INHALT

Alle Wege führen zu Konfuzius

Das Konfuzius-Institut hatte Wolfgang Kubin nach Heidelberg
eingeladen um die Aktualität des frühen konfuzianischen Denkens zu
veranschaulichen und sein neues Buch „Konfuzius Gespräche“ vorzustellen.
Jason Franz berichtet hier für SHAN von seinen Eindrücken von Kubins
Vortrag.

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Sinologie vor 35 Jahren: Ein Vorlesungsverzeichnis vom WS 1976/77

Das Jahr 1976 gehörte zu den
dramatischsten in der Geschichte der Volksrepublik China. Die Ereignisse
wurden auch in der deutschen Sinologie heiß diskutiert. Wer würde nun
den weiteren Kurs der Volksrepublik bestimmen: die Linken oder die
pragmatische Fraktion der Wirtschaftsreformer um Deng Xiaoping?

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Zhouzhuang: Das alternative „Venedig des Ostens“?

Pünktlich zum allgemeinen Reisefieber
während der vorlesungsfreien Zeit gibt Fabienne Wallenwein in diesem
Newsletter Tipps für ein wenig bekanntes Ziel. Das Stadtbild von
Zhouzhuang (周庄镇) prägen Flusslandschaften und traditionelle Bauten,
wobei die Atmosphäre noch wenig vom Tourismus bestimmt ist. 

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Sprachkolumne: 剩女  –  Left over Ladies

Vor einigen Wochen wurde in China das Frühlingsfest gefeiert. Doch
nicht alle freuten sich auf das Wiedersehen mit der Familie, viel
leckeres Essen und die Tage im Kreis der Lieben. Denn allzu neugierige
Verwandte stellen unter Umständen gerne und viele Fragen über
Zukunftspläne und – wünsche. Besonders
gefürchtet:“有对象了吗?“   

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Von der Frankfurter Schule zur Pekinger Akademie 

Du Renzhi und Liu Shimu studierten in Deutschland und Österreich,
u.a. bei den Philosophen auf der Frankfurter Schule. Nach der Gründung
der Volksrepublik China stiegen die Freunde zu führenden Akademikern.
Doch die spannendste Periode in beiden Biographien ist die Phase der
Spionageaktivitäten im Kreis Richard Sorges.

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Wolfgang Kubin über Konfuzius

Am 16. Februar lud der laut Wikipedia zu den „wichtigsten Sinologen in Deutschland“ zählende Theologe und Philosoph Wolfgang Kubin im Heidelberger Konfuzius-Institut zum „Philosophieren mit Konfuzius“ ein. Dabei strebte er gemäß seiner akademischen Selbstverortung nicht nur eine philosophische, sondern auch eine religiöse Tiefe an.

Unter dem Hinweis, dass sich das Selbst dem eigenen Blick entzieht und sich immer nur mittelbar über den Anderen offenbart, ließ sich für Kubin auch das Denken des Konfuzius nicht aus sich selbst, sondern nur über den Umweg begreifen. Doch Umwege gibt es ja bekanntlich viele
ungeachtet ihrer Länge führen sie alle irgendwann nach Rom (oder zu
Konfuzius) und daher auch (letztendlich) nicht in die falsche Richtung.

Kubin führt seinen Umweg über die deutsche Philosophie,
mit der allein sich nach seiner Überzeugung das Denken des Konfuzius
begreifen lasse – ob man nun Chinese, Franzose oder Deutscher ist. Als
Lichter auf seinen verschlungenen Pfaden dienen ihm dabei neb
en Hegel auch die wenigen anderen, hellen Köpfe, die sich in seine strahlende, zu
allen Zeiten so schmal verlaufende Linie der „zum Denken Befähigten“
einreihen und leider nur so selten das geistige Dunkel der Sinologen zu
durchdringen vermögen („Sinologen können nicht denken!“)
.

