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Faktionen oder keine Faktionen: das ist hier die Frage! Factions or no factions – that’s the question!

Josie-Marie Perkuhn rezensiert für uns das 2014 erschienene The New Emperors: Power and the Princlings in China von Kerry Brown.

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Liu Jinzhong in Beijing, Shanghai und Moskau

Thomas Kampen berichtet von den Spionagetätigkeiten Richard Sorges und Liu Jinzhongs im China der 1930er-Jahre.

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Die Sinologie und der Kalte Krieg

Welchen Wandel erfuhr die Sinologie im
Spannungsfeld zwischen Ost und West? Dieser Frage widmet sich Jason
Franz in seinem Artikel und gewährt einen Einblick in die
Sinologietraditionen zu beiden Seiten des „Eisernen Vorhangs“.

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Wir brauchen die Qualitätssicherungsmittel!

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Faktionen oder keine Faktionen: das ist hier die Frage!

Factions or no factions – that’s the question!

Kerry Brown, Professor an der
Universität Sydney, besticht in seinem jüngsten Buch „The New Emperors:
Power and the Princlings in China,“ (2014), zur Machtübernahme der
amtierenden politischen Elite mit interessanten Einsichten und einem
informativen Faktenreichtum. Er schildert den steinigen Weg Xi Jinpings
auf dem Weg zum 18. Parteikongress und wirft einen längst überfälligen
Blick auf die fünf „glanzlosen Sterne“ neben den zwei „strahlenden
Sonnen“ im Politbüro-Universum. Es ist ein anekdotenreiches Buch, das
zwei Jahre nach dem Machtwechsel mit der obsoleten Faktionszugehörigkeit
aufräumt und ein Konzept politischer Eliten mit sich pluralisierenden
Netzwerken präsentiert.

Die starre Dichotomie der politischen
Faktionen innerhalb der kommunistischen Partei gehört ins 20.
Jahrhundert verbannt, das Konzept hat seine Schuldigkeit getan und die
ideologisch verbrämten Faktionen sind im Zuge von Reformbestrebungen und
Globalisierung schleichend durch ebenso wirkmächtige Netzwerke ersetzt
worden. Mit einem nahezu polemischen Anstrich führt Brown den Feldzug
gegen Chinas Faktionalismusforschung an: „Factionalism as a means to
understand elite politics in China probably reached its zenith in the
build-up to the 2007 Party Congress that year“ (S. 19). Brown beschreibt
den zunehmenden Einfluss elitärer Netzwerke, der sich nicht nur auf
Chinas politisches Tagesgeschäft auswirkt, sondern auch auf die Auswahl
und auf die unterstützende Machtbasis der Führungsspitze selbst
erstreckt. Kernstück sowie große Stärke des Buches ist unweigerlich die
biographische Verortung der so gleichförmig wirkenden sieben Mitglieder
des Politbüros in ihren vernetzten Hintergrund.  

Das Buch beginnt mit einer anekdotischen
Einführung der vernetzwerkten Führungsriege –„the networked
leadership“. In sechs Kapiteln behandelt Brown die Machtstruktur im
Politbüro, den ereignisreichen Vorlauf zum 18. Parteikongress, die
Machtübernahme Xi Jinpings als „Emperor“ mit Li Keqiang sowie den fünf
weiteren Mitgliedern an der regierenden Spitze. Brown endet mit einem
Ausblick auf die Widersprüche eines Modernen Chinas. Der Autor wirft auf
244 Seiten Licht auf die Princlings in ihren meist ‚schattigen’
Unterstützergruppen. 

Es sind elitäre Netzwerke, die sich seit
der Reform- und Öffnungspolitik gebildet haben und auch durch eine
anhaltende Pluralisierung des Politik- sowie Gesellschaftssystems
entlang sektoraler und provinzieller Linien weiterhin entstehen. Aus
einer politikwissenschaftlich liberalen Perspektive wäre die Rede also
von Interessengruppen, die Chinas Machtpolitik bestimmen.
Interessengruppen, die entweder einer Wirtschaftsbranche, wie der
Ölindustrie, bzw. einer institutionalisierten Kooperation, wie der
Shanghai Group, entstammen oder den tradierten „networks from soil“ – in
Anlehnung an das einschlägige Werk Fei Xiaotongs aus dem Jahr 1947 (S.
37) – zugeordnet werden können. Auf die zahlreichen bürokratischen
Netzwerke der Kommissionen und Institutionen wird zwar hinweisend
rekurriert (S. 48-49), eine detaillierte Verortung der bürokratischen
Politik bleibt hingegen weitestgehend aus. Bei genauem Lesen wird ein
nachwirkender Einfluss der gesellschaftlichen Prägung durch die
traditionellen Lager und die Zuordnung zu denselben jedoch nicht
vollends negiert: so spielt die ideologische Fundierung weiterhin eine
wichtige Rolle, etwa wenn Wen Jiabao sich eines reformistischen
Zungenschlags bedient (S. 30) oder Xi Jinping an die moralische
Verantwortung eines Sozialismus in Anlehnung an Mao erinnert (S. 195).
Und von einer Absage an das familiäre Erbe der privilegierten Verbindung
bis in die Gründergeneration der Kommunistischen Partei ist die
professionalisierte Politikerriege weit entfernt, schließlich baut auch
der gegenwärtige Parteichef auf seine politische Herkunft (S.
108-109). 

