebaut worden ist, sowohl, was die Beschaffung der
Finanzmittel betrifft, als auch hinsichtlich der Bestandsentwicklung,
also der Auswahl der anzuschaffenden Literatur. Wie gut seine Auswahl
war, ist mir besonders in meiner Zeit in Leiden bewusst geworden. Immer
wieder kam es vor, dass ich wichtige Titel in der etwa dreimal so großen
Sammlung in Leiden, wo seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts gesammelt
wird, vergeblich suchte, während sie in Heidelberg ganz
selbstverständlich im Regal standen. Natürlich gibt es aber auch bei uns
noch genug Lücken.
Jetzt, wo Herr Prof. Wagner im Exzellenzcluster „Asia and Europe in a
global context“ tätig ist, müssen wir neue Wege finden, um die Qualität
des Sammlungsaufbaus langfristig zu gewährleisten. Dazu werden gerade
Sammlungsprofile entwickelt, die festlegen, welche Themenbereiche wir in
welchem Grad der Vollständigkeit erwerben wollen. Dabei macht es
natürlich auch einen Unterschied, ob eine Publikation in Deutschland, in
Europa oder in China erschienen ist. Dabei sind wir natürlich auch auf
die Hilfe der wissenschaftlichen Mitarbeiter des ZO angewiesen. Derzeit
wird das Anschaffungsvolumen allerdings sehr stark durch die großen
Systemumstellungen des letzten Jahres, das derzeit laufende DFG-Projekt
zur Migration unserer OPACs nach HEIDI sowie besonders durch den
gravierenden Platzmangel beeinträchtigt, an dessen Lösung wir aber
arbeiten.
SHAN: Wie genau ist die Beziehung von der sinologischen zur Universitätsbibliothek?
Früher bildete die Institutsbibliothek einen Teil des Instituts für
Sinologie, und es hat nur gelegentlich Kooperationen mit der
Universitätsbibliothek gegeben. In der Zeit meiner Nachfolgerin Frau
Labitzky-Wagner wurde die Bibliothek der Sinologie dann ausgegliedert
und offiziell ein Teil der Universitätsbibliothek. Beispielsweise sind
Frau Labitzky-Wagner und ich bei der Universitätsbibliothek angestellt
und nicht im Institut. Außerdem wird die Organisation der Arbeitsabläufe
und dergleichen mehr und mehr in die der UB integriert. Das Budget für
die Anschaffung der Bücher und Zeitschriften sowie die Infrastruktur
(Stellflächen, Arbeitsplätze etc.) kommt allerdings nach wie vor vom
Institut.
Ich meine, dass die Integration mit der Universitätsbibliothek ein
natürlicher und wichtiger Schritt ist. Hier ist schließlich das
bibliothekarische Know-how, hier finden die katalogtechnischen
Entwicklungen statt. Dabei ist aber natürlich darauf zu achten, dass die
institutsspezifischen Bedürfnisse nicht zu kurz kommen, was immer
wieder eine große Herausforderung darstellt. Langfristig ist dies aber
die einzige Möglichkeit, eine tragende Infrastruktur für eine Bibliothek
zu schaffen, die nicht mehr abhängig von einzelnen Personen sein soll,
wie das bisher der Fall war. Daher befürworte ich die gegenwärtige
Entwicklung zu einhundert Prozent.
SHAN: Was für Zukunftspläne hat unsere Bibliothek?
Organisatorisch betrachtet sind wir schon seit Ende 2009 eine vereinte
Bereichsbibliothek, zusammen mit den Institutsbibliotheken der
Japanologie und der ostasiatischen Kunstgeschichte. Der nächste Schritt
ist nun die Schaffung einer einheitlichen Website für die Bibliothek. Im
Januar 2012 wird die Ausbaustufe eins dieser Website zur Evaluierung
für alle Mitarbeiter und Studenten freigeschaltet werden, und
voraussichtlich im Februar gemeinsam mit Ausbaustufe zwei offiziell die
drei alten Bibliotheksseiten der Sinologie, Japanologie und der
Ostasiatischen Kunstgeschichte ersetzen. Damit schaffen wir eine
gemeinsame Plattform und setzen auch nach außen hin ein deutliches
Signal. Im Zentrum wird dabei der Servicecharakter stehen, es werden
also neue Recherchetools erstellt und gezeigt werden, wo man überall
suchen kann. Viele dieser neuen Services werden allerdings erst mit
Abschluss der Ausbaustufe drei angeboten werden können, etwa Mitte des
kommenden Jahres.
Das Projekt, welches uns derzeit allerdings am Meisten beschäftigt,
ist das schon erwähnte DFG-Projekt, dessen Ziel der Nachweis all unserer
Bestände in HEIDI/SWB sowie die einheitliche Signierung dieser Bestände
mit Library of Congress-Signaturen (LOC) ist. Ein nächster Schritt wird
dann das Zusammenziehen der Teilbibliotheken in eine gemeinsame
Räumlichkeit sein, vielleicht sogar – gemeinsam mit dem SAI – in eine
große Asienbibliothek?