Zu den großen Geistern zählt Kubin  François Jullien (Éloge de la fadeur, A partir de la pensée et de l’esthétique de la Chine, 1991) und Otto Friedrich Bollnow (Vom Geist des Übens, 1978), in deren Werken die Kerngedanken des Konfuzius so „grandios“ wieder in Erscheinung treten:

 

(1.) die Ästhetik der Leere und die Betonung des Noch-nicht-Gestalt-gewordenen, das, „im Gegensatz
zu Lady Gaga“ und ihren täglich wechselnden Outfits“, seine ganze
Potentialität noch in sich trägt. Mit Hegel gesprochen, es geht um das
Für-sich-sein, nicht um das An-sich sein. „Der chinesische Geist
entzieht sich dem Bereich des Sichtbaren“ sagt Kubin und weist dabei auf
die
großflächigen
Leerbereiche in den Malereien der Song-Zeit hin – oder auch auf die zu
deutenden, „stillen Sprüche“ zwischen den Zeilen des Konfuzius.

(2.) Die grundlegende Bedeutung des Übens. Kubin begreift ebenjenes einerseits im Sinne des Prinzips von „lernen, üben, Freude machen“ (學而時習之不亦悅乎), das uns als „Geschöpfe der Wiederholung“ durch gegenseitiges Nachahmen und Nachsprechen zu Menschen und Mitmenschen macht.
Andererseits betont er aber auch seine Einbettung in den Zusammenhang
von „Übung – Gelehrsamkeit – Ehrfurcht“ (Übung als Brücke zwischen
Vergangenheit und Gegenwart). Kubin stellt so die Verbindung zur
Ahnenverehrung, und damit zur Religion, her. Möglicherweise unter
Bezugnahme auf die zuvor erläuterte „Leere“ (hier müssen jetzt die
stillen Sprüche im Vortrag Kubins gedeutet werden), interpretiert er
dabei auch die von Konfuzius geforderte Distanz zu den Göttern („von den
Göttern sollst du dich fernhalten“) als eine Ehrfürchtige, die das
Heilige markiert. Sie drückt also gerade die Verehrung und nicht die
Abkehr von der Religion aus. Kubin – der Bekehrte – geht also mit dem
K-Trend, den er – der beständig gegen Ströme schwimmende Fisch –
zunächst als wider die Moderne (oder als Flucht aus derselben) markiert
und „übt“ sich, Demut zelebrierend („Wenn ich mit dreien zusammen bin,
dann ist unter ihnen mein Lehrer“
三人行必有吾師) in den bekanntesten Zitaten des Konfuzius.

Kubin vermittelt seine Gedanken zu Konfuzius in der ihm eigenen, so erheiternd-provokanten Weise – mal spricht er
die Worte rau wie Sandpapier, mal belegt er sie mit der Weltenmüdigkeit
des Zu-viel-wissenden. Kubin gestaltet seinen Vortrag mit so
erfrischender Endzeitstimmung („Hat man am Morgen das Dao gefunden, kann
es angehen, am Abend zu sterben“:

聞道夕死可矣), dass man sich seiner Gedanken und seiner Anwesenheit in
Heidelberg einfach erfreuen muss. Selbst wenn man Ansichten vertritt,
denen Kubin mit seinen absoluten Aussagen keinerlei Geltung einräumt.

 

Jason Franz, Odila Schröder

 

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Sinologie vor 35 Jahren: Ein Vorlesungsverzeichnis vom WS 1976/77

Das Jahr 1976 gehörte zu den
dramatischsten in der Geschichte der Volksrepublik China. In den ersten
neun Monaten des Jahres starben die drei bekanntesten Politiker der KP:
Zhou Enlai, Zhu De und schließlich Mao Zedong. Im Frühjahr folgte dem
Tian’anmen-Zwischenfall die Absetzung Deng Xiaopings.
Im Sommer schockierte das schwere Erdbeben von Tangshan, das auch in
Tianjin und Beijing großen Schaden anrichtetete, das ganze Land. Nach
dem Tod Maos wurde die sogenannte „Viererbande“ verhaftet, der auch Maos
Witwe Jiang Qing angehörte. Der neue „starke“ Mann – Hua Guofeng – war
relativ unbekannt.