In einer anekdotischen Schilderung des
langen und mit Gerüchten gepflasterten Weges  zum 18.
Parteikongress fasst Brown die Ereignisse um den gestürzten Kontrahenten
Bo Xilai, das mediale Totsagen und die anschließende Widerauferstehung
Jiang Zemins sowie die unglückliche Amtszeit Hu Jintaos zusammen.
Insbesondere greift er den Hu gegenüber negativ gestimmten Zeitgeist
auf. Hus liberale Hand habe sich gegen ihn gewandt und Kritikern zu viel
Raum überlassen.  So wird Hus Politik mit dem Label „do nothing,
stop everything“ (S. 68) bezeichnet, die innerparteilichen
Demokratiereformen als rudimentär verschrien und die angestrebte
Reformpolitik als zu reaktiv abgestempelt. Brown schreibt dazu: „crises
were dealt with as and when they occurred, with no pre-emptive
constructive strategy to make sure they didn’t happen in the first
place“(S. 68). Gegen diesen Makel setzt der Hoffnungsträger Xi Jinping
eine ‚Politik der starken Hand’ mit seinen Führungskompetenzen und dem
beigestellten Regierungsnetzwerk: das Politbüro. Mit Sicherheit hat Hus
liberaler Führungsstil  eine Interessenpluralisierung befürwortet
und abweichende Meinungsäußerung zugelassen, ob das nun aber eine Gefahr
für ein sich wandelndes China ist oder ein gerade notwendiger Schritt,
der nun wieder unterbunden wird, steht und fällt mit ‚den
Sternen’.   In drei anschließenden Kapiteln widmet Brown sich
ausführlich den Mitgliedern des Politbüros. Den zwei „Sonnen im
Universum“, Xi Jinping und Li Keqiang, kommt jeweils ein eigenes Kapitel
zu, während das fünfte Kapitel unter dem verheißungsvollen Titel „The
Stars around the Two Suns“ die fünf ‚unscheinbaren’ Mitglieder ins
Scheinwerferlicht stellt. Browns Perspektive lässt keinen Zweifel daran,
dass Xi Jinping sich selbst als neuen Herrscher –„New Emperor“–
inthronisiert. Zielstrebig sucht der Regierungsführer die Wortphrasen
von moralisch sozialer Verantwortung und sozialistischer
Reformbemühungen mit Inhalten zu füllen. In diesem Kontext steht auch
der Anti-Korruptionskampf des „Neuen Chinas“ (S. 102 -103). 

Als Sohn von Xi Zhongxun steht Xi
Jinping in direkter Verbindung zur „royalen Elite“ der Kommunistischen
Partei und profitiert von dem Ruf seines Vaters. Xi Zhongxun sei nahezu
einzigartig in seiner Generation, da er in keinerlei Weise mit den
Lefties assoziiert werden könne, schreibt Brown (S. 109). Die
Familienbande seien als Machtbasis für Xi Jinping zwar ebenso wichtig,
wie für seine Vorgänger, jedoch bestünde die große Fähigkeit darin, die
Familienangelegenheiten außerhalb des Tagesgeschäfts zu halten und sie
nicht in Konflikte zu verstricken. So vermutet Brown: „one of the key
skills that has helped Xi in becoming Party leader, beyond patronage and
network building, has been managment of his relatives“ (S.
117-118). 