SHAN: Welche Vorteile bietet die Zusammenlegung der drei Institutsbibliotheken zu einer Bereichsbibliothek?
Die Zusammenlegung bietet vor allem vier wichtige Vorteile: Zunächst
ist da die inhaltliche Überschneidung eines Teils unserer Bestände. So
stehen in der Sinologie beispielsweise kunstgeschichtliche
Publikationen, die auch im Institut für Ostasiatische Kunstgeschichte
(IKO) benötigt werden oder dort sogar ein zweites Mal zu finden sind.
Durch die Einrichtung einer gemeinsamen Räumlichkeit können wir dieses
Überschneidungsproblem lösen und durch Aussonderung der Dubletten sogar
Raum gewinnen.
Zweitens ist es den Benutzern der Bibliothek durch eine Zusammenlegung
möglich, „über den Tellerrand hinaus zu blicken“. Viele Themen, die
Ostasien betreffen, können durch die auf ein Land oder einen Bereich
begrenzte Sicht nicht abgedeckt werden. Durch die Bildung einer
Bereichsbibliothek wird der Horizont der Benutzer erweitert und auch auf
vorher unbekannte Dinge gelenkt.
Außerdem ist für uns natürlich besonders wichtig, dass man in einer
Bereichsbibliothek deutlich effizienter arbeiten kann. Man hat
beispielsweise eine gemeinsame Ausleihe und kann dadurch mit insgesamt
weniger Personaleinsatz längere Öffnungszeiten anbieten. Generell lassen
sich Ressourcen besser einsetzen und zum Beispiel die Neuerwerbung viel
effizienter gestalten.
Dazu kommt noch, dass die Präsentation nach außen hin eine ganz andere
ist. Als Bereichsbibliothek Ostasien, die einen Zusammenschluss von
drei wichtigen Bibliotheken darstellt, erzeugt man eine ganz andere
Wirkung, als eine einzelne Institutsbibliothek dies kann.
SHAN: Gibt es so etwas wie eine nationale Entwicklung hin zur Zusammenlegung von Bibliotheken?
Naja, wir überspielen zwar alle unsere Bestände in HEIDI und in den
SWB – den Südwestdeutschen Bibliotheksverbund –, sodass sie an einer
gemeinsamen Stelle zu finden sind. Das heißt aber nicht, dass wir
demnächst z.B. Uni-weit alle unsere Bestände in einem Gebäude
zusammenlegen werden. Die Rolle der zentralen Universitätsbibliothek ist
auch eine etwas andere als die der dezentralen Bibliotheken, die mit
ihren spezialisierten Beständen vor allem den Nutzern des jeweiligen
Instituts zur Verfügung stehen sollen und gleichzeitig auch leichter auf
Besonderheiten des Fachgebietes eingehen können. Des ungeachtet sind
wir eine Bibliothek, die aufgrund ihrer Größe auch international eine
gewisse Verantwortung hat: abgesehen vielleicht von der Staatsbibliothek
zu Berlin können selbst die großen ostasiatischen Sammlungen in Europa
nur mit Mühe im Feld der mittelgroßen amerikanischen
Ostasien-Bibliotheken mitspielen. Umso wichtiger ist es für die
Ostasienforschung in Europa natürlich, die wenigen großen Sammlungen
hier sorgfältig weiter zu pflegen und auszubauen.
Im digitalen Bereich schaut das schon ein wenig anders aus. Im
Internet gibt es in Deutschland beispielsweise sogenannte „virtuelle
Fachbibliotheken“ – für Ostasien z.B. „CrossAsia“ –, welche als von der
DFG geförderte Wissenschaftsportale der jeweiligen Fächer dienen. Hier
sollen deutschlandweit alle wichtigen Ressourcen zusammenfließen. Diese
virtuellen Fachbibliotheken werden von den Sondersammelgebieten – in
unserem Fall also der Staatsbibliothek zu Berlin – zusammengestellt und
betreut. Allerdings baut vieles, was heute über CrossAsia angeboten
wird, auf bei uns geleisteter Vorarbeit auf, und wir sind auch jetzt
noch an einigen Projekten dieses Portals direkt beteiligt. Googeln Sie
doch einmal nach „digital resources chinese studies“ – von den ersten
zehn Links beziehen sich fünf auf Heidelberger Ressourcen, vier auf
Harvard und einer auf ein Angebot der UCLA…
Letztendlich ist es wohl dieser digitale Bereich, in dem man noch am
ehesten von einem Zusammenwachsen der Bibliotheken sprechen kann. Die
Möglichkeiten der Zusammenarbeit sind beinahe unbegrenzt, und von den
Ergebnissen dieser Zusammenarbeit können alle profitieren. Unsere
Bereichsbibliothek Ostasien will die Möglichkeiten in diesen Bereichen
auch in Zukunft intensiv ausloten und weiter entwickeln.
