INHALT

Schreiben als Mehrstufiges Modell

Dr. Sita Schanne von der Abteilung für
Schlüsselkompetenzen und Hochschuldidaktik des Dezernat 2 für Studium
und Lehre leitete am 11. Mai 2016 den Workshop “Wissenschaftliches
Schreiben” auf Einladung von SHAN.

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一个夏天的故事

Die Eröffnung des Video-Raums der
Sinologie wurde am 4. Juni 2016 mit einem epischen Filme-Marathon
begangen. Zhao Mengxue hat ihre persönlichen Impressionen zu einem der
ersten aufgeführten Filme, „Summer Palace” (颐和园; VR China/ Frankreich,
2006, Regie: Lou Ye 娄烨) für den SHAN-Newsletter aufgeschrieben.

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In Shanghai geboren: Michael Hamburger, Ingrid Noll, Sonja Krips und Dieter Maier

Thomas Kampen stellt einige vor 1949 in Shanghai geborene Kinder vor, wie z.B. die Weinheimer Krimiautorin Ingrid Noll.

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Der erste Botschafter der Volksrepublik China: Wang Jiaxiang 王稼祥 (1906-1974)

Daneben gibt es eine Kurzbiographie des ersten VR-Botschafters im Ausland.

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Ein ungewöhnlicher Sinologe in Japan, Hongkong, Kanada und in den USA

Ausserdem werden die Japanabenteuer des mysteriösen Sinologen Pringsheim beschrieben.

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Alte chinesische Filme in neuer Form

Schließlich gibt es noch Informationen über alte chinesische Filme.

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Constructing Jiang Qing: Gender and the Heroic

Joost Brokke resümiert Mei Li
Inouyes Vortrag vom 15.06.2016 am Institut für Sinologie Heidelberg über
die wechselvolle Geschichte der Jiang Qiang-Rezeption. Besondere
Gesichtspunkte sind Fragen der Geschlechterrollen und Jiang Qings
eigener Personenkult in der Kulturrevolution, auf den ein dramatischer
Absturz folgte.

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Filmvorführung: „Summary of Crimes“

Die Kulturrevolution hatte viele Opfer –
darunter auch einfache Bauern. In seinem aufrüttelnden Dokumentarfilm
„Summary of Crimes” (罪行摘要; VR China, 2014) versucht Xu Xing, ihnen eine
Stimme zu geben. Nina Le und Yvonne Tang berichten von der
Filmvorführung am 15. Juni 2016 im DAI Heidelberg.

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Schreiben als Mehrstufiges Modell

NL87_Artikel1

Wissenschaftlich schreiben ist eine der
Kernkompetenzen, die im Rahmen des Studiums erlernt wird. Aber gerade in
der Sinologie, wo das Erlernen der Sprache viel Zeit einnimmt, kommen
Schreibtechniken manchmal zu kurz. Dr. Sita Schanne hat sich darauf
spezialisiert, Forschern und Studenten im Bereich des Schreibens
fortzubilden, und ist selbst Expertin für das Schreiben von
wissenschaftlichen Arbeiten. In dem Workshop ging es in erster Linie
darum, einzelne Etappen des Schreibprozesses zu unterscheiden,
deneigenen Text zu strukturieren, sowie leserfreundlich und
wissenschaftlich zu gestalten, und auch Schreibblockaden erfolgreich zu
vermeiden oder zu überwinden.

1. Das Schreibprozess-Modell

Wenn man versucht, direkt den fertigen
Text zu schreiben, gelingt dies selten. Schanne stelle drei Phasen des
Schreibprozesses vor, die getrennt voneinander angegangen werden. Es
beginnt mit der Planung, in der man sich über die Anforderungen an den
Text informiert, eine Fragestellung entwickelt, Literatur beschafft,
liest, exzerpiert, ein eigenes Argument erarbeitet und einen Zeitplan
erstellt. Als nächstes folgt die Phase des “Ideen-Übersetzens” – ein
Rohtext entsteht. Hier ist es sehr wichtig die “inneren
Korrekturstimmen” auszuschalten. Was nun geschrieben wird, kann gerne
umgangssprachlich formuliert sein, “hingeschmiert”, kurzum: unfertig.
Kreative Methoden wie Mind-Maps und Free-Writing können hier gut zum
Einsatz kommen. Erst in der letzten Phase, dem Überarbeiten, schaltet
man die “Korrekturstimme” wieder ein und überprüft ob Inhalt, Formale
Vorgaben und die Sprache stimmen. In dieser Phase ist es lohnenswert,
sich Feedback anderer zu holen. Erst ganz am Ende steht der fertige
Text.

2. Kreative Schreibübung

Das Free-Writing ist eine Übung, um in
den Schreibfluss zu kommen. Zu einem recht banalen Anfangssatz, zum
Beispiel “Für mein Schreiben könnte es hilfreich sein, wenn…” wird 5
Minuten lang, ohne Pause, in ganzen Sätzen einfach drauf los
geschrieben. Sollte der Gedankenfluss stoppen, so kritzelt man einfach
weiter, ohne den Stift abzusetzen. Dadurch kommen die Gedanken in Fluss
und danach fällt einem das Schreiben des eigenen Textes leichter. Es
hilft auch bei Schreibblockaden.