Die internationale Bedeutung Chinas
nimmt stetig zu und so ist das Anliegen Browns nur begrüßenswert, allen
sieben so ‚gleichförmig wirkenden Männern’ im Politbüro eine gebührende
Aufmerksamkeit zu schenken. Mit der juristischen Grundausbildung setzt
Xi Jinping auf Li Keqiang als fähigen und sachorientierten Anwalt aus
Anhui. Li setzt sich als amtierender Staatspräsident (PM) stark für die
Umsetzung von Rechtsstaatlichkeit ein. Ursprünglich zwar in der
Rechtswissenschaft ausgebildet, ist Li auch in Wirtschaftsfragen äußerst
bewandert. Brown spekuliert: „whether he has the instinctive
understanding of Chinese economics dynamics that Zhu Rongji had, or even
that of his new colleague on the Politburo Standing Committee, the
hugely respected Wang Qishan,“ (S. 144). Außerhalb jeder Spekulation
heißt es, Li „is a problem solver, but not a policy initiator – somwone
who is competent, but not creative,“ (S.144). Zwar seien Lis medialen
Auftritte makellos und –im Gegensatz zu Xi–  applaudiere man für
seine Englischkenntnisse (S.143); sie haben Li jedoch nicht davor
bewahrt, einen Kampf um mediale Aufmerksamkeit antreten zu müssen.

Insbesondere mit der treffsicheren, wenn
auch nahezu flapsigen, Charakterisierung der „fünf Sterne“ besticht
Brown. So wird Wang Qishan zum „Joker in the Pack“, der durch seine
Fähigkeiten als Krisenmanager bekannt geworden ist. Er wurde 2003 in die
Hauptstadt zurückgeholt, um gegen die epidemische Verbreitung von SARS
vorzugehen (S. 153). Yu Zhengsheng wird als der „Big Brother of the
Elite“ bezeichnet und  in Zhang Gaoli vermutet man den wahren
„Master of GDP“. Zhang Dejiang bezeichnet Brown schlicht als „The
Fixer“. Er erhielt im Jahr 2003 besondere mediale Aufmerksamkeit als der
Wanderarbeiter Sun Zhigang totgeschlagen wurde, und Zhang einwilligte
„pro-Stabilitätsmaßnahmen“ gegen die Protestbewegung einzusetzen (S.
171-172). Den als Chefideologen auftretenden Liu Yunshan bezeichnet
Brown als „the Politburo’s first Journalist“. An seinem Fall werde
besonders deutlich, dass faktionale Zuordnung wenig zum Verständnis
seines Aufstieges beitrage: „His links to the Party Youth League were
brief. He had no major link to Jiang Zemin, nor any evident provincial
top leadership experience. He had never headed a ministery centrally.
His whole career had been in the field of ideology, as a teacher, then a
journalist, then a propaganda worker.“ Trotz fehlender
Provinzleitungserfahrung, ziehe er reichlich Unterstüztung aus der
intellektuellen Arbeit,  denn „Ideology, after all, matters to the
fifth-generatioon leadership“ (S.181). Kurzum, der Vergleich mit dem
Management eines multinationalen Konzerns trifft wohl genau ins
Schwarze. 

Allzu offensichtlich wendet sich der
Autor gegen die Verortung der aktuellen Führungspersönlichkeiten zu
einer der historisch-ideologischen Faktionen, die in der Betrachtung der
neuen dynamischen Netzwerke obsolet geworden seien. Ohne die Prägung
der tradierten Faktionen sind jedoch auch die „neuen elitären Kreise“
nicht denkbar. Trägt nicht zuletzt die Bezeichnung Princling selbst zur
Fortführung der Tradition, die Verbindung zur parteipolitischen Elite
der Staatsgründer herauszustellen, bei? Brown beschreibt mit einem sehr
anekdotischen Stil Chinas Machtpolitik, erklärt über sektorale und
interessenbestimmte Netzwerke den Aufstieg der aktuellen Führungselite.
Brown greift die jüngsten Ereignisse auf und stellt sie in einen
machtpolitischen Kontext. Damit liefert der Autor einen herausragenden
deskriptiven Beitrag zum Verständnis Chinas Gegenwartspolitik. Zwar
führt Brown das Konzept der dynamischen Elitennetzwerke zur Abbildung
einer gesellschaftspolitischen Pluralisierung, die sich in der
Ausdifferenzierung informeller machtpolitischer Strukturen
niederschlägt, ein; ein wissenschaftlich ausgearbeitetes Konzept zur
Netzwerkanalyse bleibt aus. Dies ist – nach eigener Aussage – auch nicht
Ziel des Buches. Die Bedeutung einer faktionalen Zugehörigkeit
verschwindet nicht gänzlich: während diese in Relation an Gewicht
verliert, kommen Profit und Geschäftspatronage als neue Komponenten
hinzu. 