SHAN bedankt sich herzlich für das Interview!
Das Interview führte Fabienne Wallenwein
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Musik zwischen den Welten – Jesuiten in Peking
Manchmal schließen sich Kreise. In der Adventszeit 2009 bekam ich vom Leiter des Chores der Beitang 北堂oder Xishiku Jiaotang
西什庫教堂, der ehemaligen Jesuitenkirche in Peking, einen Packen Noten in
die Hand gedrückt. Mit den Angaben „Ricci 6.1, Realisation François
Picard“ oder „Li Madou 利瑪竇 Xiqin Quyi 西琴曲意 Mutong You Shan
牧童游山“ konnte ich nicht viel anfangen. Mir blieb nur übrig mich über die
sonderbaren Klänge zu wundern, die dort niedergeschrieben waren:
Chinesische Texte kombiniert mit europäischem Kontrapunkt oder
Basso Continuo als Begleitung für leicht chinesisch anmutende
Melodien.
牧童游山 http://www.youtube.com/watch?v=69XG5VlHi48
胸中庸平 http://www.youtube.com/watch?v=056piLwU5BE
Was also hatte es mit diesen seltsamen Stücken auf sich? Sie sind
Arrangements des genannten François Picard, einem Ethnomusikologen.
Zugrunde liegen Ihnen von Matteo Ricci verfasste chinesische Texte, die
als Verse der „Lieder für Cembalo“ Xiqin Quyi 西琴曲意 überliefert
sind. Da die Melodien, zu denen diese Texte in China gesungen wurden,
leider unbekannt sind, hat Picard sie zu barocken Stücken gesetzt. In
Kooperation mit dem Ensemble „Musique des Lumières“ unter Leitung Jean
Christophe Frischs wurden die Lieder aufgenommen und 2003
veröffentlicht.
Teodorico Pedrini
Doch die Ricci-Lieder sind nicht die einzigen Zeugnisse
chinesisch-westlicher Musikbegegnungen. Schon 1996 spielte das Ensemble
eine erste CD ein, auf der fünf Sonaten für Violine zu hören sind, die
Teodorico Pedrini in Peking schrieb. Pedrini ist dafür bekannt, dass er
das erste chinesische Werk über westliche Musiktheorie vollendete, das
律呂正義續編, das Kaiser Kangxi bis 1713 kompilieren ließ. Außerdem baute er
eine Orgel für die Beitang 北堂. Die Manuskripte der 12 Sonaten op. 3 blieben in der Bibliothek der Beitang aufbewahrt und sind heute die einzigen überlieferten, in China komponierten europäischen Stücke aus dem 18. Jahrhundert.
Pedrini: Sonata I en La majeur (violin) http://www.youtube.com/watch?v=JmJd2mYw-Mg
Musik einer Messe der Jesuiten
Eine zweite CD des Ensembles rekonstruiert eine Messe, wie sie die
Jesuiten in Peking gefeiert haben könnten. Dabei blieb merklich viel der
Interpretation Picard und Frischs überlassen. Natürlich kann man nicht
hoffen mit Hilfe dieser CDs in die Vergangenheit hören zu können. Vor
diesem Problem steht man aber genauso, wenn man moderne Aufnahmen von
Kompositionen des europäischen Barocks hört. Dort ist wohl nur die
Quellenlage eindeutiger. Aber das Hören regt zumindest zu Überlegungen
über verschiedenste Musiktraditionen und den frühen Austausch zwischen
ihnen an. Aber die Vorstellung an solch einer Messe teilzunehmen, ob nun
bewusst historisch hörend oder zukunftsträumerisch, reizt wohl jeden.
Amiot: Messe des Jésuites de Pékin http://www.youtube.com/watch?v=5b_ZjTnAGV8
Eine dritte CD, auf der auch Picards Ensemble Meihua Fleur de Prunus zu
hören ist, kombiniert ebenso Europäisches und Chinesisches und füllt
historische Lücken genauso gewieft wie die vorherigen Ausgaben. Vor
allem wird deutlich, welch große Rolle Instrumentation für die
ästhetische Wahrnehmung einer Komposition spielt.
Hier kann probegehört werden:
http://www.cduniverse.com/search/xx/music/pid/3442116/a/Chine%3A+Jesuites+And+Courtisanes.htm
2003 schließlich kam die Aufnahme heraus, auf der unter anderem die
oben beschriebenen Lieder Riccis zu hören sind. Der Chor der Beitang
trat in Kooperation mit dem Musique des Lumières, das sich schon für
die ersten CDs der Unterstützung chinesischer Musiker bedient hatte. So
klärt sich auch wie ich an die Noten kam: Die Arrangements wurden Teil
der allwöchentlichen Messe in der Beitang. So schließt sich ein
Kreis für Ricci. So schließt sich auch ein Kreis des Wunderns für mich:
Nach dem Hören der Aufnahmen konnte ich die Noten aus einem großen
Stapel hervorziehen und mitsingen.