3. Strukturieren

Sita Schanne stelle zwei Techniken vor,
die Struktur in die Arbeit bringen. Das erste ist die altbekannte
Mindmap, die viele aber noch viel zu selten für sich nutzen. Sie bietet
die Möglichkeit, zunächst assoziativ und brainstormartig loszulegen,
dadurch aber, dass die Stichworte überall auf dem Blatt verteilt und
miteinander verbunden werden, verdeutlicht sie zum Beispiel
Interdependenzen und Hierarchien im Thema. Die Baum- oder Netzstruktur,
die dadurch oft entsteht, kann nun auch beim Erstellen einer Gliederung
helfen. Die etwas weniger bekannte Technik, die Schanne als nächstes
präsentierte, war das Schreiben nach „Prompts”. Prompts sind
Satzanfänge, die eine Schreibinstruktion geben, wie zum Beispiel “Es ist
bekannt, dass…”, „Es stellt sich die Frage…” oder „Zur Untersuchung
dieser Frage wurde…”. Diese Sätze komplettiert man dan mit Inhalten
seiner eigenen Themen. Viele der Beispiele, die genannt wurden, waren
zwar eher aus den Sozialwissenschaften, in denen meist empirische Daten
erhoben werden. Sie können aber leicht übertragen werden, da die
Eckpfeiler des wissenschaftlichen Schreibens identisch sind:
Fragestellung, Quellen (= Daten), Methoden und Ergebnisse müssen klar
erkennbar sein.

4. Wissenschaftssprache

Zur angemessenen Wissenschaftssprache
zitierte Schanne den Historiker Hermann Heimpel: „Wissenschaftliche
Prosa ist genau, also unbequem für den Autor; und einfach, also bequem
für den Benutzer gelehrter Arbeiten (…)” (Siehe dazu auch: http://folio.nzz.ch/1992/juni/akademische-oberschwanzdeckfedern).
Mit der Wissenschaftssprache bindet man sich also einerseits in die
„Scientific Community” ein, andererseits knüpft sie einen roten Faden,
vermittelt das eigene Argument, ist präzise, eindeutig, und dabei ganz
besonders auch leserfreundlich. Logische Verbindungen untermauern die
eigene Argumentation, Fachbegriffe, die einheitlich verwendet werden,
helfen dabei, sich knapp und genau auszudrücken. Eindeutig formulieren
ist besonders wichtig, sonst liest man am Ende: „Der Patient wurde
an einen Psychiater mit schweren emotionalen Problemen verwiesen.”

5. Überarbeiten

Zum Schluss empfahl Schanne, auch das
Überarbeiten in mehrere Runden zu unterteilen. Zunächst redigiert man
den Text entlang eines roten Fadens, damit der Text kohärent und
vollständig ist. Als nächstes folgt der Aspekt des wissenschaftlichen
Standards, wozu nicht nur die Begrifflichkeit und die Logik der
Argumentation gehören, sondern auch das Literaturverzeichnis und die
Fußnoten. Erst dann empfiehlt es sich, nach sprachlichen Gesichtspunkten
als solchen, wie Satzstruktur und Ausdruck zu korrigieren. Ganz zum
Schluss kann man den Text nun einer anderen Person zum Korrekturlesen
vorlegen.

6. Weitere Fortbildungsmöglichkeiten

Die Uni Heidelberg bietet Kurse zum wissenschaftlichen Schreiben, Zeitmanagement, und vielem mehr, unter http://www.uni-heidelberg.de/slk/angebot/SLKFaecher.html kann man sich anmelden. Für DoktorandInnen gibt es ein spezialisiertes Angebot unter http://www.graduateacademy.uni-heidelberg.de/workshops/training_qualifikation.html.

 

Mariana Münning

 

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一个夏天的故事

6月4日汉学系办了电影马拉松。北京已经迎战30多度的高温,海德堡还在抗洪救险,凉丝丝的天气仿佛这个夏天遥遥无期。

冒雨去看的第一场是《颐和园》。看之前和看之后满脑袋都是“这部片子和颐和园有什么关系?”即使知道女主角余虹所在的“北清大学”原型(北京大学/清华大学)和颐和园相去不远,她多半也去过,但是影片可没有明确指出来。

这话或许不对。电影里有一组镜头,余虹和男主角周伟在(颐和园的)昆明湖边散步、在湖上划船,熟悉的人大概一下子就会认出这是上世纪八十年代最浪漫的恋爱方式。

我很惭愧。昆明湖我是去过的,但在观影时我并没有认出片名指涉的地方。在北大的四年,颐和园可能是吃吃喝喝的班级踏青,可能是新鲜刺激的组团夜袭,却不像未名湖那样让人第一时间联想到情侣们在那里“看星星看月亮从诗词歌赋谈到人生哲学”。

好在北大我还是认得的。《忘却的一天》第45秒出现“北京大学”的牌子,我有些坐不住,很想告诉什么人“看!那是北大南门!”或许不少人认得西门的石狮子,09年东门建了地铁站之后人流量也激增,但是南门有什么呢?

2010年的夏天,从南门往百周年纪念讲堂的路上摆开了各个院系的台子。原本南北主干道是很开阔的,那时却很有些水泄不通的意思。新生们提着大包小包,左看看,右看看,进两步,退三步。我被人潮挤晕了,怎么也找不到哲学系的报到处。

但是这些,和余虹又有什么关系呢?