 

Die Lücke in der modernen Sinologie wird geschlossen 

In Europa wurden diese Entwicklungen
genau beobachtet und natürlich spielten sie auch in der Sinologie eine
große Rolle. Allerdings gab es in Deutschland nicht viele Institute, die
sich mit dem modernen China befassten; zu den wenigen gehörte das
Ostasiatische Seminar (OAS) an der Freien Universität Berlin. Der
Lehrstuhlinhaber Bodo Wiethoff absolvierte in diesem Winter sein letztes
Semester – Im Frühjahr wechselte er an die Ruhr-Uni Bochum; 1977
gehörte er auch zu der ersten Professorengruppe die die VR China
bereiste ( Sinologieprofessoren in China – Eine bemerkenswerte Reise vor über dreißig Jahren).
Danach bliebe der Lehrstuhl etwa sechs Jahre leer – der Nachfolger
Erling von Mende kam erst in den achtziger Jahren. Das bedeutete, dass
in diesen Jahren der Unterricht vor allem von Assistenten abgehalten
wurde, die meist modern orientiert waren, bzw. sich nach klassischen
Anfängen umorientierten. Zu diesen gehörten Wolfgang Kubin und Rudolf
Wagner, die sich dann in Berlin habilitierten und später im Westen
Deutschlands Professoren wurden. Weitere Dozenten dieser Zeit waren Gerd
Will, heute SWP/Berlin und der beeindruckende Gastprofessor Wolfram
Eberhard aus Berkeley; dieser hatte vor 1933 mit K.A. Wittfogel bei Otto
Franke in Berlin studiert.

 

Verbindungen Berlin – Heidelberg

In den frühen siebziger Jahren war auch Lothar Ledderose in Berlin, wurde aber schon 1976 Professor in Heidelberg („Als Heidelberger Wissenschaftler in China: je länger, je lieber“): er war Nachfolger von Dietrich Seckel, der aus Berlin stammte (Der erste Professor für Ostasiatische Kunstgeschichte: Dietrich Seckel (1910-2007)).
Dies zeigt, dass zwischen Berlin und Heidelberg enge Kontakte
bestanden, auch der spätere Japanologieprofessor Wolfgang Seifert war
vorübergehend am OAS.

Der Oktober 1976 in dem das Semester
begann war also der Monat des Sturzes der „Viererbande“ und des
Aufstiegs Hua Guofengs, in den folgenden Monaten und Jahren folgte dann
das Comeback von Chen Yun und Deng Xiaoping. Dies sorgte zusammen mit
den übrigen Veränderungen dieser Zeit für genügend Gesprächsstoff
innerhalb und außerhalb der Lehrveranstaltungen. Der Streit eskaliert
häufig, was sowohl an der Universität wie auch bei Parteien und
Freundschaftsgesellschaften (und deren Publikationen) deutlich wurde.

Schon die Besuche des Kanzlers Schmidt und des bayrischen
Ministerpräsidenten Strauss (die noch Mao trafen) hatten zu vielen
Kontroversen geführt, der Aufstieg Hua Guofengs und dessen bald folgende
Europareise stifteten weitere Verwirrung, vor allem seine
wirtschaftsfreundliche Politik irritierte viele Linke.

 

Themen des Wintersemesters 1976/77

Die offiziellen Lehrveranstaltungen des
Winters waren natürlich schon im Frühjahr geplant worden, das gedruckte
Vorlesungsverzeichnis spiegelt daher nicht den aktuellen
Diskussionsstand wieder, zeigt aber welche Themen damals im Vordergrund
standen.

Der Professor bot eins seiner
Lieblingsthemen an „Einführung in das Studium der chinesischen
Geschichte (Allgemeine Einführung in die methodologischen Probleme der
transsozietären Erforschung der chinesischen Geschichte)“; daneben
machte er einen Sprachkurs „Chinesische Dokumentensprache“, sowie einen
„Orientierungskurs“.

Interesse an Wirtschaftsthemen gab es
damals schon, so wurde ein Seminar „Zur politischen Ökonomie der
Volksrepublik China“ und eine Übung „Wirtschaftliche und
gesellschaftliche Entwicklung Chinas“ angeboten.

Viele Veranstaltungen hatten recht
umständliche Titel wie „Sozialimperialismus: Die internationale
Literatur zur politischen Ökonomie und zu den Außenbeziehungen der
Sowjetunion seit 1962“  und „Zum Klassencharakter der
Sozialwissenschaften: Die Auseinandersetzung zur Frage der Abschaffung
oder Restauration der Sozialwissenschaften im Sozialistischen Lager“;
außerdem „Die Durchsetzung der marxistischen Pädagogik in China: Die
Debatte über allseitige Erziehung und über die Lehrmethode ‚Anregen zum
selbstständigen Denken‘.“ Und „Studentenbewegung im Kapitalismus und
Sozialismus am Beispiel China und Japans“. Im klassischen Bereich gab es
immerhin „Laozi und Wang Bi“, es wurden aber sonst keine klassischen
Sprachkurse angeboten; mit Erling von Mende und seinen Assistenten
wurden diese später wieder eingeführt.