Der Vorteil in der Netzwerkanalyse liegt
unweigerlich darin, die vorhandene Durchlässigkeit zwischen den
Netzwerkgruppen und Dynamik im Gerangel um Macht und Einflussnahme
darzustellen. Die informative und faktenreiche Schilderung jüngster
Machtkämpfe mit vielen historischen Bezügen und ausgewiesener
Quellenarbeit bieten tiefe Einblicke in das politische Geschehen. Mit
einer Mischung aus nuancierter und kolloquialer Sprache ist  das
Buch lesenswert.  

 

Zum Autor 

Kerry Brown ist geschäftsführender
Direktor und Professor für Chinesische Politik an der Universität Sydney
sowie „Associate Fellow of Chatham House, London. Er diente als „First
Secretary“ der Britischen Botschaft in Peking und  hat über 20
Jahre in China gelebt. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen gehören
„Contemporary China“ (2013); Friends and Enemies: The Past, Present and
Future of the Communist Party of China (With Will Hutton, 2009) and with
Jonathan Fenby: Struggling Giant: China in the 21st Centruy 
(2007).

 

Josie-Marie Perkuhn

 

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Liu Jinzhong in Beijing, Shanghai und Moskau

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Liu Jinzhong
​Vor kurzem wurde hier
über die Hinrichtung des Agenten Richard Sorge im Jahre 1944 berichtet.
Ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod starb sein wichtigster
chinesischer Mitarbeiter Liu Jinzhong. Der 1901 in Nordchina geborene
Liu, der auch viele andere Namen benutzte, veröffentlichte 1992 in einer
kleinen Provinzzeitschrift in Shanxi einen kurzen Artikel über einen
seiner – damals schon verstorbenen – Mitarbeiter. In diesem Artikel
beschrieb er auf knapp zwei Seiten den Spionagering für den sie in den
dreißiger Jahren gearbeitet hatten.  

Gründung

Nachdem Sorge 1930 in Shanghai seine
Tätigkeit aufgenommen hatte, suchte er zuverlässige chinesische
Mitarbeiter, die für die nicht Chinesisch sprechenden europäischen
Agenten Informationen beschaffen und übersetzen sollten. Diese sollten –
wie Sorge – Deutsch oder Englisch sprechen; Russischkenntnisse waren
unerwünscht, denn die Tätigkeit für die sowjetische Armee sollte nicht
unnötig auffallen. Durch Freunde lernte Sorge Herrn Liu kennen, der
Anglistik studiert hatte und der KP nahe stand, aber zu der Zeit nicht
Mitglied war. Sorges Wunsch entsprechend suchte Liu weitere Mitarbeiter
in seinem Freundeskreis. Die drei wichtigsten waren Liu Yiyao (nicht mit
Liu Jinzhong verwandt), Xiao Xiangping und Lu Haifang. 

Tätigkeit

Die drei übernahmen unterschiedliche
Tätigkeiten in verschiedenen Städten und warben wohl über fünfzig
weitere Mitarbeiter an. Liu Yiyao war häufig in Nordchina, Xiao in
Ostchina und gleichzeitig für Japan zuständig. Mehr als zwei Jahre
arbeitete und expandierte der Ring ohne große Probleme. Im Winter
1932-1933 kehrte Sorge nach Europa zurück und wurde dann nach Japan
geschickt. Der Ring arbeitete zunächst weiter. Im Herbst 1933 traf ein
Herr Bosch, der auch Walden und andere Namen benutzte, als neuer Chef in
Shanghai ein.   

Auflösung

Bald darauf sollte Liu Jinzhong nach
Moskau reisen und er setzte Lu Haifang  als seinen Nachfolger sein.
Durch eine Unachtsamkeit von Lu und dessen Bruder wurden diese und
Bosch 1935 verhaftet. Da die beiden Brüder früh Geständnisse ablegten,
wurden weitere Chinesen inhaftiert und einige erschossen. Bosch bleib
allerdings schweigsam, sodass ein Teil des Spionagerings intakt blieb
und weiter arbeiten konnte; er selbst konnte nach etwa zweijähriger Haft
ausreisen.  

Flucht

Liu Jinzhong, seine Frau (die als
Funkerin arbeitete) und zwei Kinder gingen in die Sowjetunion und
arbeiteten später in Nordwestchina. (Auch Liu Yiyao und Xiao Xiangping
konnten entkommen.) Von der Gruppe hörte man jahrzehntelang nichts mehr.
Bosch veröffentlichte in den sechziger Jahren in der Sowjetunion
Erinnerungen an Sorge und die Shanghaier Zeit.  