八十年代末的北大生,都已经是教授。孔庆东老师给我们上“中国现代文学史”,常常讲当时的老师如何忧心忡忡地看着他们这帮年轻的学生跳上卡车,一路开往天安门。

但是六四,这个被叙述成当代中国最重要的事件之一的时刻,却好像并没有在余虹的生命里留下什么印记。她一生最美好的时候,似乎就是在颐和园,和郭伟一起在昆明湖划船,连镜头都是全片少有的温暖与饱和——据说导演娄烨就是因为这才定了片名。

颐和园的英文是Summer Palace。多么凑巧,余虹在片头独白,“有一种东西,它会在某个夏天的夜晚象风一样突然袭来,让你措不及防,无法安宁,与你形影相随,挥之不去,我不知道那是什么,只能称它为爱情。”

余虹历经四季,辗转异乡,但在她的记忆里这或许始终是一个夏天的故事,一个与北大若即若离的故事。

我在认出北大南门的那一刻,又是想笑,又是想哭。多么想念五四操场上的夜跑,夏天的风,凉凉的,很好闻。

 

Mengxue Zhao 赵梦雪

 

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In Shanghai geboren: Michael Hamburger, Ingrid Noll, Sonja Krips und Dieter Maier

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Michael Hamburger wurde als Sohn des
Architekten Rudolf Hamburger und der Buchhändlerin Ursula am 12. Februar
1931 geboren. Die Eltern waren im vorangegangen Sommer mit der
Transsibirischen Eisenbahn nach China gefahren. Der Architekt (aus dem
unter großer Arbeitslosigkeit leidenden Berlin) hatte eine Stelle in
Shanghai angeboten bekommen. Nach den ersten Jahren in Shanghai zogen
Mutter und Sohn 1934 nach Shenyang, wo Ursula – wie schon in Shanghai –
für den militärischen Geheimdienst der Sowjetunion arbeitete. Von
Verhaftung bedroht flohen sie 1935 nach Moskau und wurden dann in Polen
eingesetzt, wo 1936 Tochter Janina geboren wurde. Nach weiteren
Aufenthalten in der Schweiz und in England und der Geburt eines weiteren
Sohnes (von einem andern Vater) landete die Familie in den fünfziger
Jahren in der DDR. Rudolf (über den der Sohn später ein Buch
veröffentlichte) starb dort 1979,: die Mutter, die als Ruth Werner
bekannt wurde, im Juli 2000. (https://shan-hd.de/index.php/2010/12/01/newsletter-dezember-2010-nr-48/#8)

Ingrid Noll wurde am 29. September 1935
als Kind eines Arztes und seiner Frau geboren und hatte mehrere
Geschwister. Die Familie lebte später in Nanjing und in der
Kriegshauptstadt Chongqing. Die drei Noll-Schwestern wuchsen sehr
behütet auf, wurden von ihren Eltern unterrichtet und durften nicht „mit
den Chinesenkindern auf der Straße“ spielen. Allerdings erlebten sie
1940 auch die japanischen Bombenangriffe auf Chongqing. 1949 erfolgte
die Ausreise aus China und Ankunft in Europa. In Deutschland ging Ingrid
dann zum ersten mal in eine Schule. Später zog sie nach Weinheim, wo
sie auch mit 80 Jahren noch Lesungen macht.

Krips
​Sonja Krips wurde –
wie Michael Hamburger – bald nach der Ankunft der jungen Eltern in
Shanghai geboren und war ebenfalls das erste Kind. Ihr Geburtstag war
der 26. Oktober 1939; ihr Bruder wurde erst am Ende des Krieges geboren.
(Vater Hermann war – wie Ursula Hamburger – KPD-Mitglied.)
Sonja ging auf eine englische Schule; ihre Englischkenntnisse haben auch
ihre Berufswahl beeinflußt. Chinesisch lernte sie – wie die meisten
ausländischen Kinder – allerdings nicht.

Dieter Maier wurde 1941 geboren, sein
Vater (aus Schwenningen) und ein Onkel hatten dort eine Handelsfirma (W.
Maier & Co.) aufgebaut. Wilhelm und Martha Maier waren schon 1929
nach Shanghai gereist.

 

Nachkriegszeit

Krips47


Die zuletzt Genannten reisten nach dem Ende des Zweiten
Weltkriegs nach Europa. Die Kinder verließen zum ersten Mal China und
besuchten zum ersten Mal Europa.

In Maiers Buch heißt es: „Am 1. Juli
1946 erhielten wir den Ausweisungsbefehl. […] Mein Vater war seit Juli
1939 NSDAP-Mitglied. […] Kurz nach Mitternacht am 7. Juli 1946 legte die
„Marine Robin“ ab.“ Anfang August erreichte das Schiff Bremerhaven,
dann verbrachte die Familie – wegen der NSDAP-Mitgliedschaft – noch
einige Wochen im Internierungslager Ludwigsburg. Die Familie lebte dann
wieder in Schwenningen, wo Dieter zur Schule ging.

Familie Krips verließ Shanghai – mit
zahlreichen anderen Flüchtlingen – im Sommer 1947 und erreichte Berlin
am 21. August 1947. Sie zogen in den russischen Sektor und wurden später
DDR-Bürger.

 

BRD und DDR

Die vier in Shanghai geborenen hatten
nach 1949 jahrzehntelang nichts mehr mit China zu tun. Vermutlich hatten
sie auch untereinander kaum Kontakt. (Zwei lebten im Osten
Deutschlands, zwei in Baden-Württemberg. Die Frauen heirateten und
erhielten neue Familiennamen.) Über ihre Shanghaierfahrungen wurde auch
in der Öffentlichkeit kaum etwas bekannt. Erst nach der Jahrhundertwende
erfuhren Interessierte durch Veröffentlichungen und Interviews mehr.

Die Neuauflage von „Sonjas Rapport“
(2006) enthielt ein Gespräch mit den drei Kindern von Ruth Werner. Im
gleichen Jahr erschien Sonja Mühlbergers „Geboren in Shanghai als Kind
von Emigranten“. (Zu dieser Zeit waren alle „Kinder“ schon über 65.)