Im japanologischen Bereich gab es u.a.
eine Übung „Bürgerinitiativen in der BRD und Japan“,  sowie:
„Theorie und Geschichte asiatischer Bauernbewegungen“. Dazu kamen
mehrere Veranstaltungen im Bereich Kultur, der in der Sinologie – bis
zur Ankunft Kubins –  nur schwach vertreten war.

Da zur gleichen Wissenschaftlichen
Einrichtung auch die Ethnologie gehörte, gab es auch noch eine Vorlesung
über „Die Völker Ost-, Zentral und Nordasiens“ sowie eine Übung „Völker
und Kulturen Asiens: Sibirien“ (von einem Museumsangestellten).

Daneben gab es zahlreiche Sprachkurse
für Chinesisch, Japanisch, Koreanisch und Vietnamesisch, obwohl diese
Fach damals gar nicht existierte.

Weitere Veranstaltungen der Politologie und Soziologie können hier nicht aufgeführt werden.

 

Quelle:

Freie Universität Berlin, FB 11 Philosophie und Sozialwissenschaften: Kommentiertes Vorlesungsverzeichnis, WS 1976/77, S. 45-47.

 

 

Dr. Thomas Kampen

 

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Zhouzhuang (周庄)- das alternative „Venedig des Ostens“?

Die ersten Reisen nach China gelten
meist den großen Metropolen: Beijing und Shanghai an erster Stelle. Wer
mehr Zeit hat, fährt von Shanghai aus ein Stück weiter ins Landesinnere,
nach Hangzhou, um den Westsee (Xihu 西湖) zu sehen und nach
Suzhou, weil es wegen der die Stadt durchziehenden Wasserstraßen das
„Venedig des Ostens“ genannt wird. Es ist weniger bekannt, dass es
südlich des Yangtse noch eine Reihe weiterer Städte gibt, die mindestens
genauso beeindruckende Flusslandschaften und traditionelle Bauten zu
bieten haben, wobei die Atmosphäre noch etwas weniger vom Tourismus
bestimmt ist. Eine davon ist Zhouzhuang (周庄镇).

Zhouzhuang gehört zur Stadt Kunshan (昆山)
in der Provinz Jiangsu (江苏) und ist eine repräsentative
„Wassersiedlung“, wie es viele im äußeren Grenzgebiet von Shanghai und
dem Gebiet südlich des Unterlaufs des Yangtse (江南) gibt. So wie sie
heute besteht, wurde die Siedlung im Jahr 1086 gegründet, existierte
allerdings schon seit der Zeit der Frühlings- und Herbstannalen (770-476
v. Chr.), damals noch unter dem Namen Zhenfengli (贞丰里). Der heutige
Name Zhouzhuang entstand im Gedenken an Zhou Digong (周迪功), einen zur
Zeit der Nördlichen Song-Dynastie dort ansässigen Buddhisten, der eine
sehr großzügige Spende zur Restaurierung des Quanfu-Tempels (全福讲寺)
gegeben hatte. Als Zeichen der Dankbarkeit wurde daraufhin die Stadt
nach ihm benannt.

Das Stadtbild ist geprägt von Flüssen
und Wasserstraßen, über die die charakteristischen Steinbrücken führen.
Wie ein Großteil der traditionellen Gebäude stammen sie aus der Ming-
(1368-1644) und Qing-Zeit (1644-1911). Die berühmtesten Steinbrücken und
gleichzeitig das Wahrzeichen von Zhouzhuang sind die Twin Bridges (Shuangqiao,
双桥). Sie wurden in der Ming-Dynastie errichtet und sind im rechten
Winkel zueinander gebaut, wobei die Shide-Brücke (世德桥) von Westen nach
Osten verläuft und einen runden Steinbogen über das Wasser spannt,
während die angrenzende Yongan-Brücke (永安桥) auf der Nord-Süd-Achse liegt
und einen aus Steinbalken errichteten rechteckigen Brückenbogen
besitzt. Da die Twin Bridges in ihrer Erscheinung an traditionelle
chinesische Schlüssel erinnern, werden sie im Volksmund auch
„Schlüsselbrücken“ genannt. Eine Reihe weiterer Steinbrücken, wie die
Fu’an-Brücke (富安桥) beispielsweise, führen über die Wasserstraßen, die
von kleinen Holzbooten in schaukelnden Bewegungen befahren werden.