CDs:
Teodorico Pedrini: Concert Baroque a la cité interdite (Audivis Astreé: E8609, rec. 1996)
Messe des Jesuites de Pekin (Audivis Astreé: E8642, rec. 1998)
Chine: Jésuites & courtisanes (Buda Records 1984872, rec. 1999)
Vêpres à la Vierge en Chine (K617 K617155, rec. 2003)
Odila Schröder
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Leises Erscheinen: Ein Interview mit Li Ers Übersetzerin Thekla Chabbi
SHAN: Frau Chabbi, wie sind Sie zum Sinologiestudium gekommen?
T. Chabbi: Ich war immer an Sprachen interessiert. Daher wollte ich
eigentlich Französisch und Chinesisch studieren, um Dolmetscherin zu
werden. Doch das war nach meinem damaligen Kenntnisstand nur in
Germersheim möglich, und dort war der Numerus Clausus sehr streng. So
habe ich 1990 begonnen in Trier Sinologie zu studieren. Den intensiven
Sprachunterricht haben von anfänglich zwanzig Studierenden nur zehn
Studenten bis zum Schluss durchgezogen.
Nach dem zweiten Semester hatten meine Kommilitonen und ich in den
Semesterferien das erste Mal die Gelegenheit nach China zu reisen. Dabei
hat sich bewahrheitet, dass das Land keinen gleichgültig lässt und zum
Teil sogar stark polarisiert: manche empfinden Liebe, manche gar Hass,
und so haben einige das Sinologiestudium, nach ihren Erfahrungen mit der
Realität vor Ort, abgebrochen.
Haben Sie sich schon früh für eine berufliche Orientierung entschieden?
Schon während des Studiums habe ich journalistisch gearbeitet und in
diesem Bereich auch Praktika, u.a. bei der Deutschen Welle, absolviert.
Für den RPR (Rheinland-Pfälzischer Rundfunk) war ich als freie
Mitarbeiterin tätig. Parallel zum Studium bot es sich auch immer an als
Studienreiseleitung gleichzeitig etwas dazu zu verdienen, Erfahrungen zu
sammeln und möglichst oft nach China zu reisen.
Nach Studienabschluss wäre ich gerne beim Journalismus geblieben, doch
das hat leider nicht geklappt. Deshalb habe ich dann bei einigen
Stationen in Jobs ohne Chinabezug gearbeitet. Im Jahr 2004 habe ich mich
dann für die Selbstständigkeit entschieden und eine eigene Sprachschule
eröffnet. Seither unterrichte ich dort sowie bei anderen Institutionen
und Firmen Chinesisch und habe auch ein eigenes Chinesisch-Lehrbuch
publiziert. Außerdem mache ich interkulturelle Managertrainings zu
China.
Und parallel zu dieser Tätigkeit arbeiten Sie als Übersetzerin?
Übersetzen ist eine sehr interessante Arbeit, die es einem selbst
erlaubt ganz tief in eine Thematik oder eine Geschichte einzutauchen, um
dem Publikum eine neue Welt zu erschließen. Doch von der Arbeit als
Übersetzerin allein kann man nicht leben. Dafür ist der Zeitaufwand, den
man benötigt, zu groß und das Honorar, das man als Übersetzer für
Chinesisch pauschal pro Seite erhält, zu gering. Bei jedem Satz muss man
sich zunächst in die ganz andere sprachliche Struktur ein denken.
Oftmals gilt es einen Satz in der Übersetzung vollkommen zu
transformieren.
Wie kam denn der Kontakt mit Li Er zustande?
Zunächst habe ich mich in China umgehört und vor Ort nach einem
interessanten Autor gesucht. Denn ich wollte gerne neben dem
Sprachunterricht auch als Übersetzerin, zunächst für Kurzgeschichten,
arbeiten. So bin ich auf Li Er gestoßen, dessen Kurzgeschichten sehr
interessant sind. Die Suche nach einem deutschen Verlag war dann sehr
schwierig. Außerdem führen Verlage neue Autoren nur über einen Roman
ein. Deshalb habe ich mich entschieden zuerst Li Ers zweiten Roman Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt
ins Deutsche zu übersetzen. Meine Hoffnung war dabei, dass die Themen
dieses Romans für ein deutsches Publikum leichter zu verstehen wären als
Koloratur, Li Ers erster Roman, den ich dann im Anschluss übersetzt habe. Schließlich hat sich der dtv Verlag vom Konzept des Granatapfelbaum
überzeugen lassen. Zur Frankfurter Buchmesse 2009, als China Gastland
war und viele Verlage Bücher mit diesem Schwerpunkt herausbrachten, ist
dann Koloratur bei Klett Cotta erschienen.