2013 veröffentlichte Dieter Maier „Von
Schwenningen am Neckar nach Shanghai“. Die Krimiautorin Noll wurde in
Interviews häufig zu dem Thema befragt.

Hier zeigt sich, daß oft viele
Jahrzehnte vergehen bis Darstellungen lange vergangener Ereignisse
gedruckt werden. Viele Zeitzeugen haben erst als Rentner Zeit und Lust
sich damit zu beschäftigen. Wer zu früh stirbt, schreibt nicht mehr.

 

Literatur:

Sonja Mühlberger: Geboren in Shanghai als Kind von Emigranten, Teetz und Berlin, 2006.

Ruth Werner: Sonjas Rapport, Berlin, 2006. (Neuauflage)

Thomas Kampen: Chinesen in Europa – Europäer in China: Journalisten, Spione, Studenten, Gossenberg, 2010.

Dieter Maier: Von Schwenningen am Neckar nach Shanghai, Freiburg, 2013.

 

Dr. Thomas Kampen

 

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Der erste Botschafter der Volksrepublik China: Wang Jiaxiang 王稼祥 (1906-1974)

Vor 110 Jahren wurde Wang Jiaxiang in
einem abgelegenen Teil der Provinz Anhui geboren. Vor 90 Jahren
studierte er in Moskau. Vor 80 Jahren hatte er gerade den Langen Marsch
hinter sich gebracht und traf in Bao’an den amerikanischen Journalisten
Edgar Snow. Wenige Tage nach der Gründung der Volksrepublik China wurde
er zum ersten Botschafter in der Sowjetunion ernannt.

Studium in Moskau

In Wang Jiaxiangs Leben gab es viele
Überraschungen und einige Katastrophen. Er kam aus einer altmodischen
wohlhabenden Gentry-Familie, lernte dann aber auf einer Missionarsschule
Englisch. 1925 bekam er die Gelegenheit an die neu gegründete Sun
Yatsen-Universität in Moskau zu gehen (Sun war im Frühjahr des Jahres
gestorben). Da es wenig chinesischsprachige Lehrkräfte gab, profitierte
er von seinen Englischkenntnissen und wurde bald vom Studenten zum
Dolmetscher, Übersetzer und Lehrer. In dieser Zeit hörte er Vorträge der
russischen Parteiführer Trotzki und Stalin. 1930 kehrte er nach China
zurück und übernahm verschiedene Parteiposten in Shanghai. Im folgenden
Jahr reiste er in das chinesische Sowjetgebiet in der Provinz Jiangxi,
das Mao Zedong und Armeeführer Zhu De aufgebaut hatten. Dort lernte er
auch den deutschen Kommunisten Otto Braun kennen, der ebenfalls Russisch
sprach. ( https://shan-hd.de/index.php/2010/02/01/newsletter-februar-2010-nr-41/#4 )

Auf dem Langen Marsch

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​In den drei Jahren bis
zum langen Marsch war der militärisch unerfahrene Propagandaexperte an
verschiedenen Kämpfen beteiligt und wurde dabei schwer verletzt. Während
des Marsches wurde er oft auf einer Bahre getragen. Trotz seiner
Schwäche gehörte er damals zu den fünf wichtigsten KP-Politikern. Als er
im Sommer 1936 Snow begegnete, bat er diesen Wang und seine Verletzung
geheim zu halten; daher taucht Wangs Name in dem Buch „Roter Stern über
China“ nicht auf. Da die ärztliche Versorgung im Nordwesten unzureichend
war, begab sich Wang auf die lange Reise nach Moskau, wo er operiert
wurde. In dieser Zeit war er vorübergehend Repräsentant der KP Chinas
bei der Kommunistischen Internationale.

Der von leninistischen und
stalinistischen Theorien geprägte Wang galt Anfang der dreißiger Jahre
als Gegner Maos (der sich vor allem für die Bauernbewegung
interessierte). Als sich beide dann in Jiangxi persönlich kennenlernten,
kamen sie aber doch ganz gut miteinander aus. Während des Langen
Marsches unterstützte Wang Maos Aufstieg und nach seiner Ankunft in
Moskau vertrat er auch Maos Linie bei der Kommunistischen
Internationale. ( https://shan-hd.de/index.php/2010/01/01/newsletter-januar-2010-nr-40/#3 )
Wang kehrte 1938 nach China zurück und gehörte in den folgenden drei,
vier Jahren zu den wichtigsten Verbündeten Maos. Zu dieser Zeit kamen
viele junge Leute aus Shanghai nach Yan’an. Darunter war auch eine junge
Krankenschwester namens Zhu Zhongli, die Mao noch aus ihrer
Heimatprovinz Hunan kannte. Er stellte diese Wang vor und die beiden
heirateten; Mao heiratete damals Jiang Qing.

Die Gründung der VR China

In der Zeit von 1943 bis 1947 litt Wang
wieder an verschiedenen Krankheiten, verlor auch politisch an Einfluß
und reiste noch einmal (mit seiner Frau) in die Sowjetunion. Nach der
Rückkehr war Wang an den Planungen zur Gründung der VR China beteiligt.
Als es um die Frage ging, wo die Hauptstadt sein sollte, schlug Wang
Beijing vor; andere Alternativen wurden nach einigen Diskussionen
abgelehnt. Wang gehörte auch zu einer von Liu Shaoqi geleiteten
Delegation, die im Sommer 1949 Stalin in Moskau besuchte; Stalin soll
den 1. Oktober als Gründungsdatum vorgeschlagen haben – die Chinesen
hatten es eigentlich nicht so eilig. ( https://shan-hd.de/index.php/2009/12/01/newsletter-dezember-2009-nr-38/#3 )
Aufgrund seiner Sprachkenntnisse und wiederholter Kontakte mit Stalin
war die Ernennung Wangs zum Botschafter naheliegend. (Er war damals auch
für die DDR zuständig und besuchte einmal Ostberlin.)
Schon 1951 schlug er dann die Gründung einer KP Abteilung für
internationale Verbindungen vor und wurde ihr erster Direktor. (Sein
Nachfolger als Botschafter war Zhang Wentian, der 1925 mit Wang zum
Studium nach Moskau gereist war.)