 

Zhouzhuang ist abgesehen von seiner
pittoresken Schönheit dafür bekannt, dass hier in der Zeit des Übergangs
von der Yuan- zur Ming-Dynastie der reichste Mann im Gebiet südlich des
Unterlaufs des Yangtse gewohnt hat: ein gewisser Shen Wansan (沈万三). Die
Familie Shen, die ursprünglich aus Nanxun (南浔) stammte, floh vor einer
Seuche, die durch eine Überschwemmung ausgelöst worden war, nach
Zhouzhuang. Doch die Mutter und zwei Söhne fielen der Seuche zum Opfer.

Der dritte Sohn, Shen Fu (沈富), verhalf
der Familie zum Wohlstand, indem er nach einem Besuch der Stadt Suzhou
in die Erzeugung von Körnerfrüchten und Seidenwürmern einstieg. Nach dem
Aufstieg zum Großindustriellen änderte er seinen Namen in Shen Wansan.
Das ehemalige Anwesen der Familie Shen ist heute zu einer
Touristenattraktion geworden und im Hof der Anlage wurde zum Gedenken an
Shen Wansan eine riesige goldfarbene Statue desselben errichtet.

Außerdem gibt es eine Reihe von
Spezialitäten in Zhouzhuang, die ihren Namen von diesem großen Gönner
erhalten haben, zum Beispiel Wansan Cake (万三糕) oder auch die Wansan
Schweinekeulen (万三蹄). Die Kuchen wurden traditionellerweise von einem
Teehausbesitzer in Zhouzhuang aus Klebreis hergestellt. Heute werden sie
in vielen verschiedenen Sorten, also auch mit Sesam, Erdnüssen, etc.
hergestellt und in bunten Folien verpackt, um besonders für Touristen
attraktiv zu werden.

Was die Schweinekeulen betrifft, so wird
erzählt, dass Kaiser Zhu Yuanzhang (朱元璋) einmal Gast bei Shen Wansan
war. Bei diesem Besuch wurden auch Schweinekeulen als Teil des Festmahls
aufgetischt. Um Shen Wansan zu testen, soll der Kaiser ihn zunächst
gebeten haben eine Keule zu teilen. Da das Wort für Schwein (Zhu,
猪) jedoch homophon zum Namen des Kaisers ist, konnte dieser die Keule
nicht mit dem Messer teilen, da dies als Zeichen für den Mord am Kaiser
hätte gedeutet werden können und damit für ihn selbst die Todesstrafe
bedeutet hätte. Shen Wansan kam dabei auf die Idee, einen dünnen Knochen
aus der Keule zu ziehen und diese einfach mit dem scharfen Knochen zu
teilen. Nachdem er diese Aufgabe gemeistert hatte, soll der Kaiser
weiterhin gefragt haben, wie man die Speise nenne. Da Shen Wansan auch
in diesem Fall nicht das Wort „Schwein“ verwenden konnte, antwortete er,
man nenne sie „Wansanti“ (万三蹄) und so soll sich der Name der
Spezialität etabliert haben.

Sowohl den Kuchen, als auch den
Schweinekeulen wird nachgesagt, dass Shen Wansan diese Spezialitäten in
großen Mengen bei Festessen mit der Familie oder mit Geschäftspartnern
geordert haben soll. Die Schweinekeulen stehen daher für das
Zusammenkommen und werden heute in Zhouzhuang besonders bei Hochzeiten
und zu anderen Feierlichkeiten bestellt. Aber sie sind längst zum
Verkaufsschlager geworden, sodass sich im Zentrum ein Laden neben den
anderen drängt. Dort bekommt man die Keulen gleich in Metallfolie
verpackt und verschweißt, um sie länger haltbar zu machen und den
Zuhause gebliebenen Angehörigen mitbringen zu können.