Sind Li Ers Romane auch noch in weitere westliche Sprachen übersetzt worden?
Nein, bisher gibt es nur die deutsche Übersetzung und einen Vertrag mit Italien. Koloratur
wurde aber ins Koreanische übersetzt. Zeitgenössische chinesische
Literatur ist nach wie vor schwer in anderen Ländern zu vermitteln.
Könnten Sie kurz den Inhalt und die Themen des Romans zusammenfassen?
Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt ist eine
Gesellschaftssatire. Der Roman spielt auf dem Land, in einem kleinen,
scheinbar fortschrittlichen Dorf mit einer Bürgermeisterin an der
Spitze. Anfangs überwiegt der Eindruck eines harmonischen Miteinanders,
doch hinter den Kulissen bestimmt eine Vielzahl von Konflikten und
Intrigen das Zusammenleben der Dorfbewohner. Ihre Gemeinschaft zerfällt
zusehends im Streit über die Umsetzung der Ein-Kind-Politik,
Zugeständnisse an einen möglichen Investor und (religiöse) Toleranz. Je
weiter die Handlung fortschreitet, desto mehr zeigt sich die eigentliche
Rückständigkeit und das Unverständnis der Dorfbewohner dafür, was
Fortschritt in Wirklichkeit bedeutet. Dabei stellt dieses Dorf den
chinesischen Mikrokosmos dar und behandelt Themen von nationaler
Tragweite.
Wie wurde dieser Roman in China von Kritikern und Lesern aufgenommen?
Er war sehr erfolgreich. Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt
erhielt 2003, nach seiner Vorabveröffentlichung in einer
Literaturzeitschrift, den Preis der Literaturkritiker für die beste
Erzählung. Im Jahr 2004 wurde er mit dem Leserpreis für den besten
Roman ausgezeichnet. Im März 2005 bekam Li Er dann außerdem den Großen
Medienpreis für chinesisch-sprachige Literatur 2004 in der Kategorie
Belletristik verliehen. Dabei interessieren sich viele chinesische Leser
in den Städten nicht für die Geschehnisse auf dem Land. Dementsprechend
gab es auch folgende Argumentation zu hören: „Was mit den primitiven
Bauern passiert, will niemand lesen. Es interessieren nur Geschichten
von erfolgreichen Persönlichkeiten, die höher stehen als man selbst.“
Doch wenn sich Leser intensiver mit dem Roman auseinander setzen,
erkennen sie meist rasch den größeren Zusammenhang und die
gesellschaftskritischen Metaebene.
Erzählen Sie uns von dem Autor hinter diesem interessanten Roman!
Li Er ist in der Volksrepublik China sehr angesehen und gilt als einer
der besten und anspruchsvollsten Autoren der Gegenwart. Heute sind
seine Roman Pflichtlektüre im Literaturstudium. Ursprünglich stammt Li
Er aus der Provinz Henan und hat lange an der Fudan Universität in
Shanghai gelehrt. Bis August dieses Jahres war er hauptberuflich Autor,
jetzt hat er eine hohe Position am Pekinger Literaturmuseum 文学博物馆 (wenxue bowuguan) inne.
Zu Li Ers Popularität hat auch die Presse und PR für seine Romane in
Deutschland beigetragen, die dann nach China „zurückgeschwappt“ ist. Als
Bundeskanzlerin Angela Merkel 2008 in Peking war, hatte sie als
Gastgeschenk für Präsident Hu Jintao die deutsche Ausgabe von Li Ers Granatapfelbaum
dabei. Außerdem hat sie sich bei diesem Besuch in China auch zu
Hintergrundgesprächen mit dem Autor getroffen. Das war für ihn als eine
Anerkennung über die Landesgrenzen hinaus ein fantastischer
Popularitätsschub.
Und wie waren die Reaktionen auf Koloratur?
Es gibt zunächst einmal eine interessante Vorgeschichte zur Veröffentlichung des Romans Koloratur.
Li Er hatte ein Angebot eines kleinen Verlags, der ihm eine Auflage von
einer Million Exemplaren versprach. Doch dann kam der Lektor des
Pekinger Volksverlags 人民出版社 (renmin chubanshe) mit einem neuen
Vorschlag auf den Autor zu und schlug vor, lieber in einer kleineren
Auflage von zunächst 30 000 Büchern zu beginnen und dann nachzudrucken.
Denn seiner Meinung nach werde das Buch ansonsten nach kurzer Zeit
zensiert und aus den Buchläden verbannt. Li Er hat sich schließlich für
die „leisere“ Variante der Erscheinung entschieden, und der Erfolg hat
ihm Recht gegeben: der Roman konnte sich so langsam, aber sicher
etablieren.
Entspricht dieses „leise“ Erscheinen des Romans seiner „leisen“ Kritik?