Konflikte

Wang und Zhang gehörten in den fünfziger
Jahren zu den wichtigsten KP-Politikern; als sich die Beziehungen zur
Sowjetunion verschlechterten, verloren sie an Einfluß. In der
Kulturrevolution – als die Sowjetunion heftig kritisiert wurde – ging es
auch den dort au8sgebildeten Funktionären sehr schlecht. Allerdings
wurde Wang Anfang der siebziger Jahre wieder ins Zentralkomitee gewählt,
starb jedoch schon 1974.
Bald darauf wurde Wang offiziell rehabilitiert und seine Witwe schrieb
mehrere Bücher über ihn. (Auch über Jiang Qing, die Zhu Zhongli
persönlich gut kannte, schrieb sie einiges.)
In den achtziger Jahren, als das chinesische Interesse an den USA und
Westeuropa besonders groß war, wollte sich jedoch kaum noch jemand mit
der Sowjetunion beschäftigen.

 

Literatur:

Wang Jiaxiang nianpu 王稼祥年谱, Beijing, 2001.

Wang Jiaxiang zhuan 王稼祥传, Hefei, 2003.

T.Kampen: „Wang Jiaxiang und der Aufstieg Mao Zedongs“, Asien, Nr. 25 (Oktober 1987, S. 1-19.

T.Kampen: „Wang Jiaxiang, Mao Zedong and the ‚Triumph of Mao Zedong-Thought‘ (1935-1945)“, Modern Asian Studies, Bd. 23 Nr. 4 (1989), S.705-727.

 

Dr. Thomas Kampen

 

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Ein ungewöhnlicher Sinologe in Japan, Hongkong, Kanada und in den USA

Pringsheim hieß die Frau von Thomas Mann
(1875-1955) vor ihrer Hochzeit; wer zu dessen Lebzeiten Pringsheim
hiess, wurde zum Verwandten des bekannten Schriftstellers und damit
selbst prominent. Der Dirigent und Komponist Klaus Pringsheim
(1883-1972) war der Zwillingsbruder von Katia Mann (1883-1980).

Klaus Pringsheim jr. (1923-2001) war ein
– nicht allzu bekannter – Sinologe, der kurz vor seinem Tod seine
Memoiren vollendete. Das Buch erschien erst auf Englisch und wurde
später ins Deutsche übersetzt.

Im Mai 1939 reiste Pringsheim jr. von
Europa nach Japan (wo der Senior lebte) und hoffte, irgendwann in die
USA zu gelangen, wo sich schon die Manns aufhielten.

Ein Missverständnis

In Tokyo wurde der junge Klaus einmal
von einem fremden Herrn angesprochen, der als NSDAP-Mann auftrat, was
Pringsheim Unbehagen bereitete. Dies war der Agent Richard Sorge
(1895-1944), der zur Tarnung Parteimitglied war. Bald darauf wurde
dieser verhaftet und als Spion enttarnt. Dies führte auch zur Verhaftung
von Pringsheim, obwohl die beiden offenbar nicht viel Kontakt hatten;
der junge Mann war weder Agent noch Kommunist.

Erst nach Sorges Hinrichtung (siehe SHAN-Newsletter vom Oktober 2014: https://shan-hd.de/index.php/2014/10/01/newsletter-oktober-2014-nr-77/#4)
und der japanischen Kapitulation kam er frei und begann dann für die
amerikanischen Besatzer als Dolmetscher zu arbeiten. Dies ermöglichte
ihm später die Einreise in die USA.

Noch ein Missverständnis

1946 in Kalifornien angekommen traf er dann das Ehepaar Mann und andere Familienmitglieder.

1955 reiste er zum ersten Mal seit 16
Jahren nach Europa und traf dort seine Mutter. Diese teilte ihm mit, daß
er nicht der Sohn von Pringsheim wäre, sondern von „Onkel Hans“
(Winckelmann), einem bekannten Opernsänger (1881-1943) mit dem sie mal
eine Affäre gehabt hatte. Der junge Mann war schockiert und bemühte sich
jahrelang, diese Information geheim zu halten – er wollte auch
weiterhin als Mann-Verwandter gelten. („Nach dreiunddreißig Jahren als
Klaus Pringsheim jun. war ich nicht widerstandslos bereit, einfach
jemand anderer zu werden.“)

[Anm.: Durch den Entzug des „jüdischen
Vaters“ entfiel auch nachträglich der wichtigste Fluchtgrund von 1939.
Wäre ihm sein wahrer Vater damals bekannt gewesen, wäre er vielleicht
niemals nach Japan und Amerika gereist.]

Hongkong und Amerika

In den USA hatte Pringsheim begonnen
Chinesisch zu lernen und reiste dann zu Forschungszwecken nach Hongkong.
Dort fand er nicht nur Material für seine Dissertation sondern auch
eine chinesische Ehefrau (Hsiuping) mit der er bis zu seinem Tod
zusammenlebte. Er wurde an der Columbia University von Professor C.
Martin Wilbur betreut. Später arbeitete er an verschiedenen
Universitäten in den USA und Kanada und reiste auch noch einmal nach
Japan.