Obwohl also der Tourismus langsam auch
in Zhouzhuang angekommen ist, bietet diese Stadt mit ihrer über
neunhundert Jahre langen Geschichte und einem großen kulturellen Angebot
besonders für chinesisch Sprechende eine Alternative zu den
vielbesuchten Metropolen. Außerdem gibt es in der Stadt sehr motivierte
Rikschafahrer, die gerne auch nicht so besuchte Orte vorstellen und
begeistert über die Erzählungen um ihre Stadt berichten. Wer diesen Ort
besuchen möchte, sollte allerdings mehr als einen Tag einplanen, da die
Beleuchtung der Wasserstraßen bei Nacht besonders sehenswert ist.

 

Fabienne Wallenwein

 

Quellen:

http://zhouzhuang.com

http://www.travelchinaguide.com/attraction/jiangsu/suzhou/zhouzhuang.htm

 

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剩女: Left Over Ladies

Unter den Wendungen, die wir bisher in
diesem Kolumne diskutiert haben, ist 剩女 wahrscheinlich die bekannteste.
Von Kindern bis Großeltern, fast alle Altersgruppen verstehen, was damit
gemeint ist. Außerdem kommt diese Wendung nicht nur im Alltagsgespräch
vor, sondern auch in der gesellschaftlichen Diskussionen und in den
chinesischen Medien.

„剩女“, the Left Over Ladies: von der
englischen Übersetzung können Sie vielleicht schon den Sinn dieses
Wortes erraten. Am Anfang war die Wendung nur eine Kreation der Medien
und steht für eine Gruppe von Frauen, die hauptsächlich durch  drei
„S“ gekennzeichnet sind: Single, Seventy und „Stuck“. Der größte Teil
der Gruppe wurde allerdings in den 70er Jahren geboren, also sind die
Damen inzwischen eher in ihren Vierzigern. Im Allgemeinen haben die 剩女
noch andere Gemeinsamkeiten: Sie sehen meist gut aus, haben eine gute
Ausbildung genossen und deswegen auch eine gute Arbeitsstelle. Ihr
Einkommen ist ausreichend, um ihnen ein gutes Leben in den großen
Städten zu garantieren. Eigentlich wären die Damen gute Partien. Aber
sie bleiben dennoch unverheiratet.

Seit Jahren gibt es unaufhörlich
Diskussionen über dieses Phänomen. Der Überschuss an Männern in China
ist auffallend.  Aber der Unterschied zwischen Stadt und Land macht
das Ungleichgewicht schwer lösbar. Die Mehrheit der 剩女 wohnt in großen
Städten wie Peking und Shanghai, während der Großteil der
unverheirateten Männer auf dem Land lebt. Aufgrund der traditionellen
Familienvorstellungen in der chinesischen Kultur ist eine Ehe zwischen
den beiden Gruppen kaum vorstellbar.

Aus Tradition neigen chinesische Männer
dazu jüngere Frauen zu heiraten. Aber wie alt ist noch jung? Nach einer
Umfrage sind Frauen über 28 Jahren für Männer schon „alt“ , aber Männer
erst nach 35 für Frauen. Jetzt können Sie sich vielleicht schon
vorstellen, dass der Heiratsmarkt für manche Frauen ein Kampfplatz 
geworden ist; natürlich auch für ihre Eltern.
Im letzten Monat wurde in China das Frühlingsfest gefeiert. Das vorher
glücklichste Fest für alle Chinesen ist jetzt fast zum Alptraum für die
剩女 geworden. Wenn Sie auch chinesische Freudinnen haben, die älter als
23 sind, kennen sie sicher klassische Frage von den Verwandten und
Nachbaren nur allzu gut: „有对象了吗?“ (Hast du schon einen Partner?)

例:你得赶紧找个对象,否则就要被剩下了!
Du solltest so schnell wie möglich einen Partner finden, sonst wirst du übrig bleiben!

要是你对于对象的要求还是这么高,那就只能当剩女了。
Falls deine Standards für einen Partner immer so hoch bleiben, kannst du nur eine alte Jungfer werden.

就算我真的成了剩女,还可以去参加“非诚勿扰“!
Wenn ich wirklich eine alte Jungfer werde, kann ich mich zumindest noch
für „非诚勿扰 – If You Are the One“ anmelden („If You Are the One“: ist die
populärste Dating Show in China).