Rentnerleben

Aus einem Nachruf, der im Jahr 2000
veröffentlicht wurde, geht hervor, dass Liu Jinzhong nach Gründung der
Volksrepublik weiterhin geheimdienstlich tätig war. Als
Pensionierungsjahr wird 1982 angegeben, als letzter Arbeitgeber, das
inzwischen aufgelöste Diaochabu. In den folgenden zwölf Jahren
veröffentlichte er mehrere autobiographische Texte, benutzte dafür
allerdings verschiedene Pseudonyme, sodass die Identifizierung schwierig
ist. Seine Frau war lange vor ihm gestorben; die beiden 1928 und 1931
geborenen „Kinder“ scheinen noch zu leben und haben auch selbst
autobiographische Texte verfasst. 

P.S.

Weitere chinesische Mitarbeiter Sorges, die nicht direkt mit Liu zusammen arbeiteten, waren Herr Wu Jianxi, der in Deutschland studiert hatte, und Frau Zhang Wenqiu; weitere Ausländer Ruth Werner und Helmuth Woidt.

 

Weitere Literatur:

Werner, Ruth: Sonjas Rapport, Berlin, 1977.

Kampen, Thomas: Chinesen in Europa – Europäer in China, Gossenberg, 2010.

 

Dr. Thomas Kampen

 

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Die Sinologie und der Kalte Krieg

Im Jahr 2008 unterschrieben mehr als 20 Sinologen einen öffentlichen
Brief an den Bundestag im Protest gegen Forderungen nach einer
staatlichen Kontrolle der China-Berichterstattung. (Den Offenen Brief
der 107 Chinawissenschaftler, Publizisten und Politiker von 27.8.2008.
finden sie als doc-Datei hier.)
Anlass war eine Redakteurin der Deutschen Welle gewesen, die aufgrund
einer positiven Äußerung über die Armutsbekämpfung in China aus „Mangel
an Gesinnung“ von ihrem Posten enthoben worden war. Sinologen, Politiker
und Publizisten plädierten für ein differenzierteres China-Bild. Ein
derart „werteorientierter Journalismus“ rief Assoziationen mit dem
Kalten Krieg hervor. Warum? 
 
Der Kalte Krieg bezeichnet den
Konflikt der Supermächte Sowjetunion und USA, die zwischen 1947 und 1989
einen Großteil der Staatenwelt unter ihren nuklearen Schutzschirmen in
die Blöcke Ost und West aufteilte. Dieser Konflikt und das Wettrüsten
auf einen dritten Weltkrieg, der niemals eintreten sollte, erfasste auch
die Wissenschaft (und umgekehrt). Besonders in den USA fiel ihr die
Aufgabe zuteil, den Staat mit der Überlegenheit der Vernunft aus seinem
Sicherheitsdilemma zu erlösen. Die „applied science“ wurde massiv von
der US-Regierung, dem Militär und privaten Stiftungen (Rockefeller,
Ford, Mellon) gefördert; nicht nur um waffentechnische Überlegenheit zu
garantieren, sondern auch den Vorsprung an strategischem Wissen. Dieser
verstärkte Rückgriff auf wissenschaftliche Expertise ließ die Grenzen
zwischen Staat und Akademia zunehmend verschwimmen. Mit der
Institutionalisierung des neuen Komplexes der Wissensproduktion begann
die Systematisierung der social sciences (Anm.: Damit wurde die
Modernisierungstheorie auch für die sozialwissenschaftlichen
China-Forschung maßgeblich. Einflussreich war dabei der Soziologe
Talcott Parsons, erster Direktor am Harvard Deparment of Social
Relations. Eine nachhaltige Kritik leistete 1984  der Historiker
Paul A. Cohen mit seinem Werk Discovering History of China) und der Aufstieg der area studies,
die Bedrohungen durch fremde Mächte durch die Kenntnis von System,
Geschichte und Mentalität „kalkulierbar“ machen sollten. Wie sich in der
Zeit gegenseitiger Abschottung die Erforschung von „culture at a
distance“ gestaltete, lässt sich gut am Beispiel der
„Nationalcharakterstudien“ aufzeigen, die von ehemaligen Mitgliedern der
Foreign Morale Analysis Division begründet worden waren (z.B.
R. Benedict) und nationale Verhaltensmuster herauszuarbeiten versuchten.
Ursprünglich anthropologisch ausgerichtet, führte man diese Studien
später in Form von variablengeleiteten, statistischen Analysen fort.
Diese Entwicklungen stellten die eher klassisch orientierte Sinologie
vor die Frage einer neuen Grenzziehung ihrer Disziplin, die höhere
Fördergelder, aber auch Kompromisse bei der wissenschaftlichen
Unabhängigkeit in Aussicht stellen würde. Es entstanden ein
sozialwissenschaftlich-komparatistisches Lager, das die „successes and
failures“ der Modernisierung (Rot-)Chinas untersuchte, sowie ein
traditionell-sinologisches Lager, das sich der Singularität Chinas in
ihrer ganzen Bandbreite und textuellen Tiefe widmen wollte (Anm.:
Interessanterweise rückten selbst einige der etabliertesten,
sozialwissenschaftlichen China-Experten nie von dem Gedanken der
Singularität/ Unvergleichbarkeit Chinas ab, wie beispielsweise Lucian W.
Pye). Im Nachhinein eines hitzigen Symposiums über das Verhältnis von
Sinologie, Geschichte und Sozialwissenschaften im Jahr 1964, versuchte
der Historiker D.C. Twitchett zu versöhnen:
 