Als in den achtziger Jahren immer mehr
Publikationen von und über Thomas Mann erschienen, beschloß Pringsheim,
selbst Memoiren zu schreiben und seine Identität bekannt zu machen.

 

Literatur:

Klaus Pringsheim jr.: Wer zum Teufel sind Sie? [Man of the world], Berlin 2001.

 

Dr. Thomas Kampen

 

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Alte chinesische Filme in neuer Form

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​Die alten chinesischen Schwarzweißfilme, die anfangs
auch Stummfilme waren, konnte man nach 1949 jahrzehntelang kaum sehen.
Im Westen wuchs das Interesse an diesen Filmen vor allem in den
achtziger Jahren als – in London, Paris und Berlin – viele alte
Kostbarkeiten gezeigt wurden. Da war es praktisch, dass schon vor dem
DVD-Boom in China ein Video-CD-Boom begann. Diese neue Technologie
ermöglichte die billige Verbreitung von hunderten von chinesischen
Filmen; vorteilhaft war in der Regel auch das Fehlen von Ländercode und
Kopierschutz, sodaß die aus der Volksrepublik importierten Filme auch
hier problemlos gezeigt werden konnten. (Die chinesischen Hersteller
brauchten sich bei so alten Filmen meist auch nicht um die Rechte an den
Filmen zu kümmern.) Praktisch war auch, daß die meisten in China
hergestellten DVD-Player (und Computer) nebenbei auch VideoCDs abspielen
konnten.


Die wichtigste in
Heidelberg vorhandene Reihe heisst ZAOQI ZHONGGUO DIANYING (EARLY
CHINESE FILMS) und wurde 2002 und 2003 von der Dalian Yinxiang chubanshe
zusammen mit Qiaojiaren Co. in Guangzhou. (ISBN 7-88352…) produziert.
Etwa 100 Titel gab es damals.(http:/www.gzbeauty.com )

Die Filme bestanden jeweils aus 1-3
VCDs, die Preise lagen bei 10-15 Yuan pro Film. Die Qualität war
oft überraschend gut. Die Serie enthielt bekannte Filme der Regisseure




Bu Wancang (Taohua qixue ji – Peach Girl)
Cheng Bugao (Chuncan – Spring silk worms)
Fei Mu (Xiao cheng zhi chun – Spring in a small town)
Sun Yu (Dalu – Great Road, Tiyu huanghou – Sports Queen) (https://shan-hd.de/index.php/2014/06/01/newsletter-juni-2014-nr-76/#3 )
Wu Yonggang (Shennü – Goddess)

mit den Schauspieler(inne)n Bai Yang, Chen Yanyan, Han Langen, Hu Die, Jin Yan, Li Lili, Ruan Lingyu, Zhao Dan und Zhou Xuan.

​Einige Filme basierten auf Romanen, Kurzgeschichten und Drehbüchern von Ba Jin (Chun – Spring), Lu Xun (Biao – Watch), Mao Dun (Chuncan – Spring silk worms), Xia Yan, Zhang Ailing (Taitai wansui – Long live my wife), etc .

In Heidelberg sind die Filme im normalen
Katalog zu finden, wobei praktischerweise nicht nur nach Titeln und
Regisseuren sondern auch nach nach Drehbuchautoren und den wichtigsten
Schauspier(inne)n gesucht werden kann.

Eine weitere Reihe heisst ZHONGGUO ZAOQI DIANYING JINGDIAN (CHINESE
EARLY FILM CLASSICS) von Zhuhai tequ yinxiang chubanshe die 300 Filme
aus den Jahren 1905-1949 angekündigt hat. Es gibt Überschneidungen mit
der andern Reihe, die Qualität ist ungefähr gleich.

Leider haben diese Unternehmen keine
zusätzlichen Informationen über die jeweiligen Filme veröffentlicht. Da
die Preise niedrig sind, ist das akzeptabel.

 

Literatur:

Jay Leyda: Dianying – Electric Shadows, Cambridge (Mass.), 1972.

 

Dr. Thomas Kampen

 

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Constructing Jiang Qing: Gender and the Heroic

Mei Li Inouye (Stanford University)

[Ein Résumé ihres Vortrags vom 15.06.2016 am Institut für Sinologie, Universität Heidelberg]

 

Als Mao Zedong 毛泽东 am 9. September 1976
starb, wäre beinahe eine Frau seine Nachfolgerin geworden. Diese
mögliche Anführerin der Volksrepublik China war Jiang Qing 江青. Dabei war
die Möglichkeit, dass sie das erste weibliche Staatsoberhaupt Chinas
seit Wu Zetian 武则天 geworden wäre, in 1976 scheinbar so real gewesen,
dass sie – neben drei anderen hohen Vertretern aus der Führungsebene
(Zhang Chunqiao 张春桥,Yao Wenyuan 姚文元 und Wang Hongwen 王洪文) – nicht einmal
einen Monat nach Maos Tod am 7. Oktober in einem Staatsstreich
verhaftet und als Teil der Viererbande 四人帮 angeklagt wurde.

Diese Möglichkeit einer Frau an der
Spitze Chinas wirft die Frage nach der Rolle Jiang Qings auf. Dazu muss
gesagt werden, dass sie schon viele Rollen in der Öffentlichkeit
eingenommen hatte. Dabei sind wohl am wichtigsten die der Schauspielerin
im Shanghai der 1930er, der Gemahlin Maos seit der Yan’an-Zeit, der
bedeutenden Person der Kulturrevolution und schließlich als Sündenbock
für alle Auswüchse dieser. Mei Li Inouye (Stanford University) geht in
ihrer Forschung dieser weiblichen Führungsrolle nach, wenn sie
Geschlechts- und Heroische Rollen am Beispiel von Jiang Qing untersucht.
Vorläufige Ergebnisse dieser Forschung hat Inouye am 15. Juni im Raum
201 der Sinologie präsentiert.