 

He Xiangling

 

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Von der Frankfurter Schule zur Pekinger Akademie

Anfang der dreißiger
Jahre studierten zwei junge Chinesen in Deutschland und Österreich, die
später in China für Richard Sorges Spionagering arbeiteten und nach der
Gründung der Volksrepublik China führende Akademiker wurden.

 

Du Renzhi (1905-1988) 

Du (siehe Foto
links) stammte aus der nordchinesischen Provinz Shanxi, studierte
zunächst in Shanghai, wurde 1927 KP-Mitglied, lernte zu dieser Zeit Lu
Xun (Vgl. SHAN-NL Nr. 52, Mai 2011)
kennen und ging 1928 zum Studium nach Deutschland; nach Aufenthalten in
Berlin, Göttingen und Freiburg traf er 1932 in Frankfurt ein. Im Sommer
1932 reiste Du (mit einigen anderen Chinesen) für ein paar Tage nach
Amsterdam und nahm an einem von Willi Münzenberg (KPD) organisierten
Antikriegskongress teil. 

 

Liu Simu (1904-1985)

Liu (siehe Foto
rechts) stammte aus der südchinesischen Provinz Guangdong, lernte schon
als Jugendlicher Englisch und hatte literarische Interessen; er lernte
schon früh die Schriftsteller Liang Zongdai, Lu Xun und Mao Dun kennen.
Er studierte in Guangdong zusammen mit Liao Mengxing, der Tochter des
KMT-Politikers Liao Zhongkai (und Schwester von Liao Chengzhi); nach der
Ermordung des Vaters (1925) lebten die beiden (schon erwachsenen)
Kinder mit ihrer Mutter in Deutschland (Vgl. SHAN-NL Nr. 42, März 2010).

Liu besuchte 1926-27
die Sowjetunion, auf der Rückfahrt mit der Bahn reiste er zusammen mit
Gu Shuxing, der Frau von Chen Hansheng – beide hatten vorher in Berlin
gelebt. Liu arbeitete dann mehrere Jahre in Shanghai und Beijing; in
dieser Zeit besuchte er wiederholt Lu Xun und dessen aus Guangdong
stammende Frau. (Du Renzhi und Liu Simu tauchen beide in Lu Xuns
Tagebüchern auf.)

Liu ging 1932 nach
Deutschland; nach einigen Monaten in Berlin liess er sich in Frankfurt
nieder; in dieser Zeit traf er u.a. den Studenten Wang Bingnan (der
spätere Mann von Anna Wang) und Hu Lanqi, die mit (Sun Yatsens Witwe)
Song Qingling und Liao Chengzhi befreundet war (SHAN-NL Nr. 53, Juni 2011).

 

Station in Deutschland 

Du Renzhi und Liu
Simu sahen in Frankfurt Max Horkheimer (1895-1973), Karl Mannheim
(1893-1947) und K. A. Wittfogel (1896-1988) und hörten einige
Vorlesungen. Ein reguläres Studium war in Frankfurt jedoch wegen der
Flucht mehrerer Mitglieder des Instituts für Sozialforschung (1933)
nicht mehr möglich. Du kehrte schon im Herbst des Jahres in seine Heimat
zurück, Liu ging zunächst nach Österreich, war jedoch Ende 1933 auch
wieder in China. Du arbeitete nun im Untergrund in der Provinz Shanxi,
die ab 1937 zwischen dem japanisch besetzten Hebei und der
kommunistischen Hauptstadt Yan’an lag und daher große strategische
Bedeutung hatte.

 

Kommunistische Agenten

In Shanghai traf Liu
Simu wieder Gu Shuxing, die mit ihrem Mann für Richard Sorges
Spionagering arbeitete und mit Agnes Smedley und Ruth Werner befreundet
war – Sorge selbst war zu dieser Zeit schon in Japan (Vgl. SHAN-NL Nr. 42, März 2010).
Da Liu in den zwanziger Jahren Mitglied der Kuomintang (KMT) gewesen
und nicht der KP beigetreten war, eignete er sich gut für die
Agententätigkeit und wurde ebenfalls angeworben. Mit Hilfe von alten
KMT-Freunden bekam Liu 1934 eine Stelle in der neuen Hauptstadt Nanjing.
Gleichzeitig wurde ihm in Shanghai der Nachfolger Richard Sorges
vorgestellt. Dieser neue Spionagechef wurde allerdings 1935 verhaftet
und da Liu ihn kannte, war er nun selbst bedroht. 