“When we think
of our predecessors of forty years ago, mostly working alone, starved of
funds, deprived of adequate libraries, ignorant—through lack of
communication—of work in progress elsewhere and of the work of our Far
Eastern contemporaries, and bundled away by the academic world in some
dusty corner along with Egyptology and Sumerian Studies, we may
legitimately rejoice that we live in more fortunate times, rather than
sneer at their fumblings.” 
(Twitchett 1964,110.)
 
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Eminente amerikanische China-Experten („old China hands“)
rückten 1949 zum ersten Mal ins Zentrum der Aufmerksamkeit, als man sie
für den „loss of China“ (an die Kommunisten) verantwortlich machte. Zu
ihnen zählten neben Militärs und Offizieren des während des zweiten
Weltkriegs aktiven CIA-Vorläufers OSS auch die Sinologen J.K. Fairbank,
O.E. Clubb und O. Lattimore. Die Vorwürfe konzentrierten sich besonders
auf das internationalistische Institute of Pacific Relations
(IPR) in New York, an dem neben Lattimore auch F.V. Field und K.A.
Wittfogel tätig waren. Die Kritik wurde lauter, als sich China 1950 mit
der Sowjetunion verbrüderte und in den Korea-Krieg (1950-53) eintrat. In
den USA ging die „Rote Angst“ um und neben den „old China hands“ wurden
während der Verfolgungswellen unter Senator J. McCarthy auch zahlreiche
andere Sinologen (und Sinologie-Studenten) verhört. Das weiterhin unter
Beschuss stehenden IPR verlor 1955 seinen steuerfreien Status und wurde
fünf Jahre später aufgelöst. Seine Funktionen wurden größtenteils von
der 1941 gegründeten Association for Asian Stuides (AAS)
übernommen. Gleichzeitig investierte die US-Regierung in die Forschung
und Lehre „kritischer Regionen und Sprachen“ (z.B. in der Form von 
„National Defence Foreign Language Fellowships“), sowie zahlreiche
Fakultäten für East Asian Languages and Cultures (EALC) eingerichtet. Mit dem National Defense Education Act
von 1957 wurde das Budget nach dem Sputnikschock nochmal drastisch
erhöht. Ähnlich wie in Großbritannien rekrutierte sich die neue
Generation von China-Experten als Teil der späteren „area scholars“ vor
allem aus Kriegsveteranen (später auch aus dem Korea-Krieg) und
Mitarbeitern des OSS, deren Studium gemäß der bis 1956 geltenden G.I. Bill
finanziell unterstützt wurde. Viele waren während des Krieges im
Pazifik stationiert gewesen und in Japanisch unterrichtet worden. Einige
beeinflussten später maßgeblich die amerikanische Chinapolitik als
Diplomaten, Sicherheitsberater oder Offiziere der CIA. Wie das OSS war
die CIA nach Regionen (statt Disziplinen) organisiert. In den 60ern
führte der Bruch zwischen China und der Sowjetunion bei den
Chinawatchern zu einem Umdenken. Hatte man sich zuvor noch die „Achse
Moskau-Beijing“ analysiert, konzentrierte man sich nun mit zahlreichen
Biografien auf die Person Mao Zedongs. 
 