Ja, man könnte sagen, dass der Roman Koloratur sehr geschickt
und doch beißend Kritik übt. Das zentrale Thema ist die Aufarbeitung
und der Umgang mit Geschichte und die Beurteilung historischer
Wahrheiten. Die Geschehnisse der 40er Jahre werden im Rückblick aus drei
Perspektiven nacherzählt. Der Protagonist Ge Ren, um den alle Personen
und Ereignisse kreisen, kommt selbst nicht zu Wort. So bleibt seine
Figur rätselhaft und widersprüchlich. Doch eben diese Widersprüche sind
meiner Meinung nach eine zentrale Botschaft Li Ers. Denn er will den
Leser dazu befähigen selbst zu entscheiden, was Lüge und was Wahrheit
ist, wer Geschichte schreibt und wer Geschichte verfälscht. Dazu muss
jeder Einzelne das Mosaik vieler verschiedener Erzählungen
zusammensetzen und sich ein eigenes Bild machen.
Ist die Figur des Ge Ren also ein Jedermann und gleichzeitig ein Ideal?
Ja, Ge Ren ist auf jeden Fall der Gesellschaft seiner Zeit voraus und
verkörpert einen Idealismus, der in seinem Außenseiterdasein zum
tragischen Scheitern verurteilt ist. In die Gestaltung seiner Figur hat
Li Er westliche Denkweisen einfließen lassen: u.a. Elemente der
Philosophie Nietzsches, von Ibsens Peer Gynt und aus Shakespeares Macbeth.
Somit steht Ge Ren für einen Austausch, denn er hofft auf einen wahren
Wandel der Gesellschaft nach der Revolution 1911, der seiner Meinung
nach jedoch nur durch einen Impuls von außen kommen kann. Gleichzeitig
kann Ge Ren den Kampf für eine gesellschaftliche Veränderung nur
leise, doch beständig im Untergrund führen; sein Tod als Märtyrer würde
schließlich nicht zu einer Besserung beitragen.
Ist das auch die Situation in der sich der Li Er befindet?
Ja, ebenso geht es dem Autor. Er will weiter im Land bleiben, um zu
aktuellen Themen in der Gesellschaft und in seiner Muttersprache zu
schreiben. Also bleibt er in seiner Kritik indirekt und allegorisch.
Hier in Deutschland hingegen gilt es ja oft als eine Art
Verkaufsargument, wenn ein Autor als Dissident bezeichnet wird oder
seine Werke verboten werden. Aber wenn ein Werk in China als politisch
subversiv oder pornografisch zensiert ist, spricht das ja nicht
automatisch für seine literarische Qualität! Oftmals sind diese Bücher
auch nicht wirklich verboten, sondern in China immer noch erhältlich.
Hat Li Er denn schon einen weiteren Roman in Planung und Sie eine weitere Übersetzung?
Im Moment konzentriere ich mich auf meine interkulturellen Seminare
und den Sprachunterricht. Li Er hat sich erst vor kurzem nach längerer
Pause bei mir gemeldet. Er arbeitet gerade an seinem dritten Roman, doch
wollte er vor einer Veröffentlichung nochmals große Passagen
überarbeiten. Also werden wir wohl noch eine Weile auf sein neues Buch
warten müssen.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Chabbi!
Helen Hübner
Li Er
Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt
dtv, München 2007
ISBN-10 3423245956
ISBN-13 9783423245951
380 Seiten
Li Er
Koloratur
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2009
ISBN-10 3608937943
ISBN-13 9783608937947
440 Seiten
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雷 – Gewitter
Gewiss kennt jeder das Gefühl „wie vom Blitz getroffen“ zu sein. Im
alten Chinesisch gibt es eine ähnliche Redewendung: 晴天霹雳. Sie
beschreibt einen Blitz an einem sonnigen Tage. Diese Redewendung wird im
Alltag negativ benutzt, wenn zum Beispiel ein Freund in einen Unfall
geraten ist. Aber es gibt auch bestimmte Momente, in denen man einen ein
Ereignis oder eine Geschichte überraschend, absurd, unangenehm oder
lächerlich findet und deshalb keinen weiteren Kommentar dazu geben will.
Das nennen die jungen Leute nicht mehr Blitz, sondern Gewitter.
Das Gewitter 雷 lei lernt man in den ersten
Chinesischlektionen. In einem normalen Kontext ist 雷 ein Substantiv und
beschreibt ein Naturphänomen. Aber die Netizens benutzen es als Verb und
Adjektiv, um ihre Gefühle ironisch auszudrücken. Ob einem die Situation
gefällt oder nicht, alles, was einem erstaunlich erscheint, kann man
mit 雷 kommentieren. Die genaue Entstehung dieses Wortgebrauchs kann man
schon nicht mehr nachvollziehen. Man weiß nur, dass in manchen Dialekten
雷 als Verb benutzt werden kann und „schlagen“ bedeutet .