Jiang Qing biete sich als
Forschungsobjekt gerade durch das relativ reichhaltige Material an, was
es von ihr und über sie gibt. So lassen sich zu ihr noch Poster und
Ausschnitte aus Zeitschriften aus den 1930ern genauso wie
Propagandamaterial aus der Zeit der Kulturrevolution und danach finden.
Dieser Reichtum an visuellem Material ermöglicht es genauer
hinzuschauen, um herauszufinden, welche Rollenmodelle für weibliche
Heldinnen überhaupt existierten.

Mei Li Inouyes These ist, dass Jiang
Qing sich niemals vollständig von der Rolle der Schauspielerin lösen
konnte, welche sie als eine Femme fatale in der Öffentlichkeit
darstellte. Um diese These zu untermauern verweist Inouye zunächst auf
den allgemeinen Diskurs über Filmstars in den 1920ern und 1930ern. Diese
identifizierte – gemäß althergebrachter Vorstellungen – Schauspieler
mit Prostituierten. Solche Vorstellung dienten in gewisser Hinsicht dazu
die Rolle der Frau aber auch der Eliten gegen über dem Eindringen der
Moderne zu festigen. Jiang Qings Privatleben zeichnet durch die
Beziehung mit dem Journalisten und Schauspieler Tang Na 唐納 diesen
Diskurs nach. Deren Beziehung, welche in aller Öffentlichkeit geführt
wurde – nicht anders als bei Filmstars bis heute, umfasste zwei
Selbstmordversuche von Tang Na, eine Abtreibung und eine Scheidung.
Dabei ist Jiang Qing die stärkere Person und benutzt – gemäß ihrer
öffentlichen Darstellung – ihre weiblichen Reize, um von Tang Na Hilfe
für ihre Karriere zu bekommen, genau so wie es sich für eine Femme
fatale gehört.

Nl87 Artikel7 1

Poster für das Theaterstück Nora (娜拉) mit Jiang Qing in der Haupptrolle ( Lan Ping 藍蘋war ihr Künstlername)

Nl87 Atikel7 2

Titelblatt der Lianhua Illustrierten mit Jiang Qing aus dem Jahr 1937

In dieser Rolle ist sie noch in den
Köpfen präsent, als sie 1938 Mao Zedongs vierte Ehefrau wurde. Zumindest
scheint das ein Grund für das Verbot zu sein, sich in der Politik zu
betätigen, welches sie in dieser neuen Rolle neben Mao befolgen musste.
Dabei ist interessant, dass sie in den von Inouye ausgewählten
Fotografien eher als eine Ehefrau und nicht als revolutionäre Frau
auftritt. Als ein Modell für diese Rolle lässt sich etwa Li Aying in New
Woman (新女性) von 1935 nennen. Um der Rolle der revolutionäre Frau zu
entsprechen müsste sie eigentlich die Liebe aufgeben – wofür sie die
Nation bekäme. Dagegen wird Jiang Qing als eine Gefährtin von Mao
dargestellt. Eine Darstellung, welche eigentlich konträr geht zu dem
Bild der Femme fatale, aber durch die vielleicht auch gerade versucht
wurde, sie in ein anderes Licht zu rücken.

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Jiang Qing und Mao Zedong in Yan’an – Quelle unbekannt http://news.xinhuanet.com/politics/2013-12/19/125881986_311n.jpg

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Li Aying als Modell für die starke revolutionäre Frau – Standbild aus New Woman – (min. 1:21:52)

In einem solchem anderen Licht tauchte
Jiang Qing während der Kulturrevolution wieder auf. Dabei verlor sie
aber fast alle weiblichen Attribute, wenn sie auf Postern dieser Zeit
mit einem ungeschlechtlichen massigen Körper dargestellt wird. Dieser
Körper erinnert vielleicht nicht nur zufällig an Mao Zedong, denn auch
die Kleidung, in welcher sie sich in meistens zeigt, ist der Sun
Zhongshan Anzug (中山服), bzw. der dazugehörige Mantel der
Volksbefreiungsarme. Diese männliche oder auch geschlechtsneutrale
Kleidung trug Jiang Qing aber auch schon im Yan’an der 1940er. Neu aber
sind zwei Dinge in der Darstellung. Zum einen das Rote Buch, auch
bekannt als die Mao-Bibel – als Referenz zu ihm – und die Brille, welche
danach zu einer Art von Identifikationsmerkmal von ihr wird.

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Jiang Qing mit Brille und Rotem Buch – Poster von 1967

Genau diese Brille bleibt ihr erhalten
und dient als ein Identifikationsmerkmal in der Kampagne gegen sie und
die Viererbande. Interessant ist die Rolle, welche das sogenannte Jiang
Qing-Kleid (江青服) während der Kampagne gegen sie und die Vierer Band
spielte. Bei diesem soll es sich um ein Kleid handeln, welches zum einen
von Jiang Qing entworfen wurde. Dabei sollen weibliche Kleidungsstücke
aus allen Epochen Chinas ihr als Inspiration gedient haben. Leider ist
diese Geschichte über das Kleid umstritten, weil Jiang Qing sich selbst
niemals öffentlich dazu geäußert hat. Doch auch wenn dieses
Kleidungsstück nichts mit Jiang Qing zu tun hat, wurde es durch
Karikaturen gegen sie mit ihr in Verbindung gebracht. Jiang Qing wurde
in diesen Bildern als eine Kleider entwerfende Frau karikiert, welche
dazu noch jetzt wieder ein solches weibliches Kleidungsstück trägt.
Diese Verbindung zu einem Kleid sagt für sich somit etwas über die Rolle
aus, die sie in der Phase nach Maos Tod einnimmt. Jiang Qings Rolle
wird – im Gegensatz zur Kulturrevolution – wieder weiblicher, und zwar
genau dann, wenn sie die Macht verliert.