Deutliche Veränderungen machten sich
ab 1965 bemerkbar, als die USA direkt in den Vietnamkrieg eintraten.
Sinologen begannen öffentlich gegen die amerikanische Asienpolitik und
Isolation Chinas Stellung zu beziehen (z.B. 1966, als sich 198
China-Spezialisten in einem öffentlichen Brief an die Regierung
wandten). Auch die Wellen der Studentenproteste beeinflussten die
Sinologie. Nach der letzten Zusammenkunft des SDS in Chicago entfachte
sich großes Interesse an dem zeitgleich in China tobenden Maoismus, zu
dem die älteren Sinologen, in den USA wie in Europa, auf kritische
Distanz gingen. Hitzigere Debatten zwischen pro- und anti-maoistischen
Sinologen fanden auch in Frankreich statt. In den USA kritisierte das
1968 gegründete Committee of Concerned Asian Scholars nicht nur
den Vietnamkrieg, sondern auch die staatliche Einflussnahme auf die
eigene Disziplin. Nach der US-Invasion in Kambodscha erfolgte
schließlich in den 70ern mit dem Nixon-Schock und dem nach Ende des
Vietnamkriegs einsetzenden Tauwetters ein Paradigmenwechsel, der mit
drastischen Budgetkürzungen einherging. In der Wissenschaft setzten sich
internationalistische und anti-koloniale Strömungen durch. An Stelle
der Nation rückte die Region des Pazifiks mit ihren
internationalen Beziehungen in den Vordergrund. An vielen Universitäten
kam es zur Zusammenlegung der Disziplinen in der Fakultät der East Asian and International Studies. Jüngere Sinologen rebellierten gegen die China-Studien der Fairbank-Tradition (z.B. J. Esherick in seinem Pamphlet von 1972, Harvard on China: The Apologetics of Imperialism).
Ins Zentrum der Forschung gelangte nun verstärkt das chinesische
„Hinterland“. Der Riss zwischen konservativen und revoltierenden
Sinologen wuchs wieder zusammen, nachdem die Schrecken der
Kulturrevolution bekannt wurden. In den 80ern entschärfte sich mit dem
zunehmenden Methodenpluralismus und dem „philologic turn“ schließlich
auch der Konflikt zwischen Sinologen und sozialwissenschaftlichen
China-Experten. 
 
Andernorts versuchte man ab den 70ern
die „Comtemporary China Studies“ mehr auf die eigene Chinapolitik
abzustimmen und zu emanzipieren (z.B. in Indien und Australien). So
Patricia Uberoi:
 
“virtually all
the Western centres where studies of modern China are carried out have
drifted imperceptibly in the last decade into the intellectual orbit of
American Sinology, just as East European Orientalism has been deeply
influenced by the Moscow political ‘line’.”
(Uberoi 1971, 48.)
 
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Teilweise wandte
man sich den unabhängigeren Sinologietraditionen Tschechiens und Japans
zu, von denen letztere bis zum Ende der Kulturrevolution Kriegsende
stark marxistisch orientiert gewesen war. In Westeuropa wurde die
Sinologie aufgrund der geringeren politischen Relevanz Chinas (mit
Ausnahme Großbritanniens) nicht so stark gefördert wie in den USA. Den
auf Englisch publizierenden Sinologien in den Niederlanden und Schweden
kamen die frühzeitig aufgenommenen diplomatischen Beziehungen zur
Volksrepublik zu Gute. Hinter dem „eisernen Vorhang“ wurde die
Fortführung sinologischer Traditionen durch die geforderte
Parteilinientreue, sowie die starken Einschränkungen in der
Kommunikations-, Publikations- und Bewegungsfreiheit erschwert. Zudem
waren, wie in den Deutschlands der Nachkriegszeit, viele Sinologen in
den anglophonen Westen emigriert (z.B. S. Eliséeff und P. Boodberg). Im
Osten musste sich die Sinologie vorwiegend auf sozioökonomische oder
politikferne Themen beschränken (v.a. Linguistik), in denen jedoch
wichtige Beiträge geleistet wurden. Die tschechische Sinologie erwarb
sich unter J. Průšek und dem Journal Archiv Orientálnyí einen
internationalen Ruf, sah sich jedoch nach dem Prager Frühling starken
Repressionen ausgesetzt. Positiv wirkten sich die (bis zum Bruch 1961)
guten Beziehungen zur Volksrepublik aus, die Ost-Sinologen in den 50ern
längere Forschungsaufenthalte in China ermöglichten.
 