Beispiele:
你看今年中央电视台的春节晚会了吗? 实在是太雷人了啊!
Hast du die Frühlingsfest-Gala von CCTV angesehen? Die war unglaublich schlecht!
你看过那个女明星素颜的照片吗?雷死我了!根本都认不出来是她!
Hast du schon mal die Fotos von der Schauspielerin ohne Make Up
gesehen? Ich bin wie vom Blitz getroffen! Man kann sie fast nicht
erkennen!
这个故事太雷了!
Ich kann diese Geschichte kaum glauben!
你刚刚的表情好雷啊!
Ich möchte keinen Kommentar zu deinem Gesichtsausdruck von vorhin geben!
Xiangling He
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Ein Vierteljahrhundert Heidelberger Ostasienwissenschaften
1986 war nicht nur ein Katastrophenjahr, sondern für die Heidelberger
Uni ein Neuanfang, der gefeiert werden sollte. Zu dieser Zeit war das
Interesse an China und Japan besonders groß. (Vgl. SHAN-NL Nr. 55, August 2011)
Umzug von Sinologie und Japanologie
Vor 25 Jahren wurde nicht nur die erste Japanologieprofessur mit
Wolfgang Schamoni, sondern auch die nach der Emeritierung von Professor
Debon vakante Sinologieprofessur mit Rudolf Wagner besetzt. Zur gleichen
Zeit war auch schon die Schaffung einer zweiten (modernen)
Sinologieprofessur in die Wege geleitet worden. Die Japanologie befand
sich damals in der Landfriedstrasse, die Sinologie in der Sandgasse –
beide zogen dann in den neunziger Jahren in die Akademiestrasse in der
1919 die Heidelberger Sinologiegeschichte begonnen hatte. (Vgl. SHAN-NL Nr. 33, Mai 2009)
Ostasiatische Kunstgeschichte
Wenig veränderte sich damals bei der Ostasiatischen Kunstgeschichte, Professor Seckel (Vgl. SHAN-NL Nr. 55, August 2010)
war schon länger emeritiert und weiterhin sehr präsent, sein Nachfolger
Lothar Ledderose schon länger im Amt. Sie hatten in einem Altbau am
Uniplatz angefangen und zogen später in die Seminarstrasse. Debon,
Ledderose, Seckel und Wagner waren alle Kollegen bzw. Schüler von
Wolfgang Bauer, der nach seiner Heidelberger Zeit in München
unterrichtete. (Vgl. SHAN-NL Nr. 17, Dezember 2007)
Dozenten und Studenten
Ein Schüler der alten Professoren, der damals schon selbst
unterrichtete, war Lothar Wagner, eine langjährige Sprachlehrerin war
Frau Roske, später kamen dann Frau Brexendorff, Frau Stähle und Herr
Spaar hinzu. Zu den Studierenden der siebziger und achtziger Jahre
gehörten – unter vielen anderen – Volker Klöpsch, Anne Labitzky,
Ulrike Middendorf, Ylva Monschein und Sabine Hieronymus.
Im folgenden Jahr – 1987 – konnte man dann den 25. Jahrestag der
Berufung Wolfgang Bauers und der Neugründung der Heidelberger Sinologie
(1962) feiern; damals wurde auch das SAI gegründet.
Literatur:
T. Kampen: Sinologie im 20. Jahrhundert: Heidelberg Deutschland International, Heidelberg: Mattes Verlag, 2011.
Dr. Thomas Kampen
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Nachruf auf Holger Kühnle
Holger Kühnle
(23. März 1963 – 28. November 2011)
Eines Nachts im Oktober 2007 ist Holger Kühnle aufgrund von starken
Rückenschmerzen in der Bibliothek des Seminars für Sinologie der
Universität Heidelberg gestürzt. Eine gute Stunde ist er auf dem Boden
gelegen, bevor er Hilfe rufen konnte. Das Ereignis führte zur Entdeckung
seiner Erkrankung, des Knochenmarkkrebs (Multiples Myelom), der ihn bis
zu seinem Lebensende verfolgte.
Er wurde im Klinikum der Universität Heidelberg behandelt.
Erholungsphasen und Rückschläge wechselten sich ab. Doch blieb er stets
optimistisch seiner Erkrankung gegenüber. In Phasen der vermeintlichen
Besserung bis in die letzten Wochen hat er Fachbücher für seine Studien
gekauft und an seiner Promotion weiter gearbeitet. Sogar seine
Nebenbeschäftigung als Lektor, die er mehr oder weniger freiwillig
machte, hat er nicht ruhen lassen. Seine Freunde hörten von ihm kaum,
dass es ihm schlecht gegangen wäre. Viele wunderten sich, dass er seit
Anfang November 2011 nicht mehr ans Telefon ging. Alle Freunde waren
sehr bestürzt, am 27. November von seinem Vater zu hören, dass Holgers
Ärzte für ihn das Ende kommen sahen. Viele versuchten noch, ihn zu
sehen, aber es gelang nur einer. Kurz vor 14 Uhr am 28. November ist er
in der Klinik im Beisein seiner Eltern für immer eingeschlafen.