Liu floh nach Shanxi
zu Du Renzhi, der bei dem Warlord Yan Xishan arbeitete (und noch nicht
enttarnt worden war). Da ihm jedoch KMT-Agenten folgten ging Liu dann
zunächst nach Shandong und floh 1936 nach Japan. Im Juli 1937 kehrte er –
kurz nach dem Kriegsausbruch in Beijing – nach Shanghai zurück. (In
Japan hatte er vorübergehend als Übersetzer gearbeitet und dabei neben
politischen Texten auch Goethe übersetzt; in China veröffentlichte er
dann ein Buch über Japan, schon vorher hatte er über Europa
geschrieben.) Wegen der Eskalation der Kriegshandlungen floh Liu bald
nach Hongkong, wo er vor allem als Journalist arbeitete. Die Kriegsjahre
verbrachte er dann teilweise im Landesinnern und teilweise in
Südostasien, 1945 war er wieder in Hongkong. 

 

Karrieren in der Volksrepublik

Nach der Gründung
der Volksrepublik arbeitete Liu als Journalist und Wissenschaftler in
Shanghai, später wurde er Professor an der Akademie für
Sozialwissenschaften in Beijing (Weltgeschichte); er galt als Europa-
und Japanexperte. Liu wurde erst 1957 KP-Mitglied und daneben Mitglied
des Nationalen Volkskongresses und der Politischen Konsultativkonferenz.
Liu Simu starb im Februar 1985. Das Leben von Du Renzhi war –
oberflächlich gesehen – weit weniger dramatisch, aber nicht weniger
gefährlich; er verbrachte viele Jahre in seiner Heimatprovinz Shanxi.
Lange Zeit arbeite er unentdeckt als kommunistischer Agent. Nach 1949
war er sowohl in der Provinzregierung als auch als Universitätsprofessor
tätig. Er übersetzte und schrieb eigene Bücher. Auch Du arbeitete
später an der Akademie für Sozialwissenschaften in Beijing
(Philosophie). Er starb 1988.

 

Später Ruhm

Bis in die frühen
achtziger Jahre war über die internationalen Abenteuer von Du Renzhi und
Liu Simu kaum etwas bekannt. Sie veröffentlichten zwar verschiedene
Bücher aber keine ausführlichen Memoiren.  Erst in ihren letzten
Lebensjahren publizierten sie einige Artikel und gaben Interviews. Nach
Lius Tod schrieb Du auch einen Nachruf über seinen Freund. Bemerkenswert
waren bei beiden Herren die vielfältigen Aktivitäten als Journalisten,
Übersetzer, Wissenschaftler, Agenten und Politikberater; umso
erstaunlicher ist es, daß beide nicht berühmter wurden.

Einige Mitglieder des Spionagerings lebten noch länger. Zhang Fang, Richard Sorges engster Mitarbeiter, starb 1995 (Vgl. SHAN-NL Nr. 46, September 2010).
Chen Hansheng und Zhang Wenqiu, die als Sekretärin gearbeitet hatte,
erlebten sogar noch die Jahrhundertwende, beide veröffentlichten
Memoiren (Vgl. SHAN-NL Nr. 24, Juli 2008).

 

 

Literatur:

 

Werke von Du Renzhi (Auswahl):

Minzu geming zhanzheng de zhanlüe wenti, 1939

Kongzi lunyu xin tixi, 1948.

Xiandai xifang zhuming zhexuejia shuping, 1980.

 

Werke von Liu Simu (Auswahl):

Ouyou manyi, 1935.

(Übersetzung:)  Goethe: Aus meinem Leben / Gede zizhuan, 1936-37.

Yinghua he meiyu, 1940.

Zhanhou Riben wenti, 1948.

Zenyang xuexi guoji shishi, 1951.

Yeju ji, 1984.

 

Chen Rongfu: Dangdai Zhongguo shehuikexue xuezhe da cidian, Hangzhou, 1990.

Chen Yutang: Zhongguo jinxiandai renwu minghao da cidian, Hangzhou, 1993.

 

Thomas Kampen:
„Chinese Communists in Austria and Germany and their later activities in
China“, in: Asian and African Studies, 2007, XI.

 

Dr. Thomas Kampen

 

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