 
Literatur:
 
ENO, Robert (2011): Western Sinology and Field Journals. [online: www.indiana.edu/~p374/c511/C511_9-Journals.pdf‎].
FAIRBANK, John K. (1959): “A Note of Ambiguity: Asian Studies in America”, in The Journal of Asian Studies 19:1. S.3-9.
FOGEL, Joshua A. (2012): “Japanese Views of China in Historical Perspective“, in China Heritage Quarterly 29. [online: http://www.chinaheritagequarterly.org/ tien-hsia.php?searchterm=029_fogel.inc&issue=029]. 
JONES, David Martin (2001): The Image of China in Western Social and Political Thought. New York: Palgrave-Macmillan.
KAMPEN, Thomas (1998): „Ostasienwissenschaften in der DDR und in
den neuen Bundesländern“, in KRAUTH, Wolf-Hagen & Ralf WOLZ (Hrsg.):
Wissenschaft und Wiedervereinigung : Asien- und Afrikawissenschaften im Umbruch. Berlin: Akademie-Verlag. S.269-306.
MUELLER, Tim B. (2013): “The Rockefeller Foundation, the Social Sciences, and the Humanities in the Cold War”, in Journal of Cold War Studies 15: 3. S.108-135.
NEWMAN, Robert P. (1992): Owen Lattimore and the “Loss” of China. Berkeley: University of California Press.
TWITCHETT, Denis (1964): “Comments on the “Chinese Studies and the Disciplines” Symposium: A Lone Cheer for Sinology”, in The Journal of Asian Studies 24: 1. S. 109-112.
UBEROI, Patricia (1971): “Bias in the Study of Modern China in the West”, in China Report 7: 45. S. 45-48.
VILTARD, Yves (1996): “À quoi servent les sinologues? De la
difficulté d’être sinologue dans les années soixante aux Etats-Unis”, in
Politix 9:36. S.115-140.
ZURNDORFER, Harriet T. (1993): “JESHO and East Asia. Some Remarks on the Evolution of a Field of Study”, in Journal of Economic and Social History of the Orient 36. S.183-191.
 
 
Bildquellen:
 
Bild 1: http://fc07.deviantart.net/fs70/f/2010/099/4/4/The_Red_Menace_Is_REAL_by_Hartter.jpg
Bild 2: http://www.cinaoggi.it/images/stories/sigplus/unione-sovietica-cina/china-soviet-propaganda-001.jpg
 
 
Jason Franz
 
 

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Wir brauchen die Qualitätssicherungsmittel!

Unter dem Hashtag #IchBrauchDieQSM wird seit einigen Tagen in den
sozialen Netzwerken über die von der Landesregierung geplante
„Umschichtung von Programmmitteln in die Grundfinanzierung“ informiert.
Umschichtung? Das klingt eigentlich recht unspektakulär. Leider betrifft
diese Umschichtung jedoch die Qualitätssicherungsmittel (QSM), die erst
2012 nach der Abschaffung der Studiengebühren eingeführt wurden. 

Ihre Aufgabe ist es, die Qualität der Lehre auch nach dem Wegfall der
Studiengebühren, zu sichern. Bislang war es der Landesregierung ein
besonderes Anliegen, dass die Studierenden mitbestimmen dürfen, wofür
diese Mittel verwendet werden. Am Institut für Sinologie wird das
Mitbestimmungsrecht der Studierenden durch die studentischen Vertreter
im Fachrat gewährleistet. So werden mithilfe der QSM beispielsweise
Tutorien und die längeren Öffnungszeiten der Bibliothek finanziert.

Die grün-rote Landesregierung plant jedoch, einen Großteil der QSM in
die Grundfinanzierung der Hochschulen fließen zu lassen. Damit würde
über die Mittel nicht mehr von den Instituten und ihren studentischen
Vertretern verfügt, sondern sie würden direkt bei den
Zentralverwaltungen der Universitäten landen. Wenn nun nicht mehr die
Institute und die Studierenden über die Verwendung der Gelder
entscheiden, sondern eine Zentralverwaltung, die kaum einschätzen kann,
woran es in den Instituten mangelt, dann ist die Qualität der Lehre
nicht mehr gesichert.

Eine Petition des Bündnis „#IchBrauchDieQSM“, die dem
baden-württembergischen Landtag vorgelegt werden soll, wurde seit dem
23. November bereits mehr als tausendmal unterschrieben. 

Möchten auch Sie die Petition unterstützen, folgen sie bitte diesem Link.

Zum Eckpunkteplan der „Perspektive 2020“ der Landesregierung geht es hier.

 

Anna Schiller

 

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