Schulzeit und Studium
Holger Kühnle wurde am 23. März 1963 geboren und ist zusammen mit
seiner 1964 geborenen Schwester Ulrike in Worms aufgewachsen. Nach
seiner Schulzeit legte er 1982 am Eleonorengymnasium in Worms sein
Abitur ab, anschließend absolvierte er den Bundeswehr-Grunddienst in Bad
Reichenhall und in Lahnstein.
Danach entschied er sich, das Studium mit klassischer Sinologie als
Hauptfach und moderner Sinologie und politischer Wissenschaft als
Nebenfächer an der Universität Heidelberg zu beginnen. Seine
sinologischen Studien vertiefte er 1987 bis 1988 bei einem
Auslandsaufenthalt auf Taiwan. Im Sommersemester 1994 bestand Holger
seine Magisterprüfung. In seiner Magisterarbeit, „Die Entdeckung des
Erlebnisses im Traum – Über das schriftliche Mitteilen von Träumen bei
Su Shi“, befasste er sich intensiv mit Traumberichten des renommierten
Politikers und Dichters Su Shi 蘇軾 (1037-1101), dessen Charakter Holger
sehr schätzte.
Dissertation
Zwischen 1995 und 2002 hat er Prof. Dr. Rudolf Wagner, Prof. Dr.
Catherine V. Yeh und Prof. Dr. Alexander L. Meyer bei mehreren
Buchpublikationen assistiert, wobei er im Wintersemester 1995/96 auch
stellvertretend als Assistent von Prof. Wagner wirkte.
Es folgten seit 2003 viele Jahre der Vorbereitung seiner Dissertation
mit dem Thema „Wie aus einem Text etwas Gelesenes wird“, die er aufgrund
seiner Erkrankung nicht mehr zu Ende bringen konnte. Seine Dissertation
behandelt u.a. die Rezeptionsgeschichte des Textes „Zhou Qin xingji
周秦行記“ aus der Tang-Dynastie 唐 (618-907).
Erinnerungen an Holger Kühnle
Er beeindruckte zahlreiche Mitglieder des sinologischen Kreises durch
sein unwahrscheinlich umfassendes Fachwissen, enzyklopädisches
Allgemeinwissen und eine virtuose sprachliche Kunst, sein Wissen zu
präsentieren, und nicht zuletzt durch seinen feinen Humor. Außerdem
bleibt er in der Erinnerung vieler als ein intensiver Leser in der
sinologischen Bibliothek, ein beharrlicher Forscher in der klassischen
Sinologie, ein hilfsbereiter Lektor sowie ein engagierter und
aufgeschlossener Kollege, der sich regelmäßig in verschiedensten
Fachforen und Mailing-Listen (u.a. H-Asia, H-Soz-u-Kult, SINOINFO) zu
unterschiedlichsten Themen zu Wort meldete. Da seine nicht
fertiggestellte Dissertation bisher in seinem passwortgeschützten
Rechner verschlüsselt bleibt, zählen über tausend Bücher zu seinem
wichtigsten Nachlass.
Für Holger war die kühne und ungezwungene Literatenfigur Su Shi
jemand, mit der er sich in gewissem Maße identifizierte. „Mit
Bambusstock und Schilfsandalen [ausgestattet, fiel es mir] leichter als
würde ich von einem Pferd [getragen]. Warum soll ich Furcht haben? Mit
einem Strohumhang überlasse ich mein ganzes Leben dem diesigen Regen:
竹杖芒鞋輕勝馬, 誰怕? 一簑煙雨任平生“ – seine Lebenszeit lässt sich mit dem obigen Vers
Sus porträtieren. Und nun, „ich kehre zurück, vernehme weder Sturm noch
Regen: 歸去, 也無風雨也無晴“[1].
Um Holger trauern außer den Eltern noch seine Schwester und deren
Tochter. Mit seinen Angehörigen erwiesen viele Freunde der Familie und
Weggefährten aus dem sinologischen Institut Heidelberg Holger auf dem
Hauptfriedhof in Worms die letzte Ehre. Holgers Eltern, seine Schwester
und seine Nichte Tatjana empfanden diese Bekundung des Mitgefühls als
eine große, wohltuende Geste des Trostes und danken dafür herzlich.
SUN Hui (Heidelberg)
Anmerkungen:
[1] Für die obigen zwei Verse siehe Su Shi 蘇軾: „Ding Fengbo 定風波“, in: Dongpo yuefu 東坡樂府. Shanghai: Shanghai Guji Chubanshe 1979, S. 32.
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