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Nl87 Artikel7 7
Jiang Qing und das Jiang Qing Kleid – Auszüge aus Karikaturen gegen die
Vierer Bande (aus Antonia Finnanes „Looking for the Jiang Qing Dress:
Some Preliminary Findings”; Fashion Theory, Volume 9, Issue 1, Seiten 3–
22, Seite 17)

Mei Li Inouye präsentiert Jiang Qing
aber noch in einer weiteren Rolle, nämlich als Mutter der Nation (国母).
In dieser wird Jiang heute im Internet dargestellt wobei aber nicht ganz
klar ist, ob dies ironisch gemeint ist oder nicht. Schließlich kann man
sich eine (neo)-maoistische Quelle dafür vorstellen. Doch es ist
auffällig dass sie auch hier wieder in einer weibliche Rolle auftritt
und zwar als Mutter der Nation.

Allgemein lässt sich auf Mei Li Inouyes
Vorlesung aufbauend fragen, ob es überhaupt eine ‚weibliche’
Führungsrolle für Jiang Qing gab. Dabei scheint man die Frage verneinen
zu müssen. Sie wurde – zusammengefasst – immer un-„weiblicher“ je
machtvoller sie war. Als sie ihre Macht nach ihrer Verhaftung wieder
verlor wurde sie dementsprechend wieder weiblicher.


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Jiang Qing als Mutter der Nation – Grafik aus dem Internet, welche auf
verschiedenen Blogs kursierte
(http://s10.sinaimg.cn/mw690/005z6dPJzy6MJoTrdZDf9&690)

Darüberhinaus bitte sich Inouyes
Forschung dazu an noch weiter zuschauen wo, wann und wie Jiang Qing
aktive daran beteiligt ist in der Kreierung ihrer öffentlichen Person.
Genau dadurch erweist sich Jiang Qing als ein gewinnbringendes
Forschungsobjekt, weil sie so viele verschiedene Rollen und Positionen
einnahm, welche ihr verschiedenste Einflussmöglichkeiten geben oder auch
nehmen konnten. So war sie als Filmstar und Theaterschauspielerin in
Shanghai massenwirksam und im Licht der Öffentlichkeit, doch hatte sie
auf die Darstellung selbst keinen oder auch nur kaum Einfluss. Hingegen
hatte sie während der Kulturrevolution größtmöglichen Einfluss, aber wie
weit sich die Öffentlichkeit für sie interessierte, bleibt noch offen.

Schlussendlich ist die These, wonach
Jiang Qings öffentliche Person sich nie ganz von dem Bild der 1930er
lösen konnte, weder bewiesen noch lässt sie sich einfach so verwerfen.

 

Joost Brokke

 

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Filmvorführung: „Summary of Crimes

Am 15. Juni wurde der chinesische
Dokumentarfilm „Summary of Crimes“ vom Pekinger Autor und Filmemacher Xu
Xing im DAI Heidelberg gezeigt. Die Produktion des Films begann 2011,
als er zufällig Strafakten aus der Kulturrevolution entdeckte und er
beschloss, die darin Verurteilten in der Provinz Zhejiang aufzusuchen
und sie zu ihrer Vergangenheit zu befragen. Drei Jahre dauerte es bis
zur Vollendung des Filmes, in welchen Xu Xing die Bauern immer wieder
aufsuchte und zu ihnen ein persönliches Verhältnis aufbaute. Dabei
bleibt Xu Xing stets im Hintergrund und lässt den Menschen viel Raum,
ihre Geschichte selbst zu erzählen. Mit viel Feingefühl und Geduld
gelingt es Xu Xing zu den Opfern hervorzudringen, wodurch sie sich
öffneten und uns einen einzigartigen Blick auf ihre traumatischen
Erinnerungen ermöglichten. Oft führten die jahrelangen Inhaftierungen zu
zerrütteten Familien und als die Opfer nach der Kulturrevolution
entlassen wurden, enthielten sie keine Entschädigung für das Leid, das
ihnen zugefügt wurde.

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Durch
die Einladung des Instituts für Sinologie der Universität Heidelberg
war Xu Xing bei dieser Veranstaltung selbst anwesend, sodass die
zahlreichen Zuschauer die Möglichkeit hatten, nach dem Film Fragen
stellen zu können. Dabei waren viele Dozenten und Studierende der
Sinologie, aber auch viele Interessierte aller Altersgruppen anwesend,
die, als sie mit solch schmerzhaften Erfahrungen konfrontiert wurden,
große Ergriffenheit zeigten. Zwar gibt es viel Material zur
Kulturrevolution, jedoch wurde mit diesem Film erstmals auch den
einfachen Bauern eine Stimme gegeben. Zweifellos ist dies ein mutiger
Film, der die Zuschauer zum Nachdenken anregt. Insbesondere in der
Volksrepublik China, wo selten über dieses Thema gesprochen wird, werden
sie dazu bewegt, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen und
diese zu reflektieren.

Nl87 Artikel8 2

 

Nina Le und Yvonne Tang

 

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